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Full text of "Zum Kampf um die Psychoanalyse"

Internationale Psychoanalytische Bibliothek 

Band 8 



Ziiba 



Kampf um die Psychoanalyse 



Von 

Dr. Oskar. Pf ister 

Ffkttsr ta Zttrlah 




19 20 

iDternationaler, Psychoanalytischer Verlag Ges. m. b. H. 
Leipzig Wien Zürich 



C^ f\n n I €> Un g I n al f no m 

^y ^UiJgH^ UNIVERSIir OF MICHIGAN 



Internationale Psychoanalytische Bibliothek 

Band 8 



Copyright by .Internationaler Psychoanalytischer Verlag** Qea. m. b. H. 

Verlags-Nr. 10 



r^f\nnli> ' Original from 

^:-UiJgH^ UNIVERSlirOF MICHIGAN 



Dr. William Mackenzie in Genua, 



dem Forscher, dem Menschen, dem Freunde. 



C*rt,rsci\i> Orrgmaffrom 

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C*rt,rsci\i> Orrgmaffrom 

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Inhaltsübersicht. 

Seite 

Einleitung 6 

I. Die Psychanalyse als psychologische Methode 11 

1. Teil: Apologetisches. 

A, Der erfahrungswissenschaftliche Charakter der Psych- 
analyse 12 

a) Das Experiment in der vorherrschenden Psychologie und 

in der Fsychanalyse 12 

hj Die Deutung in der Psychanalyse 29 

c) Die Sammlung ron Einfällen 38 

B, Einige allgemeine Begriffe und Voraussetzungen 86 

aj Das Unbewußte 36 

b) Die Sexualtheorie ^* 

2. Teil: Proben psychanalytischer Arbeit Deutungen mit Hilfe 

der Einfallsmethode 57 

a) Nachtwandeln 58 

b) Unbezwingliche Abneigung gegen eine Speise 61 

e) Unfähigkeit, Blumen zu pflücken 68 

d) Hypnopompischer Einfall .".... 65 

e) Ein Traum über vorgeschriebene Gegenstände .... 66 
fj Ein Experiment über hypnotische und posthypnotisohe 

S3nnbol8prache 76 

g) Angstbesetzte Zwangsvorstellung 87 

h) Ein Fall von kommunizierender religiöser und irdischer 

Liebe 98 

3. Teil: Einige Ergebnisse und Ausblicke 101 

aj Die analysierbaren Erscheinungen 102 

b) Die Formen des psychischen Geschehens 110 

II. Die Entstehung der künstlerischen Inspiration 116 

III. Zur Psychologie des Krieges und des Friedens 170 

A, Die Tiefenmächte des Krieges 170 

B, Die psychologischen Voraussetzungen des Völkerfriedens . 188 



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INHALT. 



Seite 

IV. Zur Psychologie des hysterischen Madonnenkultus 196 

V. Hysterie und Mystik bei Margareta Ebner 208 

1. Der Lebensgang 208 

2. Krankheit und Frömmigkeit 211 

3. Analytische Glossen über den Zusammenhang der hysterischen 
und religiösen Erscheinungen 228 

VI. Psychoanalyse und Weltanschauung 244 

1. Teil: Psychoanalyse und Positivismus 24C 

2. Teil: Psychoanalyse und Metaphysik 257 

3. Teil: Psychoanalyse und Ethik 291 

Schluß 380 

VIL Gefährdete Kinder und ihre psychoanalytische Behandlung . . . 384 

VIII. Wahnvorstellung und Schülerselbstmord . 421 

IX. Das Kinderspiel als Frühsymptom krankhafter Entwicklung, zugleich 

ein Beitrag zur Wissenschaftspsychologie 429 



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EINLEITUNG*'. 

Die offizielle Psychologie hat bisher, von wenigen Aus- 
nahmen abgesehen, der Psychanalyse gegenüber in der Öf- 
fentlichkeit Schweigen bewahrt und eine abwartende Hal- 
tung eingenommen. Sie tat wohl daran. Gerade auf ihrem 
Gebiete hat oft der Dilettantismus sich breitgemacht und 
mit Entdeckertaten gebrüstet, die ohne fremdes Zutun in 
Nebel zerflossen. Es widerstreitet der Würde einer Wissen- 
schaft, Eintagsfliegen totzuschlagen. Ebenso kann eine neue 
wissenschaftliche Strömung, die ihres Wertes gewiß ist, ruhig 
warten, bis sie in stillem Forschen ihre Existenzberechtigung 
und Leistungsfähigkeit zu beweisen vermag. 

Es fragt sich nun aber, ob die offizielle Psychologie 
gegenüber der Psychanalyse auch fernerhin in ihrer Zu- 
schauerloge verbleiben darf, oder ob sie sich zu aktiver 
Stellungnahme entschließen muß. Ein Viertel] ahrhundert ist 
verflossen, seit Sigmund Freud, Neurologe der Wiener Uni- 
versität, die Quellen der psychanalytischen Methode ausgrub 
imd in wissenschaftliche Becken faßte. Zweieinhalb Jahrzehnte 
sind freilich keine lange Zeit. Wer die G^eschichte der Wissen- 
schaft kennt, weiß auch, daß tiefgreifende Neuerungen immer 
ein langes Inkubationsstadium durchzumachen haben, bevor 
sie auf das Zeitbewußtsein machtvoll einwirken. Allein in 



1) 1914/15 verfaßt als Einleitung zum nachfolgenden Aufsatz (Ab- 
schnitt I). 



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EINLEITUNO. 



der kurzen Zeitspanne, seitdem es eine Psychanalyse gibt, 
und ganz besonders in den allerletzten Jahren sind ihr so 
namhafte Vertreter der Psychologie, dazu so hervorragende 
Grelehrte anderer Fakultäten beigetreten, daß das Stadium 
des kühlen Abwartens ungewöhnlich rasch zurückgelegt 
scheint. Es kommt hinzu, daß neben jenen Gelehrten, unter 
denen wir hochangesehene Psychologen erblicken, auch 
scharfe Gegner aus dem Lager der Seelenforscher ihr be- 
deutende Verdienste um unser Wissen von den Erscheinungen, 
Triebkräften und Gesetzen des Seelenlebens zuzuschreiben 
genötigt sind. Und zwar sind es keineswegs nur neuerungs- 
süchtige Stürmer und Dränger, die in jugendlichem Ungestüm 
für die Psychanalyse ihre Lanze einlegen, nein, unter den 
Anhängern der von Freud begründeten Forschungs weise be- 
grüßen wir eine Anzahl älterer und durch Bedächtigkeit aus- 
gezeichneter Forscher, die sich auf den Bahnen der über- 
lieferten Seelenkunde einen geachteten Namen schufen. 

Ich nenne nur eine Anzahl von ordentlichen Pro- 
fessoren, die in den letzten Jahren der Psychanalyse bei- 
pflichteten. Als Psychologen seien angeführt Stanley 
Hall, der hochverdiente Jugend- und Eeligionspsychologe, 
Theodor Flournoy und Eduard Clajoaröde in Genf, der 
frühverstorbene Ernst Dürr in Bern. Unter den Pädagogen 
seien genannt Paul Häberlin, Dürrs Nachfolger, Pierre 
Bovet in Genf und Ernst Schneider, unter den Psychia- 
tern Bleuler in Zürich, von Speyr in Bern, Jones in 
London, Hoch, Brill und Adolf Meyer in New York, 
White in Washington, Jelgersma in Leiden, Bouman 
in Amsterdam, Delgado in Lima, als Neurologe (der seit- 
her verstorbene) Putnam in Boston, als innerer Mediziner 
Morichau in Poitiers. Vor einem Jahrzehnt hätt« kaum 



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EINIuETTÜNO. 



mehr als ein Name (Bleuler) angefülirt werden können. 
Wie schnell hat sich das Bild verändert I 

Neben den überzeugten Anhängern der Ps^chanalyse 
stehen in kleinerem oder größerem Abstand Gelehrte, die ein- 
zelnen Grundgedanken \md Hauptergebnissen der Psychanalyse 
zustimmen und somit Brücken zwischen ihr und der traditio- 
nellen Psychologie darstellen. 

Von deutschen Psychologen war es Else Voigtländer, 
die es zuerst wagte, für die verfemte Bewegung einzutreten. 
In der Sammlung Münchener philosophischer Abhandltingen 
zu Ehren Theodor Lipps' bezeugt sie: „Bei aufmerksamer 
und imbefangener Lektüre der Schriften Freuds, besonders 
der Traumdeutung, der Studien über Hysterie, der Psycho- 
pathologie des Alltagslebens findet man eine Fülle von An- 
regungen und Beobachtungen, die ganz außerhalb des sexuellen 
Gebietes liegen und für die Psychologie nicht nur des 
anormalen, sondern besonders auch des normalen seelischen 
Lebens von großer Wichtigkeit sind. Freud hat eine ganze 
Reihe psychischer Erlebnisse ,entdeckt*, die Vorgänge der 
Verdrängung, der Verschiebung, besonders aber das eigen- 
tümliche Hintereinander uro. Durcheinander der Schichten 
des Bewußtseins, der Vorder- und Hintergründe des seelischen 
Lebens." (S. 294.) Neuestens bekennt Aloys Fischer: 
„Unser geistiges Leben ist ... gekennzeichnet durch die Be- 
mühungen um Erkenntnis und Kultur der Seele. Ich denke 
dabei keineswegs in erster Linie an die wissenschaftliche 
Psychologie — diese ist uneinheitlich und vielfach gar nicht 

auf das tiefere Seelenleben bedacht Ich bekenne für 

meine Person sehr gern, daß die Psychoanalyse den Blick 
des Forschers auf weite imd wichtige Gebiete des Seelen- 
lebens gelenkt, Tatsachen und Zusammenhänge in der psy- 



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EINLEITUNG. 



chischen Entwicklung von allergrößter Tragweite aufgedeckt 
hat; ebenso darf ihr das Verdienst nicht geschmälert wer- 
den, die Technik der psychologischen Untersuchung berei- 
chert und verfeinert zu haben. Beides, die Tatsachen, die 
sie ermittelt, amd die Verfahren, die sie anwendet, wird Ein- 
fluß auf die Praxis gewinnen. Die einfache Ablehnung ist 
nicht mehr möglich, die oft beliebte Mißachtung, als handle 
es sich dabei gar nicht um ernsthafte, wissenschaftliche Be- 
mühungen und um schwerwiegende Probleme, fällt auf die- 
jenigen zurück, welche aus dogmatischer Befangenlieit in 
ihren eigenen Hypothesen und Methoden in den entgegen- 
gesetzten Fehler verfallen, den kritiklose Anhänger einer 
neuen und auffallenden Betrachtungsweise begehen." (Deutsche 
Schule, XIX, S. 429.) 

Von den Gegnern sei nur ein ganz besonders kompetenter 
Psychologe erwälmt: William Stern. Es ist überaus be- 
merkenswert, daß dieser Forscher, der mit leidenschaftlicher 
Erbitterung gegen die Psychanalyse zu Felde zog, sich zu 
dem Greständnis genötigt fühlt: „Die Wissenschaft verdankt 
ihnen (den psychanalytischen Grundgedanken) manches 
Wertvolle. Freuds Lehren von der Verdrängung, vom Ab- 
reagieren, von der Affektverschiebung, der Hinweis auf die 
eigentümlich aktive Rolle, die unbewußte Strömungen spielen 
können — und zwar nicht nur abseits von der Bewußtseins- 
sphäre, sondern in direktem Gegensatz zu ihr — , all das 
dürfen wir unter die wissenschaftliche Aktiva buchen. So 
manches andere ist zum mindesten einer ernsthaften Dis- 
kussion würdig." Ein solches Zeugnis aus gegnerischem, 
Munde stellt nicht nur der Gerechtigkeitsliebe Sterns, son- 
dern auch der Psychanalyse ein ehrendes Zeugnis aus. Denn 
die als „Aktiva der Wissenschaft" zugestandenen Entdeckun- 



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EINLEITUNG. 9 



gen Freuds dürften an Bedeutung sehr beträchtlich alles 
überragen, wae die Psychologie seit Jahrzehnten geleistet 
hat, und schließen für jeden Psychologen, der mit Sterns 
Zeugnis einig geht und die Erschließung neuer Kontinente 
für die Psychologie als wertvolle Bereicherung der experi- 
mentellen Kleinarbeit ansieht, folgenschwere Konsequenzen 
in sich. Wer der Psychanalyse derartige psychologische 
Großtaten zubilligt, müßte doch ein gänzlich verrosteter 
Mensch sein, wenn er nicht den Drang fühlte, dem gewon- 
nenen Neuland, das so viele Reichtümer verheißt, ebenfalls 
Eroberungen abzugewinnen. Und wenn dann auch die Me- 
thode, die nach Sterns Zugeständnis so beträchtliche Erfolge 
eintrug, Mängel aufweist, muß es den produktiven Forscher 
nicht reizen, diese zu beseitigen, um dann noch siegreicher 
ein Mehrer der psychologischen Wissenschait zu werden? 

Da also anerkannte Fachpsychologen aus dem Lager der 
Psychanalyse und dem der Gregner darin übereinstimmen, daß 
die Freud sehe Forschung für die wissenschaftliche Seelen- 
kunde von enormer Bedeutung sei, dürfte man erwarten, daß 
die Vertreter der letzteren sich der Nachprüfung der ana- 
lytischen i) Arbeiten zuwendeten und die beanspruchten Vor- 
züge ihrer methodischen Schulung und wissenschaftlichen 
Erfahrung zur Verfügung stellten. Denn dies steht von vorn- 
herein fest, daß bloßes Bücherstudium, bloß immanente Kritik 
psychanalytischer Schriften, wie sie etwa Kronfeld und 
Mittenzwey anstellten, das Problem nicht lösen. Die 
beiden Kritiker glaubten sich des psychologischen Augen- 
scheines entschlagen zu dürfen. Wer den Psychanalytiker 

^) Ich gebrauche hier das Wort gelegentlich im Sinne von „psyoh- 
analytisch", wofür ich die Psychologie, die sich auf die Bewußtseins- 
Sphäre eingrenzte, und nur in ihr Analyse treibt, um Entschuldicrung bitte. 



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10 EINLEITUNG. 



verstehen will, darf sich nicht mit seinen Begriffen und 
Hjrpothesen begnügen, sondern muß auf seine Erfahrun- 
gen eintreten \md ihnen konforme aufsuchen. Er muß in 
des Analytikers Beobachtungs- und Versuchsfeld eintreten 
und angeben, wo falsche Deutungen und Schlüsse vorliegen 
oder fälschlich „Erfahrungen" konstruiert . wurden. 

Aber seltsam, noch immer herrscht in psychologischen 
Fachkreisen durchwegs eine unverkennbare Scheu vor der Be- 
schäftigung mit diesen Erfahrungsstudien vor. Ich kann der 
Erklärung dieser scunächst auffallenden Tatsache im nach- 
stehenden I. Abschnitt, der das Heimatrecht der Psychanalyse 
in der Psychologie nachweisen möchte, den Vortritt ge- 
währen ^). 



1) Eine Einführung in die psychanalytische Theorie und Praxis 
gibt mein Buch „Die psychanalytische Methode", herausgegeben von 
M e u m a n n und M e ß m e r, Band I des ,, Pädagogiums*' (J. Klinkhardt, 
Leipzig, 1913). Femer: „Was bietet die Psychanalyse dem Erzieher?" 
(Derselbo Verlag, 1917.) 



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I. 

Die Psychanalyse als psychologische Methode. 

1. Teil: Apologetisches. 

Die Psychanalyse ist zu definieren als eine von Freud 
begründete wissenschaftlich fundierte Methode, welche durch 
Sammlung und Deutung assoziierter Einfälle mit Vermeidung 
der gewaltsamen Suggestion und der Hypnose die unter der 
Bewußtseinsschwelle liegenden Triebkräfte und Inhalte des 
Seelenlebens zu erforschen und zu beeinflussen trachtet i). 

In dieser programmatischen Ankündigung liegen eine 
Menge von Bestimmungen, die allerdings den Psychologen 
zunächst abstoßen. Es kommt hinzu, daß die ganze For- 
schungsweise gar nicht der fachpsychologischen Arbeit, son- 
dern ärztlichen Bemühungen ihr Dasein verdankt. Wer die 
strenge Schule akademischer Psychologie zurücklegte und 
die Hauptwerke der zeitgenössischen Seelenforschung sich 
aneignete, fühlt sich bei der Lektüre psychanalytischer 
Schriften in eine ihm fremde Welt versetzt. Besonders un- 
angenehm ist für ihn, daß so viel von krankhaften Erschei- 
nungen die Rede ist, während die Psychologie bisher mit 
Recht vom gesimden Menschen ausging. Man möge jedoch 
berücksichtigen, daß auch die heute in der offiziellen Psycho- 
logie vortrefflich eingebürgerte Kinderpsychologie durch Ärzte 
ilir zugeführt wurdet). Auch andere Psychologen, wie Lotze, 

*) Vgl. „Die psychanalytische Methode", S. 17. 

*) Tiedemann, Sigismund, Kußmaul, Preyer, vgl. Stern, 
Psychol. der frühen Kindheit, S. 4. 



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12 I. DIE PSYCHANALYSE ALS PSYCHOLOGISCHE METHODE. 

Wundt, Störring u. a., kamen von medizinischer Seite 
her und verdankten ihi"^n pathologischen Beobachtungen keine 
geringen Einsichten. Warum sollte nicht vielleicht die 
Psychologie des Normalen derjenigen des Kranken ebenso 
viel Gewinn einst zu verdanken haben, wie die Physiologie 
dos Gesunden der Pathologie? Übrigens ist ja die Psych- 
analyso längst zur Beobachtung des normalen Seelenlebens 
übergegangen und hat von hier aus dem Verständnis des 
Psychopathen mindestens ebensoviel zurückgegeben, als sie 
von ihm empfing. Daß gewisse Vorgänge beim Kranken ge- 
waltig aufgebauscht und darum auffallender und durch- 
sichtiger als beim Normalen auftreten, erleichtert ihre Be- 
obachtung und Erklärung sehr beträchtlich. Dieser Umstand 
hat auch einen scharfsinnigen Mediziner zum Pionier der 
Psychanalyse gemacht. Aber man kann sich in ihr ohne 
Zweifel, wenn es sein muß, auf den „normalen" Menschen 
beschränken. 

Sehr viel wichtiger ist ein anderes Hindernis, das wir 
einläßlicher zu besprechen haben: 

A. Der erfahraogswissenschaftiiche Charakter 
der Psychanalyse. 

a) Das Experiment in der vorherrschenden 
Psychologie und in der Psychanalyse. 

Die vorherrschende Psychologie ist im wesentlichen ex- 
perimentelle Psychologie, wobei erst noch der Begriff des 
Experimentes, wie Th. Lipps^) betont, in einem engeren 
Sinne gefaßt wird. Die Psychologie ist auf das experimentelle 
Verfahren angewiesen 2). j,Es ist gerechtfertigt, wenn die 

^) Th. Lipps, Psychol., Wiss. und Leben, S. 4. 
-) M' und t, Grundriß der Psychol., S. 26. 



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DER ERFAHRIINGS WISSENSCHAFTLICHE CHARAKTER. 13 

exi>eriment€lle Psychologie den Anspruch erhebt, die allge- 
meine Psychologie zu werden i)". Das Experiment und die 
Messung sind die Hauptmerkmale der modernen Psycho- 
logie 2). Nur das Experiment kann wirkliche und zuver- 
lässige Beobachtung dem Psychologen liefern, es hat die 
Psychologie erst endgültig in die richtige Bahn geleitet, 
wenn man auch erst am Anfang dieser neuen Wege steht 3). 
Gewiß muß dem Experiment vorausgehen die Feststellung 
und 2^rgliederung der Bewußtseinserlebnisse; aber diese 
scheinbar einfache Aufgabe ist eine der schwersten, die dem 
Menschengeiste zugemutet werden können*). Darum muß 
ihr eine andere Methode zu Hilfe kommen, nämlich eben 
das Experiment, worunter man speziell das mit physikalischen 
Apparaten angestellte^), durch Wiederholung und Variierung 
der Verstichsbedingungen kontrollierende 6) Experiment ver- 
steht. Dabei ist freilich zuzugeben, daß die Experimental- 
methode nur den einfacheren psychischen Vorgängen dienen 
kann; doch gibt es daneben eine zweite Methode, die Be- 
obachtung der allgemein gültigen Greisteserzeugnisse. Man 
muß indessen wohl im Auge behalten, daß sie es nur mit 
relativ beharrenden und durch die Beobachtung nicht zu ver- 
ändernden Objekten, die der Völkerpsychologie angehören, 
zu tun hat, also mit der Sprache, den mythologischen Vor- 
stellungen imd den Sitten"). 



1) Külpe, Grundriß der Psychol., S. 12. 

2) Ebbingh aus -Dürr, Grundzüge der Psychol., I., S. 66—97. 

5) Witasek, Grundlinien der Psychol., S. 94 f. 
*) Th. Lipps, Die Wege der Psychol., S. 1. 

^) Th. Lipps, Psychol., Wiss. und Leben, S. 4. 

6) Ach, Über die Willenstätigkeit und da-s Denken, S. 20. 
•) Wundt, Grundriß, S. 27 f. 



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14 I. DIE PSYCHANALYSE ALS PSYCHOLOGISCHE METHODE. 

Man sieht auf den ersten Blick, daß die Psychologie sich 
damit gewaltige Verzichte auferlegt. Gerade die wich- 
tigsten psychischen Erscheinungen, abgesehen 
von den elementaren, werden für die lebende 
Generation und größtenteils für alle Zeiten 
aus dem Bereich der wissenschaftlichen See- 
lenforschung ausgeschaltet, denn das Experiment 
ist vorläufig an die Elementarprozesse gebunden und wird 
wohl niemals die Gesamtheit der Bedingungen so zuverlässig 
in die Hand bekommen, daß es komplizierte Prozesse, z. B. 
ein religiöses Erlebnis, eine künstlerische Intuition, eine tiefe 
Liebe u. dgl. hervorzubringen vermag. Die Völkerpsycho- 
logie aber ist an unpersönliche Niederschläge seelischen Tuns 
gebunden und steht dem wirklichen konkreten Schaffen und 
Werden des Geistes in vollständiger Ratlosigkeit und Hilf- 
losigkeit gegenüber. Damit hat die Psychologie, die 
doch das psychische Gesamtleben erfors chen 
sollte, viele der wissenswertesten und für das 
Leben notwendigsten Gebiete aus ihrem Ar- 
beitskreis verbannt, und welche Wissenschaft 
soll diese abgestoßenen Seelenkontinente be- 
arbeiten? Es wirkt ergreifend, wenn Th. Lipps die 
Pflege des Rechtes, des religiösen Bedürfnisses, der geisti- 
gen und sittlichen Ausbildung auf Psychologie gründen 
möchte imd die wissenschaftliche Erkenntnis unsrer selbst 
(im höchsten Sinne) als die Psychologie bezeichnet i). Allein 
die herrschende Psychologie hat für solche Bemühungen nir- 
gends Raum und gibt vielfach resigniert zu, daß gerade die 
höchstwertigen, für den kulturellen Lebensbedarf notwendig- 
sten Greistesverrichtungen jenseits ihres Forschungsbereiches 

i) Psych., Wiss. und Leben, S. 16—21. 



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DER ERFAHRÜNG8WIS8ENSCHAFTUCHE CHARAKTER. 15 

liegen. Auch wenn Aloys Fischer mit den Amerikanern 
den wissenschaftlichen Psychologen bei wichtigen Lebens- 
entscheidungen, z. B. der Berufswahl, zu Eate ziehen möchte i), 
so vergißt er, daß bis jetzt die wissenschaftliche Seelea- 
kunde für das praktische Einzelleben soviel wie nichts leistet. 

Viel wird geklagt über die Sterilität der heutigen Psycho- 
logie, und mancher, der sich ihr zuwandte, um fruchtbare 
Kenntnisse für das Verständnis des Seelenlebens zu gewin- 
nen, wandte sich in bitterer Enttäuschimg von ihr ab. Es 
liegt jedoch eine gewisse Größe in der Selbstbescheidung 
und Gebietsabtretung der zeitgenössischen Seelenforschung. 
Denn nicht in erster Linie der Umstand beherrscht ihre 
experimentelle Richtung, daß sie sich von den blühenden 
und allgewaltigen Naturwissenschaften einfach ins Schlepp- 
tau nehmen ließ — obwohl die Begründer der Experimental- 
psychologie aus naturwissenschaftlichen Landen herkamen 
und allzu kritiklos die mitgebrachten Methoden anwandten — , 
sondern noch mehr ein tief berechtigtes Streben: Die For- 
derung imbedingter Zuverlässigkeit der Ergebnisse, der Hun- 
ger nach Reinlichkeit und Exaktheit der Methodik, nach 
Ausschaltung der subjektiven Willkür. Die grandiosen Auf- 
gaben werden abgewiesen, damit in bescheidenster und müh- 
seligster Kleinarbeit wenigstens auf engem Gebiet, in schlich- 
ter Niederung sichere Wissenschaft getrieben wäre. Man 
müßte wahrlich wenig wissenschaftlichen Sinn besitzen, um 
dieser Entsagung seine Ehrfurcht vorzuenthalten. 

Ob freilich die Selbsteingrenzung und das in ihrem In- 
nern herrschende, enorm ausgebaute Spezialistentum der 
akademischen Psychologie aufrecht erhalten werden können, 



1) Kunstwart 1913, S. 305—313. 



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16 I. DIE PSYCHANALYSE ALS PSYCHOLOGISCHE METHODE. 



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1 



t 



haben wir später zu erörtern. Jetzt genügt es, darauf hin- j] 

zuweisen, daß die Abneigung der vorherrschenden Seelen- • 

forschung aus der Furcht entspringt, die Psychanalyse dränge 
die Untersuchung von der endlich gefundenen exakten Rich- 
tung ab, setze an die Stelle der denknotwendigen, streng 
objektiven Bearbeitung der gegebenen und aufgefundenen fc 

Tatsachen eine willkürliche Deutung und zerstöre damit die - 

strenge Wissenschaftlichkeit der Psychologie. I 

Diese ernsten und schwerwiegenden Befürchtungen schei- 
nen zunächst auch vollkommen berechtigt, und es sei von * 
vornherein zugegeben, daß im Namen der Psychanalyse ge- !^ 
legen tlich auch willkürliche, subjektiv bedingte Behauptun- 
gen und vorläufige Hypothesen als wissenschaftliche Sätze 
ausgegeben wurden. Aber wo ist eine junge Wissenschaft, 
der dieselben Irrtümer nicht auch begegnet wären? Die Bil- 
ligkeit erfordert indessen, in allen derartigen Fällen nicht 
bei den Jugendsünden stehen zu bleiben, sondern zu prüfen, 
ob nicht auch Gutes und Wertvolles geschaffen worden sei, 
und ob die Fehler nicht vielmehr dem Mißbrauch als dem 
Gebrauch der neuen Methoden zuzuschreiben seien. 

Die Psychanalyse begann mit Beobachtungen. Der Zu- 
schauer, Dr. J. Breuer, spielte dabei zwar keine ganz pas- 
sive Rolle, aber er war doch weit davon entfernt, durch 
planmäßige Einwirkungen auf sein Objekt und Ausschaltung 
störender Bedingungen Aufschlüsse über Bewußtseinstat- 
sachen zu erhalten. Von einzelnen auffallenden Krankheits- 
symptomen aus führte ihn seine Patientin auf frühere Er- 
lebnisse, die mit einem Schlage das Rätsel des Symptoms ♦ 
ein gutes Stück weit lösten, wenn auch die feineren Zu- 
sammenhänge noch imbekannt blieben i). Die Kranke mur- 

1) Breuer und Freud, Studien über Hysterie, 3. Aufl., 1916. 



f 



EXPEBIMENTALPSTCHOLO0IE. H 

melte nämlich im Zustand der Absenz einzelne Worte. War 
der Anfall vorüber, so versetzte sie der Arzt in Hypno^^ 
und sprach ihr jene Worte vor, worauf die verbindenden Glie- 
der, die ganzen Situationen jener verworrenen Zustände auf- 
tauchten. Man suchte nach Art eines Untersuchungsrichters 
noch ganz ohne freie Assoziationen die Verhältnisse, xmter 
denen das Symptom zum erstenmal aufgetreten war^). Erst 
als auf diesem Wege tiefgreifende Schlüsse auf die Ent- 
stehung des Symptoms, die Herrschaft gestaltender xmbe- 
wußter Kräfte, die Schickeiale der Affekte usw. gezogen 
worden waren, führten allerlei Schwierigkeiten Freud zur 
Aufsuchung eines neuen Verfahrens, das die Hypnose durch 
Beobachtung des Symptoms und an sie angereihte Assozia^ 
tionen ersetzte. 

Aber ist Freud damit nicht bereits zum Experiment 
übergegangen? Es kommt auf den Begriff des Experimentes 
an. Bestimmt man mit Wundt: „Das Experiment besteht 
in einer Beobachtung, die sich mit der willkürlichen Ein- 
wirkung des Beobachters auf die Entstehimg und den Ver- 
lauf der zu beobachtenden Erscheinungen verbindet 2)', so ist 
die gesamte Psychanalyse Experimentalpsy cho- 
logie. Ein Experiment ist es, wenn ich einen Stein zu 
einer bestimmten Höhe hebe und fallen lasse, um die Zu- 
nahme der Fallgeschwindigkeit zu messen. Ein Experiment 
ist es aber auch, wenn ich ein Traumstück scharf ins Auge 
fassen lasse und die dazu eintreffenden Einfalle vormerke, 
um Erfahrungen über die Zugehörigkeit jenes Traumstückes 
innerhalb des Seelenlebens zu sammeln. 

Von einem exakten Experiment fordert man jedoch eine 

1) Freud, Über Psychoanalyse, S. 6. 
») Wundt, Örundriß, S. 22. 
Dr. Pfitter, Pfjrohuialjse. 2 



C n,n n 1 i> Orf g f n a I f no m 

v.:-UUgH^ UNIVERSlirOF MICHIGAN 



18 L DIE PSTCHAKALT8E ALS PSTOHOLOGISCHS METHODE. 

Bedingung, welche der Psychanalytiker nicht erfüllt: Der 
Experimentator muß alle Bedingungen in der Hand halten, 
welche für den Ausfall des Versuches maßgebend sein kön- 
nen. Zu diesiem Zweck muß er isolieren, störende Einwir- 
kungen von außen, her abhalten und die Bedingungen variieren 
können. Dem Analytiker fehlt der Überblick über alle vor- 
handenen Bedingungen und Möglichkeit.en. Was für Er- 
innerungsdispositionen gegeben sind, was für Abschweifun- 
gen auf Umgebimgsbestandteile oder Seitenbahnen eintreten 
können, ist ihm verborgen. Allein ist dies bei den als streng 
experimentalpsychologisch anerkannten Versuchen nicht 
gleichfalls oft der Fall? 

Der Physiker oder Chemiker kann seine Experimente be- 
liebig oft wiederholen, der Experimental'psychologe nicht 
immer. Er kann nicht verbürgen, daß auf ein Reizwort immer 
die gleiche Reaktion erfolge. Die Statistik muß ihm helfen, 
die Intervention störender Einflüsse auf einen sehr geringen 
Wahrscheinlichkeitsgrad herabzusetzen. Alltein es bleibt 
dabei, „daß es auf dem Gebiete des Psychischen weit weniger 
alö bei naturwissenschaftlichen Disziplinen möglich ist, bei 
der Wiederholung die für das exakte Examinieren notwen- 
dige Gleichheit der Bedingxmgen durchzuführen, und daß wir 
infolgedessen auf eine viel größere Häufung der Einzel- 
versuchc angewiesen sind^)". 

Von den Reaktionsversuchen eines Ach, Koffka u. a. 
unterscheidet sich das gewöhnliche Vorgehen des Psych- 
analytikers vor altem im Wegfall der mechanischen Meß- 
apparate, sodann aber auch darin, daß keine bestimmten In- 
struktionen in bezug auf die Richtung der Reaktion aufge- 



1) Ach, S. 16. 



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EXPERDIENTALPSYCHOLOGIE. 19 

stellt werden, abgesehen von der Forderung der rückhaltlosen 
Mitteilung der zunächst eintreffenden Vorstellting. Damit 
ist nun freilich ein sehr weiter Spielraum offen gelassen, 
und man begreift, daß der Ungeübte zunächst kopfschüttelnd 
fragen wird, was solche Reaktionen ins Blaue hinaus from- 
men. Man n^öchte den Analytiker oder den Analysanden 
einem Schützen vergleichen, der zugleich nach allen Seiten 
oder nirgendshin zielt und darum nichts treffen kann. Man 
hätte damit auch recht, wenn nicht ein Sachverhalt bestünde, 
der eine der wichtigsten und zugleich am heißesten umstrit- 
tenen Einsichten und infolgedessen auch Voraussetzungen der 
Psychanalyse ausmacht: Je mehr der psychische Ver- 
lauf der Leitung des Bewußtseins entzogen 
wird, desto stärker gerät er in Abhängigkeit 
von unbewußten seelischen Regungen. 

Damit ist sie ausgesprochen, die große Ketzerei, die, wie 
ich befürchte, den einen und anderen Leser veranlassen 
könnte, \mserer weiteren Darstellung die Gefolgschaft zu ver- 
tagen. Ich werde später versuchen, den Beweis für den 
verdächtigten Satz anzutreten. Vorläufig sei nur auf eine 
verheißungsvolle Tatsache hingewiesen: Was die Psych- 
analyse bei ihren freien Reaktionsarbeiten fand, ist gar nichts 
anderes, als was das strenger angeordnete Experiment ergab. 
Grerade bei seinen musterhaft sorgfältig aufgebauten, von den 
einfachsten zu komplizierteren vorrückenden Reaktionsexperi- 
lAienten gelangt Narziß Ach zu der Notwendigkeit, außer- 
halb des Bewußtseins liegende determinierende Tendenzen 
anzunehmen i), und zwar gibt er mit unzweideutiger Klar- 
heit an: „Diese im Unbewußten wirkenden, von der Bedeu- 
tung der Zielvorstellung ausgehenden, auf die kommende Be- 

1) Ach, S. 228. 

2» 



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20 I. DIE PSYCHANALYSE ALS PSYCHOLOGISCHE BiETHODE. 

Zugsvorstellung gerichteten Einstellungen, welche ein spon- 
tanes Auftreten der determinierten Vorstellung nach sich 
ziehen, bezeichnen wir als determinierende Tendenzen" (228). 
Da hätten wir genau das, was die Psychanalyse von jeher 
behauptete, einen vielverheißenden Anfang einer Psychologie 
deö Unbewußten aus der Feder eines Experimentalpsycho- 
logen im engeren Sinne. Ihm steht ein anderer Schüler Kül- 
pes, K. Koffka, mit ähnlichen Resultaten an der Seite i). 

Nur in einem verhältnismäßig weiten Sinn genommen, 
darf das Experiment von der Psychanalyse Freuds als wis- 
senschaftliche Grundlage beansprucht werden. Dagegen lie- 
ferten psychanalytische Experimente, die denjenigen der 
Schulpsychologie naher angepaßt waren, wertvolle Bestäti- 
gungen jener freien Reaktionsversuche. In erster Linie sind 
zu erwähnen die Reaktionsversuche von C. G. Jung, die 
aus Anregungen von Kraepelin, Ziehen, Aschaffen- 
burg hervorgingen imd bald die Entdeckungen B i n e t s, J a- 
net, Flournoys und Freuds dem Reaktionsversuch 
dienstbar machten. 

Jung steckte sich bei seinen Versuchen auch spezielle 
Ziele und ging auf allgemeine Gesetze aus. Eine Reihe von 
Experimenten widmete er der Reaktionszeit und fand sie 
abhängig von manchen Faktoren, die dem Bewußtsein ange- 
hören, z. B. der Qualität des Reizwortes (ob Konkretum oder 
Abstraktum) oder des Reaktionswortes, oder der Assoziation 
(ob innere oder äußere), oder von der Gefühls be tonung der 
assoziierten Glieder usw. Dabei fand er aber auch, wie jeder, 
der auf diese Beziehungen achtete, unbewußte Vorstel- 
lungen, die durch ihre Gefühlswertigkeit auf die Reaktions- 



1) Zur Analyse der Vorstellungen u. i. Gesetze, S. 319 ff. 



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EXPERDiENTALPSTCHOLOGlE. 21 

zeit, wie auf den Reaktionsinhalt einen sichtlichen Einfluß 
ausübten. Ähnlich erforschte er die Beaktionsstörungen, als 
deren Ursache er wiederum jene psychischen Realitäten fand, 
die Ach und Koffka als determinierende Tendenzen in 
die Schulpsychologie einführten i). Wer könnte in Abrede 
stellen, daß hier Experimente im strengen Sinne des Wortes 
vorliegen? Ludwig Binswanger imtersuchte überdies die 
während des psychologischen Versuches auftretenden gal- 
vanischen Erscheinungen (11. Beitrag), Nunberg zudem die 
Handbewegung und die Atmung während der Reaktions- 
experimente auf ihre Abhängigkeit von jenen verborgenen 
psychischen Kräften. 

Andere Versuche baute Silberer aus. Eine Beob- 
achtung gab den Anlaß dazu. In schlaftrunkenem Zustand 
über einen wissenschaftlichen Gregenstand nachsinnend, sah 
er sich plötzlich von einer Traumphantasie erfüllt, die sein 
Bemühen sozusagen pantomimisch wiedergab 2). Es gelang 
Silberer, eine Menge solcher Phantasien, die einen ge- 
suchten Gtedanken bildlich vorwegnahmen oder ein eben vor- 
handenes Streben ausdrückten, zu gewinnen. Wir erinnern 
uns hier an die von den Psychologen viel zu wenig beachtete 
Tatsache, daß selbst große naturwissenschaftliche Entdeckun- 
gen auf ähnlichem Wege zu stände kamen. Kekule v. Stra- 
dowitz erzählt, wie er auf dem Dache eines Omnibusses 
sitzend die Atome vor sich sah in Grestalt von Figürchen, 
die zu zweit, dritt und viert in wirbelnden Reigen tanzten. 



1) Vgl. Jung, Diagnost. Assoziationsstudien, Bd. I und II, bes. 4. 
und 9. Beitrag. 

*) Silberer, Bericht über eine Methode, gewiss« symbolische Hallu- 
zinationserscheinungen hervorzurufen -und zu beobachten, Jahrbuch für 
psjchoan. und psychopath. Forschungen, I, 2. H., S. 513 — 525. 



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22 I. DIE PSTCHANALYSE AU9 PSYCHOLOGISCHE METHODE. 

Er brachte jene Traumgebilde zu Papier, und so entstand 
die Strukturtheorie. Ein andermal saß er vor dem Kamin 
im Halbschlaf, als plötzlich wieder Atome vor seinen Augen 
gaukelten, aber in eigentümlicher Weise. Er erzählt: „Mein 
gefstiges Auge, durch wiederholte Gesichte ähnlicher Art ge- 
schärft, imterschied jetzt größere Gtebilde von mannigfacher 
Gestaltung. Lange Reihen, vielfach dichter zusammengefügt; 
alles in Bewegung, schlangenartig sich wendend und drehend. 
Und siehe, was war das? Eine der Schlangen erfaßte den 
eigenen Schwanz und höhnisch wirbelte das Gebilde vor meinen 
Augen. Wie durch einen Blitzstrahl erwachte ich; auch 
diesmal verbrachte ich den Rest der Nacht, um die Konse- 
quenzen der Hypothese auszuarbeiten." Es handelte sich um 
nichts Geringeres als die Entdeckung des Benzolringes i). 

Endlich sei noch hingewiesen auf die interessanten, des 
sorgfältigen Ausbaues sehr fähigen „experimentellen Träume" 
Schrötters. Der Versuchsleiter trug seinen in tiefer 
Hypnose befindlichen Versuchspersonen, die von Traum- 
psychologie nichts wußten, auf, über bestimmte Gegenstände 
zu träumen, was auch prompt ausgeführt wurdet). Wurden 
dabei häßliche Aufgaben gestellt, so wurden sie nicht un- 
vcrhüUt im Traume dargestellt, wohl aber in einer durch- 
sichtigen symbolischen Verschleierung. Es wurden Symbole 
gewählt, die längst von den Psychanalytikem in dem betref- 
fenden Sinne gedeutet worden waren. Diese frappante Be- 
stätigung psychanalytischer Theorien ist um so bemerkens- 
werter, als Schrot ter selbst der Psychanalyse unkundig 
und keineswegs ein Freudianer war. 

1) Vgl. Robitsek, Symbol. Denken in der chemischen Forschung. 
Imago, I, S. 83—90. 

2) Siehe meine Nachprüfung unten II. Teil, Beispiel e und /, S. G6 — 87. 



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EXPERDiENTALPSYCHOLOOIE. 23 

Endlich fand der Psychiater Otto P ö t z 1 eine interessante 
experimentelle Bestätigung der Freud sehen Lehre. Er ex- 
ponierte Bilder tachystoskopisch oder benützte Eindrücke des 
indirekten Sehens, die er sogleich, später am gleichen und 
am folgenden Tag beschreiben ließ. Dabei fand der Experi- 
mentator Freuds Traum theorie bestätigt i). 

Vergleichen wir die noch in den Anfängen steckenden 
Experimente der Psychanalytiker mit denen der anerkannten 
Experimentalpsychologie, so bestehen nach dem bisherigen 
in der Anlage keine grundsätzlichen Unterschiede. Die für 
den Übungsleiter unangenehmste Tatsache, den Mangel an 
völliger Isolierung und absoluter Übersehbarkeit der 
zu beobachtenden und herbeizuführenden Vorgänge mit all 
ihren Bedingungen, teilt die Analyse mit der übrigen Psycho- 
logie. Bei hypnotischen Experimenten kann immerhin ziem- 
lich starke Isolierung erzielt werden. Ja, die Psychanalyse 
berücksichtigt sogar hochwertige, den Verlauf mitbestim^ 
mende Faktoren, die die reine Bewußtseinspsychol<^ie außer 
acht läßt, nämlich die unbewußten. In den häufigen Ver- 
suchen mit sogenannten sinnlosen Silben hält sich die her- 
kömmliche Experimentalpsychologie an die manifeste Sinn- 
losigkeit, ohne zu überlegen, daß durch Assoziation sofort ein 
Sinn hineingelegt werden kann, der oft unbemerkt bleibt. 
Bei psychogalvanischen Versuchen, bei der üntersuchimg der 
scheinbar sinnlosen, aber mit höchster Inbrunst ge- 
pflegten Worte und Sätze gewisser Greisteskranker (des 
„Buchstaben- und Silbensalates") und einiger anderer Unter- 
suchungen kann man, wie mir scheint, mit voller Sicherheit 



1) 0. Pötzl, Experimentell erregte Traumbilder ii i. Beziehung zum 
indirekten Sehen. Zeitschr. für die ges. Neurol. und Psychiatrie, Bd. 37, 
1917 (vgl. auch Internat. Zeitschr. für ärztl. Psa., V., S. 129 f.). 



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24 I. DIE PSYCHANALYSE ALS PSYCHOLOGISCHE MiyTHODE. 

nachweisen, daß das manifest Sinnlose für das Unbewußte 
eine recht wichtige Bedeutung besitzen kann. In. mancher 
Hinsicht ist das psychanalytische Experiment dem gewöhn- 
lichen psychologischen Versuch an vorsichtiger Berücksich- 
tigung der mitwirkenden Momente überlegen, in bezug auf 
gute Isolierung steht es ihm meistens nach. Trotzdem, 
wenn man erwägt, daß sogar die schriftliche Beantwortung 
von Fragen durch Schulklassen und ihre Bearbeitung als 
„Experimente" gelten gelassen werden, wie z. B. in der 
schönen, durch Külpe begutachteten üntersuchimg Her- 
mann Roths über das sittliche Urteil der Jugend, so be- 
deutete es eine Ungerechtigkeit, der Psychanalyse den Cha- 
rakter einer experimentellen psychologischen Methode abzu- 
sprechen. 

Dem angegebenen Nachteil der unvollständigen Reprodu- 
zierbarkeit des analytischen Experimentes, einem Nachteil, 
den es mit vielen Versuchen der übrigen Psychologie teilt, 
stehen nun aber erhebliche Vorteile gegenüber, die um so 
größer sind, je mehr auf künstb'che Abgrenzung eines mög- 
l'cljst engen Vorgangs verzichtet wird. Und dies ist be- 
kanntlich bei der gesamten psychanalytischen Praxis der Fall, 
dient ihr doch das Experiment im strengeren Sinne mehr 
nur zu spezifisch theoretischen Zwecken. 

Ich hebe drei Beziehimgen hervor, in denen das psych- 
analytische Experiment, das den größten Teil der analyti- 
schen Arbeit überhaupt ausmacht, sich rühmen darf, etwas 
geben zu können, was der offiziellen Psychologie versagt war 
und versagt bleiben muß: 

1. Letztere beschäftigt sich gemäß der von ihr fast aus- 
schließlich anerkannten Methode nur mit Erscheinungen, die 
sich willkürlich hervorbringen lassen, die Psychanalyse auch 



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EXPEHIMENTALPSYCHOLOGIE. 25 

Diit gegebenen psychischen oder psychisch veranlagten Tat- 
sachen. Wir wiesen bereits darauf hin, daß viele der bedeut- 
samsten Greistesverrichtungen, ja gewaltige Regionen des 
Seelenlebens der Experimentalpsychologie entzogen sind. Die 
höchsten Schöpfungen des Genius lassen sich nicht auf Be- 
fehl hervorrufen. Stern sagt mit Recht: „Die spontanen 
Verhaltimgaweisen haben den Vorzug, uns viel unmittelbarer 
des Kindes Eigenart zu enthüllen als die Reaktionen; denn 
das Kind benimmt sich hier zwanglos, steht nicht unter der 
gebundenen Marschroute einer augenblicklichen Anforderung 
und offenbart uns daher oft überraschende Seiten seines We- 
sens, auf die wir mit vorbedachten, experimentellen Unter- 
süchungsmethoden nie gestoßen wären, ja die solchen über- 
haupt nie zugänglich sind^)." Das psychanalytische Experi- 
ment setzt auch bei den höchsten Geistesleistimgen ein und 
sucht sie psychologisch verständlich zu machen. 

2. Die Experimentalpsychologie im engeren Sinne geht 
mit ihren mathematischen Methoden auf allgemeine Gesetze 
aus imd hat für das Individuelle keinen Sinn. Sie sucht 
naturwissenschaftliche Begriffe nach der Bestimmuiig 
R i c k e r t s. Die psychanalytische Untersuchung dagegen 
besitzt außerdem Verständnis für das Historische, ja sie 
suchte bisher die Gesetze nur, um mit ihrer Hilfe das Wer- 
den der Einzelvorgänge zu verstehen, ist sie doch bis' heute 
reine Psychologie noch nicht geworden^). 



1) W. Stern, Psychologie der frühen Kindheit, S. 12. Daß ein so 
hervorragender Experimentalpsychologe über die engen Schranken des Ex- 
perimentes hinauszusehen wagt, ist ihm als hohes Verdienst cjizurechnen. 

*) Die durch Freud vollzogene Wendung erinnert an Goethes Ein- 
führung der geschichtlichen Auffassung in die Naturwissenschaft. Welcher 
Naturforscher dürfte heute leugnen, daß diese Tat eine überaus frucht- 



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26 I. DIE PSYCHANALYSE ALS PSYCHOLOGISCHE METHODE. 

3. Die überlieferte Experimentalpsychologie versetzt ihre 
Objekte in künstliche Isolierung, der Psychanalytiker durch- 
forscht sie im Ganzen des Lebenszusammenhanges. Auch in 
dieser Hinsicht können wir uns auf Goethe berufen: „Wir 
glauben, Natnrgegenstände am besten durch Trennung der 
Teile kennen zu lernen. Die» kann wirklich weit führen. 
Aber es bringt auch Nachteile hervor: Das Lebendige ist 
zwar in Elemente zerlegt, aber man kann es aus diesen nicht 
wieder herstellen und beleben i)." Es ist bedeutsam, daß der- 
jenige Psychologe, der sich der historischen und der Indi- 
vidualpsychologie am meisten nähert, in seinem „Konvergenz- 
prinzip" dieser von der Psychanalyse von Anfang an betonten 
Tatsache gebührend Rechnung trägt. „Alle Trennungen in- 
nerhalb der Persönlichkeit, sagt Stern, sind nur relativ, 
nur Abstraktionen (die freilich für gewisse Zwecke der Be- 
trachtung und Behandlung gefordert sind); alle Teilentwick- 
lungen einzelner Funktionen sind stets getragen von der 



bare Umwälzung in seinen Fächern hervorrief? Ein Wort des großen 
Dichters verdient auch von den heutigen Psychologen gewürdigt zu wer- 
den. Es lautet: ,,Da3 Recht, die Natur in ihren einfachsten, geheimsten 
Ursprüngen sowie in ihren offenbarten, am höchsten auffallenden Schöp- 
fungen auch ohne Mitwirkung der Mathematik zu betrachten, zu erforschen, 
zu erfassen, mußte ich mir, meine Anlagen und Verhältnisse zu Rate 
ziehend, gar früh schon anmaßen." (G o e t h e, WW., Leipzig und Wien. 
Bibliogr. Institut, Bd. 30, S. 391.) Deswegen nannte man Goethe fälsch- 
lich einen Feind der Mathematik, wie man heute ohne das geringste Recht 
die Psychanalytiker als Feinde der systematischen Experimente auf dem 
Gebiete der Seelenforschung hinstellen möchte. In der Psychologie selbst 
wandte Goethe seine Methode an, und es ist nicht zu verwundern daU 
der tiefblickende Seelenkenner so viele der wichtigsten Gedanken Freuds 
vorwegnimmt. (Vgl. das Register meines erwähnton Buches.) 
1) Goethe, WW., 29, S. 43. 



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EXPERDiENTALPSYCHOLOGIE. 2^ 

persönlichen (Jesamtentwicklung i).** Eine uralte, aber oft 
mißachtete Einsicht! 

Die Psychanalyse ist somit eine Erfah- 
rungspsychologie, welche die von der offiziel- 
len Psychologie herbeigeführten ungeheuren 
Lücken zwischen der elementaren Experimen- 
talpsychologie und der hochgeis t igen, aber 
von der schaffenden Persönlichkeit abgekehr- 
ten, in diesem Sinne abstrakten Völkerpsycho- 
logie ausfüllen will; sie allein verschafft z. B. eine 
tief grabende Beligionspsychologie, während Wundt über 
Mythenpsychologie nicht hinauskommt, sie allein gewinnt 
eine Psychologie des künstlorischen und poetischen Schaf- 
fens, sowie eine Menge anderer Gebiete, die für das Leben 
außerordentlich wichtig sind und der wissenschaftlichen Auf- 
klärung dringend bedürfen. Sie ist somit Psychologie 
der höheren Geistesverrichtungen, und zwar, 
wenn \V u n d t recht hat, die einzige, die sich an diese Eätsel 
heranwagt. 

Die Psychanalyse ist weiter eine Erfah- 
rungspsychologie, die das Einzelne und Eigen- 
artige des seelischen Geschehens wissenschaft- 
lich zu ergründen unternimmt. Sie ist somit die 
erste wissenschaftliche Individualpsychologie und, nach 
Rickerts Begriffsfassung, historische Psychologie 
für Einzel- und (bei ausgiebiger Erfahrung) für Massen- 
subjekte. Dabei muß sie natürlich auch Gesetze suchen und 
„naturwissenschaftliche" Psychologie treiben. 

Sie ist endlich (in erfreulicher Übereinstimmung mit 
Sterns dif ferentieller Psychologie) eine Seelenfor- 

1) Stern, a. a. O., 20. 



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28 I- DIE PSYCHANALYSE ALS PSYCHOLOGISCHE METHODE. 

schung, die der Einzelentwicklung innerhalb 
des Subjektes imZusammenhang mit dem psy- 
chischen Gesamtorganismus gerecht zu wer- 
den beflissen ist (Organische Psychologie). 

Kein prinzipieller Unterschied liegt darin, daß das vor- 
herrschende Experiment von den hergestellten Bedingungen 
zu einer gesluchten Folgeerscheinung vorrückt, somit synthe- 
tisch verfährt, das häufigste psychanalytische Experiment 
aber von der Folgeerscheinung aus die Ursache aufsucht. Man 
könnte das übliche psychophysische Experiment vielfach um- 
drehen und Wirkungen herstellen, aus denen man auf Ur- 
sachen zurückschließt, wie man umgekehrt in den befoh- 
lenen Träumen und hypnagogischen Phantasien auf eine im- 
gekannte Wirkung ausgeht oder bei der Apperzeption eines 
automatisch geschriebenen Geheimzeichens statt eines vor- 
ausgegangenen Motivs eine Weiterbildung des in ihm liegen- 
den unbewußten Gedankens^erhält i). 

Die Psychanalyse steht. somit nicht im Gegensatze zur 
Schulpsychologie; sie kann sich der von ihr benutzten Me- 
thoden (z. B. der inneren Wahrnehmung, der Erinnerung, der 
sprachlichen Zergliederung usf.) mit mehr oder weniger Ver- 
änderungen gemäß ihrem eigenartigen Objekt bedienen und 
soll ihre Ergebnisse gewissenhaft prüfen und sich aneignen. 
Aber ebenso wird die Schulpsychologie, wie wir im folgenden 
glaubhaft zu machen versuchen, der Psychanalyse nicht länger 
entraten können, ohne sich selbst zu berauben und teilweise 
zu entwerten. 



1) Vgl. meine Schrift: „Die psychologische Enträtselung der religiösen 
Glossolalio und der autom. Kryptographie", S. 103. 



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DIE DEUTUNG IN DER PSYCHANALYSE. 29 

b) Die Deutung in der Psychanalyse. 

Zu den häufigsten und schärfsten Vorwürfen, die man 
der hier besprochenen Methode macht, gehört der, daß sie 
unerlaubte, willkürliche Deutungskünsteleien oder -naivitäten 
treibe und schon dadurch das Prädikat der Wissenschaftlich- 
keit verscherze. 

Es sei unverhohlen zugegeben, daß man einzelne Erschei- 
nungen der psychanalytischen Literatur diesem Urteilsspruch 
preisgeben muß. Stekel nahm seine eigenen „Deutungen", 
die so viel Ärgernis erregt hatten, zurück. Aber solche Miß- 
griffe dürfen doch nicht der Methode und ihren Vertretern 
insgesamt angekreidet werden, wie es ungliaublicherweise oft 
geschehen ist. 

Auf Deutungen ist die herrschende Psychologie so gut 
wie ihre analytische Tochter angewiesen. Stern sagt mit 
Recht: „Seelisches Leben ist jedem Menschen unmittelbar 
nur an ihm selbst gegeben . . . Das Seelische des andern da- 
gegen müssen wir erdeuten aus dem, was uns der andere 
äußerlich zeigt, aus seinen Ausdrucksbewegungen, Sprach- 
lauten, Reaktionen, Handlungen usw. Je verschiedener nun 
der andere, den wir beobachten, von uns selbst ist, um so 
schwerer ist es, diese Deutung, die sich doch auf die Analogie 
des eigenen Erlebens stützen muß, richtig zu vollziehen i)." 

Schon die Deutung der eigenen Seelenvorgänge ist oft 
schwierig und überhaupt nicht so zu gewinnen, daß ein 
anderer keine Einwendungen erheben könnte. Die tieferen 
Beweggründe bleiben der .inneren Wahrnehmung sogar oft 
mehr verschlossen, als einem zuschauenden Menschenkenner. 



1) Stern, a. a. 0., S. 7. 



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30 I. DIE PSYCHANALT8E ALS PSYCHOLOGISCHE METHODE. 

Darum ist die auf Umfrage nach Selbstbekenntnissen gestützte 
Psychologie oft so herzlich imbefriedigend. 

Ist schon die Selbstbeurteilung großenteils unwissen- 
schaftlich, so ist es noch viel mehr die Deutung anderer Per- 
sonen. Sie setzt voraus die Einführung i). Aber wer wüßte 
nicht, wie leicht man in die Irre gerät, wenn man anderen 
die Motive unterschiebt, die man bei sich selbst als Beweg- 
gründe analogen Handelns voraussetzen müßte. Eine rich- 
tige Einfühlung müßte sich in die Eigenart des anderen ver- 
setzen können, ohne sie durch Einträge aus der eigenen, 
abweichenden Beschaffenheit zu falschen. Auch dies ist 
durch streng wissenschaftliche Forschung nicht erreichbar. 
Es gibt überhaupt keine streng wissenschaftliche Menschen- 
kenntnis. Schon der Ausdruck „Einfühlung" erinnert daran, 
daß eiQ rein theoretisches Erkennen, eine wissenschaftlich 
gesicherte Erfassung fremder Seelenvorgänge nicht existiert, 
soweit man auf dieses psychologische Hilfsmittel angewie- 
sen ist. 

So gäbe es also keine wissenschaftlichen Deutungen, und 
die Psychanalyse, die sich auf solche stützen muß, könnte 
niemals wissenschaftliche Bedeutung erlangen? Wenn dem 
so wäre, so gäbe es auch keine wissenschaftliche Psychologie, 
keine Geschichte und Philologie, keine Märchen- und Mythen- 
forschung, da auch diese, wie uns bekannt, Deutungen voraus- 
setzen. Ich leugne auch gar nicht, daß die Deutung eines 
höheren Seelenvorganges, die Einfühlung in ihn von Künst- 
lern, Dichtern, Erziehern manchmal richtiger und feiner 
vollzogen wird, als von Gelehrten, die durch streng logische 
Gedankenfolge zur Erkenntnis vordringen. In der Kinder- 



1) Th. Lipps, Wege der Psych., S. 16. 



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DIE DEUTUNG IN DER PSYCHANALYSE. 31 

Psychologie dürfte manche Mutter oder Kindergärtnerin die 
Äußerungen des jugendlichen Geistes zutreffender verstehen, 
als die meisten Experimentalpsychologen. Allein dajnit ist kei- 
neswegs ausgemacht, daß die derart gewonnenen Materialien 
als Grundlage wissenschaftlicher Arbeit unbrauchbar wären. 
Hauptsache ist, daß die Deutungen, ohne die nun einmal 
nicht auszukommen ist, volle Glaubwürdigkeit und 
Zuverlässigkeit beanspruchen dürfen. Die Wissenschaft 
arbeitet täglich mit Hilfsbegriffen, die nicht bewiesen sind 
(z. B. Atom, Äther, Molekül); wieviel eher darf man Deu- 
tungen, die man im praktischen Leben als zutreffend erfunden 
hat und mit maximalem Vertrauen auszeichnet, zum Aus- 
gangspunkt wissenschaftlicher Überlegungen machen! Mit 
Recht erblicken denn auch Külpe und alle übrigen Experi- 
mentalpsychologen in der Notwendigkeit von Deutungen kein 
absolutes Hindernis psychologischer Erkenntnis i). 

Freilich müssen größtmögliche Vorsichtsmaßregeln ge- 
troffen werden. Stern gibt für die Kinderpsychologie fol- 
gende zutreffende Weisungen: 1. „Bei jeder Beobachtung 
scheide man streng zwischen dem wirklich wahrgenommenen 
äußeren Tatbestand und den daran geknüpften Deutungen; 
2. die Deutung sei möglichst kindgemäß; 3. man stelle keine 
allgemeinen psychologischen Behauptungen, Deutungen, Er- 
klärungen auf, für die nicht tatsächliche Beobachtungen als 
zureichende Belege gebracht werden können 2)." Ich glaube 
jedoch, daß eine sorgfältige Methodik außer diesen selbstver- 
ständlichen Vorschriften noch eine Reihe anderer aufstellen 
muß. 



1) Külpe, Grundriß der Psych., S. 5. 

2) Stern, S. 8. 



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32 I. DIE PSYCHANALYSE ALS PSYCHOLOGISCHE METHODF. 

Zu Sterns erstem Prinzip sei noch bemerkt, daß Freud 
ihm von Anfang an nachgekommen ist. Er ging von Tat- 
sachen aus, die aller Analyse vorangingen. Wer es leugnet, 
hat seine Werke nicht sorgfältig gelesen. Was Tatsachen 
seien, läßt sich allerdings nicht immer ganz leicht feststellen. 
Eine kausale Interpretation, eine sachliche Deutung muß 
selbst erst vorangehen, bis aus einem Komplex aufeinander 
folgender Wahrnehmungen eine Tatsache erkannt und an- 
erkannt werden kann. Der eine Richter hält für eine fest- 
stehende Tatsache, was der andere vielleicht nur als Ver- 
mutung gelten läßt. 

Jedenfalls soll die Psychanalyse in ihren Deutungen nicht 
weniger streng vorgehen, als die Schulpsychologie. Letztere 
verdient den Vorwurf, daß sie die Tatsachen, auf die sich 
die Psychanalyse aufhaute, nicht nachprüfte und keine Vor- 
schläge machte, wie einfachere und bessere Deutungen vor- 
genommen werden können. 

Ganz bes'onders gilt dies von den Deutungen der typischen 
Symbole, in denen viel Wertvolles für vorsichtige Arbeiter 
gefunden wurde. Daß es tatsächlich eine große Menge solcher 
feststehender, unabhängig voneinander entstandener Symbole 
gibt, ist durch die Sprachwissenschaft, Kunstgeschichte und 
Mythenforschung so sicher nachgewiesen, daß nur die Unbil- 
dung es leugnen könnte. Daß sie auch im Individualleben 
ungemein häufig wiederkehren, muß jeder Menschenkenner 
bald einsehen. Man sieht aber auch in Kultur- und Einzel- 
geschichte, daß dasselbe Symbol recht verschiedene Bedeu- 
tungen ausdrücken kann, so daß es gewagt wäre, ein Lexikon 
zu schaffen, nach welchem man lediglich ein Symbol durch 
einen klaren Begriff ersetzen könnte. Auch Freud betonte, 
daß die typischen Symbole atypisch vorkommen können; so- 



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DIE SAMMLUNG VON EINFÜLLEN. 33 

mit kann nur von einem Wahrscheinlichkeitöwert der Über- 
Setzung des Symbols in einen begrifflich ausgedrückten Inhalt 
ge8pi\)chen werden. Ich bekenne jedoch, daß mir die Benut- 
zung der von anderen oder mir selbst gefundenen Deutungen 
typischer Symbole mitunter denselben Dienst leistet, 
wie wenn ich bei einer algebraischen Rechnimg mit 
einer Unbekannten den von anderer Seite aufgefundenen 
Zahlenwert für x eingesetzt hätte, der sich nachher bei der 
Probe als richtig herausstellte. Hauptsache ist immer die 
eigene Nachprüfung, sowie die Vermeidung des Irrtums, ein- 
zelne Deutungen typischer Symbole als die regelmäßig zutref- 
fenden von vornherein anzusehen. 

c) Die Sammlung von Einfällen. 

Die Deutimg wird gesucht zu beobachteten Tatsachen, 
aber auch, und hierin besteht eine besondere Eigentümlich- 
keit des psychanalytischen Verfahrens, zu Einfällen, die dem 
Erzeuger der zu analysierenden Erscheinungen in den Sinn 
kommen, wenn er diese oder Teile von ihnen kritiklos scharf 
ins Auge faßt. Dabei herrscht die Absicht vor, die Ent- 
stehungsbedingungen jener Phänomene kennen ^.u lernen. Aber 
ist die Sammlung von derartigen Einfällen nicht zwecklos? 
Wer verbürgt denn, daß man auf diesem Weg das psycho- 
logische Gewebe auflöse und die Fäden gewinne, die es zu 
Stande brachten, ja sogar den Weber auffinde, der am Web- 
stuhl saß? 

Wer? Allerdings niemand. Aber auch der Vorwurf, den 
man wider die Psychanalyse erhebt, beruht auf einem Irr- 
tum. Wir glauben gar nicht, daß jeder Einfall zu jenen 
apperzipierten Bewußtseinstatsachen oder sonstigen Phäno- 
menen, mit denen es der Analytiker zu tun hat, die Bahnen 

Dy.. Pfitt«r, PqrohanAljM 8 



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34 I. DIE PSYCHANALYSE ALS PSYCHOLOGISCHE METHODE. 

aufdecke, auf denen das zu untersuchende Gebilde zu stände 
kam. Grolegentlich springt der Analysand auf Umgebungs- 
bestandteile über, die keine sichtbare Beziehung zum fixierten 
Objekte und zum Problem haben; dann ist aber die Tatsache 
des Überspringens ein Anzeichen für vorhandenen Wider- 
stand. Dies sieht man deutlich beim Assoziationsexperiment; 
denn dringt man bei diesem in solchen Fällen auf eine zweite 
oder dritte Reaktion, so stellt sich nachträglich eine Vor- 
stellung ein, die ihre Herkunft aus einer peinlichen unbe- 
wußten Determinante deutlich genug verrät. Gelegentlich 
treffen Vorstellungen ein, die zu dem gesuchten Tatbestand 
nur in lockerem Zusammenhang stehen. 

Man darf auch nicht erwarten, daß man jede Manifesta- 
tion mit Hilfe von eingezogenen Einfällen sofort sicher und 
restlos deuten könne. Meistens aber ist es möglich, wenig- 
stens einige wichtige Determinanten ausfindig zu machen. 
Ein einziger Einfall erklärt unter Umständen verwickelte 
Situationen mit einem Schlage, wie wir im zweiten Teil 
unserer Arbeit zeigen werden. In anderen Fällen müssen sehr 
weite Umwege eingeschlagen werden, «um einem Symptom auf 
den Grund zu kommen. Es handelt sich dabei um Überwin- 
dung der Widerstände gegen die Bewußtmachung der unbe- 
wußten Symptomursachen. 

Die Hauptsache ist doch wohl, daß man die psycho- 
logischen Motive mit voller Gewißheit findet. Ob aus den 
Assoziationsgesetzen allein zu erklären sei, daß aus den bei 
der Psychanalyse gewonnenen Einfällen der Kausalzusammen- 
hang zu gewinnen ist, ob spezielle determinierende Tendenzen 
mitwirken, wie von vornherein erwartet wird, ist eine Frage 
für sich. 

Einem Experimentalpsychologen, auf den mich Dr. Max 



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DIE SAMBOiUNG VON EINFALLEN. 35 

Nachmansohn hinwies, verdanken wir eine erhebliche 
Förderung unseres Wissens um die psychologischen Voraus- 
setzungen der von Freud rein empirisch gewonnenen Ein- 
f allsmethodcn : In seinen bedeutenden Untersuchungen über 
die Ordnungen des Vorstellungsablaufes wies Poppelreuter 
nach, daß die Reproduktion nicht nach dem Prinzip der eng- 
sten Kontiguität sukzessive von Teil zu Teil gehe, sondern 
vom Teil sofort auf das Ganze, d. h. auf diejeiiige Total- 
vorstellung, welche diesen wiedererlebten Teil, das Repro- 
duktionsmotiv, enthält^). „Im Gegensatz zu dem Ketten- 
schema ist der Verlauf des Reproduktionsvorganges zu be- 
zeichnen als die Explikation der Teile, die in 
einer Totalvorstellung enthalten sind, d. h. die 
Reproduktion geht auf die Totalität, und aus 
dieser Totalität heraus explizieren sich die 
Teile, die in einer mehr oder weniger unklaren 
Totalvorstellung impliziert sind (253)2)." Die 
Psychanalyse wußte dies längst in bezug auf die bewußten 
und unbewußten „Totalvorstellungen", die sie als Komplexe 
bezeichnete. Durch das Reizwort suchte sie „den Komplex 
anzuregen", so daß die Reproduktion seine Spur verriet. Es 
ist erfreulich, daß die experimentelle Bewußtseinspsychologie 
wieder einmal der Psychanalyse theoretisch beistehen muß. 
Der Psychanalyse bleibt dann noch übrig darzutun, daß auch 
dort, wo die Totalvorstellung nicht nur unklar gegeben ist, 
sondern gänzlich im Unbewußten bleibt, das (Jesetz Poppel- 
reuters sich bewährt, daß nicht nur der Querschnitt, son- 
dern auch der Längsschnitt sich expliziert, nicht nur der 



1) Archiv f. d. ges. PsycLol., Bd. XXV, S. 252. 

>) Auf einen ähnlichen Sachverhalt wies, ohne ihn zn verallgemeinern, 
schon Ed. Glapargde hin (L'association des id^es, Paris 1903, 227). 

3» 



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36 I. DIB PSYCHANALYSE ALß PSYCHOLOGISCHE METHODE. 



inhaltliche, sondern auch der kausale Zusammenhang, 
und nicht nur die Total vor Stellung, sondern auch die 
intentionale Einheit (s. u. Beispiel a). 

Vorläufig behaupten wir mit aller Entschiedenheit, daß 
mit Hilfe der Assoziationen unbestreitbare Zusammenhänge 
nachgewiesen werden können, und um dies festzustellen, ver- 
langen wir strenge Anwendung der Kausalkriterien i). Können 
wir auf Gnmd der Einfallsmethode die mit Sicherheit an- 
zunehmenden unbewußten Motive auffinden, so ist es der 
Schulpsychologie imbenommen, uns eventuell einen besseren 
Weg anzugeben, um zum gleichen Ziele zu gelangen. Ich 
muß jedoch bekennen, daß ich eine derartige Methodik bei 
ihr nirgends fand. 

B. Einige allgemeine Ergebnisse und Voranssetzongen. 

a) Das Unbewußte. 

Die Psychanalyse geht darauf aus, die unter der Bewußt- 
seinsschwelle liegenden Triebkräfte und Inhalte des Seelen- 
lebens zu erforschen und zu beeinflussen. Dadurch unter- 
scheidet sie sich von der übrigen analytischen Psychologie, 
die sich an die bewußten Inhalte und die in ihnen wirkenden 
Triebe wendet. Eine breite Kluft tut sich hier auf. 

Allerdings leugnet die Schulpsychologie das Unbewußte 
nicht durchaus. Aber es geschieht mit Einschränkungen, 
welche die Psychanalyse nicht als berechtigt anerkennen kann. 
Im Einzelnen bestehen Auffassungsunterschiede von größter 
Tragweite. 

Sie beziehen sich auf das Wesen des Unbewußten, sofern 
manche in ihm lediglich ein physiologisches, apsychisches 



1) Kap. 2 meines Buches „Die psychaoalyt. Methode". 



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DAS UNBEWÜ8STE. 37 



Korrelat der bewußten Vorgänge erblicken i). Die anderen 
betrachten es als eine psychische Disposition unbekannter 
Art 2), die dritten reden mit Volkelt von „dispositionellen 
Vorstellungsaktivitäten (I)", die vierten von unbewußten 
Empfindungen und Vorst-ellungen, aber ohne bestimmten In- 
halt 5), die fünften endlich nehmen unbewußte psychische 
Prozesse an, die der bewußten seelischen Tätigkeit gleich- 
artig sind*). 

Wichtiger noch sind die Verschiedenheiten, die sich auf 
die Wirkung des Unbewußten beziehen. Weitaus die mei- 
sten deutschen Psychologen nehmen an, daß sich das Unbe- 
wußte nicht verändere und reine Disposition sei. Külpe 
und Ach lassen es als Reproduktionsmotiv gelten^) und 
geben somit zu, daß der Zusammenhang des bewußten Seelen- 
lebens ohne die Einwirkung unbewußter Kräfte sich nicht 
wissenschaftlich erklären und verstehen lasse. Sogar Win- 
de Iband, der einräumt, daß unser gesamtes seelische Le- 
ben in seinem jeweiligen Zujstand von den Vorgängen des 
Unbewußten abhänge, leugnet imbewußte Verbindungen, die 
denen des bewußten Geisteslebens gleichartig wären 6). Die 
ganz Wenigen, die mit Liebmann und Offner das psy- 
chische Geschehen nicht ohne einen sich verändernden, dem 
bewußten ähnlichen unbewußten Mechanismus glauben yer- 
stehen zu können, geben keine Methode an, die jenen wichtigen 
Mechanismus wissenschaftlich erhellt ''). 

i)Jodl, Ebbinghaus. 

2) Wundt, Höffding, Windelband. 

3) Th. Lipps. 

*) Liebmann, Offner, Koffka, a. a. O., S. 334 f. 

5) Külpe, Grundriß der Psych., S. 467. 

«) Windelband, Präludien, 4. Aufl., Bd. II, S. 41 f. 

') Dio ausgezeichnete Arbeit von Aloys Fischer; „Untergründe 



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38 I. I>IE PSYCHANALYSE ALS PSYCHOLOGISCHE METHODE. 

So fristet denn das Unbewußte in der bisherigen Psycho- 
logie ein recht bescheidenes Dasein. Immerhin muß mit aller 
Entschiedenheit betont werden, daß auch sie, wie Külpes 
und Achs Untersuchungen zeigen, bei ihren elementaren Un- 
tersuchungen es als unentbehrlich für die empirische For- 
schimg auswies. 

Viel wichtiger noch ist die Tatsache, daß die Mehrzalil 
der Psychologen, zumal der deutschen, vermöge ihrer metho- 
dischen Vorsicht gerade denjenigen Erscheinungen ängstlich 
aus dem Wege gingen, welche am allerdeutlichsten die Wirk- 
samkeit komplizierter Umgestaltungen im Reiche des Un- 
bewußten nachweisen. Es sind dies jene höchstwertigen Lei- 
stungen, deren Ausscheidung mit der erwähnten Beraubung 
und Verödung der offiziellen Psychologie bestraft wurde, so- 
wie gewisse abnorme psychische Tatsachen. 

Eine Ausnahme bilden jene Seelenforscher, die sich mit 
der Entstehungsgeschichte gerade dieser Phäjiomene ein- 
gehend befaßten. Es* genügt, an zwei anerkannte Psycho- 
logen zu erinnern, die schon vor der Entdeckung der Psych- 
analyse auf die produktive Tätigkeit unbewußter psychischer 
Kräfte mit größter Bestimmtheit hinw^iesen. Flournoy 
untersuchte ein spiritistisches Medium, das in der Trance 
fließend in einer sclbstgeschaffenen fremden Sprache redete, 
angeblich in der Sprache der Marsbewohner i). Er konnte 
nachweisen, daß zwar die Elemente dieser phantastischen 
Sprache dem bewußten Wortschatz entnomxaen seien, daß 



und Hintergründe des Bewußtseins** (Deutsche Schule, XIX, S. 609 — 624, 
673—690, 737—747; 1915) erschien erst nach der Niederschrift der vor- 
liegenden Arbeit. 

1} Dei Indes ä la plannte Mars, 1899. 



y 



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DAS UNBEWÜSSTE. 39 



aber die Ausaxbeitung zur unverständlichen Xenoglossie voll- 
kommen unbewußt vor sich ging. 

Daa religiöse Leben imd Erle Den, der W und t sehen. 
Psychologie ewig verschlossen, imtersuchte James mit dem 
Ergebnis, daß auch es zum großen Teil von der unterbewußten 
Region bestimmt sei. Eecht instruktiv lauten seine folgen- 
den Sätze: „Wenn wir neben diesen Erscheinungen der In- 
spiration die religiöse Mystik in Betracht ziehen, wenn wir 
uns an die auffallenden imd plötzlichen Friedensstimmimgcn 
zwiespältiger Naturen erinnern, wie wir sie bei den Bekeh- 
rungen beobachtet haben, und wenn wir an die übertriebene 
Liebe, Reinheit und Selbstzucht vieler Frommen denken, so 
können wir m. E. der Folgerung nicht ausweicheii, 
daß wir in der Religion eine Sphäre der menschlichen 
Natur haben, die in ungewöhnlich enger Beziehung zur Re- 
gion des Unterbewußten steht. Hat der Begriff , unterbewußt* 
für jemanden einen verdäx^htigen Klang, so wähle man irgend 
ein anderes Wort, um jene Region von derjenigen des gewöhn- 
lichen Bewußtseins zu unterscheiden. Man nenne die letz- 
tere meinetwegen die A-Region des persönlichen Bewußtseins 
und die andere die B-Region. Die B-Region bildet dann 
offensichtlich das weitere Gebiet in jedem von ixns, sie ist 
die Region alles dessen, was gebunden in uns ist, und alles 
dessen, was unbemerkt vorübergegangen ist. Sie enthält z. B. 
alle momentanen Eindrücke und enthält die Quellen aller 
unserer Leidenschaften und Triebe, unserer Liebe, unseres 
Hasses und unserer Vorurteile, deren Gründe mos oft dunkel 
sind. Unsere Anschauungen und Hypothesen, unser Aberglaube, 
unsere Meinungen und Überzeugungen, und überhaupt alle nicht- 
rationalen Funktionen entstammen ihr. Sie ist die Quelle 
vineerer Träume; ja anscheinend kehren sie auch wieder dar 



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40 I. DIE PSYCHANALYSE ALS PSYCHOLOGISCHE METHODE. 

hin zurück. Dort entstehen unsere etwaigen mystischen Er- 
fahrungen, die automatischen Antriebe, mögen sie sensori- 
scher oder motorischer Art sein, unsere Schlaf- oder schlaf- 
ähnlichen Zustände, wenn wir solchen unterworfen sind; 
unsere Hirngespinste, fixen Ideen und hysterischen Anfälle, 
falls wir hysterisch sind; unsere übernormaten Erkenntnisse, 
z. B. wenn wir telepathisch veranlagt sind i)/* Die Entdeckung 
dea unbewußten Geisteslebens nennt er den wichtigsten Fort- 
schritt der Psychologie seit Beginn seiner Studien (221). 

In diesen Ausführungen wird der Umfang der Psychologie 
zugleich mit dem Geltungsbereich des Unbewußten beträcht- 
lich erweitert, allein der Psychologe bleibt unbefriedigt, 
nicht nur weil das Unterbewußte, das seinem Begriffe nach 
auch ein Unbewußtes ist, ohne nähere Bestimmung seines 
Wesens, seiner Gesetze und seines Einflusses auf das Be- 
wußte bleibt, sondern auch, weil jeder Versuch seiner wissen- 
schaftlichen Eroberung unterbleibt. 

Um nun zu verstehen, wie die Psychanalyse zur Annahme 
des verfemten Begriffes kam, und in welchem Sinne sie 
ihn faßt, genügt es nicht, sich nur mit einzelnen Definitionen 
abzugeben. Sonst könnte man wohl Widersprüche und Mei- 
nungsverschiedenheiten aufdecken, hätte aber für ein tie- 
feres Verständnis der Sache nichts gewonnen. Wieder ist 
es durchaus notwendig, die Entstehungsgeschichte zu ver- 
folgen. Charcot hatte als Ursache gewisser hysterischer 
Lähmungen unbewußte Vorstellungen gefunden und durch 
hypnotische Suggestionen, in welchen er dieselben Symptome 
künstlich hervorrief, die experimentelle Bestätigung jener 



1) H. James, Die relig. Erfahrung, deutsch von W o b b e r m i n, 
S. 443 f. 



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DAS UNBEWLSSTE. 41 



Kausalverknüpfung geliefert. Jan et führte seine an der- 
selben Krankheit leidenden Patienten im Zustand der Hyp- 
nose in die Entstehnngszeit des Übels zurück und ließ sich 
so, von einer Mehrleistung des Gedächtnisses Gebrauch ma- 
chend, die damalige Situation schildern, wobei sich sehr deut- 
liche Beziehungen zum Symptom angeben ließen. Wieder fan- 
den sich Gedanken vor, die im Symptom, auch in psychischen 
Erscheinungen, nachwirkten. Man hätte nun tiefsinnige Über- 
legungen anstellen können, wie es zuging, daß z. B. der An- 
blick eines schorfbedeckten (Jesichtes dasselbe Leiden bei 
der Betrachterin hervorbringen konnte, aber Janet blieb 
Empiriker und enthielt sich der metaphysischen Spekulation. 
Ebenso verfuhren Breuer und der Begründer der Psych- 
analyse. Zu erinnern ist noch daran, daß die berühmte Pa- 
tientin des Ersteren ihi'en erstaunten Arzt fast ohne seine 
Nachhilfe selbst zu den Ereignissen führte, die sich in ihren 
Symptomen spiegelten. Als Ursache ihres Schielens und 
ihrer Makropsie (sie sah alles in vergrößertem Maßstab) z. B. 
fand sie, daß sie am Krankenbett des Vaters mit Tränen in 
den Augen die Uhr nahe vor die Augen brachte, um die Zeit 
abzulesen. Auch in vielen Fällen, die Freud selbst beob- 
achtete, fand er mit leichter Mühe einstige starkbetonte Vor- 
stellungen, die sich mit voller Deutlichkeit in krankhaften 
Symptomen äußerten. Die Annahme einer Kausalbeziehung 
war kein größeres Wagnis, wie wenn man die Tatsache des 
Armhebens \md die des vorausgehenden Vorsatzes, den Arm 
zu heben, in ein ursächliches Verhältnis setzt. Freud kannte 
auch die posthypnotischen Handlungen, deren Triebfedern 
dem Bewußtsein entschwunden waren. Er nahm daher an, 
daß auch in den Fällen, die ihre unbewußte Veranlassung 
nicht so leicht verrieten, eine solche vorhanden sei, und 



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42 I. DIE PSYCHANALYSE ALS PSYCHOLOGISCHE METHODE. 

suchte auf allerlei Schleichwegen ihnen beizukommen. Diesen 
Bestrebungen verdankt die Psychanalyse ihre Entstehung. 

Statt daß Freud die nächsten Jahre und Jahrzehnte 
auf das Problem verwandte, wie der Zusammenhang zu den- 
ken sei, statt daß er also über die Daseinsweise jener im 
Bewußtsein nicht vorhandenen Motive, den Zusammenhang 
zwischen physischen und psychischen Tatsachen nachgrübelte, 
forschte er nach dem Umfang der Erscheinungen, in welchen 
unbewußte, in ihrer Wirkung den bewußten Motiven gleich- 
artige Mächte zum Ausdruck kamen, nach den Bedingungen 
und Gesetzen, die dabei in Tätigkeit treten, und kam nun 
— zu seinem eigenen Erstaunen I — auf die Erforschung 
gerade jener Gebiete des höheren Geisteslebens, die von der 
Schulpsychologie im Widerspruch zu ihrer Definition abge- 
sperrt und verschmälit worden wajen. Will man Freud einen 
Vorwurf daraus machen, daß er zuviel Empiriker blieb und 
in der Reinigung seiner Erfahnmgsbegriffe zu wenig tat, so 
möge man doch bedenken, daß auch die über ungeheure Mittel 
verfügende offizielle Psychologie über die Gedächtnisspuren, 
das Verhältnis von Leib und Seele und ähnliche höchst wis- 
senswerte Tatsachen nichts Denknotwendiges zu sagen weiß, 
keine Aufschlüsse erteilt und von einer Verständigung himmel- 
weit entfernt ist. Wie kann die Psychologie der Psychanalyse 
vorwerfen, daß sie psychologische, nicht spezifisch ana- 
lytische Grundbegriffe nicht zu bestimmen verstehe, Begriffe, 
die sie, die Mutterwissenschaft, selbst nicht beherrscht? 

Wer Freuds Forschung aus eigener Nachprüfung kennt, 
ist ihr dankbar dafür, daß sie die Klippe der Metaphysik 
glücklich umschiffte und dafür mit unvergleichlichem 
Scharfsinn den Erfahrungsbereich zu erweitern wußte. Schon 
heute darf man als historische Tatsache feststellen, daß die 



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DAS UNBEWUSSTE. 43 



Psychologie niemals eine so große Bereicherung ihres Ar- 
beitsfeldes erfuhr, wie durch die Psychanalyse. Außer der 
Einführung der streng historischen, individualistischen Kich- 
tung neben der bisher rein naturwissenschaftlichen, auf Be- 
griffe und Gesetze ausgehenden (Rickert) hat Freud eine 
Unmasse von psychischen Verrichtungen erstmalig zum Ge- 
genstand wissenschaftlicher Betrachtung gemacht, eben weil 
er das von Dichtern und anderen Menschenkennern längst als 
Hauptquelle seelischer Erlebnisse anerkannte Unbewußte der 
exakten Untersuchung erschloß. Wir werden im zweiten Teil 
seinen Pfaden folgen und dabei erkennen, wie irrig die Be- 
hauptungen derer sind, die Freuds Forschungen vorwerfen, 
sie lassen sich nicht nachprüfen. 

Bei eingehender Beschäftigung mit dem Unbewußten 
mußte Freud seine anfängliche Auffassung, die ungefähr 
derjenigen Külpes und seiner Schüler entspricht, erweitem. 
Die Wirksamkeit des Unbewußten erschöpft sich nicht darin, 
daß es eine unveränderliche determinierende Tendenz zu 
Stande bringt, vielmehr erkannte der Begründer der Psych- 
analyse bald, daß unter der Bewußtseinsschwelle sich Pro- 
zesse abspielen, welche in ihren Ergebnissen den bewußten 
Prozessen gleichartig sind. Das dichtende, schaffende Un- 
bewußte wurde ihm so gewiß, wie das Denken und Dichten 
anderer Individuen, dessen wir ja auch nur vermöge eines 
Analogieschlusses habhaft werden. 

Niemand vermochte befriedigendere, einfachere oder um- 
fassendere Erklärungen zu geben, als sie die Psychanalyse 
vorschlägt. Wir müssen jedoch noch auf die Begriffsbestim- 
mung hinweisen, die Freud dem Unbewußten gab. Man 
darf hiebei den empirischen Ursprung keinen Augenblick 
außer acht lassen. Wer als erste Forderung die überein- 



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44 I- I>IE PSTCHANALTSE ALS PSYCHOLOGISCHE METHODE. 

stimmimg mit mitgebrachten Spekulationen aufstellt, mag 
freilich enttäuscht werden. 

Zunächst ist zu beachten^ daß der Begriff des Unbewußten 
ein rein negativer ist. Sofern das mit ihm Bezeichnete sich 
innerhalb des Bewußtseins tatsächlich nicht vorfindet, ist 
die Bezeichnung gewiß nicht falsch. Man kann jedoch mit 
Eecht einwenden, daß die bloß negative Charakterisierung 
einer Tatsache logisch beanstandet werden könnte. Man 
wünschte, daß auch die vorhandenen positiven Merkmale in 
der Benennung angedeutet wären. 

Welcher Art sind sie denn? Über die das Wesen aus- 
machenden Merkmale des Unbewußten gehen die Ansichten 
der • Psychanalyse genau ebenso auseinander, wie innerhalb 
der Bewußtseinspsychologie die Auffassungen über das Phy- 
sische imd Psychische. Viele Psychologen glauben bekannt- 
lich nur an eine physische Kausalität, das Psychische ist 
ihnen nur eine Funktion des Himkortex und besitzt keine 
Wirksamkeit und Wirklichkeit. Andere räumen dem Psy- 
chischen eigene Ursächlichkeit ein, sie gestehen eine Wir- 
kung des Geistes a,uf den Leib oder doch eine innerpsychi- 
sche Kausalität ein. 

Wer das Psychische als unwirkliches Epiphänomen be- 
trachtet, hat meines Erachtens auch als Psychanalytiker nicht 
viel Interesse und Veranlassung, das Unbewußte für psy- 
chisch auszugeben. Wenn rein physische Energien das be- 
wußte Denken zu stände bringen, so könnte man annehmen, 
daß sie auch ohne psychische Begleiterscheinung jene kom- 
plizierten Prozesse bewirken, die wir als unbewußte Akte 
bezeichnen, und deren Ergebnis demjenigen eines komplizier- 
ten Denk- und Willensaktes genau entspricht. Man kann 
aber auch in diesem Falle eine solche für das Resultat über- 



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DAS UNBEWUSSTE. 45 



flüssig« unbewußt-psychische KonKomitanz annenmen, wenn 
es aus irgend welchen, vielleicht metaphysischen oder prak- 
tischen Gründen empfehlenswert erschiene, aber wir wieder- 
holen es: Sofern dieses unbewußte Psychische keinen Ein- 
flliß ausübt, liegt an seiner Zulassung oder Leugnung nicht 
viel für die Beurteilung der Tatsachen. Die Ausdrücke „\m- 
bewußte Vorstellimgen, Entschlüsse, Dichtungen" usf. be- 
zeichnen dann nur bequeme, aber ungenaue Namen, die auf 
unbekannte Himprozesse gehen, Himprozesse, die in ihren 
Wirkungen mit denjenigen übereinstimmen, die zu bewußten 
Vorstellungen, Entschlüssen, Dichtungen usw. führen. 

Jenen Hypothesen sind nahe verwandt diejenigen, die das 
Unbewußte als reines X bezeichnen, vom Bewußten so weit 
verschieden, wie das Kantische Ding an sich vom empiri- 
schen Ding. Dagegen mag man einwenden, daß dieser Kon- 
struktion der Effekt widerspricht: Wie könnten die unbe- 
wußten ProzesSse, deren Entstehungsbedingungen wir doch 
überschauen, dieselben Endergebnisse erzielen, wie bei ähn- 
licher Konstellation bewußte, wenn sie ihrem Wesen nach 
absolut verschieden wären? Auch fehlen hier die erkenntnis- 
theoretischen Bedingungen, die manche Denker zur Scheidung 
einer intelligiblen und einer Erfahrungswelt führten. 

Wichtiger wird die Betonung des psychischen Charakters 
des Unbewußten für die Befürworter der psychischen Kau- 
salität innerhalb des Bewußtseins, mögen sie nun dem 
psycbophysischen Parallelismus oder der Wechselwirkungs- 
lehre huldigen. Für sie wird es nahe liegen, die Wirkungen 
des Unbewußten, die denen des bewußten Seelenlebens genau 
entsprechen, auch auf geistige Akte zurückzuführen und so 
die Suprematie des Geistes auch für diese Vorgänge zu 
behaupten, die ja die größten ästhetischen, ethischen und 



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46 I. DIE PSYCHANALYSE ALS PSYCHOLOGISCHE METHODE. 

religiösen wie so viele alltägliche und krankhafte Leistungen 
hervorbringen. Diesem Versuch steht nun aber eine sehr 
zu beherzigende Einwendung entgegen: Sind ,, psychisch*' und 
„unbewußt" nicht unversöhnliche Widersprüche? Gehört die 
Bewußtheit nicht zu den selbstverständlichen und notwen- 
digen Merkmalen des Psychischen? Ja, ist die Bewußtheit 
nicht da& einzige Charakteristikum, das allen psychischen 
Erscheinungen zukommt? 

Hierauf ist zu bemerken, daß wir psychische Vorgänge 
zunächst nur als bewußte kennen lernen. Wir können kein 
Blau denken^ das niemand sieht, so wenig wir uns einen 
Zalinschmerz vorstellen können, den niemand hat. In jedem 
konkreten psychischen Akte finden sich subjektive Inhalte 
neben objektiven. 

Ob daraus hervorgehe, daß das Psychische stets bewußt 
sein müsse, hängt davon ab, was wir hierunter verstehen. 
In meinem Buche „Die psychanalytische Methode" habe ich 
mich mit elf Begriffen von ,, Bewußtsein" auseinandergesetzt, 
\md dabei mache ich mich nicht anheischig, alle Defini- 
tionen gewürdigt zu haben. Es ist hier nicht nötig, den 
komplizierten Stoff aufzurollen. Für uns ist jetzt nur eine 
Feststellung von Wichtigkeit: Jedesmal, wenn der ge- 
wöhnliche Sprachgebrauch von „bewußt" redet, 
meint er eine Beziehung auf das' Erfahrungs- 
subjekt auf das erlebende Ich. Diesem empirischen 
Subjekt gehören auch die uns zugänglichen psychischen Vor- 
gänge an. Und diese Zugehörigkeit zum Bewußtseins- 
ich fehlt dem Unbewußten, das die Psychanalyse aufsucht, 
ebenso wie dem übrigen Unbewußten. 

Bildete nun wirklich die Bewußtheit im Sinne des Be- 
zogenseins auf das Erfahrungsich allein dasjenige, was das 



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DAS UNBEWUSSTE. 47 



Psychische von allen übrigen Erscheinungen absondert, so 
müßten wir offenbar das Unbewußte als apsychisch aner- 
kennen. Nun aber gibt es noch andere Merkmale, die der 
J'sychologie nur dann entgehen können, wenn sie künstliche 
Isolierungen schafft und sich auf die elementaren Funktionen 
beschrankt. Wafl das höhere Geistesleben auszeichnet imd 
von allem übrigen Geschehen unterscheidet, ist das schöpfe- 
rische Neugestalten, das zielvolle Planen und Berechnen mit 
seinen zahlreichen Hilfsoperationen. Wenn wir einen Syl- 
logismus vollziehen, eine Eechenaufgabe stellen und lösen, 
einen Wunsch hegen und verwirklichen, einen künstlerischen 
Gedanken fassen tmd zur Ausführung bringen, so wirken da- 
bei Kräfte und Normen mit, die sich von den im physischen 
Geschehen zum Ausdruck kommenden Ursachen grundsätz- 
lich unterscheiden. Dieses sinnvolle Gestalten, diese Her- 
stellimg innerer, inhaltlicher Beziehimgen, dieses Streben und 
Herstellen von Bedingungen zur Ausführung des Geplanten ist 
dem Geistesleben ebenso eigentümlich, wie die Bewußtheit. 
Wir können den Mechanismus einer rechnerischen Operation 
nach mathematischen und psychologischen Gesetzen auf- 
hellen und einigermaßen befriedigend erklären ; aber es wider- 
strebt uns, anzunehmen, daß dieser Prozeß nach blinden, geist- 
losen Himvorgängen zu verstehen sei, und daß die gedank- 
liche Verkettung, welche den Eechner leitete, reine Illusion 
sei, indem lediglich die übrigens völlig unbekannten Rinden- 
vorgänge tatsächlichen Zusammenhang besitzen. Auch wenn 
wir die geschlossene Naturkausalität gelten lassen, werden 
wir zur Erklärung menschlicher Gedanken auf Motive, Vor- 
stellungen, Absichten zurückgreifen i). Das inhaltliche In- 



1) Vgl. mein Buch „Die Willensfreiheit", S. 294. 



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48 I. I>IE PSYCHANALYSE ALS PSYCHOLOGISCHE METHODE. 

Beziehung-Setzen eignet auch den einfachen Seelentätig- 
keiten. 

Dieses inhaltliche Beziehen setzt allerdings auch Be- 
wußtsein voraus, und zwar nicht nur im Sinne eines Bezogen- 
eeins aller einzelnen Teile des psychologischen Vorganges 
auf ein Subjekt, sondern auch im Sinne einer Zugehörigkeit 
der Teile, wie des ganzen planmäßigen Schaffens zu einem 
psychischen Zusammenhang. Ohne solchen Zusammenhang, 
ohne diese Einheit käme .die Vereinigung der disjecta membra, 
die dem Gredächtnis zur Verfügung stehen, unmöglich zu 
Stande. Hier sei nun aber daran erinnert, daß Wundt da« 
Bewußtsein definiert als „den Zusammenhang der gleich- 
zeitigen und der in der Zeit sich folgenden psychischen Vor- 
gänge" 1). 

Beurteilen wir die Leistungen anderer, so werden wir 
ein planmäßiges Grestalten in diesen Verrichtungen überall 
da annehmen, wo ihre Zweckmäßigkeit, ihr immanenter Sinn 
einen zu hohen Rang erreicht, als daß wir an ein Werk des 
blinden Zufalls denken könnten. Wenn wir im Urwald einen 
komplizierten Kompaß oder ein schönes Gredicht finden, so 
glauben wir keinen Augenblick daran, daß das blind waltende 
Naturgoschehen jene Erscheinungen erzeugt habe. Sogar der 
strengste Experimentalpsychologe, der solche Phänomene mit 
strenger Miene aus seinem Forschungsgebiet vertrieb, wird 
kraft seiner wissenschaftsfreien Seelenkenntnis auf geistige 
Ursachen schließen. 

Erfahren wir dann erst noch durch genaue Untersuchung, 
daß der Urheber jenes Kompasses oder jenes Gedichtes von 
dieser oder jener Intention geleitet war, so zweifeln wir vollends 



1) Wundt, Grundriß, S. 239. 



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DAS UNBEWÜSSTE. 49 



nicht daxan, daß psychische Zwischenglieder hinter dem 
Beginn des Werkes, dem Plane und seiner Ausführung liegen^ 
Diesen Zusammenhang können wir unter günstigen Verhält- 
nissen ein Stück weit bekannt machen. Wir können Rück- 
schlüsse ziehen auf Fleiß und Methode des Kompaßbauers, 
auf Bildungsgrad und Charakter des Dichters usw. Das Be- 
^aißtsein im Sinne eines Zusammenhanges verrät imserem 
Spür&inn manche seiner Einzelheiten. Wir schließen auf 
psychische Einzelheiten und lehnen die Annahme geistloser 
Entstehung der aufgefundenen Kunstwerke ab. 

Wie kann man dann aber dem Psychanalytiker einen Vor- 
wurf machen? Was anderes tut er denn, als was jeder Hi- 
storiker, Kunstkenner, Techniker, Archäologe, Richter tut, 
der ein sinnvolles Gebilde menschlicher Herkunft auf seine 
geistigen Entstehungsbedingungen erforscht? Wer die Stu- 
dien Charcots, Bernheims, Flournoys kennt, findet 
es ganz selbstverständlich, daß diese Männer auf die gei- 
stigen Ursachen der von ihnen beobachteten Krankheits- 
erscheinungen drangen, und wer wollte denn leugnen, daß 
sie das Gesuchte wirklich fanden? Das Unbewußte, dessen 
Aufdeckung die Psychanalyse erstrebt, ist nicht von ihr neu 
entdeckt; neu ist nur die Methode seiner Erforschung und 
der ungeahnte Umfang seines Reiches, sowie die Erkennt- 
nis zahlreicher Gesetze, die in ihnen walten. Der Traum, 
die religiöse Halluzination, die künstlerische Intuition und 
tausend andere Phänomene, mit denen es die Psychanalyse 
zu tun hat, sind doch gewiß mindestens zum guten Teil sinn- 
volle Grebilde, die mit den Erzeugnissen des bewußten Den- 
kens große Ähnlichkeit besitzen. Nehmen wir bei den letz- 
teren seelische Ursachen an, warum denn nicht auch bei 
den ersteren? Und wenn bei ihnen oft Unsinn mit dem Sinne 

Dr. Pf ist er, PsjrohaDaljrte. 4 



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50 I. DIE PSYCHANALYSE ALS PSYCHOLOGISCHE METHODE. 

verbunden erscheint, ist dies nicht auch bei vollbewußt ent- 
standenen Produkten der Fall? Soll man einen verworrenen 
Brief oder Aufsatz jenseits der Psychologie stellen und ihm 
seelischen Ursprung abstreiten? Oder soll man die künst- 
lerischen, ethischen und religiösen Maximalleistungen, die 
ohne auffindbare Vermittlung innerhalb des Bewußtseins her- 
vorspringen, mit der supranaturalen Psychologie des unkriti- 
schen Zeitalters als vom Himmel gefallen annehmen? Wer 
bei der Erteilung und nachfolgenden Ausführung eines post- 
hypnotischen Auftrages anwesend war, würde den für eigen- 
sinnig und borniert halten, der die Ausführung des Auftrages 
auf ungeistige Motive zurückführte. Mit im.widerstehlicher 
Notwendigkeit wurde man durch die Tatsachen von der Auf- 
suchung bewußter Motive zu solchen geführt, die unbemerkt 
waren, die niemals in ihrer Herkunft und ihrem Sinne be- 
wußt waren, ja, die sich sogar im Gegensatz zu allen Bewußt- 
seinsinhalten befanden. Mit Recht verglich man die An- 
nahme unbewußter psychischer Motive mit der Berechnung 
vorläufig unsichtbarer Planeten, die später direkt gesehen 
wurden. Die Bewegungen der sichtbaren Planeten waren ohne 
sie unverständlich. Als man dem geistreichen Genfer Theo- 
logieprofessor G. Fulliquet, de/r in seiner Dogmatik die 
Annahme des Unbewußten geschickt verwertete, entgegen- 
warf: „Das Unbewußte ist soviel als dunkles Licht", ant- 
wortete er schlagfertig: „Gewiß, aber die Wissenschaft zeigt 
uns ja eben, daß es dunkle Lichtstrahlen (z. B. ultraviolett) 
gibt." Durfte er so sprechen? 

Sind wir überzeugt, daß jenseits unseres Bewußtseins ein 
zweckmäßiges Gestalten stattfindet, das aus physischer Ur- 
sächlichkeit nicht bewirkt sein kann und dessen Gebilde denen 
des bewußten Geisteslebens analog entstanden sein müssen, 



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DAS UNBEWUSSTE. 51 



SO können wir ihm die Geistigkeit nicht absprechen, zumal 
wenn sich Motive und Gesetze auffinden lassen, welche die 
Entstehung jener Gebilde und sogar ihrer Unbewußtheit er- 
klären. Jene bewußtseinstranszendenten psy- 
chischen Motive sind unbewußt, sofern wir 
unter bewußt die Bezogenheit auf das Erlebnis 
verstehen; sie sind aber doch auch bewußt, 
wenn wir mit Bewußtsein die Zugehörigkeit zu 
einem psychischen Zusammenhang bezeichnen. 
Da der gewöhnliche Sprachgebrauch unter „bewußt" ein 
Gegebensein als Erlebnis des Bewußtseins- 
ichs versteht, so fällt die Veranlassung zur Behauptung eines 
Widerspruches im Begriffe des unbewußten Psychischen oder 
psychischen Unbewußten weg. 

Will jemand diese Inhalte und Motive nicht nur einem 
psychischen Zusammenhang einreihen, sondern auch einzeln 
auf ein erfahrungsjenseitiges Ich bezogen denken, so wüßte 
ich dem nichts entgegenzuhalten. Wie bei den bekannten 
Spaltungen der Persönlichkeit der Mensch in einem Zu- 
stande nichts weiß von dem, was er im anderen bewußt tat, 
wie er vielleicht Weib, Kind, Beruf, Heimat vollkommen ver- 
gessen hat, so gehörte das unbewußte Seelenleben einem 
transzendenten Ich, einem Doppelgänger an, von dem das 
Erlebnisich nichts weiß. Und wie im früheren Falle gelegent- 
lich in einem Zustand eine leise Ahnung des anderen auf- 
dämmert, so kann bisweilen das gewöhnliche Unbewußte als 
dem Bewußtseinsich zugehörig auftauchen, meistens um bald 
wieder zu verschwinden. 

Die entscheidende Frage, inwieweit es möglich ist, des 
Unbewußten mit zuverlässiger Sicherheit habhaft zu werden, 

4* 



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52 ^' I>IB PSTCHANALTSE ALS PSYCHOLOGISCHE METHODE. 

läßt sich nur durch Einzelforschtiiig nachweisen. Wir wer- 
den einige Proben zu geben versuchen. 

Von den eigenartigen Gesetzen, nach denen das Unbe- 
wußte sich im Gegensatz zum Bewußten verändert, wird später 
die Bede sein. 

b) Die Sexualtheorie. 

Nichts hat der Psyohanalyse so viele und erbitterte Geg- 
ner eingetragen, wie ihre Stellung zur Sexualität. Immer 
wieder hört man den Vorwurf, der Psychanalytiker suche 
alle menschlichen Handlimgen tmd Gedanken aus sexuellen 
Motiven zu erklären imd erniedrige so den Menschen zu einem 
bloßen Sexualwesen. 

Kein anderer Punkt des psychanalytischen Systems ist 
aber auch so gründlich mißverstanden worden, wie dieser. 

Von vornherein sei betont, daß Freuds Sexualtheorie kei- 
neswegs die Voraussetzung der ganzen Psychanalyse 
bildet. In der von uns aufgestellten Definition kommt sie 
nicht vor. Wo Freud die Zugehörigkeit zur Psychanalyse 
abgrenzt, nimmt er auf die Anerkennung seiner Sexualtheorie 
keinen Bezug. Man kann sogar oft eine Strecke weit analysieren 
und recht interessante Funde gewinnen, ohne sexuelle Regun- 
gen anzutreffen, da sie sehr stark verdrängt sind. Aller- 
dings, wer grundsätzlich die Äußerungen des Geschlechts- 
triebes ausschaltet, gleicht dem Anatomen und Physiologen, 
der die Fortpflanzungsoi^ane und ihre Verrichtungen igno- 
riert. In Schulklassen mag dies angehen, die ernste Wissen- 
schaft muß sich von Prüderie fernhalten. 

Wie die Stellung der Sexualtheorie im System, so ist 
auch die Bedeutung ihres Gegenstandes innerhalb der seeli- 
schen Ökonomie gänzlich falsch verstanden worden. Wenn 



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DIB SEXUALTHEORIE. 53 



z. B. Stern angibt, die Psychanalyse finde in den Tiefen 
der Kinderdeele nichts als infantile Sexualität, so ist dies 
ganz gewiß unrichtig i). Nur so viel trifft zu, daß Freud 
in der fraglichen Region unerwartet viel Äußerungen vor- 
findet, die nach seiner Terminologie der Sexualität zuge- 
hören. Er redet aber auch von Träumen, in denen der Eß- 
trieb sich regt, und stellt der gesamten Sexualität die „Ich- 
triebe" gegenüber, deren Zahl und Struktur er nicht näher 
angibt. Nichts verbietet, ihre Mannigfaltigkeit und Bedeu- 
tung recht hoch einzusetzen 2). 

Hiazu kommt, daß Freud den Ausdruck Sexualität nicht 
nur im gewöhnlichen Sinne faßt als „Summe derjenigen phy- 
sischen und psychischen Erscheinungen, die sich auf die 
Fortpflanzung oder die Betätigung der Fortpflan- 
zimgstriebe und -organe beziehen 3)", sondern außerdem 
in einem sehr viel weiteren Sinne, der mit dem Worte 
„Liebe'* inhaltlich übereinstimmt*). Man beachte wohl: der 
Name „Sexualität" hat bei Freud eine andere Bedeutung als 



1) Stern, a. a. O., S. 6. 

') Ferenczi schreibt tuic Hecht: „Niemals hat es die Psycho- 
analyse gewagt zu entscheiden, wieviel von den seelischen Strebungen 
sexuellen und wieviel anderen (z. B. egoistischen) Ursprungs ist. Sie 
behauptet nur, daB sexuelle Triebkräfte eine viel größere und man- 
nigfachere RoUe im Seelenleben spielen, als man es bisher annahm, daß 
sexuelle Momente wahrscheinlich bei fast jeder Tätigkeit mitspielen 
und oft als Vorbilder fungieren; zwischen dieser Annahme und der Be- 
hauptung, daß die Psychoanalyse fast alles vom Sexuellen ableitet, ist 
aber ein so großer Unterschied, daß er von den Kritikern nicht hätte 
vernachlässigt werden dürfen." (Internat. Zeitschr. für ärztl. Psycho- 
analyse, 1916, III. Jahrg., S. 354. 

3) Mein Buch „Die psychanalytische Methode*', S. 142. 

*) Freud, Zentralbl. für Psychoanalyse, I, S. 92. 



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54 L DIE PSYCHANALYSE ALS PSYCHOLOGISCHE METHODE. 

im Volksmund, und wer trotzdem seine eigene Auffassung des 
Begriffes in Freud hineinliest, oder Femstehenden Freuds 
Sätze über die Sexualität weitergibt, ohne auf die Erweite- 
rung dieses Begriffes hinzuweisen, handelt auf unerlaubte 
Weise. Daß die Liebe in Religion, Kunst, Lebensauffassung 
und -führung eine gewaltige Rolle spielt, wird auch mancher 
einsehen, der die Sexualität als eine unerhebliche Macht im 
Seelenleben hinstellen möchte. 

Es ist aber zuzugeben, daß Freud auch der Sexualität 
im engeren Sinne eine Rolle zuweist, die alle bisherigen An- 
schauungen hinter sich läJ3t. Manche, die im übrigen die 
Psychanalyse ablehnen, finden jedoch, gerade dadurch habe 
Freud sich ein großes Verdienst erworben, daß er zum 
erstenmal mit unerbittlicher Offenheit die immense Trag- 
weite des Geschlechtslebens aufgedeckt habe. Andere For- 
scher finden dagegen, er sei viel zu weit gegangen, wenn er 
alle Psychoneurosen auf verdräjigte Sexualität zurückführe. 

Um ein zutreffendes Urteil erlangen zu können, muß man 
sich folgendes zum voraus klarmachen: Freud geht den 
Äußerungen der Sexualität so sorgfältig nach, weil sie bisher 
am gröblichsten vernachlässigt wurden. Über die anderen 
Triebe hat er im einzelnen nicht mehr zu sagen als andere, 
wenn er auch über ihre Schicksale insgemein sehr viöl Neues 
zn berichten weiß. Ferner hat er es' in erster Linie mit 
Psychoneurotikern zu tun, w^elche infolge starker Lebens- 
hemmungen eine abnorm ausgeprägte Polarisation der Triebe 
aufweisen, so daß die sonst infolge ihrer organischen Ver- 
bindung mit anderen Triebregimgen zurücktretenden Äußerun- 
gen eines Triebes sich in krasser Aufbauschung hervordrän- 
gen. Wird ein Knabe am Spiel verhindert, von seinen Ka- 
meraden abgeschlossen, in der Pflege höherer Geistesinter- 



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DIE 8EXÜALTHE0RIE. 55 



essen verkürzt, so muß sein Lebensdrang sich mit außer- 
ordentlicher Wucht der Sexualsphäre zuwenden. Diese Über- 
betonung ist somit hier aufgenötigt, sie ist nicht erste Ur- 
sache, sondern ein Stauungsprodukt, das freilich selbst wie- 
der Ursache wird. In manchen Fällen aber erweisen sich 
die Entwicklungshemmungen als primär sexuell. Wer wollte 
denn leugnen, daß z. B, Sittlichkeitsattentate in nervöse Er- 
krankung treiben können? Die Entscheidung darüber, ob in 
einem bestimmten Falle die das Symptom beherrschende 
Phantasie ursprünglich durch sexuelle Veranlassung 
hervorgebracht, oder ob diese selbst erst durch anders- 
artige Hemmungen bewirkt worden sei, ist dadurch 
erschwert, daß jede starke Beeinflussung eines 
Triebes sich in Vorgängen anderer Triebe gel- 
tend macht. Ähnlich äußern sich sehr viele Erkrankun- 
gen eines Organes in Änderungen des Pulsschlages, der Iris 
und anderen Erscheinungen an anderen Organen. So gibt 
es keine schwere Erschütterung der Persönlichkeit, die sich 
nicht auch in der Sexualsphäre äußert. Die von der Schul- 
psychologie so stiefmütterlich behandelte Psychologie der 
Triebe hat auch für den Psychanalytiker genug Rätsel übrig 
gelassen, so daß von einer abgeschlossenen Sexualtheorie 
heute noch keine Rede sein kann, wiewohl wir ein gutes 
Stück vorwärts gekommen sind. Wir kennen weder die Äuße- 
rungen des Sexualtriebes, noch ihre Zusammenhänge mit 
anderen Lebensäußerungen vollständig. Es war notwendig 
und verdienstlich, daß Freud die Sexualphänomene zunächst 
für sich allein beobachtete, obwohl er dadurch den Schein 
künstlicher Isolierung und Aufbauschimg erregen konnte. 
Dem Zusammenspiel der Triebe innerhalb des psychischen 
Organismus ist deshalb doch sein Recht gewahrt. Freuds 



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56 I. DIB PSYCHANALYSE ALS PSYCHOLOGISCHE METHODE. 

wichtige Entdeckungen auf dem Gebiete der Sexualtheorie 
wäxen ohne seine meisterhafte Beschränkung unmöglich ge- 
wesen. 

Es gibt solche, die mit Jung die Sexualität im engeren 
Sinne fast immer als causa causata der Neurosen betrachten 
und im Widerstand gegen die Erfüllung einer Lebensaufgabe 
ihren eigentlichen Ursprung erblicken. Es gibt andere, die 
mit Adler Sexualität und Liebe überhaupt niemals (I) pri- 
märe Ursachen sein lassen, sondern nur als Nebenerscheinung 
im Kampf um die Selbsterhebung gelten lassen i). In beiden 
Fällen wäre demnach der aus dem Unbewußten aufsteigende 
Sexualwunsch nur metaphorisch zu verstehen, ein bloßes „Als 
ob". Meine eigenen Beobachtungen geben dieser Anschauung 
in keiner Weise recht. Wie ich in J u n g s genetischer Psycho- 
logie starken Hypersexualismus erblicke — sogar Sprache 
und Feuererzeugung will er aus der Sexualität herleiten 2) — , 
so lehne ich seinen Asexualismus gegenüber dem Symptom 
ab. Ich betrachte Störung des Sexuallebens im engeren Sinne 
für eine der weitaus wichtigsten und häufigsten Primärursachen 
speziell der Psychoneurosen. Vollends die Störungen des 
Liebeslebens (verweigerte Zärtlichkeit, Hintansetzung, allzu 
große Strenge, Verlust geliebter Menschen usw.) treiben un- 
endlich oft in Krankheit, doch greifen schwere Störungen 
dieser Art natürlich in andere Triebregungen über. Ich be- 
greife nicht, wie diese sexuelle und erotische Ätiologie ge- 
leugnet werden kann, es sei denn aus innerer Gebundenheit. 

Jedenfalls aber ist der Nachweis geleistet, daß die Psych- 
analyse nicht auf einer bestimmten Sexualtheorie fußt imd 
mit ihr steht oder fällt. Damit ist aber auch diese 



i) Adler, Heilen und Bilden, München 1914, S. 102. 
«) Jahrb. für Psa. Forschungen, IV, S. 197, 205. 



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DEUTUNGEN MIT HILFE DER EINFALLSMETHODE. 57 



allgemeine Abhandlung der Aufgabe enthoben, sich mit ihren 
Einzelheiten, wie sie etwa Freud in seiner Lehre von den 
Partialtrieben, von der Infantilsexualität usw. ausbaute, ab- 
zufinden. Nur auf eine wichtige Einzelheit sei hingewiesen: 
Indem Freud nachweist, daß die der Sexualität im engeren 
Sinne zugewiesenen Energien in kulturell hochwertige Funk- 
tionen eingehen können und sogenannte Sublimierungen zu 
Stande bringen helfen, schafft er kraft seiner dynamischen 
Psychologie die theoretischen Voraussetzungen einer ideali- 
stischen Ethik. Doch damit überschreiten wir schon den 
Rahmen imserer Aufgabe. 

Unsere Besprechung wollte dartun, daß die Psychanalysc 
keinen Makel trägt, der sie des wissenschaftlichen Charakters 
unwürdig machte. Wir möchten nun an einigen einfacheren 
Fällen prüfen, ob es ihr möglich sei, jene ungeheure Lücke, 
die sich die Schulpsychologie beigebracht hat, zu ergänzen, 
mit anderen Worten, ob sie zuverlässiges Wissen über die der 
bisherigen Psychologie verschlossenen Grebiete eintragen 
kann. 



2. Teil: Proben psychanalytischer Arbeit. 

DeataDgen mit Hilfe der Einfallsmethode. 

Unsere Ausführungen wollen keineswegs darstellen, wie 
der Psych analytiker im einzelnen zu Werke geht, auf welchem 
Wege er die ihm entgegentretenden Schwierigkeiten über- 
windet, wie viele gesicherte Ergebnisse er verzeichnen zu 
dürfen glaubt. Wer sich um diese Probleme interessiert, sei 
auf die ausführlichere Darstellung meines Buches verwiesen. 
Hier möchte ich nur an einigen Beispielen prüfen, ob die 



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58 I. DIE PSYCHANALTSE AUS PSTCHOLOGISCHE METHODE. 

psychanalytische Methode den Anspruch erheben dürfe, den 
übrigen psychologischen Methoden als gleichberechtigt bei- 
gesellt zu werden. Zu diesem Zwecke fragen wir, ob sie 
Einblick in Vorgänge gewährt, die dem bisherigen Rüstzeug 
der Psychologie widerstanden, und ob der Grad der Zuver- 
lässigkeit den Anforderungen einer strengen, kritisch ernsten 
Wissenschaft entspreche. 

Ich wähle zu diesem Zwecke einige relativ einfache Fälle. 
Daß sie zum größeren Teil auf kranke Personen zxirückgehen, 
erklärt sich aus meinem Beobachtungsmaterial. Wer von 
einer fast erdrückenden Masse leidender Menschen in An- 
spruch genommen wird, kommt seltener dazu, an gesunden 
analytische Psychologie zu treiben. Immerhin habe ich auch 
Beobachtungen und Experimente an Normalen geschildert. 
Stets ergab sich, daß genaue Analoga pathologischer Pro- 
zesse auch bei ihnen auftraten, so daß die bereicherte Ein- 
sicht in Abnormitäten auch dem Verständnis der Normalen 
zu gute kommt. 

a) Nachtwandeln. 

Auch in Automatismen, die eine uns direkt zugängliche 
psychische Begleitung nicht aufweisen, lassen sich seelische 
Vorgänge zeigen. Eine hysterische Dame meiner Beobach- 
tung pflegte mit zwölf Jahren oft zu nachtwandeln, meistens 
ohne es am Morgen zu wissen. Sie nahm nämlich im Schlafe 
zwei Bilder, die über ihrem Bette hingen, und legte sie bei- 
seite, an den Boden hinter einen Stuhl oder unter die Bett- 
decke, ins Zimmer der Schwester oder sonst wohin, so daß 
sie oft gesucht werden mußten. 

Dichter haben die Somnambulie auf geistige Vorgänge 
zurückgeführt imd daher zum Gegenstand der Psychologie 



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NACHTWANDELN. 59 



erhoben, z. B. Shakespeare in seinem „Macbeth", Jo- 
hanne Spyri in ihrem „Heidi". In unserem Falle verdient 
die Ausführung einer und derselben Handlung in vielen Va- 
rianten Berücksichtigung. Erkundigen wir uns daher nach 
den Bildemi Das eine trug den Titel „Schmarotzer", das 
andere die Unterschrift: „Auf und davon". 

Ich ließ diese Vorstellimgen aufmerksam betrachten und 
verlangte den nächsten, sich ohne Deutungsabsicht einstel- 
lenden Einfall. Die von mir als Eeizworte eingestellten Vor- 
stellimgen setze ich in eckige Klammem; auf sie folgt die 
Beaktion der Analysanden. 

[Schmarotzer] Ein größeres Kind muß einem kleineren. 
Jungen Brei geben. Da wollen die vier anderen Kleinen ihn 
auch haben. Sie gibt ihn aber dem herzigen kleinen Jun- 
gen. [Vorstellen!] Ich kam mir oft als Schmarotzerin vor. 
Ich wußte, daß man lieber einen Jungen statt meiner be- 
kommen hätte. Die Schwester sagte, es wäre schöner, wenn 
ich nicht da wäre. 

[„Auf und davon"] Ein Vögelchen war auf und davon 
geflogen. Die Kinder schauten ihm nach. Ich besaß auch 
ein Vögelchen, an dem ich große Freude hatte. Ich konnte 
nicht begreifen, daß man Freude an den abgebildeten Kin- 
dern haben könnte, ich empfand Mitleid mit ihnen. Sie hatten 
den Käfig heruntergenommen. Ich nahm meinen Käfig nie 
herunter. Als ich einst einen Stuhl auf einen Tisch stellte, 
um den Vogel zu füttern, glitt er aus, die Schwester schrie, 
die Mutter lief herzu und schlug mich so, daß ich aus der 
Nase blutete. 

So weit die Einfälle. Das Kind fühlte sich damals, wie 
ich schon oft von meiner Besucherin erfahren hatte, sehr un- 
glücklich, da man ihm wenig Zärtlichkeit erwies und es 



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60 I. DIE PSYCHANALYSE ALS PSYCHOLOGISCHE METHODE. 



Überaus streng und eng erzog. Es durfte nie auf die Gasse, 
um mit anderen Kindern zu spielen, und fühlte sich sehr 
einsam. Es entfernt automatisch die Bilder, die sein großes 
Leid ausdrücken, daß es als Schmarotzerin betrachtet wird 
imd einem gefangenen Vögelchen gleicht. Die erste Deutung 
ergibt sich sofort aus den Einfällen, in denen sich die Nacht- 
wandlerin mit den Schmarotzern identifiziert und vom be- 
vorzugten Jungen unterscheidet. Die Assoziationen zum 
Bilde vom entwischten Vögelchen führen auf ein gefangenes 
Tierchen, das nicht befreit wird; ja sogar eine Handlung, 
die als Versuch, den Käfig herunterzunehmen, gedeutet wer- 
den könnte, wird grausam unterdrückt. Somit sprechen die 
Einfälle für unsere Deutung, die auch durch die Analyse 
vieler anderer Symptome bestätigt wird. 

Wir wimdem uns wohl, weshalb die Abneigung gegen die 
Bilder im Schlaf zum Ausdrucke kommt. Der Grund war 
leicht zu erfahren: Das Kind durfte nicht zeigen, daß ihm 
die Darstellungen mißfielen. Eine Schwester beneidete sie 
um die Geschenke. Dies war wohl auch der Grund, weshalb 
sie öfters im Schlaf die Bilder ins Zimmer der Schwester 
trug. Dieser kaufte und schenkte sie auch merkwürdiger- 
weise ein Bild, das ihr mächtigen Eindruck machte: Eine 
gefesselte Hexe, ein Opfer des Aberglaubens. Das abgebil- 
dete Mädchen trägt Züge unserer Analysandin. Auch dieses 
Geschenk paßt zu unserer Erklärung des Nachtwandels. Was 
dem Wachbewußtsein der Somnambulen auszudrücken ver- 
sagt wai' und doch gewaltig zur Verwirklichung drängte, 
wurde mit Hilfe des Unbewußten im Schlafe ausgeführt i). 



1) Vgl. dazu das ähnliche Beispiel meines Buches, S. 153. Eine 
psycbanaly tische Monographie über Somnambulismus gibt S a d g e r in 
Freuds Schriften zur angewandten Seelenkunde, Deuticke-Wien, 1914. 



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ABNEIGUNG GEGEN SPEISEN. 61 

b) Unbezwingliche Abneigung gegen eine 
Speise. 

Seit dem elften Lebensjahre konnte unsere 25jährige 
Analysandin Essig nicht mehr genießen, ja nicht einmal mehr 
riechen, wahrend sie zuvor große Liebhaberin des Salates 
gewesen war. Die Abneigung gegen Essig hielt bis zur Ana- 
lyse in hohem Grade an. Der Dame wurde übel, wenn sie 
ihn roch. 

[Essig] Mir wird schlecht davon. Einmal wurde er mir 
verboten, als ich Eisenpillen einnehmen mußte. Nachher 
widerstand er mir. 

[Essig] Ich kann nicht begreifen, daß er gut schmecken 
soll. Er brennt. Es regte mich furchtbar auf, daß man dem 
gekreuzigten Jesus Essig zu trinken gab. Vorher liebte ich 
Essig wie Kuchen. 

[Essig] Einmal machten wir einen Ausflug nach O. und 
aßen Salat, dem fast nur öl beigegeben war. Ich brachte 
ihn fast nicht hinunter. Es war kurz vor Beginn der Pillen- 
kur. Von da an konnte ich Salat höchstens noch mit Zitronen 
schlucken. 

[Der Ausflug] Auf jenem Ausflug kam ich mir schreck- 
lich einsam vor. Meine beiden bedeutend älteren Schwestern 
hatten mannliche Begleitung, ich niemand. Sie waren sehr 
glücklich, ich einsam. Ich wußte kaum, wo ich gehen sollte, 
da jedes Liebesparchen allein sein wollte. Ich sollte immer 
vorausgehen und Blumen suchen. In O. nahm ich sehr viel 
Salat auf meinen Teller und getraute mir nicht, ihn stehen 
zu lassen. Vielleicht hätte ich auch gern Liebe gehabt. Ich 
kam mir sehr einsam vor. Dasselbe Gefühl habe ich, wenn 
Streit mit meinem Manne vorkommt, oder wenn ich glaube, 



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62 I. DIE PSYCHANALYSE ALS PSYCHOLOGISCHE METHODE. 

daß er mich nur äußerlich liebt, nicht geistig. — (Soweit die 
Analy sandin.) 

Von der Erklärung der Aversion sind wir damit noch 
weit entfernt, wenn wir auch — genügende Erfahrung voraus- 
gesetzt — Beziehimgen zwischen Zwangsverbot und Gemüts- 
lage bei jenem Ausflug ahnen. 

In der zweitfolgenden Besprechung wurde das Rätsel ge- 
löst. Die Analysandin erzählte, was sie selbst gefunden hatte, 
als sie sich nachträglich über den Ausfltig besann: „Einer 
der Anwesenden wollte wegen des fehlenden Essigs rekla- 
mieren, die anderen verwehrten es aber, um die Gastgeber 
nicht zu kränken. Dabei wurde gescherzt: ,Zum Ol gehört 
der Essig, wie der Mann zur Frau.* Ich sagte : ,Dann brauche 
ich keinen Essig, denn ich wünsche keinen Mann.* Schließ- 
lich holten die anderen doch Essig, ich nahm ihn jedoch nicht 
an. Damals sagte ich mir oft, ich könne die Männer nicht 
riechen.** 

Sieht es nicht so aus, als wäre die Abscheu vor den Män- 
nern auf den Essig, der durch mehrfache Assoziationsfäden 
mit ihm verknüpft ist, übertragen worden? Wir wagen 
jedoch an eine solche Gefühlsübertragung nicht zu glauben, 
bis wir sie in einer Anzahl anderer Fälle beobachtet haben. 
Und solche stehen ja in beliebiger Menge zur Verfügung, 
wie ja überhaupt alle Hypothesen und Theorien der Psych- 
analytiker an den massenhaft vorkommenden analogen Fäl- 
len nachgeprüft werden können. In meinem Buche habe ich 
(175 — 183) eine größere Anzahl von Beispielen gegeben. Ich 
vermehre sie um ein weiteres Beispiel, das sich durch Ein- 
fachheit auszeichnet: 



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UNFÄHIGKEIT, BLUMEN ZU PBTLÜCKEN. 63 

c) Unfähigkeit, Blumen zu pflücken. 

Ein Künstler bringt es nicht über sich, Blumen, die er 
gern nach Hause nehmen würde, abzupflücken, und zwar han- 
delt es sich besonders um Klee und Herbstzeitlosen. Er 
berichtet: Dieser Tage wollte ich gern eine Blume mit mir 
nach Hause nehmen, aber ich konnte es einfach nicht über 
mich bringen, sie zu pflücken. Herbstzeitlosen gehen noch 
schwerer als Klee." 

[Blumen] Herbstzeitlose? Ein Mädchen. Nicht ein be- 
stimmtes, aber ein liebes. 

[Herbstzeitlose] Der Herbst ist mir die liebste Jahres- 
zeit. Die Herbstzeitlose ist unbeständig. Ich vergaß, was 
wir in der Schule von ihr hörten. 

[Klee] Eina Fee (soll wohl bayrisch sein, da er aus 
München zurückkehrte). Ich muß lachen. Eine Zigeunerin. 
Eine, die mit einer Gesellschaft geht, ist nicht das Edle. 

Zur Erklärung gehört noch folgendes: Der Analysand 
kennt, wie er auf Befragen zugibt, Heines Lied: Du bist 
wie eine Blume. Auch Goethes Lied vom Knaben, der ein 
Röslein stehen sah, ist ihm bekannt. Er weiß auch, daß der 
Volksmund den Ausdruck „Blume" oft ironisch in wegwerfen- 
dem Sinne für Mädchen gebraucht. Zu Anfang der Bespre- 
chung hatte sich der Analysand entrüstet über seinen Bruder 
geäußert, der laxen sittlichen Anschauungen ergeben sei imd 
sich mit wenig hoch stehenden, wenn auch nicht eigentlich 
schlechten Frauen abzugeben im stände sei. Eine „Zigeu- 
nerin", die ihm Eindruck machte, ist die in Hoffmanns 
„Elixieren des Teufels". Gemeint ist jenes Weib, das Eltern 
und Verwandte verläßt, allein nach Rom wandert, um sich 
dem geliebten Maler Francesco hinzugeben und ohne Rück- 



r^onnlp^ Original from 

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64 I. I>I£ PSTCHANALYdE ALS PSYCHOLOGISCHE BIETHODE. 

sieht auf gute Sitte sein Weib zu seini). Dies erzählte er 
wenige Minuten vor der Unterredung, die uns hier beschäf- 
tigt. Es quält ihn, daß seine Neigung noch nie von einem 
Mädchen erwidert wurde; doch fühlte er sich nax5h seinem 
ausdrücklichen Geständnis schon glücklich, wenn er ein ge- 
liebtes Mädchen sah, — Oft leidet er an Todeswünschen. 

Für die Deutung der Zwangserscheinung halten wir ims zu- 
nächst an die assoziierten Einfälle. Dana>ch ist die Blume 
offenbar eine Vertretung für Mäidchen. Beide sieht er gern, 
mit beiden läßt er sich nicht näher ein. Er kann keine 
Blumen pflücken, weil er sich nicht auf unwürdige Weise, 
wie sein Bruder mit leichtfertigen Mädchen einlassen will. 
Die Verdrängung seiner Liebe kommt somit symbolisch in 
seinem Zwangsverbot zum Ausdruck. Die Kleeblüte ist bei 
aller Schönheit etwas, das „mit der Gesellschaft geht", etwas 
Gemeines, Unedles, also ein alltägliches Mädchen, von dem 
er im Gegenslatz zu seinem Bruder nichts wissen will. Die 
Herbstzeitlose erinnert ihn daran, daß nicht Zeit zu lieben, 
sondern für ihn als Lebensmüden eher die Zeit des Sterbens 
wäre. Auch die Unbeständigkeit der Herbstzeitlose stimmt 
zu den Erfahrungen, die er an Mädchen seiner Bekanntschaft, 
besonders der Braut eines Freundes, machte. 

Wir finden somit das Poppelreuter sehe (Jesetz auch hier gut 
bestätigt, indem von der apperzipierten Reizvorstellung „Blume" aus die 
Gesamtvorstellung konstelliert und in den Reproduktionen expliziert wird. 
Unbewußt vollzog sich bei der Entstehung des Zwanges die Grefühlsüber- 
tragung und die Verlötung mit einer Symbolvorstellung, wie im voran- 
gehenden Beispiel von der Abneigung gegen Essig. 



1) Ausgabe des „Deutschen Hauses", 8. 243. 



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HYPNOPOMPISCHER EINFALL. 65 

d) Hypnopompischer Einfall. 

Eine zeitweise in wenig glücklicher Ehe lebende Dame 
berichtet, daß sie vor einiger Zeit wiederholt durch heftige 
Unter leibsschmerzen geweckt wurde. Eines Morgens traten 
die Schmerzen höchst intensiv in der Hand auf. Dazu ge- 
sellte sich beim Erwachen der rätselhafte Gedanke: Diese 
Schmerzen sind dasselbe, wie die Unterleibsschmerzen. 

Dies ist die Tatsache. Ich wäre nun sehr gespannt darauf, 
was ein Gegner der Psychanalyse mit ihr anfangen würde, 
um sie zu erklären. Die Dame könnte ihm nicht helfen, denn 
sie steht vor einem absoluten Rätsel. Sie verhält sich übri- 
gens zur Analyse äußerst negativ und versichert einmal übers 
andere, daß sie ihr nicht den geringsten Glauben schenke. 
Ich hielt mich einfach an Freuds Regel. 

[Die Schmerzen in der Hand] Sie sind mir vollständig 
unerklärlich. [Nochmals die Schmerzen in der Hand] Ich 
weiß durchaus nicht, was ich mit ihnen anfangen soll. 

[Beschreiben Sie diese Schmerzen] Nun ja^ sie waren 
eben da. 

[Schmerzte die ganze Hand?] Nein, nur der innere Teil, 
der Handteller. 

[Stellen Sie sich ihn vor] (Nach längerem Besinnen, zu- 
erst lächelnd, dann mit dem Ausdruck höchsten Erstaunens, 
imruhig:) Jetzt denke ich an eine Szene, die vor Jahren 
passierte. Ich ging zum Spaß mit meinem Manne zu einer 
Wahrsagerin, die aus den Handlinien die Zukunft angeben 
wollte. Da sagte sie: „Ihr Mann hat keine normale Herzens- 
linie." In der Tat weist bei ihm die obere der beiden Hand- 
linien, die sogenannte Herzenslinie, eine auffallende Anomalie 

Dr. Pfiiter, PsjohaiuUyM. 6 



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06 I* I>IB PSYCHANALT8E ALB P8TCII0L0GISGHB MCTHODe. 

auf. (In Tränen ausbrechend:) Das ist's ja eben, mein Mann 
kann mich nicht lieb haben, er hat kein Herzl 

Dio Analysandin erkannte sofort den Zusammenhang zwischen leib- 
lichem und seelischem Schmer?, und der Sinn des hypnopompischen Ein- 
falls war ihr kein Rätsel mehr. Für den Psychologen freilich bleiben 
noch genug ungelöste Fragen übrig, besonders wenn wir noch hinzunehmen, 
da0 die Frigidität, unter der die Ehe der Analysandin bisher gelitten 
hatte, am Tage der geschilderten individualhistorischen Untersuchung ein 
Ende nahm. Wir treten darauf nicht weiter ein. Es handelt sich ft>r- 
läufig für uns ja nur um die Frage, ob die Psychanalyse mit Hilfe der 
Reproduktionsmethode seelische Zusammenhänge jenseits des Bewußtseins 
aufdecken könne. Die feineren Determinanten, die in allen mir g^nan 
bekannten Fällen bis in die Kindheit lurückgehen, lassen wir in den hier 
gebotenen Fällen weg. 

e) Ein Traum über vorgeschriebene Gegen- 
stände. 

Anwesend waren ein Kervenarzt, zwei Theologen und zwei 
Psychologen, von denen der eine die Hy^mose vornimmt, der 
andere als Versuchsperson dient. Letzterem, der sich guter 
Grosimdheit erfreut, erteile ich den Auftrag, zu träumen über 
die Vorstellungen: Schreibmaschine, Soldat \md 
Schwester. Er bleibt ungefähr zehn Minuten in einem 
^erleuchteten Zimmer und erwacht bei mäßig lautem Zuruf 
mit den Zeichen leichten Schreckens. ' 

Sofort berichtet er: „Sie haben einen hypnotisch wirkenden 
(arabischen) Wandteppich im Zimmer. Das Bauschen der 
Gasflamme rief die Vorstellung des Meeres hervor. Ich sehe 
mich mit meinem Freunde Otto L., der vor einem Jahre fiel, 
ftuf der Ayescha, der zweiten ,Emden*. Wir fahren über 
eine kolossal bewegte See. Es ist ganz finster. Das Schiff 
fährt hart an Felsmauem, die zur Rechten sind, vorbei, wo- 
bei Stücke von Geländer abgerissen werden. Dann höre ich 



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TBAUM ÜBER VOBOESCHRIEBKNE OEOENSTANDE. 67 



plötzlich, wie jemand sagt: ,X. (Rufname des Freundes), 
nimm dich in acht!* Ich sehe meinen Freund in Feldgrau 
vor mir zur Rechten, daa Gewehr bei Fuß in der Hand. Er 
hat ein braunes Gesicht. Ich sehe die silbernen Unteroffiziers- 
tressen an seinem Kragen. 

Plötzlich habe ich eine banale Illusion, die mich an furcht- 
bar abgeschmackte Ansichtskarten erinnert. Aber schreiben 
Sie dies nicht auf! Ein Krieger steht auf der Wacht, über 
ihm erscheint im Nebel seine Frau mit den Kindern, oder 
die Braut, oder sonst jemand, den er wie in einem Gesichte 
erblickt, und daneben steht ein banaler Vers. Im Traume 
sah ich auch eine Illusion, die aber ganz anderen Inhalt 
hatte : Ich sah nämlich vor mir auf dem Schiffe einen Schild 
mit der Inschrift , Smith Premier*. Ich erinnere mich, daß 
dies eine Schreibmaschinenfirma sei. Ich habe den SchiM 
vor mir bis zum Ende des Traumes. Das Schiff fährt immer , 
weiter, es ist kolossal stürmisch. 

Plötzlich schlägt ein Gong zum Mittagessen. Ich merke, 
es ist die große Glocke des nahen Kirchturms, auf der es 
soeben 9 Uhr schlägt. Trotzdem habe ich die Vorstellung, 
es läute zum Essen. Jetzt sehe ich meinen Freund nicht 
mehr. Damach gehe ich in die Kajüte. Dort sitzen Vater 
und Mutter an einem kleinen Tisch. Sie essen irgend etwas 
einfaches, ein frugales Mahl, Suppe oder so etwas. Ich komme 
herunter und sehe sie da sitzen. Das ist alles.** 

Man sieht sofort fünf äußere Traumquellen, die im 
Traume zusammenfließen: Wandteppich, Gasflamme, Soldat, 
Schreibmaschine, Glockenschlag. Eine gewünschte Traum- 
quelle scheint versagt zu haben: Die Schwester. Damit ist 
aber nichts gewonnen. Warum verwertet der Träumer Gas- 
flamme, Teppich, Glocke, warum nicht andere Umgebungs- 

6» 



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6S I- DIE PSYCHANALTBE AL& PSYCHOLOGISCHE BiETHODE. 



bestandt-eile? Was will der Traum? Ich bitte alle Psycho- 
logen, die der Psychanalyse mit einem Gefühl so hoher Über- 
legenheit gegenüberstehen, um Aufschluß. Allein sie ver- 
sagen. 

Wir wenden daher die Eiufallsmethode an. 
[Freund Otto auf der „Ajescha"] Ich kaufte und las vor eini* 
gen Stunden großenteils Mücke s Buch über seine wun- 
derbar kühne Fahrt in der kleinen Nußschale. 
[Otto L.] Einige Stunden vor dem Traume meldete mir ein 
Brief, steine Mutter glaube, er lebe noch in der Gefangen- 
schaft. Ich sehe ihn vor mir in seiner feldgrauen Uniform. 
Ein Soldat auf einem Reklameplakat für Kolapastillon. 
Dort, wo ich es sah, mußte ich oft auf die Straßenbahn 
warten, wobei ich das Plakat betrachtete und mir vor- 
stellte, so sehe jetzt Freund Otto in Feldgrau aus. Er 
war mein ständiger Begleiter auf meinen Bergtouren. 
Sein Tod geht mir sehr nahe. Jetzt bin ich auf mich 
selber angewiesen. 
[Kolossal bewegte See] Die Stürme, die Mücke erlebte, das 

Wunder, daß er davonkam. 
[Felsmauem zur Hechten] Wie auf einem Bilde in meinem 

Wohnzimmer. 
[Bröcklige Mauern] Morsch, sehr gefährlich für ein kleines 

Schiff. 
[Stücke vom Geländer abgerissen] Der Anfang des Unter- 
ganges. 
[Jemand sagt: X., nimm dich in acht!] Meine Schwester 

wird es gewesen sein. 
[Nimm dich in acht] Dies wird sie sicher oft gesagt haben, 
wenn ich an gefährlichen Orten ging, z. B. als ich mit 
vier bis fünf Jahren an einer abschüssigen Stelle des 



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TBAUM OBKB yOBOESCHBIEBENE GEGENSTÄNDE. 60 

Weges vorbeiging. Die Schwester ist zehn Jahre älter 
alB ich. Meine Mutter erzählte, die Schwester habe mei- 
netwegen mehr Sorge getragen, als sie selbst. 

[Der Freund in Feldgrau] Wieder der Soldat auf dem Pla- 
kat. Ein gesünder, kräftiger Kerl mit Unteroffiziers- 
litzen; er sieht aus wie ein Soldat, der offenbar gewal- 
tige Anstrengungen hinter sich hat und Eolapastillen 
nimmt. 

[Die banale Illusion] Die gefühlsduselige Ansichtskarte, auf 
der ein Krieger Weib und Kinder sieht, dabei die In- 
schrift: „Des Kriegers Sehnsucht" oder solcher Unsinn. 

[Der Schild mit der Inschrift „Smith Premier"] Er schwebte 
in der Luft. Das Schiff fuhr auf ihn zu. 

[Smith Premier] Eine Schreibmaschinenmarke, die ich weiter 
gar nicht kenne. Der Name ist eine Banalität. Schmid 
oder Schmitz der Erste. Viele Deutsche im Ausland 
haben ihre Namen umgewandelt, z. B. Schmied in Smith. 
Meine Mutter ist eine geborene Schmitz. Eine Remington- 
schreibmaschine. Die sie erstellende Firma macht mit 
ihrer Neutralität, in der sie Waffenlieferungen ablehnt, 
sehr geschickt Reklame. Eine solche sehe ich immer, 
wenn ich auf mein Konsulat gehe. 

[Smith Premier] Es ist ein weißer Schild in dunklen 
Wolken. Ein Schild, wie ihn Kriegervereine vorantragen. 
Will „Premier" besagen, daß die Firma die beste sei, oder 
nur diese Marke? 

[Smith Premier] Ich habe den Eindruck, diesi sei eine 
amerikanische Firma. Vielleicht ist der Kerl, der Fabri- 
kant, ein Deutscher, der seinen Namen umgeändert hat. 

[Ein Gong schlagt zum Mittagessen] Der Ton der Kirchen- 
glocke. Wo ich wohne, ruft eine nervös machende elek- 



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70 I* DIE PSVCHANALTSE ALS PdYCHOLOOISCUE METHODE. 

trisohe Glocke zum Essen. Ein sofort schweigender Gong 
weckt die Vorstellung, die Leute sitzen schon beim Essen. 
Ich schlug daher jüngst die Anschaffung eines (Jongs vor. 
[Zum Mittagessen] Es läutet gewöhnlich, wenn ich psycho- 
logische Versuche anstelle. Meine Versuchsperson macht 
keine Miene, fortzugehen, ich muß sie beinahe gewaltsam 
verabschieden. Hier ißt man früh, zu Hause aß man um 
9 Uhr EU Abend. 
[Ich sehe meinen Freund nicht mehr] Das Interesse an ihm 
ist weg. Vielleicht fiel er in den See. Ich interessieire 
mich auch weiterhin nicht dafür. 
[Damach gehe ich in meine Kajüte] Wenn ich kürzlich über 
den See fahren mußte und es rauh war, begab ich mich 
in die Kajüte. 
[Vater und Mutter an einem kleinen Tisch] Eigentlich der 
kleine Tisch in meiner Pension. Er ist im Traume noch 
nicht einmal weiß, sondern farbig gedeckt, wiewohl das 
Mittagessen stattfinden soll. 
[Ein frugales Mahl] Meine Eltern leben überhaupt sehr ein- 
fach. Das ist das Zweckmäßigste, es erhält die Gesund- 
heit. 
[Ich sehe die Eltern dasitzen] Nur sie. 

Nach Sammlung der Reaktionen erklärte der Träumer, 
den Sinn des Traumganzen und der Einfälle nicht zu ver- 
stehen. Versuchen wir daher, die disjecta membra möglichst 
einfach zu vereinigen! 

Der erste Traumteil redet von stürmischer, gefährlicher 
Fahrt mit einem im Kriege gefallenen Freunde. Der zweite 
von dem vorschwebenden Schild einer Schreibmaschinen- 
firma, die für den Träumer im Verdachte steht, sich ihres 
Deutschtums entledigt zu haben. Der dritte Traumteil redet 



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THAUM Ober voroescuriebene gegenstände. 71 



von der Heimkehr ins Elternhaus. Dies paßt auch zur Situa- 
tion des Traumers, der sich in Wirklichkeit am nächstfol- 
genden Morgen der Militärbehörde stellen muß und befürch- 
tet, trotz eines gefährlichen Organleidens feldtauglich er- 
klart zu werden, wa» wohl seinen frühen Tod zur Folge haben 
könnte. Der Kampf zwischen Patriotismus und Selbsterhal- 
tung kommt im Traume zum Ausdruck. 

Die gefährliche Meeresfahrt erinnert ihn an den als Held 
umgekommenen Freund und an Kapitänleutnant Mücke, die 
ihm beide Bewunderung einflößen und ihn zur Nachahmimg 
ats Soldat einladen. Anderseits schreckt ihn die Todesgefahr 
(Felsmauem zerstören bereits das Geländer, Anfang des Un- 
terganges, der Brief, der von Ottos Errettung spricht, hegt 
trügerische Hoffnimg). Auch die Strapazen des Kriegsdien- 
stes stoßen ihn ab (das braune, gesunde Gesicht des Freun- 
des; das der Versuchsperson ist blaß); der gewaltig ange- 
strengte Soldat, der sich durch Kolapastillen stärkt, geht 
auf den Träumer; das Los des Gemeinen ist noch schlimmer 
alsr das des Unteroffiziers. Eine Stimme aus der Kinderzeit 
(Schwester) warnt ihn vor der Gefahr; der Träumer re- 
grediert angesichts der vorhandenen Schwierigkeit ins In- 
fantile, wobei er nicht eine kühn bestandene Gefahr, sondern 
eine Warnung und Aufforderung zur Vermeidung der gefähr- 
lichen Situation aufgreift. 

Der zweite Teil wird bei der Analyse von vornherein als 
banal eingeführt. Die Sehnsucht nach Weib, Kind, Braut 
wird als geschmacklose Gefühlsduselei abgebildet (Ansichts- 
karte). Wir verstehen die Unterbrechung der Traumerzählung : 
Ein Motiv, dessen sich der Träumer schämt, gelangt zur 
Darstellung. Aus dem manifesten Inhalt, dem Schild, ist 
die^ nicht ersichtlich, wohl aber aus den Einfällen, die den 



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72 I WE PSYCHANALYSE ALS PSYCUOLOOISCilE METHODE. 



Sinn der Traum Vorstellung verraten. „Smith Premier** er- 
innert an Deutsche, die im Ausland ihren Namen änderten; 
die Mutter des Träumers trägt auch einen Namen, der abge- 
äadert wurde und (ich weiß nicht, ob angeblich oder wirk- 
lich) auf denselben Namen, wie derjenige der Schreib- 
maschinenfirma Smith zurückgeht (Schmitz wie Smith aus 
Schmied entstanden). Offenbar trägt der Träumer insgeheim 
imd ohne es zu wissen in sich den Wtmsch, auch ein solcher 
„Smith" zu werden, d. h. sich in neutralem Lande für immer 
niederzulasisen. Sein vom Meer und den Felsen mit Unter- 
gang bedrohtes Lebensschiff steuert im Traume auf dieses 
vorschwebende Ziel (Schild) zu. Dazu paßt auch der sekun- 
däre Einfall „Remington", womit ebenfalls die kluge Neutra- 
lität angedeutet wird. Die reklamehafte Anpreisung dieser 
Neutralität tritt dem Träumer gerade dann entgegen, wenn 
die Einstellung ins Heer am brennendsten für ihn wird, näm- 
lich auf dem Wege ins Konsulat. Übrigens rühmt er sich 
auch, in Geschäftssachen glücklich und rücksichtslos zu sein, 
was nach den Einfällen mit der übrigens vornehmen Firma 
Remington ebenfalls übereinstimmen soll. (Ein Vorwurf gegen 
die berühmte Firma ist damit nicht ausgesprochen.) Der 
Schild erscheint auf dunklem Hintergrund, er leuchtet her- 
vor. Was der Einfall vom vorangetragenen Schild der Krieger- 
vereine bedeutet, wird uns nun klar: Er enthält ein formales 
Band zwischen den an sich disparaten Vorstellungen „Patrio- 
tismus" und „Schild", denn beide sind im Bilde des schild- 
tragenden Kriegervereines zusammengefügt. Die Einfälle zu 
„Premier" deuten an, daß das im Namen „Smith" angedeutete 
Ziel der Neutralität für ihn das beste sei, und zwar entweder 
das in der augenblicklichen Lage beste („Marke") oder das 
überhaupt beste (auf die Firma bezogen). 



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THAüM Ober vorgeschriebene geoenstInde. 73. 



Auch diese Phantasie kann der Träumer nicht annehmen, 
da seine Heimatliebe ihn von der Expatriierimg zurückruft. 
Sehr geschickt benützt er den äußeren akustischen Reiz, um' 
eine neue Löstmg zu versuchen. Der Schallreiz löste, wie 
ich einige Tage später erfuhr, zuerst den unltistbetonten Ge- 
danken aus: „Nun kommt noch diese Störung I" Dann aber 
verwertet er mit erstaunlicher Geschicklichkeit den Reiz zu 
Gunsten seiner Absichten: Der Glockenschlag erinnert ihn 
an das Essen, das zur angegebenen Stunde zu Hause statt- 
fand, und an den Ruf zur Mahlzeit, von dem er kürzlich 
sprach. Er behält jedoch das frühere Bild von der Schiff- 
fahrt bei und versetzt sich einfach in die Kajüte, indem: 
er dabei ein reates Erlebnis der jüngsten 25eit miteinf licht r 
Den Rückzug in die Kajüte bei rauhem, schlechtem Wetter. 
So zieht er sich aus der Absicht, sich neutral machen zu 
lassen, zurück, und zwar mit einer gewissen Gewaltsamkeit, 
wie bei der Verabschiedung seiner seßhaften Versuchsperson, 
die förmlich hinauskomplimentiert werden muß. Er will in 
seine Heimat zurückkehren, aber nicht als gefährdeter Krie- 
ger, sondern als friedlicher Sohn und Bürger. Daß er dabei 
vom kriegerischen Freund nichts mehr wissen will, ja ihn 
sogar vielleicht über Bord fallen ließ, wundert uns nicht 
länger. 

Noch fehlt die Deutung einiger Einzelheiten. Warum 
wird vom Mittagessen geträumt, wo doch der 9 Uhr-Schlag 
eher da6 Nachtessen induzieren sollte? Warum ist der Tisch 
nicht, wie zu Hause, weiß gedeckt? Warum ist daa Essen, 
von dem geträumt wird, so primitiv? Wir holen dalier 
einige Tage später noch mehr Einfälle zu Hilfe: 
[Die Decke] Es war die meines Arbeitstisches. Sie ist farbig. 

Ich sah sie schief hängen, wie oft an meinem Arbeitstisch» 



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74 I* DIB PSYCUANALTSE ALS PSYCHOLOGISCHE METHODE. 



£Mittage88en, statt Abendessen, wie zur Zeit des Glockeu- 
schlages] Vor einigen Wochen befand ich mich in den 
Ferien. Ein Gong rief uns immer zum Mittagessen. 
Abends waren wir nicht in imseren Zimmern und ach- 
teten deshalb auf den Gong nicht. Die Verpflegung war 
schlecht, es gab nicht einmal genug zu essen. Dagegen 
war der geistige Verkehr entzückend. Mit meinem 
Freunde, beinahe dem einzigen, der nicht fiel oder an 
Krankheit starb, sowie seiner reizenden, geistig hoch- 
stehenden jungen Frau stand ich in ungeheuer anregendem 
Verkehr. 

Der Sinn des Traumes lautet somit: Aus der bestehenden 
Todesgefahr will ich mich nicht retten, indem ich auf Ver- 
leugnung meines Deutschtums in einem neutralen Lande zu- 
steure, sondern ich wünsche, als friedlicher Mann in die wenn 
auch noch so einfachen Verhältnisse des Elternhauses zurück- 
zukehren, um dort wiseenschaftlich zu arbeiten und anregen- 
den geistigen Verkehr mit Freunden und einer reizenden geist- 
vollen Freundin (oder Gattin) zu gewinnen. 

Man beachte die Traumarbeit : Was haben Soldat, Schreib- 
maschine imd Schwester gemeinsam? Und doch werden sie 
in der Traumphantasie überaus geschickt verbunden, ja es 
werden sogar gegenwärtige Sinneseindrücke (Teppich, Gas- 
licht, Glockenschlag) außerordentlich glücklich zum Ausbau 
der Phantasie benutzt. Die Gasflamme versetzt aufs Meer, 
der arabische Teppich nach der Ayescha, die nach Arabien 
fuhr. Sinnesreize und frische Erinnerung gravitieren zuein- 
ander. Ohne die packende Lektüre des Buches von Mücke 
hätte der Träumer kaum gerade jene Sinnesreize zum Traum- 
bild verwendet und dem symbolischen Ausdruck seiner ge- 
heimen Wünsche dienstbar gemacht. Man sieht, daß im 



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TRAUM Ober vorgeschriebene gegenstände. 75 

Poppelreuterschen Gesetz nicht nur au Vorstellungs- 
einheiten, sondern a4ich an iutcutionale (determinierende 
Tendenzen) zu denken iet. 

üneere Deutung wird durch eine nachträgliche Erinne- 
rung bestätigt: Der Traumer war nämlich für kürzere Zeit 
nach Zürich gekommen, um die Ausübimg der Psychanalyse 
zu erlernen. Trotzdem ließ er sich die Ausweisschriften kom- 
men, um ganz dem Konsulate zu unterstehen und leichter 
militäxfrei zu werden. Dabei fühlt er sich als guten und 
begeisterten Patrioten, der nicht aus Feigheit, sondern ledig- 
lich wegen seiner lebensgefahrlichen Organerkrankung dem 
Militärdienst entrinnen will. Auch diese Einstellung wird 
vom Traume vollkommen bestätigt (Mücke, Freund Otto, 
der pastillenessende Soldat). 

In der auf den Traum folgenden Nacht trä.umte unser 
Analysand, alle seine im Felde gefallenen Freunde stehen 
vor ihm. Es wird nicht nötig sein, den Sinn dieser Phantasie 
anzugeben. 

Der Traumauftrag wurde sehr glücklich gelöst: Soldat 
and Schreibmaschine kommen im Traume vor, die Schwester 
ebenfalls, wenn auch nur latent, in einer Wamimg, die für 
sie charakteristisch war und vortrefflich in die gegenwärtige 
Situation paßt. 

Für die Traumtheorie ergibt sich die Vermutung, die 
durch viele andere zu bestätigen ist: Sowenig im Traume 
bloße Reproduktionen wirklicher Erlebnisse ohne Beziehung 
auf Gegenwartswünsche vorkommen, sowenig treten reine 
Ausführungen erteilter Befehle ohne Verflechtimg mit Eigen- 
interessen auf. 

In methodischer Hinsicht erfüllt unser Vorgehen voll- 
kommen eine Forderung, die von schulpsychologischer 



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76 I. DIB PSYCHANALYSE ALS PSYCHOLOGISCHE METHODE. 

Seite häufig, aber in unrichtiger Weise erhoben wird: 
Diejenige der sofortigen Niederschrift beim Erwachen. So 
verlangt Ziehen^) mit Lazarus, daß man Papier und 
Bleistift vor dem Einschlafen bereit lege, um sogleich mit 
der schriftlichen Fixierung bei der Hand zu sein. Wie ver- 
kehrt die Ansicht ist, daß man so die beste Gewähr für 
richtige Wiedergabe erhalte, beweist schon die Tatsache, daß 
ein Traum beim Erwachen gänzlich vergessen sein kann, wäh- 
rend er sich im Laufe des Tages mit voller Deutlichkeit ein- 
stellt. Femer ergeben oft alte Träume eine gänzlich sichere 
Deutung, während einzelne rezente nicht unzweideutig aus- 
zulegen sind. 

f) Ein Experiment über hypnotische und 
posthypnotische Symbolsprache. 

Li derselben Sitzung wird die Versuchsperson, der wir 
den eben analysierten Traum verdanken, nochmals in Hypnose 
versetzt, und zwai* noch vor der Traumanalyse. Nach einigen 
Minuten des Schlafes wird sie gemäß vorangehender Verein- 
barung durch einen Händedruck veranläßt, die Augen zu 
öffnen, um einen vorgehaltenen Zettel zu lesen. Ich halte 
ihm ein Blatt hin mit der Inschrift: „Herr Dr. O. (der \mter 
uns weilt) ist ein ganz gemeiner Kerl, der eine wissenschaft- 
liche Fälschung begangen hat. Sie drücken ihm sehr fein 
Ihre Verachtung aus, nicht offen, denn es schickt sich nicht. 
Sie vergessen, daß Urnen dieser Befehl erteilt wurde.** Nach 
einigen Minuten des Schweigens beginnt die Konversation, 
die rasch lauter wird imd endlich den Schläfer weckt. Der 
ganze Versuch dauerte etwa eine Viertelstunde. 

Er berichtet: „Ich hatte eine tolle Phantasie. Ich be- 



1) Leitfaden der phys. Psych., S. 255. 



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HYPNOTISCHE SYMBOLSPRACHE. 77 



finde mich am Niagarafall, und zwar höre ich ihn zunächst 
nur, dann sehe ich ihn auch. Ich befinde mich an seinem 
Fuße, dort, wo er in den See hinunterstürzt. Die herunter- 
fallenden Wassermassen ziehen immer das Faß an, auf dem 
ich sitze. Es dreht sich immer. Ich klajamre mich mit 
dem linken Bein fest daran an, ganz fest. Plötzlich sehe 
ich am Ufer eine merkwürdig gekleidete Frau stehen. Sie 
hat eine altmodische Kleidung an, wie man sie vor viel- 
leicht 20 Jahren trug, mit bauschigen Ärmeln, umfangreich, 
grotesk. Ich habe den Eindruck, daß sie furchtbar lacht, 
weil ich auf dem Faß sitze. Jetzt spüre ich, daß ich durch 
die Drehung des Fasses vollkommen durchnäßt bin, und spüre 
die Kälte auf meinem ganzen Körper. Das Faß treibt immer 
weiter, ich mit dem Rücken voran. 

Ich befinde mich plötzlich an der Kante eines zweiten 
Falles, der noch tiefer hinunterstürzt. Ich wehre mich gegen 
ihn. Plötzlich stürze ich kopfüber hinterrücks in die Tiefe. 
Es schadet aber gar nichts, denn ich treibe mit dem Faß 
fröhlich weiter. 

Jetzt beginnt einer vom Ufer aus, auf mich zu schießen, 
während ich auf dem Fasse sitze. Das geniert mich aber 
nicht. 

Dann treibe ich auf einen mitten aus dem Flusse hervor- 
ragenden Felsen zu. Auf ihm steht Herr Dr. O. Er ist 
gerade im Begriffe, sich zu entkleiden. Er hat eine furcht- 
bar große Nafie und wehende Haare. Er gestikuliert furcht- 
bar mit den Armen. Ich glaube, er hält eine Rede über die 
Mission des Judentums oder dergleichen. Er trägt einen 
Kneifer und gestikuliert in der Luft herum, als ob ein paar 
tausend Menschen da wären. Es ist aber niemand da außer 
mir. Ich treibe mit dem Fasse an dem Felsen vorbei. Er 



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78 I. DIE PSYCHANALYSE ADS PSYCH0L00f8CH£ METHODE. 

brüllt iqimer noch eine große Bede, die mir furchtbar albern 
vorkommt. Ich lache ihn höhnisch überlegen an. Es stört 
ihn gar nicht, er gestikuliert immer weiter mit Armen und 
Beinen. 

Plötzlich isft das Bild weg. Ich sitze in einer Höhle. 
Darin sitzen drei junge Leute. Vor sich haben sie ein großes 
Buch, wie in einem Geschäft. Sie radieren fortwährend. Es 
ist ganz dunkel, als wenn sie sich scheuten, daß es einer 
sehe. Dies wax mein Traum." 
[Wir wollen jetzt die Einfälle siammeln] Ich habe keine 

Lust dazu. (Den Grund werden wir später einsehen.) 

Nach einer Weile beginnt er, obwohl scheinbar völlig 
wach und frei, in gereiztem Tone zu Dr. 0. zu sprechen: 
„Ihr Zimmer ist eine dreckige, widerliche Höhle, wie eine 
Falschmünzerhöhle, eine Spelunke. Vielleicht sehe ich es 
zu schwarz an. (Zu mir:) Sie brauchen nicht alles zu pro- 
tokollieren, ich bin kein Verbrecher, der verhört wird. (Zu 
Dr. O. :) Hören Sie, die Geschichte in M. — ich wilFs Ihnen 
sagen, daß Sie sich da nicht korrekt benommen haben ! (Dr. 0. : 
So, wirklich?) 

Heute sah ich ein Hundertfrankenstück in Gold. (Zu 
Dr. O. :) Haben Sie auch schon eines gesehen? Man hat 
ein kolossales Risiko, man weiß nicht, ob es echt ist. Hat 
T., Ihr Freund, das Geld bekommen? Bei den Russen weiß 
man nicht, was dahinter steckt. (Dr. O. war Russe.) Herr 
Doktor, Sie können ein glatter Hochstapler sein, man weiß 
nicht, wie. Wisisenschaitlich werden Sie sich wohl anstän- 
dig benehmen. Verzeihen Sie! Die Leute müssen, wenn sie 
zu Ihnen kommen, den Eindruck bekommen, es sei chick, 
inan »ehe die Persönlichkeit, wenn man nicht weiß, was 
dahinter steckt. Sie haben eine schreckliche Unordnung auf 



C^ f\n n 1 i> Orf g f n a I f no m 

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HYPNOTISCHE STMBOLSPRACHB. 79 



Ihrem Zimmer! Ich könnte mir wohl vorstellen, daß ein paar 
Bomben dahinter stecken I Herr Dr. L., erzählen Sie etwas 
von der Analyse meiner Kr}T)tolalie I (Es geschieht, plötzlich 
nnterbricht die Verstichsperson :) Dr. 0., haben Sie mir heute 
antelephoniert? Sie sind doch ein schrecklich unzuverlässiger 
Mensch, Sie werden es zugeben! Dies ist zuverlässig ein 
Symptom. Nichts für \mgut! Ich ärgere mich über so etwas.** 
So geht es noch eine Weile recht grob und unmanierlich 
weiter; plötzlich wie durch innere Erleuchtung zu mir: 

„Sagen Sie: Sollte ich Dr. O. eine Grobheit sagen? Was 
ich sagte, war aufgetragen? (Ich schweige.) — Die Höhle 
im Traume. Was taten die Menschen? Sie radieren. Ra- 
dieren Sie, Herr Dr. O. ? Ich bat Sie kürzlich um einen Radier- 
gummi. Sie konnten ihn aber nicht finden. Dais Groteskeste 
ifit die Büste in Ihrem Zimmer: Ein Goethe taucht wie eine 
Insel auf aus dem Chaos, neben dem Kochapparat! Haben 
Sie mit Creld zu tun? Ich möchte Sie in Zusammenhang 
bringen mit dem Hundertdollarstück. (Dr. 0.: Ich bekomme 
Geld von zu Hause.) Merkwürdig! (Zu mir:) Haben Sie mir 
etwa gesagt, Herr Dr. O. sei ein Falschmünzer? Ich habe 
von ihm dieeen Eindruck." 

Hier schlug ich nochmals die Analyse vor, die sogleich 
durchgeführt wurde. Der Anfang kann hier nicht ausführ- 
lich wiedergegeben werden. Immerhin seien die wichtigsten 
Einfälle genannt. 

TNiagarafall] Viel kolossaler, als die blödsinnigen Wasser- 
fälle der Schweiz. („Negative Übertragung*', ich soll ge- 
ärgert werden.) Das heißt, ich sah ihn noch nie. Schade, 
daß man ihn zum größten Teil wegnahm für ein Elektri- 
zitätswerk. Ein Roman: „Der gefesselte Strom", von 
Stegemann. Wie der Held dieser Dichtung mit Auf- 



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80 I. DIE PSYCHANALYSE AI& PSYCHOLOGISCHE METHODE. 

bietung seiner ganzen Kraft und seiner Umgebung zum 
Trotz den Kheinfall in ein Elektrizitäts'werk umwandelt. 
Wie er fertig ist, geht er an ihm zu Gnmde, er verliert 
sein geliebtes Weib, seine Braut, sein ganzes Glück und 
steht mit leeren Händen da. Deshalb nimmt er sich 
dati Leben. 

•"Das Faß] Zwerg Perkeo am Heidelberger Faß. Mein Traum- 
faß ist demgegenüber lächerlich klein. [Faß] Wein. Man 
nennt den heurigen Jahrgang Milliardenwein. Man be- 
hauptet fälschlich, die deutschen Milliarden für das 
Kriegsanleihen existieren nur in der Einbildung. [Faß] 
Ein Witz von einem korpulenten Professor, dem die Stu- 
denten an die Tafel schrieben, er sei ein Faß. Er vertei- 
digte sich: Ein Faß ist von Reifen umgeben, ich von 
Unreifen. Übrigens ist er trotzdem ein Pedant mit Scheu- 
klappen, ähnlich wie Dr. 0. 

^Die altmodisch gekleidete Frau] Meine Versuch8i)er8on 
sprach von einer alten Jungfer, bei deren Mutter er wohnt. 
Sie repräsentiert für ihn den Typus der öffentlichen 
Spießermoral. Ihm träumte, er werde seine Liebe durch- 
setzen, trotz aller Nörgeleien, seine Tante stehe dabei und 
lache höhnisch. 

-[Kante des zweiten Falles] Ich will mich festklammern. Die 
Wasser stürzen nicht so tief, wie beim ersten Fall, ich 
höre auch kein Getöse. Ich bin plötzlich unten. [Der 
zweite Fall] Ein gefallenes Mädchen. Die meisten Mäd- 
chen, nein, das ist zuviel, aber sehr viele Mädchen sind 
gefallen. Es gibt solche, die nach außen hin anständig 
aussehen, und es doch nicht sind. Ein Ministerpräsident, 
der für sehr fromm galt, verkehrte im Zirkel einer zwei- 
felhaften Dame. Der erste Mensch, der in einem Fasse 



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HYPNOTISCHE SYMBOLSPRACH B. gl 



den Niagarafall hinunterfuhr, war eine Frau. Sie kam 
glücklich hinunter. 

(Das Folgende ist ausführlich wiedergegeben.) 

[Der Schütze vom Ufer aus] Ich weiß nicht, wer. [Der 
Schütze] Groß, er hat eine gewisise Ähnlichkeit mit Ihnen. 
Den Bart hat er von Ihnen. Er steht ganz ruhig, über- 
legen da, wie wenn er auf Tontauben schießen würde, 
nicht auf mich. Ich habe die Tendenz, gegen die Schie- 
ßerei zu protestieren, er trifft mich aber nicht, deswegen 
werde ich ihm gegenüber ganz ruhig. (Nachträglich:) Er 
scheint mehr auf das Faß, als auf mich zu zielen. 

[Der Felsen im Fluß] Ganz spitz, so daß man kaum darauf 
stehen kann. Dr. O. kann kaum auf einem Beine auf der 
schmalen Zacke stehen. [Felszacke] Solche gibt es an 
der Meeresküste. In einer Kinovorstellung sah ich einen 
Fischer, der am Meeresufer über spitze Steine läuft. Seine 
Frau will sich ins Meer stürzen, da er sich mit einer 
anderen einließ. Er hat dieser jedoch bereits entsagt 
und eilt jetzt über die spitzen Steine, seine Frau zu 
retten. 

£Dr. 0. entkleidet sich] Wie ein ekstatischer Fakir, ganz 
erfüllt von seiner Aufgabe, eine Rede zu halten. Es tut 
mir leid, Herr Doktor! 

[Mission des Judentums] Vor einigen Tagen war er belei- 
digt über meine Bemerkung, es* gebe kein religiöses Juden- 
tum, Er redete mit Armen und Beinen. (In Wirklichkeit 
besitzt er ein starkes Gebärdenspiel, das aber, wie die 
Nase, im Traume stark karrikiert ist.) Ihn ärgerte, daß 
ich so lächelnd auf dem Fasse vorbeifuhr. 

[Die Höhle] Ich sehe die Leute dasitzen. Ach sol Eine 
Stelle aus Karl May, im vierten Band seines Romans 

Dr. Pfittar, Ptychanalyt«. 6 



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82 I. MB PSYCHANALYSE ALS PSYCHOLOGISCHE METHODE. 

„Im Reiche des silbernen Löwen". Daxin kommt der 
Dichter, vielmehr sein besseres Ich, in eine Höhle, wo 
Gedanken gefälscht werden. — Eine Szene aus 
einem deutschen Witzblatt: „Der Vierverband an der 
Arbeit." Da. sitzen sie und fälschen die Kriegsberichte, 
sie radieren die Zahlen. Sie sind eilig, um nicht über- 
rascht zu werden. 

[Drei jimge Leute in der Höhlfe] Sie stammen aus dem Witz- 
blatt. 

[Aber der Titel besagt „Vierverband"] Italien war noch nicht 
dabei. Die drei sitzen zusammepgeduckt. In Düsseldorf 
steht ein Brunnen: Drei Mädchen betrachten gespannt 
einen Frosch. [Drei sitzen gebückt] Eigentlich sind sie 
nur einer, die Dreizahl ist wohl durch das Witzblatt be- 
stimmt. 

[Das große Geschäftsbuch] Es ist ein gewaltiges Geschäfts- 
buch. Die Bilanz darin wird gefälscht. 

Unterslichen wir nun imser Experiment etwas genauer ! Der 
Auftrag war nicht s'charf präzisiert. Er gab nicht an, ob die 
gebotene Handlung im Schlafe oder poethypnotisch ausgeführt 
werden sollte. Der Träumer entschließt sich zu beiden. Darum 
will er auch beim Erwachen nicht sogleich, wie es gewünscht 
wurde, auf die Analyse eintreten; er könnte sonst den post- 
hypnotischen Teil nicht mehr ausführen. Man sieht jedoch, 
daß der Monolog, den der Träumer beginnt, Teile einer Traum- 
analysfe enthält: Eine Höhle, von der vor einigen Augen- 
blicken geträumt worden war, kommt zur Sprache; das Zinx- 
mer des Dr. O. wird als Falschmünzerhöhle bezeichnet. Der 
Vorgang des Radierens assoziiert eine Erinnerung an das 
verlorene Radiergummi Dr. O.'s. 



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HYPKOTISCHE 8YMßOLSPBACHE. 83 



Der posthypnot isch verstandene Auftrag, sehr fein die 
Verachtung auszudrücken, wird ganz gewiß nicht beherzigt, 
denn der hypnoide Mann benimmt sich exemplarisch grob. 
Er ist auch sonst negativistisch auf mich eingestellt. Als 
ich ihm einige Tage zuvor vorschrieb, daß er posthypnotisch 
eine Handl\ing mimen solle, die ihn als habgierigen Menschen 
charakterisiere, fühlte er alsbald den Drang, seinen wert- 
vollen Fingerring zu vers'chenken, träumte dafür aber in der 
nächfltfolgenden Nacht, er presse einem anderen 10.000 Mark 
ab und drohe, ihn bei Widerstand mit seinem Wagen in die 
Luft zu sprengen. Er leistete also nachträglich automatischen 
Gehorsam. 

Was den Inhalt der suggerierten Symbolrede anbetrifft, 
so enthält er keine üble Ausführung des Befehles. Die An- 
klage auf Falschmünzerei wird sehr derb erhoben, die wissen- 
schaftliche Ehrlichkeit dagegen bedingt zugegeben. („Sie wer- 
den sich wohl anständig benehmen", wobei allerdings die 
beigefügte Entschuldigung: „Verzeihen Siel", die Ironie an- 
deutet.) Der Verdacht wird mit aller Macht auf die Hoch- 
stapelei gelenkt, dabei aber doch die ganze Person so behan- 
delt, daß die Verteidigung der wissenschaftlichen Ehr- 
lichkeit erst recht zur Beanstandung wird. Qui excuse, 
accuse. Diese Handlungsweise ist sogar raffiniert. 

Nicht weniger erfinderisch weiß der Traum dem heiklen 
Mandat gerecht zu werden. Ich bitte den Leser, die Deutung 
zu versuchen, bevor er die Lektüre fortsetzt. Wahrscheinlich 
wird er wie ich etwa folgende Synthese der Reizworte und 
ihrer zugehörigen Einfälle finden: Der Träumer befindet sich 
am Fuße des obei-en Niagarafalles, d. h. in der Lage des In- 
genieurs, der seine Liebe dem brutal durchgeführten Werke 
opfert. Dies stimmt auch nur allzu gut zu der mir genau 

6» 



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84 I. I>rE PSYCHANALY8E ALS PSYCHOLOGISCHE METHODE. 



bekannten Lage des Träumers, der im Begriffe steht, mit 
seiner Braut zu brechen, aber noch zaudert. Er geht jedoch 
nicht unter, sondern klammert sich in nicht einwandfreier 
Weisse an das Faß, das den frivolen, trinklustigen Perkeo, 
die Milliarden und die Identifikation mit dem unreifen Stu- 
denten assoziiert. Später kommt hinzu, daß ein Weib im 
Fasse steckt. Er klammert sich an frivolen Lebensgenuß, 
Gelderwerb und Sinnlichkeit an, wobei er sich entschuldigt: 
Jugend kennt keine Tugend (das „Faß ist von Unreifen" um- 
geben). Dies stimmt wiederum mit seinen augenblicklichen 
Plänen. Er wehrt sich auch im Traume gegen den Fall in 
die (moralisch bedenkliche) Tiefe, will aber doch plötzlich 
hinunterstürzen. Li Wirklichkeit begann er einen Flirt mit 
einer Halbweltlerin. Daß das Faß mit dem linken Fuß 
hier umschltingen wird, wo es sich um einen eigentlich un- 
erlaubten Gedanken handelt, während im vorangehenden 
Traum zweimal die rechte Seite hervorgehoben wurde, wo 
es sich um eine eigentlich gebotene Handlung drehte (Fels- 
mauern, der feldgraue Freund), bestärkt St ekel s bekannte 
Deutung!), daß rechts = Recht, links = Unrecht bezeichne, 
ohne die Allgemeingültigkeit der Behauptung zu beweisen. 

Die überlieferte Moral wird als spießbürgerlich verhöhnt 
und spielt eine unwürdige Rolle. Es kommt zum moralischen 
Fall gemäß der skrupellosen Sinnlichkeit, an die sich der 
Träumer klammert (gefallene Mädchen, anständig aussehende 
sittenlose Dame; der sich fromm gebärdende Ministerpräsi- 
dent ist ein Seitenhieb auf den Analytiker als Ausdruck der 
negativen Übertragung, zugleich Projektion eigener Regun- 
gen, da Analysand die Religion hochhält). Der mir ähnelnde 



1) Jahrbuch für psychoanalytische Forschungen, I, S. 466 f. 



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IIYPNOTIÖCHE SYMBOLdPBACHE. 86 



Schütze bezeichnet mich; ich ziele auf die durch das Faß 
symbolisierte Gesinnung. Der Träumer macht aus seiner un- 
ethischen Gesinnung etwas ganz harmloses : der Schütze schießt 
gleichsam auf eine „Tontaube" (Sinnbild der Unschuld) ; dies . 
stimmt damit, daß er behauptet, es falle ihm gax nicht ein, 
sich in zweifelhafte Sachen ernstlich einzulassen, er würde 
sich nie in unsaubere Handl'ungen verlieren, es handle sich 
nur um eine Spielerei. Daß die sittliche Gefahr jedoch groß 
ist, kann man aus dem Traume leicht einsehen. 

Scheinbar springt er nun zur Ausfülirung des (wahrschein- 
lich jetzt einlaufenden) schriftlichen Auftrages über, ohne 
daa frühere Thema weiterzuspinnen, indem er Dr. O. eine 
üble Rolle zuschreibt. In Wirklichkeit ist es, wie wir sehen 
werden, nicht der Fall. Der Felsen im Meere assoziiert auf 
Drängen eine Geschichte, die ihn an das zu Anfang der Traum- 
analyse genannte Verhältnis zu einer geistig und moralisch 
hochstehenden Dame erimiert (dort der Träumer eingefühlt 
in den Ingenieur, jetzt in den Fischer, der sein sich fälschlich 
verlassen glaubendes Weib rettet). Da hätten wir also be- 
reits eine Verbindung des suggerierten mit dem freigebildeten 
Traumteil, und zwar sehen wir, daß doch noch eine starke 
Tendenz da ist, der Braut treu zu bleiben, wie übrigens auch die 
Phantasie von dem sein Glück verscherzenden Ingenieur zeigt. 

Dr. O. wird unschön karrikiert. Er entkleidet sich; dies 
bedeutet, wie ich bisher fand, meistens die Absicht, sich ganz 
zu .„enthüllen" i). Um nicht lange aufzuhalten, setzte ich 
vorläufig diese Bedeutung ein. Sie stimmt auch : Dr. O. gibt 



^) Auch die Sprache kennt somit die Symbolik; vgl. die Teufels- 
hallnzination in meiner Schrift: Die psychol. Enträtselung der rel. Qlosso- 
lalie und automat. Kryptographie, Deuticke, Wien, 1912, S. IG. 



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J6 I. DIE PSYCHANALYSE ALS PSYCHOLOGISCHE METHODE. 



sich als eifrigon Vorkämpfer eines religiösen Judentums, wird 
aber höhnisch ausgelacht: Er taucht aus dem Strome auf, 
wie Goethe aus dem Chaos neben dem Kochapparat. Diese 
Rolle kommt ihm nicht zu. Den Grund gibt der Schluß des 
Traumes an: Der fromme Mann, der sich übrigens nur mit 
Not an seine winzige Klippe anklammert und wohl nächstens 
in denselben Strom wie der Träumer fällt, wird z\mi Fälscher 
gestempelt, und zwar zum Ged an ke,n falscher. Von der 
Höhle wurde bereits präanalytisch geredet, als Dr. O.'s Zim- 
mer eine widerliche Höhle, wie eine Falschmünzerhöhle, ge- 
nannt wurde. Jetzt tritt der Träumer, der sich einige Tage 
zuvor bei der Analyse einer Kryptolalie mit Karl Mays 
„üstad" (besserem Ich) identifiziert hat, in eine Höhle, in 
der „Gedanken gefälscht wurden", wie in Mays Roman. Die 
drei sind eigentlich nur einer, natürlich Dr. O. DaJJ aus ihm 
drei Männer gemacht wurden, soll aus dem Bilde „Der Drei- 
bund bei der Arbeit" zu erklären sein. Femer wird der 
Düsseldorfer Brimnen von den drei Mädchen, die einen Frosch 
betrachten, induziert. In Wirklichkeit prangen dort aber drei 
Frösche. Ist es nicht, als ob der Phantast die frühere Zer- 
legimg des Einen in die Drei durch eine umgekehrte Verdich- 
tung von drei zu eins wieder gut machen wollte? Die drei 
müssigen Beobachter des Frosches werden wohl auf die un- 
beschäftigt anwesenden Herren gehen, die dem Experiment 
zusehen und den Analysanden scharf ins Auge fassen. Die 
drei Herren, Dr. O. und die beiden Zuschauer, sind alle gleiche 
Schelme. Er selbst ist also der bestaunte Frosch. Aber wo- 
her die Erinnerungstäuschung des Vi er Verbandes, wo doch 
nur drei in Betracht kommen? Antwort: Der Analytiker 
gehört halb und halb auch noch zur Firma. (Vgl. der unsau- 
bere, fromme Ministerpräsident.) Das Hauptbuch, das ge- 



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AN0STBE8ETZTE ZWANGSVORSTELLUNG. 87 

fälscht wird, kann, da es in der Höhle Dr. 0/s liegt und 
seine Bilanz angibt, nnr ein wissenschaftliches sein. 

Weder der Analysand, noch ein Analytiker hätte aus 
Traum und Einfallen den ursprünglichen Auftrag selbst her- 
ausfinden können. Ein geübter Analytiker dürfte wohl am 
ehesten in folgender Weise deuten: Der vom Auftrag noch 
freie Anfang besagt imgefähr: Ich habe einer brutal durch- 
geführten Leistung zuliebe meine edle, überaus wertvolle 
Braut bereits halb und halb geopfert und stehe in Gefahr, 
alles zu verlieren, zu Grunde zu gehen ; ich entgehe diesem 
Schicksal jedoch, indem ich mich dem sinnlichen Lebens- 
genuß und dem Gelderwerb übergebe, was einem jungen Men- 
schen zu verzeihen ist, also indem ich auch vor einem un- 
sauberen Liebesabenteuer nicht zurückschrecke, unbekümmert 
um alles, was auch die Moral und der Analytiker einzuwenden 
haben. So Hasse ich mich treiben. (Hier setzt der Auftrag 
ein.) Ich tue es ohne Rücksicht auf die fanatische Rede eines 
frömmelnden wissenschaftlichen Falschmünzers, der eine viel 
schlimmere Rolle als ich spielt. 

g) Angstbesetzte Zwangsvorstellung. 

Ein junges Mädchen leidet seit vielen Jahren an der Phan- 
tasie, der (in Wirklichkeit kerngesunde) Vater werde bald 
sterben. In schlaflosen Nächten denkt sie unaufhörlich über 
diesfe vom Verstand als töricht abgelehnte Vorstellung nach 
und befürchtet, darüber noch in eine Irrenanstalt zu 
kommen. 

Erkxmdigen wir uns etwa bei Ziehen über das Wesen 
der Zwangsvorstellungen, so erfahren wir allerlei richtige Tat- 
sachen, aber das eigentliche Rätsel bleibt, und namentlich 



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88 I. WE PSYCHANALYSE ALS PSYCHOLOGISCHE METHODE. 

wird uns kein Mittel nax^hgewiesen, die einzelne Obsession 
zu verstehen!). 

Ich fragte das Mädchen, ob diese Zwangsvorstellung die 
erste sei, und erfuhr, daß ihr etwa im vierten Lebensjahr eine 
andere schreckliche Phantasie vorschwebte. Die Kleine sah 
nämlich beständig ein Bild vor sich, das sie in einem Buche 
gesehen hatte: Rudolf von Wart, der Mörder seines Kaisers 
und Oheims (Albrecht), lag aufs Rad geflochten da; an 
den Pfahl, auf dem das Rad ruhte, lehnte sich sein Weib. — 
In jener Zeit deckte sich das Kind mit einer wollenen Decke 
stark zu, um zu sterben. 



1) Ziehen weiß über die Entstehung der Zwangsvorstellung nur ein 
paar banale Angaben zu machen: „Bei den an Wahnideen und Zwangs- 
vorstellungen leidenden Kranken fällt dieser vorwiegende Einfluß der 
(NB. zur Korrektur befähigenden) Empfindungen oder der äußeren Reize 
auf das Vorstellungsleben weg oder verliert an Nachhaltigkeit. Daher 
kommt es zur Bildung von Urteilsassoziationen, die den Vorgängen der 
Außenwelt total widersprechen. Ja, umgekehrt, bei diesen Kranken be- 
einflußt das Vorstellungsleben dia Empfindungen: die letzteren werden 
im Sinne der bestehenden Wahnideen gedeutet und verarbeitet, weiterhin 
kommt es zu Illusionen und Halluzinationen. Es ist kein Zufall, daß Illu- 
sionen und Halluzinationen so sehr häufig gemeinschaftlich mit Wahnideen 
auftreten. Alle drei sind Symptome eines der Kontrolle des Empfindungs- 
lebens entrückten Vorstellungslebens. Wahnidee und Zwangsidee unter- 
scheiden sich bezüglich ihrer Entstehung darin, daß bei der letzteren 
neben den unrichtigen ürteilsassoziationen sich auch berichtigende, und 
zwar sogar in überlegener 2Jahl bilden, bei der ersteren hingegen gar nicht 
oder in verschwindender Minderzahl. Die Zwangsvorstellung hält sich 
gegenüber den berichtigenden Assoziationen dank der abnormen Energie 
der Vorstellungen bzw. Vorstellungsverknüpfungen, aus welchen sie be- 
steht." (Leitfaden der physiolog. Psychologie, 9. Aufl., S. 254.) Andern- 
orts gibt Ziehen an, „daß auch die latenten Erinnerungsbilder sich 
gegenseitig assoziative Impulse zusenden und sich dadurch teils hemmen, 



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ANGSTBESETZTE ZWANGSVORSTELLUNG. 89 



Nach der St-ellung zum Vater gefragt, berichtet die Toch- 
ter, er sei immer sanft imd ruhig gewesen, nie heftig. Er 
ist ihr Ideal, ein herrlicher, hochbegabter Mann, dem nie- 
mand auch nur von fern gleicht, nur ein paar ältere Lehrer 
folgen in weitem Abstand. Mußte das Kind auch nur eine 
Viertelstunde von den Eltern getrennt sein, so weinte es 
heftig. Die Bewunderung für den Vater wurde immer Btarker. 
Wenn er eine Landschaft schilderte, so schwelgte die Tocli- 
ter in Wonnen und war nachher bei deren Anblick regel- 
mäßig enttäuscht. Kein Jüngling kann sich mit dem Vater 
messen, darum kann sie auch keinem ihre Liebe schenken, 
wiewohl sie umworben wird. Einige Stunden von der Heimat 
dauernd niedergelassen, leidet sie schwer an Heimweh, wie- 
wohl sie wöchentlich die Eltern besucht. Eine Melodie ver- 
folgt sie; der zugehörige Text besagt: „Es ist so schwer, 
aus der Heimat zu gehen!" Immer wieder kehre der Ge- 
danke an den Tod des Vaters zurück, so heftig sie sich da- 

teils anregen". (S. 170.) So können Vorstellungen eine übermäßige Energio- 
besetzung erfahren, sie werden nach Wem icke überwertig. 

Dies ist alles, aber auch ganz alles, was Ziehen zur Aufklärung* 
der Zwangsvorstellungen zu geben hat. Ein nur allzu deutliches Bild 
für die psychologische Ratlosigkeit der Psychopathologie vor Freud und 
der Psychologie gewisser Erscheinungen, die bei Gesunden massenhaft 
auftreten! Warum jene seltsamen Vorstellungen und Vorstellungsverbii.- 
dungen entstehen und Oberbetonung erhalten, woher die entliehenen Ge- 
fühlsmassen genommen sind, weshalb die Zwangsvorstellungen sich trotz 
der zuströmenden Empfindungen und trotz klarer Einsicht in ihre Falsch- 
heit erbeuten, kann Ziehen nicht angeben. Wer unsere Beispiele näher 
besieht, wird mit Leichtigkeit die Bedingungen der Verdrängung, die 
Mechanismen der Gefühls Verschiebung, der Reaktionsbildung, der Pro- 
jektion, des Symbolismus usf. auffinden. Das Rätsel des Phänomens ist 
für ihn zum größten Teil erklärt, während Ziehen uns mit Binsenwahr- 
heiten abspeist. 



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90 I. DIE PSYCHANALYSE ALS PSYCHOLOGISCHE METHODE. 



gegen sträubt. Das Mitleid quält sie beim Anblick irgend 
eines Unglücklichen so sehr, daß sie sich vor ihm fürchtet. 

Von Wichtigkeit ist, daß die Phantasierende sich oft an 
Wartfi Stelle aufs Rad versetzt. 

Ak ich vom Vater die Einwilligung zur Analyse einholte, 
war ich nicht wenig erataunt, zu vernehmen, daß sich der 
angeblich immer sanfte und ruhige Mann schwer anklagte, 
er sei gegen seine Tochter in ihren ersten Jahren überaus heftig 
gewesen, da er damals an hochgradiger, später geheilter Ner- 
vosität litt. An der Richtigkeit dieser Angaben kann nicht 
gezweifelt werden. 

Bei einer Phantaaie, die mit solchem Stärkegrad sich 
durch Jahre hindurdi äußert, sind die Widerstände meistens 
zu groß, als daß eine direkte Analyse ans Ziel führen könnte. 
Ich griff deshalb zur sogenannten Widerstandsanalyse i), bis 
eines Tages die Phantasie von der Analysandin selbst in Vor- 
schlag gebracht wurde, und zwar in der negativen Form, daß 
es ihr kurz zuvor immöglich gewesen sei, sich das Bild 
vorzustellen. Ich ging von der weniger gefühlsbetonten 
Figur aus. 
[Die Frau des Wart] Sie kniet und trägt einen schwarzen 

Schal. 
[Der Schal] Als mein Großvater starb, trug die Großmutter 

einen solchen. Sonst sah ich nie einen ähnlichen. 
[Da4S Alter der Frau Warts] Sie war jung. 
[Die junge Frau von Wart] Nichts. 

Die Einfälle haben unis somit im Stiche gelassen. Daß 
daß Weib der Phantasie den Mantel der Großmutter herbei- 
ruft, ist uns immerhin von Wert. 



^) Kapitel 20 meines Buches. 



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ANGSTBESETZTE ZWANGSVORSTELLUNG. 91 

Ich bitte nun den Leser, seine Anstrengung mit der 
meinigen zu verbinden, "um eine möglichst einfache Deutung 
zu gewinnen. 

Auffallend ist, daß das Leben des Mädchens auf einen 
förmlichen Kultus des Vaters eingestellt ist. Er wird maß- 
los überschätzt, seine Schilderungen übertreffen die schönste 
Wirklichkeit, kein Jüngling kann ihm von fem gleichen. Schon 
dies erinnert stark an die Beaktionsbildungen, die eine ent- 
gegengesetzte Eegung verdecken wollen, wie z. B. die über- 
triebene Freundlichkeit des Intriganten, die forcierte Heiter- 
keit des Trübsinnigen 1). 

Auffallend ist femer, daß die Träumerin von der ein- 
stigen Härte des Vaters nichts weiß und sehr entschieden 
das Gegenteil von ihr aussagt. Auch hier liegt eine Re- 
aktionsbildung mit Amnesie vor*). Das Mädchen ist völlig 
aufrichtig und hätte keinen Grund, mir die Tatsachen zu 
entstellen. 

So bedeutete die Überzärtlichkeit gegen den Vater also 
die Überbietung einstigen Hasses? Die Wart-Phantasie gibt 
die Antwort. Darum versetzt sich das Kind an Warts Stelle, 
weil es eine ähnliche Tat in Gedanken begangen hat imd 
sühnen möchte: Es hat den überstrengen Vater in Gedanken 
zu beseitigen gewünscht, wie Wart seinen Oheim imd Kaiser 
(Vaterphantasie), und bestraft durch seine qualvolle Phan- 
tasie sich selbst. Das betrübt anlehnende Weib, das den 
Schal der Großmutter trägt, ist eine Verdichtung aus dieser 
und der Mutter 5). 



1) Vgl. mein Buch „Die psa. Meth." S. 272—276. 
«) Vgl. „Die psa. Meth." S. 184 ff. 
») Vgl. „Die psa. Meth." S. 200—211. 



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92 ^ I>I£^ PSTCHANALTSE ALS PSYCHOLOGISCHE METHODE. 

Aber wer verbürgt uns die Richtigkeit dieser Deutung? 
Die Antwort ist für jeden selbstverstäjodlich, der weiß, in 
welchem Sinne die Träume und Tagphaaitasien Wunscherfül 
lungen darstellen, und was Angstvorstellungen bewirkt. Die 
Probe für die Bichtigkeit unserer Deutung liegt in der gegen- 
wärtigen Angstvorstellung, der Vater werde bald sterben. 
Dieser Wunsch, der jetzt durch den Vaterkultus überkompen- 
siert wird, m\iß im Kinde einst bewußt gewesen sein, was 
uns bei der damaligen Heftigkeit des Mannes und den hohen 
Zärtlichkeitsansprüchen des Kindes gar nicht unbegreiflich 
ist. Dann wurde der böse Gedanke mit Entrüstung und 
Scham abgewiesen, behauptete sich aber im Unbewußten und 
hemmte die ganze Liebesentwicklung. Beim Heranwachsen 
zux Jungfrau blieben die Liebesenergien dem Vater zuge- 
kehrt, so daß eine normale Objektf indung ausgeschlossen war. 
Durch \mverbrüchliche Treue sühnt sie noch immer, wie 
in der Wart-Phantasie, die einstige Schuld. Aber gleichzeitig 
rächt sich die gefesselte Erotik durch die Angstvorstellung 
und den in ihr enthaltenen Wunsch, der Vater möge sterben. 
Wir haben also einen der überaus häufigen Fälle vor uns, 
in denen der bewußte Seeleninhalt im Gegensatz zum unbe- 
wußten steht \md eine Polarisation der Triebregungen ins 
Extreme eingetreten ist^). Zur extremen Grausamkeit, die 
den Vater zu beseitigen wünscht, paßt als negatives Gegen- 
stück das extreme Mitleid. 

Daß die Angst einen verdrängten Wunsch ausdrücke, kann auch nur 
wieder durch eine Menge von einfax^hen Beispielen dargetan werden. Der 
hier verfügbare Raum nötigt mich, wieder auf mjein Buch zu verweisen 
(S. 63—70, 93, 99, 107, 137, 159, 17Ö, 207 usw.). Ich habe dort sk> ein^^ 



1) Andere Beispiele für Todeswünsche, die gegen die Eltern gerichtet 
sind, siehe mein Buch S. 274 f. 



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FALL VON KOMMUNIZ. RELIGIÖSER UND IRDISCHER LIEBE. 93 



fache Beispiele erwähnt, daB ich den Vorwurf nicht zu fürchten brauche, 
ich baue auf vage Vermutungen ungemsse allgemeine Satze auf, mit 
deren Hilfe ich dann wiederum unzuverlässige neue Deutungen konstruiere. 
Es sei noch hinzugefügt, daß die Zwangsvorstellung von 
der Analyse an ausblieb. 

h) Ein Fall von kommunizierender religiöser 
und irdischer Liebe 1). 

Der Analysand, dem wir unser folgendes Beispiel verdan- 
ken, ist ein 19jähriger Jüngling aus protestantischem Hause, 
der an schwerem Lebensüberdruß und fast unwiderstehlicher 
Neigung zum Übertritt in die katholisQhe Kirche krankt. Vor 
drei Monaten versuchte er, sich die Pulsadern zu öffnen, 
brachte sich aber nur eine Hautabschürfung bei. Die Men- 
schen haßt er, zu den Eltern steht er in bedenklich schlimmem 
Verhältnis, von Freunden will er nichts wissen. Viel brütet 
er vor sich hin. Nur einen Menschen liebt er, und zwar mit 
leidenschaftlicher Inbrunst. Es ist ein etwa 15 jähriges Mäd- 
chen, ohne das er nicht leben zu können erklärt. Der Leser 
wird wohl erstaunen, wenn er erfährt, daß Jakob, so nennen 
wir unseren Unglücklichen, mit diesem Kinde niemals sprach 
und sich auch den Mut nicht zutraut, es anzureden. Die 
Kleine ist nicht auffallend hübsch, über ihr Gemüt und ihre 
intellektuellen oder künstlerischen Leistungen weiß Jakob 
nicht das geringste. Trotzdem ist seine Neigung glühend. 
Als er jüngst beobachtete, daß sich auf der Straße ein junger 
Bursche nach dem kleinen Mädchen umschaute, geriet er 
außer sich vor Schmerz und Furcht. 

Ich wäre nun sehr gespannt, wie ein Psychologe oder 
Nichtpsychologe ohne das Freudsche Verfahren aus diesen 

1) Schon veröffentlicht in der Schrift: „Ein neuer Zugang zum 
alten Eyangelium.'' Bertelmann, Gütersloh, 1918. 



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94 I. DIE P8YCHANALYSK ALS PSYCHOLOGISCHE METHODE. 

Symptomen kitig würde. Ein Mediziner älterer Richtung 
würde wohl von Idiosynkrasie, Nervosität oder ähnlichen 
materialistischen Fragwürdigkeiten reden, hinter denen kein 
Erklärungswert steckt. Lassen Sie mich indessen angeben, 
was für Ergebnisse die analytische Methode zeitigte I 

Ich stellte den Jüngling zuerst auf seine irdische Liebe 
ein. Ich hielt ihm das durch ihn gelieferte Material vor 
und ließ ihn kritik- und wahllos ohne den geringsten Deu- 
tungsversuch mitteilen, was ihm in den Sinn kam. 
[Das geliebte Mädchen] Ein Haarband, Augen, Zöpfe. 
[Das Haarband] Es flattert. Sonst nichts. 
[Augen] Blau. Sie sieht zu einem anderen zurück. 
[Blaue Augen] Ich sah solche auf einem Madonnenbild, bin 
aber nicht ganz sicher. [Diese Madonnenaugen] Das Ma- 
rienbild in T. [Stellen Sie es sich vor] Es waren dort 
noch viete Maxionnenbilder in allen möglichen Lebens- 
lagen: Maria am Krankenbett, bei einem Eisenbahn- 
unfall, bei einem, der auf dem Eise einbricht. 
[Maria am Krankenbett] Ein Ki-anker liegt da, eine Frau 
tritt ein. Sie trägt ein Gefäß mit Medizin. Er streckt 
die Hände nach ihr aus. [Die Frau mit dem Gefäß] Er 
will nichts von dem, was im Gefäße ist. 
[Maria bei einem Eisenbahnunfall] Nichts. [Doch] Der 
Mann Ifegt sich vor den Zug. Er ist lebensüberdrüssig. 
Die Leute sollen meinen, er sei vom Wege abgeirrt. Er 
will nicht, daß die Leute seine Selbstmordabsichten mer- 
ken. Die Angehörigen kommen so nicht in Verruf. Er 
wurde nur verwundet. Maria aber erlöst ihn durch den 
Tod von seinen Leiden. 

[Maria und der auf dem Eise Einbrechende] Er versinkt 
nicht, wird aber schwer krank und stirbt. 



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FALL VON KOHHUl^lZ. BEUGIÖSER UND IRDISCHER UEBfi. 95 



Es sei gestattet, hier einen Augenblick innezuhalten. Als 
wir nntersfuchen wollten, welche Bewandtnis es mit der 
rätselhaften Leidenschaft für ein unbekanntes, äußerlich nicht 
ausgezeichnetes Mädchen habe, führte uns der Analysand. 
selbst auf einige Madonnenphantasien. Es mag uns auf- 
fallen, daß Jakob aus dem Bilde mancherlei herausliest, das 
man ihm nicht ansahen kann. Wie sollte man dem vor dem 
Zuge Liegenden ansehen können, daß er den Verdacht des 
Selbstmörders vermeide und seine Angehörigen vor übler 
Nachrede seinetwegen schützen möchte? Oder wie könnte 
man aus dem Gemälde ersehen, daß der Mann, der sich vor 
den Zug legt, nur verwundet wird? Wie sollte der Künstler 
ausdrücken können, daß er den Einsinkenden nicht versinken, 
sondern nachträglich an einer Krankheit sterben läßt? 

Wir haben ohne Zweifel bemerkt, was* Jakob selbst augen- 
blicklich einsieht, daß dieser seine eigenen Wünsche in die 
Madonnenbilder hineintrug. Seine Todesteehnsucht, seine 
Liebe zu Maria^ steine Abneigung gegen das Odium des Selbst- 
mörders, seine Rücksicht auf die Angehörigen neben der Ab- 
neigung gegen die eine Medizin anbietende Mutter kommen 
sehr deutlich zum Ausdruck. Wir lassen uns auf eine weitere 
Erklärung dieser Erscheinungen vorläufig nicht ein, sondern 
setzen nach der erklärenden Zwischenbemerkung einfach das 
Freud sehe Verfahren fort, indem wir zu den Einfällen zu- 
rückkehren, die die Apperzeption des Kindes« hervorrief. Nach- 
dem wir Haarband und Zöpfe einstellten, wollen wir das 
dritte Merkmal beobachten lassen. 

[Die Zöpfe des Mädchens] Sie sind Ifeuig, sie fliegen. Man 
sieht sie noch, wenn das Mädchen um die Ecke lief. [Vor- 
stellen] Vor sechs Jahren, als ich 13 Jahre alt war, lernte 
ich in den Ferien zu B. ein ISjähriges Mädchen kennen, 



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96 L DIE PSYCHANALYSE ALS PSYCHOLOGISCHE METHODE. 



dafl ich lieb gewann. Bald aber wurde ich von ihr gänz- 
lich getrennt. Viel später sah ich einmal ihre Zöpfe 
hinter einer Ecke verschwinden. 

[Nochmals das Haarband] Mit zwölf Jahren schwärmte ich 
für ein Mädchen, das ein ebenso großes Haarband trug. 
Sie hieß gleich, wie ein anderes Mädchen, das ich im 
folgenden Jahre kennen lernte. Ich habe mit beiden nie 
geredet, wie ich überhaupt, abgesehen von gteichgültigen 
Dingen, niemals mit einem Mädchen sprach. 

[Nochmals die blauen Augen] D£ls letztgenannte Mädchen 
hatte auch solche. 

Konstatieren wir mithin, daß das jetzt so leidenschaftlicli 
geliebte, ob auch persönlich nicht näher bekannte Back- 
fischchen äußere Merkmale trägt und zuvorderst in die Er- 
innerung ruft, die bei drei früher ersehnten Objekten vor- 
handen waren: Die als fliegend vorgestellten Zöpfe erinnern 
an die einer 18jährigen Freundin, die vor sechs Jahren ent- 
schwand, das Haarband der jetzt Angeschwärmten an das 
eineef vor sieben Jähren verlorenen Mädchens, für das hef- 
tige Gefühle vorhanden waren, die blauen Augen des jetzigen 
Liebesobjektes an die einer ebenfalls vor sechs Jahren ein- 
gebüßten, mit heißen Gefühlen ausgezeichneten Maid. Für 
den, der eine Menge ähnlicher Vorgänge zu beobachten Ge- 
legenheit hatte, besteht kein Zweifel darüber, daß die den 
früheren Mädchen zugewandten, von ihnen aber nach ihrem 
Entschwinden zurückgezogenen Gefühle, sich anderen weib- 
lichen Wesen anhefteten, welche jenen früher geliebten Mäd- 
chen in den angegebenen Zügen glichen. Daher genügt der 
bloße Anblick, um eine glühende Beziehung herzustellen, wie- 
wohl Kenntnis der Geistes- und Gemütswerte fehlt. Daher 



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FALL VON KOMMUNIZ. REUGIÖSER UND IBDISCHER LIEBE. 97 

auch der bohrende Schmerz der Eifersucht, als ein Bursche 
sich nach, der jetzt Angeschwärmten umschaute. 

Verachten wir diese Züge doch ja nicht! Sie spieten für 
daß Seeltenleben unseres Schwermütigen eine immense Rolle, 
die sich, wie wir bereits bei Beleuchtung der Madonnen- 
phantasie erkannten, auch auf das religiöse Leben erstreckt. 
Nun wollen wir auch den Ursachen, dieses Zustandes nach- 
gehen, 

[Erzählen Sie frei aus Ihrer Jugend I] In der Schule fiel ich 
einmal durch. Wenn ich etwas sagte, wurde ich von 
den älteren Brüdern meistens ausgelacht, so daß ich mich 
für dtmim hielt. Mit fünf Jahren hörte ich die Mutter 
Sjagen, sie hätte nach meinen Brüdern statt meiner lieber 
ein Mädchen bekommen. Sie weinte, al's sie das Töch- 
terchen ihrer Schwester sah. Das schmerzte mich bitter. 
Ich war sonst immer sehr herzlich gegen sie gewesen. 
Jetzt bekam ich einen starken Stoß. Ich glaubte, Mäd- 
chen seien etwas viel Höheres und Wertvolleres als Kna- 
ben. Beständig litt ich unt^r Minderwertigkeitsgefühlen. 
Der Entschluß, mich umzubringen, war immer(?) da. In 
den letzten Jahren hatte ich eine Leidenschaft für 
schwarze Farbe. (Die Abneigung gegen Licht und helle 
Faxben findet man bei Lebensmüden sehr oft.) 
[Wann kamen Sie mit dem Katholizismxis in Berührung?] Mit 
zehn Jahren betrat ich auf einer Schulreise eine katho- 
lische Kirche. Seither ging ich dann und wann in eine 
solche, besonders seitdem ich vor sechs Jahren von jenem 
Mädchen getrennt wurde. Es waren hauptsächlich die 
Madonnenbilder, die mich anzogen. 

In der darauffolgenden Stunde kamen andere Gründe seiner 
Vorliebe für den Katholizismus zum Vorschein: Die Kirchen- 



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98 I. DIE PSYCHANALYSE ALS PSYCHOLOGISCHE METHODE. 

musik, das unverstandene Latein, der Priester, der mit dem 
Kreuze am Rücken den Eindruck des Heiligen erweckt, die 
Chorknaben, die in ihren weißen Chorhemden die Unschuld 
zum Ausdruck bringen und den Gegensatz zur eigenen Un- 
reinheit darstellen. 

Wir können nun versuchen, die Entstehung der Seelen- 
not und der Vorliebe für den Katholizismus zu verstehen. 
Allerdings befinde ich mich in der vorteilhaften Lage, hun- 
derte ähnlicher Erfahrungen zu ül>erblicken. 

Ate Hauptursache der inneren Not stellen wir bei Jakob 
fest, daß er sich mit fünf Jahren lieblos und geringschätzig 
behandelt sah. Liebe \md Selbsteinschatzung sind also in 
diesem Falle, wie immer, unlöslich verknüpft. Das Kind, 
dessen Liebesbedürfnis unbefriedigt bleibt, und das weniger 
körperlich als geistig hinter den älteren Brüdern zurücksteht, 
zieht seine Liebe zurück und versinkt in Schwermut. Die 
Liebe zur Mutter verwandelt sich in Abneigung gegen sie, 
doch bleibt die Sehnsucht nach Mutterliebe. Mit zehn Jah- 
ren tritt ihm in einer katholischen Kirche in der Madonna 
ein unvergeßliches Bild der idealen Mutterliebe entgegen. Als 
13]ähriger findet er in einem bedeutend älteren Mädchen einen 
gewissen Mutterersatz. Kaum ist dieser entzogen, so nimmt 
die Vorliebe für Maria^ die himmlische Mutter, überhand, 
wa-s mit sehr zahlreichen Erfahrungen ähnlicher Art über- 
einstimmt. Die Vorliebe für die himmlische Mutter wächst 
fortgesetzt. Der Anblick von Maiienbildem (etwa acht Mo- 
nate vor der Analyse) bietet Anlaß, sich selbst in sie hin- 
einzuschauen : Der Lebensmüde sucht durch sie erlöst zu 
werden. Die Medizin der Mutter wird abgelehnt, Maria läßt 
den Kranken im Bette sterben, nachdem er sich vor die 
Eisenbahn legte oder auf dem Eise einbrach. 



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FALL VON KOMMUNIZ. RELIGIÖSER UND IIU)T8CHER UEBE. 99 



Wir könnten uns denken, daß diese Erhöhtmg des Liebes- 
dranges zu Maria neue Lebenshoffnungen geweckt hätte. Da- 
von ist aber keine Rede. Maria hilft nur zum Tode. Der 
Wunsch nach baldigem Ende ist starker als der zum Leben 
innerhalb der katholischen Kirche. 

Aber auch diese religiöse Verbrämung des Todeswunsohes 
beherrscht nicht das ganze Geistesleben. Die rasende Liebe 
zu einem fast unbekannten Mädchen beweist uns, daß die 
einst drei irdischen weiblichen Objekten schüchtern zuge- 
kehrte Neigung sich nicht in der religiösen Sphäre sättigen 
konnte. Eine Transposition von den früheren Liebesobjekten 
auf die kleine Unbekannte, von der nur äußere Merkmale in 
Betracht kommen, findet statt. Die Schwärmerei für die Un- 
bekannte, als infolge der früheren Verluste kein Mut vorhanden 
ist, sie anzureden, dafür aber der geringste äußere Anlaß 
die Qualen maßloser Eifersucht hervorruft. 

Aufgabe des Seelsorgers war es, den eigentlichen Sinn 
der Zwangsliebe zur Unbekannten und zu Maria aufzudecken, 
ihre Ursachen anzugeben imd den Analysanden über seine 
wirklichen Lebenswerte und Lebenschancen aufzuklären. Es 
gelang schon nach der ersten Stunde, den Lebensüberdruß 
zu beseitigen und neues Lebensinteresse zu schaffen. Nach 
der dritten Stunde war die vom Unbewußten auferlegte Liebe 
zu einem fremden Kinde, wie die zur Madonna gänzlich ver- 
flogen. Dafür war Jakob innerlich zum Protestantismus in 
ein sehr sympathisches Verhältnis getreten. Noch war eine 
seltsame Durchgangsphase zu überwinden. Eine starke 
Misogynie setzte ein, war aber leicht zu beseitigen. 

In zahlreichen religiösen Erlebnissen ist die Sublimierung 
der Triebe 1) so leicht wie hier nachzuweisen. Die himm- 

1) Seit« 264 — 272 meines angeführten Baches. 

7* 



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100 I DIE P8YCHANALT3E AIA PSYCHOLOGISCHE METHODE. 



lisohe Mutter und Jungfrau bietet Ersatz für Mutter und 
Freundin. Sie hat Mitleid mit ihrem leidenden Kind, sie 
kann nicht genommen werden, sie will nicht durch Überwin- 
dimg der Minderwertigkeitsgefühle erobert werden, bei ihr 
sind keine Rivalen zu befürchten. Je stärker sie geliebt 
wird, desto mehr bietet sie; dabei ergibt sich noch eine 
ethische Bereicherung imd Kräftigung in bezug auf die Gesin- 
nung, während allerdings das wirkliche Leben mit seinen 
rittlichen Aufgaben mehr und mehr versinkt. Doch auch in 
Maria findet der junge Protestant keine volle Genüge, kann 
er doch viele katholischen Lehren nicht billigen, imd treibt 
er doch die Kraft zum Übertritt in die Marienkirche nicht auf. 

Der Kultus kommt seinen Entwicklungshemmimgen ent- 
gegen: Die mystische Stimmung paßt zum Gedanken an in- 
tellektuelle Unzulänglichkeit, der als heilig und gütig vor- 
gestellte Priester ist ihm ein willkommener Vaterersatz und 
wird darum mit den Zügen eines geliebten Paten ausgestattet, 
die Chorknaben repräsentieren die sittliche Reinheit im Ge- 
gensatz zu Vorwürfen, die er sich in dieser Hinsicht machen 
muß. Das Dunkel wie die schwarze Farbe sind ihm ange- 
nehm, weil ihm Leben und Menschheit zuwider sind. Wir 
können dies nicht im einzelnen anführen, da unser Problem 
dadurch nicht gefördert würde. 

Auch hier mag beigefügt werden, daß die irdische und 
die katholisch gefärbte Liebe, da sie auf unhaltbarem Boden 
stunden, schon nach zwei Besprechungen zusammenfielen. 
Zunächst stellte sich starke Verachtung des weiblichen Ge- 
schlechtes ein, bald aber eine gesunde Einstellung auf alle 
Menöchen und volle Lebensfreudigkeit. 



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ERGEBNISSE UND AUSBUCKE. IQl 



3. Teil: Einige Ergebnisae nnd Ausblicke. 

Nur eine schrittweise vorrückende, mit reichem Bekg- 
material aufwartende Darstellung kann dafl Maß von Zu- 
trauen zu unseren Interpretationen verleihen, das strengeren 
wissenschaftlichen Ansprüchen genügt. Bei jeder einzelnen 
Kausalverknüpfung, die wir vornahmen, müßte man mit Hilfe 
zahlreicher Beobachtungen zeigen, daß derartige Zusammen- 
hänge auch sonst vorkommen. In meinem öfters erwähnten 
Buche, das eine Einführung in die Psychanalyse sein möchte, 
versuchte ich, dieser Forderung zu genügen. Aber auch dort 
mußte ich auf den Entschluß des Lesers bauen, sich an die 
Tatsachen heranzuwagen. 

Es würde wenig austragen, hier in Kürze eine Enzy- 
klopädie der bisher unternommenen psychanalytischen Unter- 
suchungen und Versuche darzubieten. Es genügt vollkommen, 
auf eine Anzahl von Gregenständen hinzuweisen, die bis heute 
bearbeitet wurden, und damit erraten zu lassen, wie viele 
noch der analytischen Ergründimg harren. 

Bei allen diesen Nachforschungen hat man nach Freuds 
Vorgang von Anfang an nach zwei Richtungen geblickt: 
Rückwärts und vorwärts, nämlich kausal und final oder 
teleologisch. Die beiden letzteren Begriffe unterscheiden sich 
bekanntlich dadurch, daß in der Finalität der Zweck immanent 
ist, somit dem Subjekt der zu analysierenden Erscheinung 
zugehört, bei der Teleologie aber ihm transzendent ist. Der 
Zweck kommt hier einem dahinter stehenden Willen zu und 
soll in dem Analysandum verwirklicht werden. 

Mit dem Heere der ausgesprochen krankhaften oder auch 
nur abnormen Erscheinungen habe ich mich hier nicht aus- 
drücklich zu befassen. Ich erinnere nur noch einmal daran. 



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102 I* I>IC PSTCHANALT8E AL8 P6VCH0L001SCHK METHODE. 

daß sie als Übungsobjekte bei der nötigen Vorsicht ausge- 
zeichnete Dienste leisten und in gelinden Formen auch beim 
Gesunden niemals gänzlich fehlen, so wenig es Menschen- 
leiber gibt, die in allen Einzelheiten der Norm entsprechen. 

a) Die analysierten Erscheinungen. 

Unter den Vorgängen, denen die Psychanalyse sich am 
intensivsten zuwandte, gebührt der Vorrang dem Traum- 
leben« In ihm fand Freud den wichtigsten Zugangs weg 
zum Unbewußten. Der Traum offenbart bei richtiger Verar- 
beitung die tiefsten Wünsche, bewußte und unbewußte, die 
geheimsten Bindungen a tergo, die verborgensten Wider- 
stände gegen Leistungen, die durch Umstände und Einsicht 
geboten werden. Er zeigt, wo eine Sehnsucht nach Rückkehr 
in frühere, besonders kindliche Situationen vorherrscht, er 
bringt aber auch die innersten, vielleicht noch schüchtern 
sich regenden Zukunftspläne an den Tag. Die kausale 
Ergründung des Traumes gibt Aufschluß über die im Augen- 
blick de6 Traumes regsamsten Stauungen und schafft Ge- 
legenheit, sie zu bejahen und zu bestärken, oder sie abzu- 
lehnen und mehr oder weniger zu beseitigen, ähnlich wie 
man über die Verbindlichkeit eines Gewohnheitsrechtes Auf- 
schluß sucht, indem man seine Entstehungsverhältnisse auf- 
spürt. Ebenso bietet die finale Exploration Gelegenheit, 
die unbewußten Seelenregungen der Kontrolle des Bewußt- 
seins zu unterwerfen, die Möglichkeit und Zweckmäßigkeit 
eines dimklen Dranges oder einer gänzlich unbewußt gewesenen 
Strebimg anzuerkennen oder zu leugnen und so die Herrschaft 
des bewußten Geisteslebens zu fördern. 

Viele Bätsei des Traumes, und wohl die wichtigsten von 
allen dürfte Freud gelöst haben. Aber noch blieben manche 



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DIE ANALYSIERTEN ERSCHEINUNGEN. 103 



wichtige Fragen der Traumpsychologie ungelöst: Das Zu- 
sammenspiel der Triebkräfte im Traume, der tiefste Sinn der 
Symbole, die Mitwirkimg ethischer Tendenzen innerhalb des 
Unbewußten, der suggestive Einfluß des Wachlebens auf den 
Trauminhalt, die Wirkung der Verdräogungsgrade auf . die 
Beschaffenheit des Verdrängten und andere Probleme harren 
der wissenschaftlichen Entscheidung. Trotzdem darf ein ge- 
waltiger Fortschritt des Verständnisses der Traumwelt schon 
heute mit Genugtuimg verzeichnet werden. 

Damit ist uns aber auch der Schlüssel zu den unterschwel- 
ligen Werkstätten des Tagtraumes, der Wachphantasie, der 
Hallazination, ja sogar des dichterischen, künstlerischen 
Schaffens und mancher ihnen verwajidter religiöser Erleb- 
nisse gegeben. Die Psychanalyse belehrt uns z. B., warum 
in so vielen Dramen Wagners ein Weib dem eben ange- 
kommenen Helden zufallt und den Mami, dem sie rechtmäßig 
angehört, rücksichtslos verläßt (Senta, Isolde, Sieglinde) ^). 
Sie belauscht die Entstehimg der kflnstlerischen Inspira- 
tion, der religiösen Eingebung oder des vermeintlich über- 
natürlichen Gesichtes. Hunderte von Halluzinationen pro- 
faner oder religiöser Art mußten dem Psychanalytiker ihr 
Geheimnis anvertrauen. Die ekstatische Zangenrede, wie 
die antomatische, scheinbar sinnlose Geheimschrift, das 
willkürlich gebildete Wort, wie die äußerlich rein zufällige 
und gehaltlose Figur erwiesen sich als sinnvolle Leistungen 
junbewußter Seelenregungen 2). Die Parallele zwischen der 
Entzifferung der Hieroglyphen und der Enträtselung des 



Vgl. O. Rank, Das Inzestmotiv, S. 639—648. 

^) Es ist ein wohlfeiles Vergnügen, Deutungen, die sich aus tat- 
Bächlich erfolgten Einfallen ergaben, lacherlich zu machen durch Deu- 
tungen, «die aus willkürlich hinzugedichteten Assoziationen hervorgingen. 



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104 I. DIE PSYCHANALYSE ALS PSYCHOLOGISCHE METHODE. 



Traumes, sowie der ihm strukturähnlichen Gebilde drängt 
sich imwillkürlich auf. Ein noch heute unübersehbares Reich 
seelischer Tatsachen ist damit der Psychologie erschlossen. 

Hieher gehört auch die Phantasie, die in symboli- 
scher Form ein wissenschaftliches Ergebnis 
traumartig vorwegnimmt (s. o.) oder eine eigene 
Leistung, die sich unter starkem Widerstand durch- 
zusetzen versucht, szenisch ausdrückt i). 

Trefflich bewährte sich die Durchführung Freudscher 
Prinzipien sodann am Witz 2), 

Schlagende Beweis© für die Richtigkeit der psychanaly- 
tischen Methode gewinnt der vorsichtige Beobachter ferner 
aus der Untersuchung freier Einfälle, mögen sie nun ein- 
mal oder als schwer zu vertreibende Obsession auftreten. 
Worte oder Wortfolgen (Assoziationsketten), Sätze, Melodien, 
Vorstellungen anderer Art, deren unvermitteltes Aufsteigen 
die bloße Bewußtsfeinspsychologie nicht erklären konnte, weil 
ihre Motive jenseits des Ichkreises liegen, lassen sich sehr 
schön auf diese unterschwelligen Ursachen zurückführen 3). 
Die dabei aufgefundene psychische Sachlage wird meistena 
durch andere, zuvor unverstandene Erscheinungen beweis- 
-kräftig bestätigt. 

Eine merkwürdige, vor Freud ganz und gar rätselhafte 
Erscheinung ist das ,,Schon erlebt" (I>6jä vu), jener bekannte 
Eindruck, man habe etwas, das gegenwärtig geschieht, be- 
reits einmal erlebt, obwohl man sich sagen muß oder von 



1) Silberers funktionale Kategorie, Jahrb. für psychopath. und 
psychoan. Forschungen, Bd. I. 

ä) Vgl. Freud „Der Witz und seine Beziehung zum Unbevmßtem". 
Karger, Berlin 1905. 

5) Freud, Zur Psychopathol. des Alltagslebens, Berlin 1907. 



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DIE ANALYSIERTEN ERSCHEINUNGEN. 105- 



anderen beweiskräftig erfährt, daß es unmöglicl;! ist. Aus 
einer großen Anzahl von Untersuchungen ging hervor, daß 
dabei ein Ablenkungsvorgang stattfindet. Man glaubt z. B. 
im Widerspruch mit den Tatsa<;hen, an seinem augenblick- 
lichen Aufenthaltsiort schon gewesen zu sein; die Ursache 
dieser Pseudoerinnerung liegt darin, daß an dem betreffenden 
Orte etwas vorhanden ist, das an ein augenblicklich verges- 
senes peinliches Erlebnis der Vergangenheit erinnert. Statt 
des aus dem Bewußtsein gänzlich verdrängten Nebenumstan- 
des, an welchen der Aufenthaltsort erinnert, wird somit fälsch- 
lich der Ort selbst mit dem Charakter der Bekanntheit, zu- 
gleich aber meistens auch mit dem Nimbus des Rätselhaften, 
fast Unheimlichen ausgestattet (Gefühls^ und Vorstell\mgs- 
transposition). Das „Schon erlebt" kann sich aber auch an 
ein Grespräch, einen gelesenen Satz usw. anheften. 

Auch Sjmästhesien sind psychanalytisch aufgeklärt wor- 
den, z. B. das Farbenhören 1). Es handelt sich um Verlö- 
tungen, die infolge von Verdrängungen entstanden sind. Der 
Vorgang ist mit dem vorhin geschilderten des „Schon erlebt" 
nahe verwandt. Ob es auch rein physiologisch bedingte, Se- 
kundärvorstellungen gibt, wie Bleuler glaubt, ist unsicher 2). 
Ich halte es für höchst unwahrscheinlich, muß aber auf die 
Motivierung meiner Annahme hier verzichten. 

1) Vgl. Imago, I, Heft 3. 

3) Seine psychologische Beschreibung bestätigt gerade, daß die „Se- 
kundaxempf indangen'' vom Unbewußten eingegeben weiüen. Wo er den 
Schleier lüftet, sieht sofort der Elternkomplex hervor. Ein gelblich und 
schwärzlich kariertes Feld, das ihm den Begriff „Mittwoch" symbolisiert, 
wird von ihm in der Nähe deß Vaterhauses lokalisiert. (Zeitschr. für 
Psychologie, 1912, Bd. 65, S. 5.) A. ist für ihn dunkelbläulich. Es ist 
recht hübsch, daß Bleuler in der Arbeit, die gegen die associativd' 
Vermittlung der Synästhesien kämpft, ein Beispiel liefern muß, das ein 



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106 I- I>US PäYCHANALYSB ALS PSYCHOLOGISCH K MEFHODfi. 

Eine umfangreiche Gruppe, die der psychanalytiscben 
Forschung wertvolle Ergebnisse zuführt, sind die intellek- 
taellen Fehlleistangen und Ellipsen. Wo eine dem Ge- 
dächtnisschatz sicher angehörige Vorstellung auffallen- 
derweise nur mühsam oder gar nicht erinnert wird, oder 
wo statt der gesuchten eine falsche Vorstellung auftaucht. 
<iie als solche erkannt oder nicht erkannt wird, findet die 
Psychanalyse als Ursache der eigentümlichen Erscheinung 
stets eine Verdrängung ins Unbewußte, bzw. deren Rück- 
wirkung. Die bereits unzähligemal beobachteten Gesetze 
lassen sich somit auch hier nachweisen, so daß die bewährten 
Erklärungsgrundsätze Freuds fort imd fort neue Bestätigun- 
gen finden und immer sicherer aujs dem Range einer blbßen 
Hypothese in den einer bewiesenen Theorie vorrücken. Nicht 
jedes Vergessen und nicht jede falsche Erinnerung gehören 
hieher, vielmehr nur auffallende. Die Fehlerinnerungen ent- 
halten stets nahe Beziehungen zu den gesuchten; sie heißen 
daher Deckerinnernngen. 

Sehr interessant ist für den Psychanalyliker die Auf- 
suchung der unbewußten Wurzeln des philosophischen Den- 
kens, und zwar des metaphysischen so gut wie des auf Wer- 
tungen gestützten der Ethik und Ästhetik. Ob ein Denker 
aprioristisch aus sich heraus die Welt spinnt oder -empirisch 
induziert, ob er der immanenten Philosophie oder dem Ma- 
lerialismus, dem Pessimismus oder Optimismus, der Gewissenjs- 
moral oder dem Utilitarismus zufällt, hängt von unbewuß- 



solohes geistiges Band auldeckt und den Schlüssel des Ratseis ent- 
hält. „Adam ist bei mir trotz der Unmöglichkeit ein bläulicher Mensch 
(a = dunkelbläulich) (18)." Daß der Vater der Menschen die Farbe trägt, 
4ie der Name des eigenen Vaters ausdrückt (Bleuler, vgl. bläulich), ist 
vielsagend. Doch kann dies nur eine der Determinanten sein. 



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DIE ANALY8IEBTEN ERSCHEINUNGEN. 107 



ten Hemmtuigen ab, wie man bei der Analyse oft mit pracht- 
voller Deutlichkeit nnd Gründlichkeit sehen kann^). 

Während die bisher angegebenen psychischen Phänomene 
großenteils vornehmlich dem intellektuelloa Leben augehören, 
fallen die jetzt zur Sprache kommenden mehr in die Sphäre 
der Gefühls- und Willensfunktionen. Für die Analyse Ge- 
stmder sind höchst dankbar gewisse auf sinnliche Reize er- 
folgende Gefflhlsreaktionen. Freilich liefert nur ein Teil 
von ihnen bei Anwendung des Freud sehen Verfahrens wert- 
volle Ergebnisse, aber gerade derjenige, bei welchem die von 
der Bewußtseinspsychologie aufgestellten Regeln versagen. 
Alle möglichen Unlustgefühle und unüberwindlichen Abnei- 
gungen z. B. gegen gesijinde Speisen, (Jerüche, harmlose Be- 
rührungen von Stoffen, die den meisten Menschen keinerlei 
Ekel einflößen, lassen sich auf diesem Wege erklären. 

Das nämliche gilt von den Stimmungen und Launen, die 
der hergebrachten Psychologie oft, natürlich nicht immer, 
80 rätselhaft sind, eben weil ihre Ursachen im Unbewußten 
liegen. Üble Launen beim Erwachen, die aus bewußten Vor- 
gängen nicht zu erklären sind, finden sehr oft ihre einfachen 
Erklärungen aus der Deutung des vorangehenden Traumes, 
indem dieser derselben psychischen Schwierigkeit wie die 
Laune entstammt. Seltsame Anwandlungen während des 
Tages, z. B. merkwürdige Euphorie oder Elegie, Grereiztheit 
oder Zärtlichkeit werden begreiflich, wenn man eine freie 
Assoziationskette, ein sinnloses Wort oder Zeichen bilden läßt 
und mit Hilfe der an ihre Apperzeption angeschlossenen Ein- 
fälle deutet. 



1) Vgl. Ferenczi, Jahrb. für psa. rorschungen, I, S. 430, mein 
Buch „Die psa. Methode," S. 266. 



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108 I- DIE PSYCHANALYSE AI^ PSYCHOLOGISCHE METHODE. 



Am öorgfältigsten wurden bisher Liebe und Haß unter- 
sucht. Die Psychanalyse hat hiebei eine ganze Welt von neuen 
Formen und Erscheinungen entdeckt, der gegenüber die An- 
gaben der psychologischen Lehrbücher eine bedenkliche Arm- 
seligkeit aufweisen. Das Verständnis der enorm reichhal- 
tigen und verwickelten Formen des Liebeslebens wird durch 
die herrschende Psychologie so viel wie gar nicht gefördert^ 
während Freuds Methode sich auch hier glänzend bewährt. 
Der Raum verbietet, Proben zu geben und eine Übersicht 
über die wichtigsten Eesultate darzubieten. 

Bedeutsame Ergebnisse lieferte die analytische Unter- 
suchung von Bildern. Nicht nur die unbewußten Trieb- 
federn des Kunstwerkes ließen sich aus der Untersuchung des 
Künstlers nachweisen, sondern auch die Motive der ästhe- 
tischen Gefflhle konnten durchschaut werden i). 

Auch die Natiirgelflhle lassen sich oft aus unbewußten 
Vorgängen ableiten. 

Endlich bewährte sich die psychanalytische Untersuchung 
sehr schön gegenüber den Tatsachen des Willenslebens. Un- 
bedeutende Wfinsche und Gelüste, die sich aus bewußten 
Motiven nicht verstehen ließen, verrieten dem Analytiker ihre 
Determination. 

Kleine Fehlhandlungen, z. B. Sich versprechen, verschrei- 
ben, vergreifen u. dgl. erwiesen sich als deutliche Wirkungen 
eines geheimen Kobolds, einer unbewußten Absicht. Das- 
selbe gilt von unbeabsichtigten Gresten, Grimassen, zufälligen 
Bewegungen usf. (Symptomhandlnngen). 

Die Unifthigkeit zur Willenskonzentration gab sich 



1) Vgl. Ima^o, II, 5. Heft, 



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DIB ANALYSIERTEN ERSCHEIN UNQEN. 109 

ebenso wie etwa plötzlicher Liebesverlust als Ergebnis unbe- 
wußter Seelenvorgänge zu erkennen. 

Die Vorliebe für gewiase Beschäftigungen, die Berufs- 
wahl, die Neigung zu diesem oder jenem Sport oder Spiel, 
<iie Reiseinst, der fanatische Hang zum Naturheilver- 
fahren, zum Vegetarismus oder zur Homöopathie und tau- 
send andere Willenserscheinungen, die vielleicht durch an- 
gebliche Gründe gestützt werden sollen, die Padenscheinig- 
keit ihrer Motivierung aber deutlich zur Schau tragen, er- 
geben sich bei der analytischen Untersuchung als Wirkungen 
unterschwelliger Seelenvorgänge, die durch Verdrängung be- 
wußter Gedanken ins Unbewußte bedingt sind. Beruhte die 
ganze Konstruktion auf illusorischen subliminalen Voraus- 
setzungen, so bricht das Gebäude der Willensbestimmtheit in 
der Regel bei Aufdeckung der wahren Verursachxmg zu- 
sammen. 

Sehr häufig beruht der ganze Lebensplan auf einer sol- 
X5hen imbewußten Fiktion. Wie mancher Streber oder Tyrann 
ist Opfer einer imgekannten „Lebenslüge*' (Bertschinger) 
und kann erst durch Psychanalyse zur Selbsterkenntnis und 
richtigen Einstellung auf das Leben gebracht werden I 

Weite Persi)ektiven eröffnen sich, wenn man die Ergebr 
nisse psychanalytischer Untersuchung auf die großen Kultur- 
probleme anwendet. Haben wir z. B. eine Anzahl Orthodoxer 
mit starker Angst vor dem Buchstaben oder Zwang zu un- 
verstandenen symbolischen Handlungen erforscht, so können 
wir auch die 2ieitalter der Orthodoxie verstehen und durch 
vergleichende Geschichtsbetrachtung die Richtigkeit unserer 
individuaJhistorischen Untersuchimgen nachprüfen. Oder 
haben wir stark autoritätsbedürftige Personen in hinläng- 
licher Zahl oxploriert, so verstehen wir das monarchische 



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1 10 I. ME PSYCHANALYSE ALS PSYCHOLOGISCHE METHODE. 

Fühlen ganzer Nationen. Mythen- oud Märchenforschung, 
Religionswissenschaft, Ethnologie und Linguistik, Ästhe- 
tik nnd Kfinstlerpsychologie, Philosophie, Ethik and 
Recht, Pädagogik nnd Charakterologie treten so in eine 
neue, bedeutsame Beleuchtung, die dem Kausalbedürfnis ein 
gutes Stück entgegenkommt^). Die ganze Gtoschichts- 
schreibong wird durch die Psychanalyse vor einen neuen 
Pragmatismus gestellt, der eine tiefgreifende Umarbeitung 
und Ergänzung der bisherigen Arbeit im Sinne einer Auf- 
deckung der unbewußten Ursachen und Zweckmäßigkeiten zur 
Folge haben muß. Damit ergeben sich auch wichtige Ein- 
sichten für die Bewältigung neuer geisteswissenschaftlicher 
und kultureller Probleme. 

Unsere Aufzahlung ist sehr lückenhaft, ja ärmlich gegen- 
über der Fülle von Tatsachen, die in Betracht kommen. Mehr 
als Andeutungen will sie nicht geben, wie ja unsere ganze 
Arbeit nur eine Einladung zur eigenen Prüfung sein will, 

b) Die Formen des psychischen Geschehens. 

Bei der Beobachtung der Erscheinungen achtete Freud 
selbstverständlich auch auf die Formen des Geschehens. Aus 
Reihen übereinstimmender Vorgänge leitete er Gesetze ab, 
die er zunächst als vorläufige Hypothesen aufstellte und 
später modifizierte oder bei ausgiebiger Bestätigung durch 
neue und andersartige Erfahrungen zum Bang einer Theorie 
erhob. Hier fehlt der Baum, diese gewaltige Gedankenarbeit 
darzustellen. Oft fehlt auch die Formulierung in einen eigent- 
lichen Lehrsatz. Wir können nur einige Hinweise zur Ver- 
fügung stellen. 



^) Tgl. Hank und Sachs, Die Bedeutung der Psychoanalyse für die 
GeiBteswissenschaften, Wiesbaden, 1913. 



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DIE ANALTSIEBTEN ERSCHEINUNGEN. lU 



Von Wichtigkeit sind die Verdichtongen, denen im 
Tra.umleben eine so große Bedeutung zukommt, z. B. bei jenen 
grotesken Mischgebilden, die aus allen möglichen Merkmalen 
zusammengesetzt sind^). Die Anästhesien gehören ins Ge- 
biet des Pathologischen, kommen aber auch bei sonst ge- 
sunden Personen überaus häufig vor. Hypermnesien und 
Amnesien erregen die Aufmerksamkeit des Psychanalytikers 
dann, wenn sie wegen ihres Inhaltes auffallen. Will etwa 
ein täglich gebrauchter Name bei allem Suchen sich nicht 
einstellen, so findet man regelmäßig unbewußte Motive des 
VergeÄsens, dessen relative Zweckmäßigkeit gleichzeitig sich 
herausstellt. Vollständig vergessene Tatsachen, die sich aber 
durch äußere Erkundigimg bewahrheiten, entdeckt man oft 
im Traume; inhaltlich gleichgültige \md alltägliche Erinne- 
rungen aus der frühesten Kindheit stellen sich als sogenannte 
Deekerinnernngen heraus, d. h. als Anspielungen auf ein 
inhaltlich oder äußerlich mit jener Vorstellung verbundenes 
hochwertiges Erlebnis. Die Überdeterminiemng bezeichnet 
die unbestreitbare Tatsache, daß jedes Stück einer Traum- 
phantasie nicht nur durch ein Motiv, sondern durch ihrer 
mehrere bestimmt ist. Unter Überlagemng versteht man die 
Erscheinung, daß hinter einer Bedeuttmg des Traumes noch 
andere stecken, wie etwa das Symbol des Kreuzes eine uner- 
schöpfliche Menge von Gedanken zum Ausdruck bringt. Nur 
lassen sich im Traume oft die Schichten sehr schön unter- 
scheiden. Die Mittel der Tranmlogik hat Freud scharf- 
sinnig ans Licht gebracht. In der Literatur fehlt meines 
Wissens noch der Hinweis auf die Deckgedanken, d. h. Ge- 
danken, welche einen hinter ihnen liegenden, eigentlich ge- 
meinten Gedanken andeutungsweise zum Ausdruck bringen. 

1) Vgl. Centauren, Sphinxe der Mythologie. 



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112 I. DIE PSYCHANALYSE ALS PSYCHOLOGISCHE METHODE. 



Ein Beispiel aus Tolstojs „Krieg und Frieden": Man meldet dem 
Fürsten, sein Kindchen werde wegen der Kälte heute nicht ausgehen kön- 
nen. „Wenn es warm wäre, gab der Fürst trocken zur Antwort, so 
würde der Kleine im Hemdchen hinausgehen, da es aber kalt ist, muß 
man ihm warme Kleider anziehen — dazu sind sie ja erfunden. Die 
Folge der Kalte ist also, daß man den Kleinen einhüllt, nicht aber, daß 
er zu Hause bleibt, wenn er frische Luft braucht. Es war, als ob er durch 
solche Logik andere für die in ihm selbst stattfindenden unlogischen 
Regungen strafen wollte." (Verlag Diederich, II, S. 191.) 

Von großer Wichtigkeit ist das Beziehungsprinzip, das 
in eine ganze Anzahl von Einzelgesetzen zerfällt. Nach ihm 
sticht der psychische Organismi^s jeden eintreffenden Ein- 
druck und jede Phantasie, überhaupt jeden neuen Akt mit 
dem bisherigen Erleben in Beziehung zu setzen. Schon das 
Erkennen beruht hierauf. Die Psychanalyse hat jedoch den 
Geltungsbereich dieses Prinzips, sowie seine Betätigung auf- 
geklärt. In meinen „Untersuchungen über die Psychologie des 
Hasses und der Versöhnung i)*' fand ich, daß der Haß alle mög- 
lichen Eindrücke in Schule, Theater, Lektüre usw. in seinem 
Sinne unbewußt ximdichtete und zu haßerfüllten Phantasien ver- 
wertete; bei der Versöhnung blieben sie nicht einfach liegen, 
sondern sie wurden gemäß der nelien Einstellung (ebenfalls 
unbewußt) umgedichtet. So muß die Kontinuität des Greistes- 
lebenfi hergestellt werden. Auf dieser Notwendigkeit beruht 
die Regression, da5 beständige Zurückkommen auf frühere, 
besonders infantile Vorgänge, das im Traume, in der Krank- 
heit, in allem Phantasieren, Fühlen, Planen eine so gewal- 
tige Bolle spielt*). Bache, Beue, Dankbarkeit, Sühne u. a. 



1) Deuticke, Wien. 

>) Man hat bis jetzt zu wenig daiauf geachtet, daiS die Regression 
nicht nur vom VorsteUungsinhalt der Gegenwart, sondern auch von der 
Richtung des Lebenswillens abhängt. Bei vorherrschender Notlage er- 



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ERGEBNISSE UND AUSBLICKE. HS 

ethische oder unethische Prozesse gohen auf diese Bezieh ungs- 
setzungen zurück, die therapeutische Wirkung der 
Psychanalyse beruht selbst in erster Linie darauf, daß 
die bewußt gemachten Phantasien entschiedener und dauer- 
hafter umgedichtet werden können, als unbewußt-e. Bei der 
Analyse von Künstlern, religiösen und ethischen Persönlich- 
keiten^ läßt sich dieser Sachverhalt besonders schön zeigen. 
Er erklärt z. B., warum die Moralpredigt dem Gefallenen 
so wenig nützt, während die Symbolik z. B. der Heilsarmee 
starken Erfolg aufweist. 

Zu erwähnen sind femer die Rationalisierungen, jene 
das ganze Leben durchziehenden Bemühungen, einen unbe- 
wußten Gedanken oder Wunsch durch vernünftige, ganz dem 
Bewußtsein angehörige Motive zu rechtfertigen. Als Ilatio- 
nalisierimg verstehen wir viele religiöse Überzeugungen, einen 
großen Teil der theologischen Dogmatik und Philosophie, die 
Begründung des Liebens und Hassens. Was im posthypno- 
tischen Experiment so hübsch künstlich erzeugt werden kann, 
spielt sich im Leben auf Schritt und Tritt spontan ab. 

Von den Sublimierungen war schon die Rede. Die kon- 
stanten Formen der Gefühls- und Willensvorgänge anzudeuten, 
muß ich mir leider versagen, wiewohl die Psychanalyse gerade 
auf diesem Gebiete in die allgemein bedauerte Armseligkeit 
des psychologischen Wissens eine erfreuliche Bresche gelegt 
hat. In meinem erwähnten Buche stehen manche der be- 
deutendsten Ergebnisse und die Art ihrer Gewinnung ver- 



neuert man einstige ähnliche Notlagen, die zum guten Ende führten, so- 
fern der Lebenswille noch ungebrochen ist. Andernfalls regrediert man 
zu trüben Erlebnissen, die bestätigen: Du bist zum Unglück geboren, für 
dich ist keine Rettung möglich, das Beste ist darum die Erlösung vom 
Leben, der Tod. 

Dr. Pfister, P3]rcbana1y0e. ^ 



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114 I. DIE PSYCH ANALYSE AUS PSYCHOLOGISCHE METHODE. 

zeichnet. Das dem Leser zur Nachprüfung zugemutete Pen- 
stim ist ja bereits so groß, daß es vorläufig nicht vermehrt 
zu werden braucht. 

Unsere Abhandlung wollte nicht nachweisen, daß die 
Psychanalyse in ihrem bisherigen Betriebe imbedingt recht 
habe, wohl aber, daß sie ein Kecht besitzt, als Hilfamethode 
von der offiziellen Psychologie ernst genommen \md^ gründ- 
lich geprüft zu werden. Sie bewährt sich besonders auf 
jenen ausgedehnten und hochwertigen Gebieten, die sich die 
bisherige Psychologie im Widerspruch zu ihrem eigenen We- 
sen versperrte und versperren mußte, weil sie sich den^ 
Dogma der Leugnung unbewußter Seelenkräfte ausgeliefert 
oder keinen Zugang zu ihrer Aufdeckimg gefunden hatte. Die 
Zuverlässigkeit sorgfältig gewonnener psychanalytischer Er- 
gebnisse steht derjenigen der experimentellen Bewußtseins- 
psychologie in keiner Weise nach. Die offizielle Psycho- 
logie schädigt sich selbst, wenn sie auch fernerhin an der 
Forschungsmethode vorübergeht, die nun doch von einer er- 
heblichen AnzaJil namhafter Forscher verschiedener Fakul- 
täten als überaus wertvoll anerkannt worden ist. Für den, 
der die Psychanalyse beherrscht, haben sich gewaltige Ent- 
deckungsmöglichkeiten aufgetan. Damit sind aber auch neue 
Forscher pflichten aufgetaucht, denen sich ein Psycho- 
loge auf die Dauer nicht wird entziehen können. Die bis- 
herige Psychologie mit ihrer Ratlosigkeit gegenüber den 
höheren seelischen Tatsachen wird immer mehr als unerträg- 
lich eng und arm empfunden, so Nützliches sie geleistet hat. 
Das winzig kleine Häuflein geschulter Psychologen, die den 
psychanalytischen Apparat beherrschen, fühlt sich den tita- 
nischen Aufgaben allein nicht gewachsen. Daß Freud und 
seine Schule immerhin so bedeutende Entdeckungen nach dem 



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ERGEBNISSE UND AUSBLICKE. II5 



Urteil freundlicher und gegnerischer Autoritäten geleistet 
haben, bürgt für eine segensreiche Entwicklting der neuen 
psychologischen Methode. Wohl dem, der noch jung und 
mutig genug ist, sie zu erlernen imd mit ihrer Hilfe die 
seelischen Tatsachen zu erforschen I 



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II. 

Die Entstehung der künstlerischen Inspiration'^ 

Die künstlerische Intuition wurde, wie das Schauen des 
religiösen Propheten, meistens als eine A.rt Hellsehen be^ 
trachtet, das der Wissenschaft ehrfurchtsvolles Schweigen 
gebietet. Heute darf man den nicht mehr der Verwegenheit 
zeihen, der als Psychologe in die Geisteswerkstatt des Künst- 
lers Einlaß begehrt. Freud und seine Nachfolger Rank, 
Stekel, Sadger, Sachs, Jones u. a. haben das Werden 
des dichterischen Schaffens erforscht, Graf belauschte als 
Erster die poetischen und musikalischen Offenbarungen eines 
genialen Tonmeisters. Freud drang in den jungfräulichen 
Boden der bildenden Kunst ein, indem er einige Werke 
Leonardo da Vincis mit unvergleichlichem Scharfsinn 
auf ihre letzten seelischen Wurzeln zurückführte. Dagegen 
fehlte bisher die direkte Analyse der malerischen Produk- 
tion am lebenden Künstler 2). 



1) Zuerst erschienen Imago, II. Jahrgang (1913), 5. Heft. Hier, wie 
die übrigen bereits veröffentlichten Aufsätze, an einigen Stellen ver- 
bessert. 

2) Sachs gab wortvolle Winke über die Werke Kubins. Imago, 
I. Bd., S. 197 ff. Bertschingcr analysierte „illustrierte Halluzina- 
tionen" ohnö künstlerische Abzweckung. (Jahrb. für psychoan. und psycho- 
pathol. Forschungen, III. Bd., S. 69 — 100.) Vorstehende Arbeit wurde im 
September 1912 entworfen. Ein einzelnes Gemälde eines Schizophrenen 
analysierte H. Rorschach [Zbl. f. Psychoan., III. Bd., S. 270—272], 
doch handelt es sich nur um eine wenn auch sehr chanücteris tische Ya- 



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DIE ENTSTEHUNG DER KÜNSTLERISCHEN INSPIRATION. 117 

Diese Lücke möchte die vorliegende Untersuchung aus- 
füllen. Von pädagogischer Absicht geleitet, sah ich mich 
eines Tages zu einer ästhetischen Studie genötigt, ohne welche 
der erzieherische Zweck schwer zu erreichen gewesen wäxe. 
Die Einmischung in kunstwissenschaftliches Gebiet dürfte 
aus diesem Grunde dem Laien verziehen werden. 

Franz J. ist ein intelligenter ISVijahriger Jüngling, mit 
dem ich mich öfters über religionsphilosophische und ethische 
Gegenstände unterhielt. Aus pietistischen Kreisen hervor- 
gegangen, hatte er sich zu freieren Anschauungen durchge- 
rungen. Mir begegnete er seit dem Anfang unserer zwei 
Jahre bestehenden Bekanntschaft mit zutraulicher Offenheit, 
so daß ich auf ein günstiges Übertragungsverhältnis schloß. 
Vor einigen Monaten änderte sich sein Betragen gegen mich. 
Seine von mir bisher gern gehörte Kritik nahm einen nör- 
gelnden Ton an und mündete in höhnische Opposition, grund- 
sätzlichen Negativismus aus. Als der Jüngling schließlich 
alle ethischen Wertungen für Unsinn erklärte und beinahe 
im selben Atemzug sich über den Mangel an sittlichem Ernst 
bei seinen Kameraden beschwerte, schlug ich ihm analy- 
tische Seel sorge vor, die nach kurzem Widerstreben angenom- 
men wurde. Man möchte allerdings lieber, der Analysand 
erschiene aus freien Stücken ; allein manchmal ist eine direkte 
Auffordenmg nicht zu umgehen. 

Bei seinem ersten Erscheinen bekannte Franz, daß ihm 
daö Leben im höchsten Grade verleidet sei. Mit den Eltern 
habe er sich gänzlich überwerfen, von den Kameraden wolle 
er mit einer einzigen Ausnahme nichts wissen. Oft brüte er 



riante des typischen Abendmahlbildes. 1920 erscheint bei E. Bircher, 
Bern, meine Monographie „Der biologische und psychologische Untergrund 
ezpi'essionis tischer Bilder". 



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118 II. DIE ENTSTEHUNG DER KÜNSTLERISCHEN INSPIRATION. 

Über seinem Selbstmord. Wenn er nicht hoffen dürfte, in 
dreiviertel Jahren eine Kunstakademie zu besuchen, so hätte 
er sich längst das Leben genommen. Der Besuch des Insti- 
tuts, dem er angehöre, sei ihm fast unmöglich geworden; 
erst diese Woche h'kbe er aus innerem Zwang ein paar Tage 
geschwänzt. Seine Lage sei eine furchtbare, er könne sie 
unmöglich drei weitere Quartale ertragen. Daher sei es am 
besten, er bereite seinem Leben ein Ende. Nietzsche habe 
ihm den religiösen Halt vollends genommen, alle Lebenswerte 
seien ihm seither versunken. 

Der Jüngling präsentierte eine Anzahl von Ölgemälden 
und Zeichnungen, die ich nach guter analytischer Regel so- 
fort mir zeigen und erklären ließ. Was ich im ersten Ab- 
schnitt des Folgenden schildere, ist das Ergebnis der ersten 
drei Sitzungen; in der vierten Besprechung bekundeten neue 
Bilder die Metamorphose der Komplexe. 

I. Unter der Vorherrschaft der Introversionstendenz 
entstandene Bilder. 

1. Selbs ti)orträt. 

Zuerst analysieren wir ein Selbstporträt, das am Tage 
der ersten Besprechung in zwei bis drei Stunden geschaffen 
worden war. 

Die Zeichnung, im Original 50V«: 64 Zentimeter groß, ist 
gut getroffen, nur wurde der finstere, drohende Gesichtsaus- 
druck, der unseren angehenden Künstler seit einiger Zeit 
charakterisierte, durch ernste Resignation ersetzt i). 



1) In der Reproduktion wurde das Gesicht abgeändert, so weit es 
ohne Störung des Verständnisses anging. 



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.SELBSTPOßTßlT.* 119 



Unsere Aufmerksamkeit wandte sich bald der an der 
Kette zur Rechten hängenden Gruppe von Köpfen zu. 
Franz versichert, sie bedeuten keine bestimmten, ihm be- 
kannten Persönlichkeiten. Aufgefordert, lediglich seine Ein- 
fälle mitzuteilen, nennt er sofort zum Gesichte en face den 
Vater, zum Haupte links die Mutter, zum anderen die jüngere 
Schwester. Alle drei sind ihm, wie er offen zugibt, direkt 
verhaßt. 

Später führt er au»: Nur der obere Teil des Gesichtes 
gleicht etwas dem Vater. Genau besehen entspricht nur die 
Wölbung der Stirn und die Nasenwurzel denselben 
Partien im Antlitz des Vaters. 

Die Nase ist die dos älteren Bruders, der, in den Fuß- 
stapfen der streng religiösen Mutter gehend, von den Freuden 
der Welt abgeschlossen, ein stilles, gottergebenes Leben führt. 

Die Falten von den Nasenflügeln zu den 
Mundwinkeln gehören einem Oheim väterlicherseits, der 
starb, als Franz fünf Jahre zählte. Und doch erinnert sich 
unser Analysand noch lebhaft, wie der Onkel in seinen epilep- 
tischen Anfällen wütete. Auch die Augenbrauen er- 
innern an diesen Bruder des Vaters. 

Die gekrümmten Enden des Mundes vergegenwär- 
tigen einen vor sechs Jahren verstorbenen, gleichfalls epilep- 
tischen Bruder unseres Zeichners. 

Die Rinne unter der Nase, sowie die beiden Spit- 
zen der Oberlippe erklärt Franz für herübergenommen 
von der verhaßten jüngeren Schwester, die aber auch die hier 
abgebildeten Mundwinkel aufweist. 

Da6 Bärtchen wird auf einige widerwärtige Lehrer 
zurückgeführt. 



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120 n. DIE ENTSTEHUNG DER KÜNSTLERISCHEN INSPIRATION. 

Der Gesichtsausdruck im ganzen soll ein höh- 
nisches Lachen angeben, das unser Künstler auf sich bezieht. 

Dae Gresicht links ruft Franz seine Mutter ins Gedächt- 
nis, doch findet er auffallenderweise zuerst keinen ihrer Züge 
auf unserer Berlocke. Einzig die Haare, die den Scheitel 
bedecken und das en face gegebene Gesicht einrahmen, sollen 
mit denen der Mutter übereinstimmen. Etwas später werden 
a.uch die Lippen der Mutter gefunden. Unser eigentüm- 
licher Porträtist erinnert sich, daß die Mutter beständig auf 
ihn einredete, als er Nietzsche zu lesen begann, wie auch 
einige Tanten ihm damals Vorwürfe machten. Jetzt weist es 
sich, daß die jüngere Schwester sich durch dieselben Lippen 
auszeichnet. 

Die Nase trägt Ähnlichkeit mit derjenigen einer klatsch- 
süchtigen Nachbarin. Einst verhöhnte sie einen mit Sprach- 
fehler behafteten Knaben; gleich darauf trat eine ähnliche 
Störung bei ihrem eigenen Kinde auf. 

Das ganze Gesicht ist totenblaß. 

Das Haupt rechts assoziiert die verhaßte Schwester. 
Die Haare der Stirnpartie treffen genau zu. Die untere 
Strähne gehört einer streitsüchtigen, unordentlichen Magd, 
die trotz ihres Kirchenlaufens unsittlich lebte und wegen 
eines unehelichen Kindes heiraten mußte; von ihr stanunt 
auch der Mund. 

Die verhaßte jüngere Schwester gleicht dieser Magd in- 
sofern, als sie sich ebenfalls durch Sinnlichkeit auszeichnet, 
gern zankt und klatscht, obwohl sie frömmelt. 

Der Hals der Figur trägt ein Ornament, das als Spitzen- 
kragen eines Knaben erkannt wird. Letzterer schlug Franz 
beim Zimmern einer Bank mit der Axt auf den Kopf. Des 



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„SELBSTPORTRAT.« 121 



weiteren mahnt der Hals an den Kropf mehrerer älterer Ver- 
wandter. 

Bis dahin haben wir lediglich die Einfälle unseres Zeich- 
ners gesammelt imd nichts von unseren Vermutungen mer- 
ken lassen. Die Deutung unserer Gruppe ist nun für 
jeden, der die Theorie der Psychanalyse empirisch nach- 
prüfte, leicht: Franz hat eine Anzahl verhaßter 
Personen, in erster Linie den Vater, die Mutter 
und die eine Schwester raffiniert umgebracht, 
indem er sie 1. köpfte, 2. erhängte, 3. spießte 
(ein Spieß geht durch alle Häupter) und 4. kreu- 
zigte (das Kreuz über den Köpfen wird ausdrücklich als 
Hinweis auf die Frömmigkeit oder Frömmelei der Angehörigen 
gedeutet). Auch zwei Brüder, ein Onkel, eine böse Nach- 
barin und ein Kamerad fallen dem Blutbad zum Opfer, oder 
vielmehr soll der Vater wohl das Ende der beiden Epileptiker 
finden. 

Neben dieser sadistischen Prozedur kommen allerlei klei- 
nere Bosheiten zum Ausdruck. 

Zur Charakteristik der Eltern ist folgendes zu bemerken: 
Der Vater ist ein tüchtiger, wohlgesinnter, allgemein be- 
liebter, aber zu strenger Mann, die Mutter eine vortreffliche, 
liebevolle Frau, der höchstens religiöse Einseitigkeit und Auf- 
dringlichkeit vorgeworfen werden kann. 

Wir wenden uns nun dem Ornament (Fig. la) zu, 
das von der Mitte des oberen Randes herabhängt. Wiederum 
halten wir, so langweilig es Franz anmuten mag, ihm ein- 
fach das Objekt vor und sammeln seine Assoziationen. Er 
gibt an: 

Vorn erblicken wir ein Herz, das der Zeichner als hart, 
eisern, verletzend beschreibt. Es ist gezähnt und steht im 



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122 II. DIE EKTSTJiJiUKG DER KÜKöTL KRISCHEN INSPIEATJON, 

Begriff^ sich nach vom aufzurolleOj jjSo daß man sielit^ waa 
dahinter steckt. Es maß den» Vater angehören". 

Rechts lehnt sich ein zweites Herz an die erste Figur an. 
Man kann ea auch als einen welken, liebeleeren Busen auf- 
fassen. Die Mutter ist damit angedeutet. Zwischen beide 




Fig, la. 

Ornamentstücke hinein drängt sich ein seltsames Gebilde^ 
das Franz nicht deuten kann. Es fällt ihm jedoch ein, daß 
ihm gegenüber ein wunderhübsches Mädchen wohne^ das er 
hier vielleicht gezeichnet habe. Den Bogen nach links deutet 
er zuerst als Knie; dann erst entdeckt er, dafi er ja das 
Mädchen umgekehrt, auf dem Kopfe stehend zeichnete. Der 



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.SELBSTPORTRÄT/ 123 



Leser sieht auch sofort, daß der gewöhnliche und der 
gravide Leib deutlich angegeben sind. 

Das ganze Stück soll einen Drachen vorstellen. 

Die Auslegung lautet somit: An den hartherzigen; 
Vater lehnt sich die liebearme Mutter. Beide haben ein Ge- 
heimnis gemeinsam, das sich eben entrollte. Zum Vorschein 
kommt die Mutter als Mädchen und gravides Weib. Der in 
einer Psychoneurose selten fehlende Ödipuskomplex gibt sich 
deutlich zu erkennen: Franz ist auf seinen Vater grimmig 
eifersüchtig. Die deutlich inzestuös gefäxbte Liebe zur Mut- 
ter gehört wesentlich zu seiner Neurose. Diese sträfliche 
Neigung ist der ihn bedrohende Drache. Eine etwaige tie- 
fere Deutung bleibt vorbehalten. 

Endlich kam das Selbstbildnis zur Sprache. 

Die Tracht ist die eines Mönches. Franz hegte lange 
den Wimsch, buddhistischer Mönch zu werden. Er stellte es 
sich als etwas „riesig großes" vor, in ein Kloster einzutreten 
oder in Nichts aufzugehen. Die Klostertracht, in die sich 
der Künstler hüllte, ist auch die des Parricida in Schil- 
lers „Teil". Was jener Name bedeute, will Franz einige 
Zeit nicht wissen, was ihm selbst „kurios" vorkommt. Plötz- 
lich entsinnt er sich, d£tß Parricida „Vatermörder" heißt. 

Die Hand ist die eines um Erbarmen Flehenden. Vor- 
bild ist der Zöllner, der an seine Brust schlug und betete: 
„Grott sei mir Sünder gnädig!" (Luk. 18.) 

Der kleine Finger ist verzeichnet. Es fällt Franz 
auf, daß der Fehler helfe, der Hand die Form eines männ- 
lichen Genitales zu geben, das nach Masturbation zu erschlaf- 
fen im Begriffe steht. 

Das von der Kette herabhängende Eisen- 
stück geht in den Kopf des Porträtisten hinein und ver- 



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124 n. DIE ENTSTEHUNG DER KÜNSTLERISCHEN INSPIRATION. 

setzt ihn damit in dieselbe Lage, wie die vierfach getöteten 
Familienangehörigen. 

Der Sinn des Porträts lautet somit vorläufig: Ich be- 
kenne reumütig die Schuld, die ich als Vater- 
und Verwandtenmörder, sowie als Masturbant 
auf mich geladen habe, flehe um Erbarmen und 
will durch meine Hinrichtung oder als bud- 
dhistischer Mönch, in Nichts versunken, meine 
Sünde sühnen. 

Die drei Hauptstücke der Zeichnung enthalten somit: 

1. Schuld (Verwandtenmord, durch Masturbation ver- 
stärkt), 

2. Ursache und Kern der Schuld (Haß, Inzestliebe), 

3. Sühne. 

Will man analog dem Traume den wesentlichen Inhalt 
unseres Bildes in einen Satz zusammenfassen, so könnte man 
etwa sagen: Da ich in Haß gegen den Vater, in unreiner 
Liebe zur Mutter brenne und meinen nächsten Verwandten 
ein gewaltsames Ende wünsche, bekenne ich mich reumütig 
als todwürdig und will durch die Flucht ins Nichts des Klo- 
sters mein Verbrechen sühnen. 

Einen Monat später analysierten wir die rezenten An- 
lässe des Porträts. Fünf Tage vor der Zeichnung hatte 
Franz mit seinem Vater und der verhaßten Schwester eine 
Kunstausstellung besucht. Vor den Gemälden von B ö c k 1 i n 
und Segantini wurde er zornig, da er an sein übles Ver- 
hältnis zu den Eltern dachte. Bitter und in verletzender Ab- 
sicht äußerte er vor dem Vater, es sei eine Schlechtigkeit, 
daß man den Künstler zuerst beinahe verderben lasse und 
dann seine Gemälde bewundere. 



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.REQUIEM.« 125 



Am Abend vor der Ausführung des Bildes entschloß er 
sich halb und halb, morgen das Institut zu schwänzen, wie 
er schon oft getan hatte. Als er des folgenden Tages um 
acht Uhr bei der Toilette sein Gresicht im Spiegel betrachtete, 
fielen ihm die von der Nasenwurzel steil über die Stirn sich 
ziehenden Furchen auf. Schon früher, als er noch ein Knabe 
war, kam ihm vor, sein Vater zeige diese, Linie, wenn er 
von Kummer und Gram über seinen Sohn erfüllt war. Jetzt 
fragte sich letzterer, was wohl der Vater sagte, wenn er 
wüßte, daß sein Sorgenkind schwänzte. Zwei Stunden später 
kam plötzlich die Inspiration über unseren Künstler. Sofort 
eilte er, einen Papierbogen zu kaufen, und setzte sich an die 
Arbeit. Man sieht, wie die Sorgenfalte auf des Vaters Ge- 
sicht stark hervorgehoben ist. Das sich regende Mitleid wird 
vom negativen Vaterkomplex durch ein sadistisches Elaborat 
quittiert. Die Falte auf der eigenen Stirn soll eine Hecht- 
fertigung des grausamen Tuns darstellen: „Du hast mir schon 
viel mehr Leid zugefügt, als ich dir!" 

So zeigt denn diese künstlerische Konzeption genau wie 
der Traum eine rezente Wurzel, während der Komplex offen- 
bar in die früheste Kindheit zurückgeht, als die Strenge des 
sonst vortrefflichen Vaters die ödipuseinstellung verschlim- 
merte. 

2. Requiem. 

Dae tiefdunkel gehaltene Ölgemälde (45:37 Zentimeter) 
entstand vor sieben bis acht Monaten. Die Skizze wurde 
auf Grund künstlerischer Intuition in einer Stunde entworfen, 
das ganze ungemein wirkungsvolle Tableau erheischte nur 
acht Stunden. Franz erinnert sich, daß er während des 
Malens oft wünschte, in dem Flusse, der an seinem Heimats- 



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126 n. DIE ENTSTEHUNG DER KÜNSTLERISCHEN INSPIRATION. 

orte vorüberraixsclit 1), zu verschwinden, wie dann, wenn ihn 
häuslicher Streit quälte. Femer ärgerte er sich darüber, 
daß man aus dem Christentum so viel Wesens mache, wäh- 
rend seine Gebete unerhört blieben. Er wünschte sich mit 
dem Christentum zu begraben. Dann aber hörte er aus der 
eben gemalten Kapelle herrliche Orgelklänge dringen. 

Das Kirchlein ruft in Franz den Gredanken hervor, der 
Vater müsse zugegen sein. Wo, weiß er nicht zu sagen. 
Doch erinnert das Eundfenster an das von einem Drei- 
eck umgebene Auge Grottee auf Albrecht Dürers Kadie- 
rung „Die heilige Familie in Ägypten". Femer mahnt es 
an den einäugigen Wotan, sowie an Pol3rphem, der die Ge- 
fährten des Odysseus in seiner Höhle verschlingt und den 
vor der Höhle zu Wasser entfliehenden Odysseus mit Felsen 
zu treffen und zu töten trachtet. Dieses Auge ist auch das 
des eigenen Vaters, der finster auf seinen Sohn herabschaut. 

Die beiden Zypressen rufen die zwei Brüder, die 
runden Bäume die Schwestern ins Gedächtnis, deren eine 
(die uns aus dem vorangehenden Bilde bekannte) damit prahlt, 
eine wie gute Tochter sie sei, wie sie sich den Eltern behilf- 
lich mdche, indessen sie doch von ihnen möglichst viel Nutzen 
zu ziehen sucht, während die ältere, edlere, dem Baume zur 
Rechten entsprechend, sich nicht so auffallend benimmt. Die 
Zudringlichkeit der verhaßten Schwester ist in der Haltung 
des linken Baumes ausgedrückt. 

Die Kapelle stellt sich zunächst als Gotteshaus einer 
Anstalt für unheilbare Geisteskranke heraus. Das Anstalts- 
gebäude war früher ein Kloster. Dort wohnt ein genialer 
Künstler, der wie Franz malte und dichtete, bis er in dieses 



1) Er findet eich auch auf Bild 1. 



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^REQUIEM.- 127 



Institut verbracht wurde. Und nun bekennt unser Analysand 
seinen brennenden Wunsch, diesen Mann zu besuchen und 
selbst für Lebenszeit als Wahnsinniger interniert zu werden. 
Stundenlang saß der Jüngling vor dem Kirchlein und träumte 
sich das Glück aus, in der zugehörigen Anstalt aller Sorgen 
entledigt, seinen großartigen Phantasien nachzuhangen, öfters 
begab er sich nach dem einige Stunden entfernten Ort. Das 
Spitzkirchlein der Irrenanstalt liegt nicht auf einer solchen 
Insel. Letztere mahnt an Burg Wasserstelz in Grottfried Kel- 
lers „Hadlaub**. Der junge Minnesänger wurde in der Burg 
versteckt, damit er vom imaufrichtig minnenden Grafen 
von Rapperswyl nicht entdeckt würde. Die Geliebte kam zu 
Hadlaub, gestand ihre Liebe und wurde seine Gemahlin. Diese 
Greschichte führt Franz auf ein schönes Mädchen seines 
Heimatsortes, das in einem „kolossal ruhigen** Hause abseits 
der Straße wohnt und dem Vater sehr gut gefällt. Franz 
hofft also, gemäß Kellers Novelle, den Vater auszustechen. 

Das Innere der Kapelle ist hell erleuchtet. Wun- 
dersame Musik schallt heraus. Wieder kommt auffallender- 
weise Franz die hübsche Nachbarin zu Sinne, die sich hinter 
die Herzen der Eltern als Repräsentation der Mutter geschli- 
chen hatte. Dann springt unser Analysand über zu den Weih- 
nachtsfesten, die er als Kind zu Hause feierte. Alles Inter- 
esse, das er am Bilde nimmt, konzentriert sich auf das Licht, 
das aus der Kirche auf den Toten fällt. Hierauf stellt 
sich Franz vor, sein älterer Bruder müsse noch in der Kirche 
stecken. Zuletzt fällt ihm ein, er habe sich auch immer die 
Mutter ebenda gedacht. Zu ihr hat er gegenwärtig gar keine 
Liebe. 

Die beiden Kruzifixe induzieren die Brüder; die Pfo- 
sten stecken schief in der Erde. Bald werden sie fallen. 



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128 IL DIE ENTSTEHUNG DER KÜNSTLERISCHEN INSPIRATION. 

Die Pappeln (Brüder) erreichen die Kirche (Mutter) nicht, 
obschon sie sich (unkünstlerisch symmetrisch) ihr zuneigen. 
Der Tote, natürlich Franz selbst, liegt mit ausgebrei- 
teten Armen als der wahre Christus vor der Insel, perspek- 
tivisch viel zu groß. 

Die drei Sterne rufen wieder Vater, Mutter und ver- 
haßte Schwester ins Gedächtnis. 

Ergänzungsweise sei bemerkt, daß der Vater Kirchen- 
vorsteher (Kirchengemeindepräsident) ist, und daß Franz 
den Ausdruck „Mutter Kirche" genau kennt. 

Das Ölgemälde drückt somit den Todes- 
wunsch und seine Begründung in der Einstel- 
lung auf die Familie aus. Franz will sterben und als 
Leiche die im Leben versagte mütterliche Liebe auf sich 
lenken. Ein anderer, aus den Einfällen ersichtlicher Wunsch 
geht darauf, fortan ganz in der Kirche (= Mutter) oder im 
Irrenhause zu kben und so lebendig begraben zu sein. 

Dieser Phantasie korrespondiert einerseits aktive Grau- 
samkeit, anderseits Selbststeigerung. In ersterer Hinsicht ist 
bemerkenswert der Todeswunsch gegen Vater, Mutter und 
jüngere Schwester (die drei Sterne), die Identifikation des 
Vaters mit Polyphem, welchem Odysseus (Franz) vor dem 
Wegschwimmen das eine Auge ausbohrte, die Darstellung 
der dem Fall geweihten Brüder, die Verhöhnimg der zudring- 
lichen Schwester. Eine Vergrößerungstendenz liegt angedeu- 
tet in dem Verlangen, dem genialen Geisteskranken ähnlich 
zu werden, den Vater bei der Schönen seines Dorfes auszu- 
stechen und vor allem als der wahre, riesengroße gekreuzigte 
Erlöser neben den falschen Messiassen, den Brüdern, von der 
Mutter erfunden und betrauert zu werden. 



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DER WAHNSINN." 129 



Setzte sich auf dem Selbstbildnis der Künstler durch die 
Stirnfalte dem Vater gleich, so ist hier auf eine nicht ge- 
malte Wunschgleichung aufmerksam zu machen. Franz 
hört während der Zeichnung aus der Kirche wundervolle 
Musik dringen. Die (wahrscheinlich hysterische) Mutter 
halluzinierte früher oft, jetzt gelegentlich eine ahnliche Musik. 

Man beachte die religiöse Sublimierung des Todeswun- 
sches und der auf die Familienangehörigen gerichteten Phan- 
tasien. 

Einige Wochen nach dem „Requiem" schuf Franz eine 
sehr schöne Zeichnung, der er den vielsagenden Titel gab: 
„Laß die Toten ihre Toten begraben." Ein ertrun- 
kener Jüngling schwimmt am Ufer eines von Pappeln flan- 
kierten Stromes. Ein verschleiertes Weib hält wie segnend 
die Hände über den entseelten Leib. Unschwer erkennt der 
Zeichner in beiden Gestalten sich und die Mutter, die im 
Titel' als geistig tet charakterisiert wird. Später rückt der 
Grimm bis zur Totwünschung des insgeheim glühend ge- 
liebten erotischen Objektes vor. Li der Aare, die am Heimat- 
dorf vorüberfließt, möchte Franz seit langem einschlafen. 
Jedes Schwimmbad wird zur Todesorgie. Der Fluß selbst 
wird zum Muttersymbot und nimmt die Eolle ein, die nach 
späteren Gemälden Mutterleib, Höhlengrab, Irrenhaus imd 
Kloster spielen i). 

3. Der Wahnsinn. 
(Federzeichnung, 361/2:26 Zentimeter, entstanden fünf Monate vor der 

Analyse.) 

Das Bild als Ganzes erinnert Franz an das Riesenhafte, 
Gewaltige des Wahnsinns, an seine Besuche in der Irrenanstalt, 



1) Vgl. Ibsen, Die Frau vom Meere. 

Dr. Pflfter, PiyohftnalyM. 



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130 II. W^ ENTSTEHUNG DEE KÜNSTLEKIßCHEN INSPIKATION. 

in der er schwelgt beim Anblick der Kranken, besonders ihrer 
Augen. Dem kräftigen Wunsch, geisteskrank zu werden, steht 
die klare Einsicht in die Unsinnigkeit und Minderwertigkeit 
dieses Begehrens gegenüber. 

Zuerst fesseln Franz die Augen der Figur. Sie verraten 
den Irrsinn, erinnern ihn aber auch an seine eigenen Augen, 
wie sie in Momenten der Begeisterung aussehen. 

Der Mund zeigt ihm die eigene Unterlippe. Den Grund 
dieser Unterschiebung kann ich nicht angeben. Die Falten 
bei den Mundwinkeln sind diejenigen eines Onkels, mit dessen 
Stock der Analysand geprügelt wurde, weil er die Habersuppe 
nicht essen wollte. Damals rief er dem Vater zu: „Schlage 
mich doch gleich totl" 

Der Finger unter dem Kinn wird sofort bezeichnet 
als Geschlechtsglied, das zu den Lippen fahren will. Franz 
denkt sich dazu einen masturbatorischen Akt. Auf den näm- 
lichen Lustgewinn führen ihn die Schlangen, die zu- 
gleich etwas teuflisches ausdrücken sollen. 

Das weinende Weib assoziiert zuerst Franz selbst, 
der sich beklagt, hierauf den Friedhof, der in der Nähe des 
Elternhauses liegt, dann die Schwester und die „gewaltig 
schöne Kapelle der Irrenanstalt, also die Mutter". 

Die Hand ist abnorm groß. Sie umfaßt und beherrscht 
alle Fäden, die über den Vorhang (der Welt) laufen. Sie 
kann alles zusammendrücken. Sie gehört Franz. 

Die Wirbellinien repräsentieren „herabfließenden" 
Schmutz, von dem Kraft ausgeht, so daß alles erleuchtet ist. 
Franz sieht sich und seine Mutter mitten in ein und dem- 
selben genußreichen Schmutz. 

Die gesclilängelten Senkrechten, von unten nach 
oben gezeichnet, sollen aus unbekanntem dunklen Schmutz 



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„DER WAHNSINN.- 131 



aufsteigen, vom Lichte angezogen. (Ich kann sie nicht mit 
Bestimmtheit deuten. Veranlaßt sind sie durch die Falten 
eines Vorhanges. Vielleicht gehen sie auf die Sexualtriebe, 
die durch offenkimdige Sexuallust [s. u.] angelockt, aus ihrem 
Versteck aufsteigen.) 

Die Inschrift „Ich weiß" bezieht sich auf die Einsicht 
in das Geheimnis des eigenen Zustandes. 

Entstehungs Verhältnisse. Das Bild wurde ge- 
schaffen in der Wohnung eines älteren Herrn, der Franz 
mit Artigkeit überhäufte, ihn auf große Reisen einlud und 
für die Kosten seiner akademischen Ausbildung aufzukom- 
men versprach. Kurz vor dem Entwurf hatte unser Analysand 
die Entdeckimg gemacht, daß der Mann homosexuell sei und 
schlimme Absichten im Schilde führe. Beim Verlassen des 
Zimmers nämlich, als der Jüngling vorausging, faßte ihn 
der andere und schmiegte sich an ihn. Dies widerte den 
Überraschten an, und er beschloß, sich von dem alten Sün- 
der zu trennen. Am Tische des Homosexuellen begann er 
das Bild zu zeichnen, ohne zu wissen, was herauskommen 
werde, während sonst seine Inspirationen mit einem Schläge 
in höchster Deutlichkeit vor ihm auftauchen. 

Deutung. Durch das homosexuelle Attentat angeekelt, 
erfährt Franz die intensivste Introversion. Die Katatonie 
wird durch seine Zeichnung vorzüglich symbolisiert: Der 
Kranke zieht sich von der Außenwelt hinter seinen Vorhang 
zurück, schwelgt in wildestem Auterotismus (Masturbation 
und masochistischer Lust am Schmerz der Mutter) als der 
Wissende, der (paranoisch) mit gewaltiger Hand die Ge- 
schicke der Welt regiert. Franz gesteht, daß solche Gedanken- 
gänge ihn öfters, doch nicht während der Entstehung dieser 
Zeichnung, beschäftigten. 

9* 



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132 n. DIE hNTSTEHiJNG DER KÜNöTLEBlSCHEN IN8PIKAT10N. 

4. Die Nymphe. 
Stark grelles Ölbild, unvollendet, 46:37 Zentimeter. 

Oben Waldlandschaft, links Bäume; dem Waldsaum ent- 
lang auf den Betrachter zu ein schmaler Weg, der sich in 
ein Bächlein verliert. Darimter Felswand mit zwei überein- 
ander liegenden Höhlen. In der oberen eine liegende Nymphe, 
neben ihr ein brauner und ein gelber Schmetterling. Das 
Weib hält die Hand empor, um das über tropfstcinartige Ge- 
bilde herabfließende Wasser aufzufangen. Das lange blonde 
Haar der weiblichen Gestalt hängt herab. Die Komposition 
entstand am Karfreitag. 

Die Nymphe trägt gleiche Haare wie die ältere, geliebte 
Schwester. Franz liebt nur Mädchen mit der nämlichen Haar- 
farbe und ähnlichen Figur. Gern läßt er sich auf kleinen 
Flirt ein, begehrt aber mit einer einzigen Ausnahme keine 
Küsse. Auch die Küsse der früher zärtlichen Mutter waren 
ihm, soweit er sich erinnern kann, stets zuwider. Hat er 
die Gunst eines Mädchens errungen, so zieht er sich von ihm 
gleichgültig zurück. 

Die Schmetterlinge werden anfangs für zufällig und nichts 
bedeutend ausgegeben. Dann aber assoziiert der (braune) 
Schmetterling neben dem Mädchen Franz selbst, der 
(gelbe) an seiner Seite ein Mädchen, das ihm auf den Abend 
der Analyse ein Rendezvous gab. Mit ihr spazierte er öfters, 
ohne aber stärkere Gefühle dabei aufzutreiben. Nur ein- 
mal erfaßte ihn eine Liebeswelle, die er aber verbarg. Die 
Schmetterlinge über der Erde rufen die Erinnerung an drei 
Mädchen, mit denen ein kleines Getändel vorgefallen war, von 
denen sich aber unser harmloser Don Juan getrennt hatte. 

Der Weg neben den Tannen existiert in Wirklichkeit. An 
jenem Orte lustwandelte er mit der gegenwärtigen Freundin. 



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DIE NYMPHE.« 133 



Die Bäume passen jedoch nicht zur Szenerie. Dafür ent- 
stammen sie einem Walde, der Zeuge einer Zusammenkunft 
mit einer anderen blonden Schönen war. 

So weit die Einfälle. Wie ordnen wir sie? Alles deutet 
auf die verdrängte Liebe zur älteren, auch bewußt innig ver- 
ehrten und wertgeschätzten Schwester. Franz will zu ihr, 
wie er sie in der Wirklichkeit sehnsüchtig sucht; alle blon- 
den Mädchen, denen er nachstellt, um: sich dann doch wieder 
enttäuscht von ihnen abzuwenden, sollen ihm die heiß be- 
gehrte Schwester sein, können es aber natürlich nicht. Hier- 
über soll später ein weiteres gesagt werden. 

Was aber bedeutet die Höhle? ein Blick auf das Ganze 
sagt es uns. Der Wald, die Quelle, darunter die beiden Höh- 
len bilden offenbar das Schema der weiblichen Organe. Un- 
sere Zeichnung bestätigt vollkommen die gezeichneten Träume 
Marcinowskis, die sich als unbewußte Wiedergabe weib- 
licher Körperpartien erwiesen i). Die Höhle, in welcher die 
Schwester liegt, bedeutet wie die Kapelle, die den Bruder 
beherbergt, im „Kcquiem" den Mutterleib. 

Franz will also zu seiner Schwester in die Organe der 
Mutter zurückkehren. Bemerken wir, daß die Tuffsteine, die 
Wasser über die Schwester entsenden, deutlich Phallusform 
aufweisen, so erkennt man wirklich, wie Herr Dr. Jung 
erkannte, eine Szene, die in der alten Mythologie eine Rolle 
spielt: Osiris und seine Schwester Isis wohnen zusammen 
im Leibe ihrer Mutter Neith^). 

Der gelbe Schmetterling in der Höhle verrät den Wunsch, 
die Freimdin mit der Schwester zu verbinden, so daß er in 



1) Marcinowski, Gezeichnete Träuoie. Zentralblatt für Psycho- 
analyse, II. Bd., S. 490-618 (1912). 

2) Vgl. Jung, Wandlungen, Jahrb. IV, S. 278. 



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134 n. DIE ENTSTEHUNG DER KÜNSTLEBISCHEN INSPIRATION. 

jener die iinrealisierbare Sehnsucht nach dieser verwirklichen 
könnte. Er will gleichsam Schwester und Freundin so zu- 
sammenbringen, daß er in letzterer die erstere wiederfäLnde. 
Die Stellung des Schmetterlings in seiner Entfernung von der 
Schwester gewährt diesem Bestreben keine günstige Diagnose. 

Unsere Deutung findet durch anderweitige Beobachtungen 
kräftige Bestätigung. Wer sich mit der Analyse von Don 
Juans befaßte, weiß auch, daß diese alle zusammen eine ganz 
bestimmte weibliche Person suchen, die sie in ihren Opfern 
zuerst zu finden hoffen, dann aber doch nicht finden, wenn 
es mit der Liebe Ernst zu machen gilt. Freud entdeckte, 
daß es sich immer um die Mutter handle, die erstrebt, aber 
nicht gefunden wird^). Seither fand ich mehrere Bestäti- 
gungen. Ein Beispiel: Ein ISjähriger Bursche leidet an ver- 
schiedenen hysterischen Lähmungen und starkem Donjuanis- 
mus. Zu einer ganzen Reihe von Mädchen fühlt er sich suk- 
zessive hingezogen, umwirbt sie stürmisch, erobert ihre Nei- 
gung, gewinnt ein paar Küsse und verliert zu seiner Betrübnis 
die Liebe vollständig. Er hält sich darob für einen schlechten 
Kerl und verfällt in schweren Lebensüberdruß. Aus der 
Analyse seien ein paar Details mitgeteilt. Eines Tages wird 
der Jüngling beim Treppensteigen von schw^erem Asthma und. 
Stechen im Rücken unter der linken Schulter befallen. Auf 
diese Symptome eingestellt, erinnert er sich, daß auch der 
Vater an Asthma leidet. Als Kind verkroch sich der Knabe 
lange Zeit fast jede Nacht ins Bett des Bruders, da er Ge- 
stalten halluzinierte. Er sah einen mit Messer oder Revolver 
bewaffneten Mann, der heftig keuchte, und eine Frau, die ge- 



1) Freud, Ober einen besonderen Typus der Objektwahl beim Manne. 
Jahrb. f. psychoan. u. psychop. Forschungen, II, S. 389 — 397. 



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,DIE NYMPHE." ]35 



wöhalich einen Besen tnig. Aus den vielen Fällen analytischer 
Heil-ung von Asthma wissen wir, daß das Keuchen oft auf 
den begattenden Vater geht^), wozu in unserem Fall Bevolver 
und Messer gut stimmen. Der negative Vaterkomplex, der 
zu offenkundigem Haß gegen den liebenswürdigen Mann 
führte, wurde somit früh erworben. Am Samstagnachmittag, 
an dem jetzt das Leiden ausbrach, war ein Brief des Vaters 
eingetroffen, der seinen Besuch ankündigte. Hierüber geriet 
der Sohn in Wut. Erst nach intensivem Suchen fand sich 
der Schlüssel des Rätsels: Im Vorjahr hatte der Vater eben- 
falls seinen Besuch auf den Samstag angemeldet. Der Jüng- 
ling telegraphierte jedoch ab, indem er Aufgaben vorschützte, 
und begab sich mit einer Freundin in den Wald. Die Apper- 
zeption der schmerzhaften Stelle weckt die lebhafte Erinne- 
rung, daß der Bursche sich kosend an seine Geliebte schmiegte, 
dabei aber durch einen kleinen Baumstrunk oder eine Wurzel 
empfindlich an die jetzt schmerzende Stelle gestochen wurde, 
was am Weiterküssen nicht hinderte. Durch die Anmeldung 
des Vaters erzürnt, versetzt sich der unzärtliche Sohn wunsch- 
weise in die damalige zärtliche Situation, die er sich durch 
eine Absage an den lästigen Besucher verschafft hatte, und 
identifiziert sich mit dem keuchenden, d. h. begattenden 
Vater, er erneuert seine Begierde nach der Mutter. Noch 
deutlicher kam in manchen Träumen letzterer Wunsch zum 
Vorschein. Als der Sohn drei Jahre alt war, erkrankte die 
zärtliche Frau an Tuberkulose und verließ die Familie, um 
in Sanatorien Heilung zu finden. Öfters kehrte sie auch zur 
Freude des Kleinen für einige Monate zurück. Dann wurde 
das Kindermädchen jeweils entlassen. So übertrug das Kind 
während sieben Jahren, bis zum Tode der Kranken, seine 
1) Vgl. mein Buch: Die psychan. Methode, S. 65. 



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186 II- DIE ENTSTEHUNG DER KÜNSTLERISCHEN INSPIRATION. 

Liebe auf manche weiblichen Personen, in denen es stets 
die Mutter suchte. Dieses Treiben setzt er gegenwartig fort. 
Er empfindet es selbst als Zwang und sträubt sich heftig, doch 
ohne Erfolg, bis die Analyse ihn ohne Mühe befreite. 

Unser Franz bildet nur scheinbar eine Ausnahme: Hinter 
dem auf die Schwester gerichteten Inzestwunsch steckt fast 
ausnahmslos die Mutter als früheres Objekt. Die Schwester 
ist in der Eegel das erste Muttersurrogat, dem später eine 
Reihe anderer folgen. Oft wird die Mutterimago bekanntlich 
nach den beiden Charakteren, die dem Sohne vorschweben, 
der idealen, reinen Natur und der sexuellen, in zwei Typen 
zerlegt. Der Muttersüchtige geht auf die reine Jungfrau! 
oder die Dirne aus. Ich selbst habe mehrere derartige Fälle 
beobachtet, in welchen die von Freud geschilderte erotische 
Konstellation von Merkmalen recht auffallend vorhanden war. 
Franz, der mindestens die vier ersten Jahre mit den Eltern, 
dann mit den Schwestern das Schlafzimmer teilte, scheint 
die beiden Mutterbilder auf die Schwestern zu projizieren: 
Die edle, reine Mutter findet er wieder in der älteren, ge- 
liebten Schwester, das sinnliche Weib in der jüngeren, ge- 
haßten. Die beiden Frauen, die übrigens beide auch selbst 
Mütter sind, tragen wirklich eine merkliche Verschiedenheit 
des Charakters in dieser Richtung an sich. Allein, indem 
der Bruder die beiden Muttert3rpen in sie hineinsieht, über- 
treibt er die Differenz und heftet die der Mutter geltenden 
Affekte ihren jungen Surrogaten an i). Ob wir uns mit dieser 
Auffassung begnügen können, suchen wir später auszumachen. 



*) Die ungeheure Verbreitung der Geschwisterliebe, auch der direkt 
inzestuösen, hat Otto Rank an erstaunlich reichhaltigem Material nach- 
gewiesen. (Daa Inzestmotiv in Sage und Dichtung, S. 441 — 685.) 



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«DIE NYMPHE,« 137 



Zur Beantwortung dieser Frage müssen wir wissen, ob 
der Mutterleib selbst in der Höhle begehrt sei, oder ob er nur 
ein Symbol für die Abgeschlossenheit von der Welt und das 
Greborgensein ausdrückt, somit eine Introversionsphantasie, 
welche die maximale Regression in zeitlicher Richtung ledig- 
lich benutzt, um die stärkste Regression in funktionaler Rich- 
timg zu bezeichnen. Tatsache ist, daß der Mutterleib selbst 
in im.zähligen Fällen ersehnt wird. Die Nikodemusfrage : 
„Kann auch ein Mensch in seiner Mutter Leib zurückkehren 
(wörtlich: zum zweitenmal hineingehen) und geboren wer- 
den?" (Joh. 84)1) spielt eine große Rolle. St ekel zeigte 
den Wunsch im Traume eines Neurotikers 2), Abraham lie- 
ferte eine damit übereinstimmende Serie 3), Marcinowski 
bestätigte die Beobachtungen seiner Vorgänger durch seine 
prächtigen „gezeichneten Träume"*), die mit unseren hier 
aufgewiesenen Erfahrungen sich eng berühren, in novellisti- 
scher Form stellt Paul Ernst denselben Gegenstand dar^): 
,, Welche von den vielen Zügen, in denen sich diese Wand- 
lung äußerte, soll der Erzähler nun wohl herausheben? Es 
ist etwa zu erzählen, wie Hans an einem Mittwochnachmittag 
in der Stube seiner Wirtsleute sitzt, wo hinter dem Ofen der 
Bauer im Halbschlaf träumt, und hat eine alte Zigarren,- 
schachtel, ^e er geschenkt bekommen, die klebt er an allen 
Seiten sorgsam mit Kleister zu, daJJ kein Licht hinein kann, 

1) J u n g, Wandlungen und Symbole der Libido. Jahrb. IV, S. 268 ff. 

2) Stekel, Zur Symbolik der Älutterleibsphantasie. Zentralbl. für 
Psychoan., I. Bd., S. 102 f. ^ 

') Abraham, Einige Bemerkungen^ber d«n Mutterkultus und seine 
Symbolik in der Individual- und Völkerpsychologie. Ebenda II. Bd., S. 549 f. 

*) Marcinowski, Gezeichnete Träume, Zentralbl., II. Bd., S. 490 
bis 518. 

*) Zentralbl., II. Bd., S. 540. 



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138 W- ME ENTSTEHUNG DER KÜNSTLERISCHEN INSPHIATION. 

und träumt in der Art wie einst, da er zu Hause unter dem 
Tische saß, wie heimlich es wäxe, ganz klein zu sein und in 
solcher verklebter Schachtel zu sitzen i)." In der zürcheri- 
schen psychoanalytischen Vereinigung berichtete Fräulein 
Dr. Frieda Kaiser von einer Manisch-Depressiven, die mor- 
gens nicht aufstehen wollte, weil sie das Bett mit demi 
Mutterleib gleichsetzte. Femer hat S i 1 b e r e r auf die Wich- 
tigkeit der Mutterleibsträume hingewiesen 2). 

Ich nehme vorderhand an, daß die zur Introversion füh- 
rende Hemmung in den Wunsch nach Wohnen im Uterus 
treibt, aber allerdings um den Abschluß von der Außenwelt 
zu erreichen. Die Mutterleibsphantasie wirkt auch nach in 
der Sehnsucht, als Gräberheiliger oder Mönch das Leben zu 
beschließen. Die Psychologie des Anachoretentums ist ein 
Zweig der Psychologie der Introversion. 

5. Die Brücke des Todes. 
(Bleistiftzeichnung, 38:28 Zentimeter.) 

Ein Jüngling steht im Begriffe, von der Leiche eines 
Weibes weg auf eine sich im Nebelmeer verlierende Brücke 
zu stürzen, auf deren Mitte der Tod steht. Hinter ihm er- 
hebt sich in glutroter Pracht die Sonne. Am Bande rechts 
wollen zwei Händepaare den Davoneilenden zurückRalten oder 
-rufen. 

Das Weib assoziiert die Mutter, die Haare sind die der 
geliebten Schwester. Die Gestalt ist, was Franz nicht be- 
merkte, spiralig verdreht, ©lese Beobachtung ruft die Vor- 
stellung eines Sexu^ftaktes bei dem Jüngling her\'or. Die 
Füße gehen auf ein Weib, der Oberkörper paßt seiner Stel- 

1) Der schmale Weg zum Glück, S. 83. 

«) H. Silberer, Spermatozoen träume, Jahrb. IV (1912), S. 141 fl 



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.DIE RHÜCKE DES TODES,* 



139 



lungj nicht seiner Form nach auf einen Mann, Weitere Ein- 
fälle trafen nicht ein, 

Der Jüngling stellt den nächsten Freund unseres 
Änaly Sauden dar^ meint aber natürlich letzteren. 

Die Hände gehören dem Vater und der ungeliebten 
Schwester. 

Die Veranlassung des Bildes erfuhr ich aicht- 




¥ig. 4. 



Diu Deutung liegt auf der Hand : Der Jüngling wünscht 
seine Mutter tot und bereitet sich selbst, dem Vater und der 
bösen Schafes ter zuleide, ein gewaltsames Ende. Die Sonne 
ist wohl, wie so oft, Symbol des Vaters i). Eine Überdeutung 
folgt später. 

Daß Bild entstand bereits ein Jahr vor der Analyse, Es 
ist somit das älteste aller hieiu benutzten. Wir reihen es 
hier ein, weil es zu den spat analysierten gehört. 



1) Freudj Nachtrag in cL autobiogr, beschrieb, Fall von Paranoia, 
J&htb. III, S. 590. — J u n g, Wandlungen, Jahrb. III, S. 203 f., IV, S. 163 f. 
— YgL dio Sonne in Josephs Traum, 1. Mos. 39, V, 9 ü. 10. 



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140 U WE ENTSTEHUNG DER KÜNSTLERISCHEN INSPIRATION. 

II. Im Zeichen der Egresrion geschaffene künstlerische 

Phantasien. 

Schon die erste Sitzung wirkte auf Franz sehr beruhi- 
gend, doch hielt die Besserung nur kurze Zeit an. Nach 
der dritten, als die Bilder Nr. 1 — 5 ergründet worden waren, 
trat ein starker Umschwung der Gesamt Stimmung und be- 
sonders der sympathischen Beziehung zu den Eltern ein. In 
welchem Sinne es geschah, zeigen die folgenden Bilder. 

6. Sonnige Höhe. 

(Fünf Tage nach der letzten Besprechung entworfene Skizze zu einem Öl- 
gemälde, 46:38 Zentimeter.) 

Ein liebendes Paar steht auf sonniger, mit Rosenbäumchen 
bewachsener Höhe über einem Nebelmeer, auf dessen anderem 
Ufer inmitten von Felsen vor einer Hütte ein Asket steht. 
Der finstere Mann will die Glücklichen zur Arbeit fortjagen. 
Der Liebende sieht ihm aber mit ruhiger Sicherheit ins Auge 
und hält die Geliebte fest 

Der Asket ruft den Vater in Erinnerimg, sofern er sich 
selbst wenig gönnt und einer strengen Lebensanschauung hul- 
digt. Hinter ihm steckt der Analytiker, der dem Drange 
nach Flirt und Müßiggang gleichfalls wehrt. 

Die Hütte dient dem Büßer als Wohnstätte. * 

Der Liebende ist wieder der nächste Freund unseres 
Analysanden, derselbe, den wir bei der „Brücke des Todes" 
antrafen. 

Die Geliebte ist die Freundin, die als Schmetterling 
zur Nymphe mitgenommen worden war. Ihr kräftiger, etwas 
breiter Körper und die gerade Nase sollen gut getroffen sein. 
Dagegen paßten die wenig gewölbten Augenbrauen zur ge- 
liebten Schwester. Die Substitution ist also trotz der drei 



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,SEELE, WOHIN?« 14I 



Tage vorher erfolgten Analyse des Nymphenbildes befestigt 
worden. 

Die Eosenbäumchen assoziieren Liebesverhältnisse. 
Das dürre Stämmchen provoziert, wie schon seine Stellung zu- 
nächst dem Asketen voraussehen läßt, die Mutter. Zunächst 
aber erscheint der vielsagende Einfall: „Bei jeder jungen 
Liebe ist's, wie wenn ein Bäumchen aufginge und blühte. 
Hier ist aber eines abgestorben: Gemeint ist die Liebe zur 
^Mutter." Das vorderste, kräftigste Bäumchen bezeichnet die 
umarmte Freundin, die beiden zurückstehenden ihre zwei 
letzten Vorgängerinnen. Während der Analyse zeichnete Franz 
eine Rose hinein, die aber ganz an einen Apfel erinnerte. Er 
bestärkte damit den Eindruck, daß das Bild Adam imd Eva 
im Paradies darstellen sollte. Der sie verscheuchende Vater 
ist dann Gott, gegen den der Künstter sich auflehnt. 

Die Skizze besagt somit den uneingestandenen 
Wunsch: Ich will mich von der Liebe zur Mut- 
ter losreißen und trotz des Einspruches meines 
rigorosen Vaters und des Analytikers, erhaben 
über Nebel auf sonniger Höhe, mich der para- 
diesischen Liebe meiner Freundin erfreuen. 

Auch diese Auslegimg geben wir nicht als definitive. 

7. Seele, wohin? 

Am Tage nach der Erschaffung der ^,Sonnigen Höhe" 
trat Franz eine etwa zehntägige Reise nach dem Süden an. 
Einst ging er am Garten einer Villa vorbei, als ihn plötzlich 
gegenüber dem Portal der Gkdanke erfaßte: „Hier möchte 
ich begraben liegen!" Dann fielen ihm die Ölbäume auf, und 
alles schien ihm Musik. Einen Moment später tauchte der 
Wunsch auf: ,.Es müßte doch herrlich sein, aus dem Dunkel 



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142 n. DIE ENTSTEHUNG DER KtyNSTLERISCHEN INSPIRATION, 

ins Sternenlicht zu treten I** Alsbald stand „wie ein Blitz" 
vor ihm die Intuition des Mer reproduzierten Bildes, das er 
selbst folgeadermaßen auslegt: 

„Die ins Dunkel des Gartens tretende Gestalt ist meine 
Seele, der hinter ihr kauernde Mann mein Leib, Jene möchte 
aus dem Dunkel hinaustreten imd sich dem freien Himmel 




Fi>. 5, 



nähern, von dem ein Stern hell heriiberblitzt. Auch im Garten 
Bah ich durch ^die Laubkrone hindurch ein Stück Himmel 
Der Leib folgt zaghaft der Seele, Beide, Seele und Leib, 
wollten sich gern vereinigen, allein wenn jene hochfliegende 
Pläne macht, bildet der Leib ein Hindernis, Die Seele sucht 
Halt im SterUj der Körper sieht den Stern nicht Jetzt möchte 
der Leib die Seele umarmen und mit ihr eins sein," 

Hinter der „Seele** erblicken wir auf dem Palimpsest des 
Originals^ in unserer Reproduktion dagegen nicht, die bis auf 
einen Rest ausradierte Gestalt eines Jünglings. Er stand 
auf einem Bergrückenj der sich vom Nachthimmel abhob. 
Im Hintergrund sah man ein Tal. Aus einigen Häusern grüßte 



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„SEELE, WOHIN?« I43 



ein Licht. Nebel stiegen herauf. Der Jüngling blickte nach 
seinem Elternhaus, konnte es aber wegen des Nebels nicht 
sehen. — Der ideenreiche Künstler hatte den Entwurf ver- 
nichtet, weil er ihn nicht mehr interessierte, anders ausge- 
drückt, weil er seinen veränderten Komplexen nicht mehr 
entsprach. Durch die Analyse fand Franz ja die richtige 
Beziehung zum Elternhaus, der Nebel wich, die suchende, 
nicht findende Sehnsucht ist von ihm genommen. 

An Stelle der pessimistischen Szenerie tritt eine neue, die 
das Streben nax;h Licht verrät, zugleich die Hoffnung, daß 
der zaghafte Leib, der in seiner Schwachheit schon so oft 
ein Hindernis bildete, dem Geist folgen könne. Das Bild 
dürfte den Wunsch nach Besiegung der Sinnlichkeit ausmalen. 
Wir vermuten, daß die Neigung zur Freundin mindestens in 
jenem Augenblick erloschen war. In Wirklichkeit entschwand 
sie wohl endgültig. Ein Zwist mit einigen Reisebegleitern 
begünstigte den Auterotismus. 

Ob der Stern eine Umdichtung der auf dem „Requiem" 
gebotenen Sterne sei, muß ich auf sich beruhen lassen. Seit 
es Franz gut geht, verliert er seine analytische Freigebig- 
keit. Wie gewöhnlich ist auch hier der Genesungsprozeß 
ein Feind der wissenschaftlichen üntersuchnng. 

Noch genauer fassen wir den Sinn des Entwurfes, wenn 
wir seiner Entstehung unsere Aufmerksamkeit zuwenden. Es 
fiel mir auf, daß die Inspiration blitzartig eintraf, als Franz 
am Portal vorbeikam. Ich ließ daher dieses fixieren und 
erhielt den Einfall: „Es erinnert stark an das des Fried- 
hofes, der nahe bei unserem Hause liegt." Dort wünschte 
Franz so oft begraben zu liegen. Beim Passieren des Garten- 
tores entsann er sich der ähnlichen Eingangspforte in der 
Heimat nicht, wohl aber wurde angeregt der Todes wünsch, 



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144 n. DIE ENTSTEHUNG DER KÜNSTLERISCHEN INSPIRATION. 

der tinter Benützung des Ausblickes in den freien Himmel 
sofort überkompensiert und in eine höhere Lebenshoffnung 
verwandelt wurde. 

Das rezente Material wirkte so komplexanregend (das 
Portal), diente aber auch zur Ausarbeitung der Reaktions- 
bildung (das Stückchen freier Himmel). Auch hier fällt uns 
auf die Schnelligkeit, mit der das Unbewußte seine Manife- 
station, hier die Inspiration, schafft. 

8. Der Zweifel. 

Die Zeichnung entstand am Vorabend der Analyse. 

Ein Jüngling rastet nach beschwerlicher Wandenmg ge- 
genüber einer sich in die Tiefe senkenden Felsenhöhle, neben 
welcher zwei Frauengestalten stehen. Über die Wiesen führt 
ein Pfad, der aus dem Schatten in „kolossal lichte, heiter 
lachende Höhen" mit blühenden Obstbäumen führt. Im 
Hintergrund leuchten die Alpen, wie im Engadin. Das Ganze 
ist überdacht von einem fein abgetönten blauen Himmel. 
Der Jüngling befindet sich im Zweifel, ob er in die Höhle 
dringen oder den Pfad zum Licht einschlagen soll. 

Die Höhle ruft sofort die des früheren Gemäldes 
(„Nymphe") in Erinnerung; sie bedeutet den Mutterleib. 

Der Jüngling ist ein Kamerad, der zum Bilde saß. 

Das Weib mit dem Schwerte ist die gehaßte 
Schwester, die so gern die Justitia spielt (darum wohl der 
Schleier über dem Gesicht) und noch kürzlich zu ihrem Bru- 
der sagte, er soll sich einen anderen Charakter anschaffen. 
Sie ist kriegerisch, vielleicht will sie Franz mit dem Schwert 
in die Höhle jagen. Das andere Weib ist die ältere, bevor- 
zugte Schwester. Sie wünscht, daß der Bruder in die Höhle 



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.DER ZWEIFEU" 



145 



gehe, und folgte ihm, wie auch die jüngere, dorthin nach. 
Vor vier Tagen gestand er ihr, daß er die Eltern im Frühling 
zu verlassen gedenke, um eigene Wege zu gehen. Sie fand, 
es unrecht. 

Weiteres war leider nicht erhältlich. 

Die Deutung fällt ims leicht. Franz ist wieder etwas 
von den „sonnigen Höhen" zurückgeglitten xmd wieder am 




Fig. 6. 

Mutterproblem hängen geblieben. Er hatte geplant, die Ab- 
lösung von der Mutter durch örtliche Trennung zu vollziehen. 
Als ob dies das Geringste nützte! Auf die Ablösung von 
der Mutter- Imago, dem seit der infantilen Verdrängimg 
in ihm wohnenden Mutterbild, kommt doch alles an. Da 
die geliebte Schwester von der lokalen Trennung abmahnt, 
erfolgt ein Eückfall in die Versuchung zur Introversion, die 
allerdings durch die Perspektive in den Frühlingsglanz vor- 
läufig noch balanciert wird. Doch überwiegt die Sehnsucht 
nach der Mutter, wie nicht nur aus Blick und Körperhaltimg, 

Dr. Pfitter, Pcycbuialjse. 10 



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146 n. DIE ENTSTEHUNG DER KÜNSTLERISCHEN INSPIRATION. 

sondern auch durch das allzu lang geratene Bein deutlich 
ersichtlich ist. 

Die Skizze besagt folglich: So verlockend die Früh- 
lingswelt des freien Lebens, stärker zieht es 
mich zur Introversion, zur Rückkehr in den 
Mutterleib, in dem ich mit den Schwestern ver- 
eint bin. 

Eine Woche später brachte Franz übte Laune in die Sit- 
zung mit, dagegen keine Bilder. Er hielt seit zwei Tagen 
das Leben wieder für armselig und verspürte keinen Wunsch, 
mit den Menschen Gemeinschaft zu pflegen. Da sich als 
Gnmd der Verstimmung die Abreise einer hübschen, neu 
gewonnenen Freundin herausstellte, nahm ich den Rückfall 
nicht tragisch, sondern wagte es, die früheren Bilder nach- 
zuprüfen. Den sehr spärlichen Ertrag habe ich bereits früher 
eingefügt. 

Eine neue Inspiration wurde am Schlüsse der Bespre- 
chung etwa mit folgenden Worten geschildert: Stemen- 
nacht. Auf einem quadratischen Marmorblock liegt ein toter 
Jüngling. Ein Drache mit Löwenantlitz drückt ihm den 
Kopf nach hinten. Ein Mädchen küßt die Haare des Toten. 
Eine verhüllte Figur scheint das Geschehende mehr zu fühlen 
als zu sehen. 

Der Tote ist Franz, das Mädchen die geraubte Freundin, 
hinter der die Mutter steckt, die verhüllte Figur ist der 
Vater, der Leu das Schicksal. Das Ganze bildet eine üm- 
dichtung einer hier nicht mitgeteilten Zeichnung, deren 
religiöser Gehalt jetzt zerstört, deren ethischer Kern gestei- 
gert worden ist. 

Franzens Enthüllung erschreckte mich nun doch einiger- 
maßen. Ich hatte unrecht gehandelt, indem ich die ästhe- 



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,DIE GE8C5HICHTE VOM WEISSEN WÖLKLEIN." 147 

tische Analyse hatte aufnötigen wollen. Obwohl ich mir 
bewußt war, daß nur durch geistige Arbeit, namentlich auch 
durch Ergründung des rezenten Materials die nicht unbe- 
trächtliche Gremütsverwicklung gründlich zu lösen sei, schlug 
ich meinem Klienten vor, eine außerordentlich gediegene, in 
jeder Hinsicht bevorzugte Dame meiner Bekanntschaft zu 
porträtieren. Sie verfügt über gründliche Bildung, gewin- 
nende Dichtergabe mit Neigung zu formvollendeter Elegik, 
aus der ein starker Lebenswille hervorbricht. Als Braut eines 
tüchtigen Mannes, an Alter und Lebenserfahrung, Menschen- 
liebe und religiös-ethischer Einsicht Franz überlegen, ver- 
spricht sie diesem eine kluge Beraterin zu sein und seine 
Erotik einer ethisch und ästhetisch wertvollen Sublimierung 
zuzuführen. Direkt religiösen Einfluß lehnt der Jüngling vor- 
derhand ab. 

Eine Woche später bringt Franz in die (fünfte) Sit- 
zung mit 

Die Geschichte vom weißen Wölklein. 

„Vater und Sohn gingen an einem schönen Sommermorgen 
auf die Wiese, um Gras zu mähen. Der Sohn war heute sehr 
fröhlich. Die Leute sagten, er sei ein Schwärmer. Man 
soll ihn gehört und gesehen haben, wie er einst zu einem 
weißen Wölklein hinauflachte. Seine Schwestern waren älter 
und liebten ihn nicht besonders. Sie plauderten aus, er küsse 
jeden Frühling die ersten Blumen, imd wenn dann am Abend 
etwa der Nebel umherschleiche, springe er auf die Fluren 
hinaus und lache wie toll. (Dies alles trieb Franz oft.) Das 
sind ganz böse Geschichten, meinte der Ortspfarrer. Man 
sah den Knaben seit jener Stunde schief an, und er weinte 
deshalb oft. (In Wirklichkeit konnte Franz nicht weinen, 



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148 II. DIE ENTSTEHUNG DER KÜNSTLEBISCHEN INSPIRATION. 

was ihn heftig quälte.) Heute aber lachte er. Als beide auf 
der Straße gingen, sprang der Knabe plötzlich vor den Vater 
hin und sagte: , Vater, heute sieht man's wieder!* — ,Wa8?* 
— ,Das weiße Wölklein I Kennst du denn die Greschich,te 
nicht?* Der Vater kannte die Geschichte nicht. ,Die Ge- 
schichte vom Mägdlein, das an einem Sommermorgen aus 
dem Moor zum Himmel aufsteigt; am Abend des anderen 
Tages aber als Greisin die Erde küßt und stirbt.* — , Diese 
Geschichte kenne ich wahrhaftig nicht,* lächelte der Vater, 
,So will ich sie erzählen. Es ist mir so angenehm, auf dem 
Wege zur Arbeit reden zu können. 

Ein Wanderer lag in einer schönen Sommernacht unterm 
Gebüsch nahe am Moor. Die Sonne war noch hinter den 
Bergen, als er seine Augen aufschlug. Viele graue Käuchlein 
stiegen aus dem feuchten Boden, darunter fiel ihm nament- 
lich eines auf. Es stieg am schnellsten und wurde immer 
weißer, je weiter es vom Boden weg kam. Aber das war's 
nicht allein. Bald glaubte er in ihm eine Lilie zu sehen, die 
sich im Morgenwinde wiegte, bald sah er ein Mägdlein, das 
sich lieblich im Tanze drehte. Immer stieg es und immer 
weißer wurde es, je näher es dem Blaxi des Himmels kam. 
Wie erstaunt war er, als er am Abend das Wölklein hoch 
am Himmel wieder fand. Er sah's genau, es war eine Jung- 
frau, von Scham gerötet, denn die Sonne lachte ihr ins Ge- 
sicht. — In der Nacht gab sie dem Monde den Brautkuß, und 
ihre Silberhaare umfingen ihn. Sie taten so lieb miteinander. 
Der Wanderer sah es, als er spät in der Nacht aus dem! 
Fenster der Herberge schaute. Der folgende Tag war heiß. 
Viele Wolken wanderten gegen Osten. Der Wanderer sah 
zu ihnen auf und suchte nach dem weißen Wölklein. Er 
fand es nirgends und war traurig. Als der Mittag kam, legte 



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„DIE GESCHICHTE VOM WEISSEN WÖLKLEIN.« I49 

er sich in den Schatten einer Eiche, die allein auf eineon 
Hügel stand. Suchend schaute er zum blauen Himmel auf 
und staunte! Alle Wolken waren zu Mädchen und Knaben 
geworden, die ihre Anne lachend der Sonne entgegenhielten. 
Wie mögt ihr lachen bei dieser Hitze, dummes Volk, schrie 
er und fühlte — er wußte selbst nicht was. Das weiße Wölk- 
lein I dachte er wieder. Die anderen streckten ihre Arme 
immer noch aus, als wollten sie jemand aus jenen lichten 
Höhen herunterreißen. Müde kroch er aus dem Schatten der 
Eiche, hielt die Hand übers Auge und sah gegen die Sonne. 
Sie war so weiß, wie ein lachender Engel an der Pforte des 
Himmels, imd er konnte nicht lange hinseh'n. Doch fühlte 
er unendliches Glück in der Brust. Doch?! — War es nicht, 
als lagen sie sich in den Armen — die Sonne — und die 
weiße Wolke?! 

Wer kommt außer dir zu jenen Höhen? Wer trinkt vom 
Bläu des Himmels und wird weiß, rein? Wer darf die Sonne 
küssen?! Wem außer mir ist es vergönnt, das zu sehen? Ein 
unendliches Glück überkam ihn, er legte sich wieder in 
den Schatten der Eiche und schlief ein. Träumend lachte 
er. — — Die Sonne verfinsterte sich. Die Wolkenknaben 
und Wolkenmägdlein waren zu Jünglingen und zu Jungfrauen 
geworden. Auch sie tranken vom Blau des Himmels, wurden 
aber weder weiß, noch rein, sondern schwarz und — bekamen 
Bausche. Der 2k)m fuhr ihnen in die Köpfe und sie purzelten 
im ganzen Himmel herum; wo aber ein Jüngling eine Jung- 
frau nahm, fuhr ein Blitz nieder, daß die Erde erdröhnte. Der 
Wanderer wachte auf und sah vor Schrecken bleich zum 
Himmel empor. Die weiße Wolke kam auf ihn zugeflogen und 
er breitete seine Arme aus. Er erkannte die greise, liebe 
Mutter. Im selben Augenblick fuhr ein Blitzstrahl in die 



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150 II. DIE ENTSTEHUNG D«X KÜNSTLERISCHEN INSPIRATION. 

Eiche, sie flog in Splittern auseinander und die Erde stöhnte 
in hundertfachem Echo. Der Wanderer lag tot am Boden. 
Die weiße Wolke aber senkte sich zur Erde nieder, küßte 
den Leichnam und die Blumen, benetzte sie mit ihren Tränen 
und starb/ 

Als der Knabe geendet hatte, sah ihn der Vater fragend 
an. ,Mir war der Himmel loer, doch du erfüllst ihn mir mit 
deinen Träumen,' schloß er bald darauf." 

,,Sonntag, den in der Früh', ch* ich ein Glas 

Wasser trän kl" 

(Franz genießt als Frühstück nur ein Glas Wasser.) 

Diese duftige Märchendichtimg überkam Franz im Schlaf 
oder Halbschlaf. Einige Wochen vorher hatte er seinem 
Lehrer als allgemeines Thema für eine freie Aufsatzerfia- 
dung angegeben: „Wolken." Lehrer und Kameraden nahmen 
die Anregung gern auf. 

Auch wenn die Wolke nicht vom Dichter selbst auf die 
Mutter gedeutet würde, errieten wir, daß unser Analysand 
sich wie auf so vielen Zeichnungen tot und von der Mutter 
betrauert wünscht und diesen Wunsch poetisch als verwirk- 
licht darstellt. Der ungeduldige Jüngling war auch jetzt mit 
Einfällen knauserig. 

Die Einleitung schildert uns persönliche Kindheits- 
erlebnisse. Franz sehnte sich längst nach freier Aussprache 
mit dem Vater, der keine Ahnung von der seelischen Be- 
drängnis seines Sohnes hatte. Den Ortspfarrer verab- 
scheute der Jüngling wegen einer Denunziation: Der streng- 
gläubige Maim hatte gegen die Lektüre Nietzsches geeifert, 
und Franz nahm sich ritterlich seines Licblingsdichters an. 



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^lE GESCHICHTE VOM WEISSEN WÖLKLEIN.« 151 

™ — .^ — « 

Der Wanderer assoziiert den Träumer selbst, der eine 
Woche zuvor mit dem ims aus Bild 5 und 6 bekannten Freimd 
und dessen Freundin neben einem Moor im Grase lag. 

Das aus dem Sumpf steigende Wölklein indu- 
ziert die Mutter, sofern sie nach der infantilen Geburtstheorie 
ihres Sohnes aus dem Sumpfe vom Storch gebracht wurde. 
Das luftige Gebilde gleicht einer Lilie: Vor einer Woche 
bewunderte der Künstler eine Lilie im elterlichen Garten 
und beschloß, sich mit dieser Lilie in der Hand zu porträtie- 
ren i). Oft betrachtete er erfreut die Wölklein, die von den 
Wellenspitzen der am Eltemhause vorüberrauschenden Aare 
aufstiegen. 

Als tanzendes Mädchen erscheint die Wolke, ob- 
wohl die Mutter, einst ein sehr schönes Mädchen, als pieti- 
stisch erzogen, nie tanzte. Franz wünschte, daß sie freier 
dächte. 

Das Wölklein wird immer weißer: Es saugt Him- 
melsblau, darum leuchtet es immer heller. Die Mutter will 
durch Religion reiner und größer .werden, Franz meint aber, 
die Natur gewähre ebensoviel. 

Das Entschwinden des Wölkleins erinnert Franz an 
seinen Gedanken, ein feines, hochstehendes Mädchen sei für 
andere Menschen gar nicht mehr faßbar; das Wiedersehen 
des fliegenden Wunders ruft die Erinnerimg, daß der Jüng- 
ling öfters hoffte, als reifer Mann die Seele des Weibes zu 
verstehen. 

Das Wölklein errötet im Schein der Abendsonne. 
Ein reicher Aristokrat wollte die Mutter gewinnen und ver- 
führen, wurde aber von der Standhaften zurückgewiesen. 



1) Umdichtung des früheren Selbstporträts. 



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152 n. DIE ENTSTEHUNG DER KÜNSTLERISCH KN INSPIRATION. 

Das Wölklein schenkt dem von Silberhaaren umfangenen 
Mond den Brautkuß: Der Vater pflegte bei Mondlicht zu 
seiner Braut zu reiten. Als der jüngere Bruder sich ver- 
lobte, warnte jener den Sohn vor imvorsichtigen Intimitäten, 
erhielt aber die kränkende Ablehnung, daß nicht alle sich 
gleich benehmen. 

Der Wanderer sieht von der Herberge aus das kosende 
Wölklein: öfters ertappte Franz vom Eltemhause aus ein 
Liebespärchen, so auch etwa den Bruder mit seiner Braut. 
Früher äjgerte er sich über die verliebten Leutchen, jetzt ist 
er duldsam geworden. 

Der Träumer sucht am folgenden Tage umsonst sein 
Wölkchen: Unser Dichter schaute jahrelang umsonst nach 
der Liebe seiner Mutter aus. 

Die Umarmung der schneeweißen Sonne und 
des Wölkleins bezieht sich auf die Verheiratung mit 
dem Vater. Franz sehnt sich während dieser Phantasie un- 
bändig nach den Eltern. Plötzlich fällt ihm ein: Ich bin 
die Sonne. Aus dieser Identifikation mit dem Vater erklärt 
sich die Freude imd das Einschlafen. 

Die vielen grauen Wolken, die auch durch Himmels- 
bläue Reinheit nicht erlangen, sondern schwarz werden und 
im Bausche umherpurzeln, sind allerlei verliebtes Volk, das 
durch die Liebe nicht rein, sondern roh und schmutzig wird. 
Blitz und Donner sind zunächst als Liebesentladung zu deuten, 
aber auch als Strafe. Franz wird an seine rohe Liebe er- 
innert und läßt sich als Wanderer erschreckt aufwachen. 
Die Angst verrät auch hier gestaute Libido. 

Die Wolke fliegt auf den Wanderer zu: Auch 
sie will die Liebe realisieren. Franz versichert, daß er, ob- 
wohl der Entwurf der ganzen Erzählung von Anfang an deut- 



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„DIE GESCHICHTE VOM WEISSEN WOLKLEIN.* I53 

lieh vor ihm stand, erst im Augenblick der Nieder- 
schrift dieser Stelle merkte, daß die Wolke die Mut- 
ter des Wanderers sein müsse. 

Der Blitz zersplittert die Eiche und tötet den 
Wanderer: Der Blitz bricht aus der schwarzen Wolke, 
aus imxeiner Liebe hervor. Man kann sich fragen, was unter 
dem männlichen Symbol der Eiche verstanden sei. Einfälle 
konnten nicht gesammelt werden. Zuletzt stirbt Franz wie 
auf dem „Requiem", von der Liebe seiner Mutter beschenkt. 
Sie folgt ihm selbst in den Tod. 

Der Traum dürfte also etwa folgendermaßen zu deuten 
sein: Schon in meiner frühen Kindheit, als die Liebe (Sonne) 
in mir noch nicht erwacht war, traf ich viele in unreiner 
Gier liebeshimgrige Burschen und Mädchen (graue Rauch- 
fein); die Mutter aber sah ich zu immer reinerer und hei- 
ligerer Liebe aufsteigen (immer weißer werdendes, rasch auf- 
schwebendes Räuchlein, Lilie), bis sie mir am Ende meiner 
Kinderzeit (erster Abend) zum Idealbild der reinen Liebe 
geworden war (hoch am Himmel, Sonne ihr ins Gesicht 
lachend). 

Dann aber erfahre ich, an einer Lebenswende angelangt, 
daß sie sich dem Vater (Mond) in Liebe hingab, und sie 
entschwindet zu meinem Schmerz meinem Auge. Auf der 
schwülen Mittagshöhe meines Daseins werde ich inne, wie 
die jungen Leute sich freudig nach Liebe sehnen (Arme 
lachend nach der Sonne ausgestreckt), dabei aber bereit sind, 
einander in die Tiefe zu reißen. Ich bemühe mich, dem Einfluß 
meines ungeliebten Vaters zu entweichen (müde aus dem 
Schatten der Eiche gekrochen) und die Mutter in ihrem 
wahren Wesen wieder zu erkennen. Da entdecke ich, zu 
meiner unendlichen Freude, daß sie dennoch rein ist in ihrer 



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154 n. DIE ENTSTEHUNG DER KÜNSTLERISCHEN INSPIRATION. 

unendlichen, heiligen Liebe. Die anderen, die von unreiner 
Liebeslust trunken sind, werden mitten in ihrem Taumel 
vom Blitzstrahl des Gerichtes getroffen. Ich aber sehne mich 
nach der reinen, ehrwürdigen (greisen) Mutter, der Vater 
wird zerschmettert, ich aber sterbe in den Armen der Mutter, 
die noch im Tode ewig mit mir vereint bleibt i). 

Die Dichtung verrät, daß die Besserung im Zustand 
unseres Analysanden noch nicht befriedigend ist. Noch be- 
steht ein geheimer Todeswunsch. Der Jüngling schwebt noch 
immer in der Gefahr, an seiner Introversion zu Grunde zu 
gehen. 

Einige Tage nach der Analyse hatte unser Patient einen 
charakteristischen 

Traäm. 

Von einer Bergeshöhe aus sieht er am Him- 
mel mehrere Lichter; eine Stimme behauptet, 
daß alle eins seien. 

In diesem Traume kommt die funktionale Kategorie schön 
zum Ausdruck. Das Verhalten der Libido wird gut geschil- 
dert. Die liebenswürdige Dichterin und andere Mädchen 
locken ihn, die Mutter will ihn nicht freigeben. Er schließt 
ein Kompromiß, indem er sich beruhigt, daß in allen Liebes- 
beziehungen ein und dasselbe, nämlich die Mutter, gemeint 
sei, was auch völlig zutrifft. Das Bild des Kometen sym- 
bolisiert die Psychologie des Don Juan nicht übel. Es kann 
auch bedeuten: Alle hohen Lichter, Freuden, Güter sind 



1) Die frühere historisch-allegorische, wie die autosymbolische Deu- 
tung (Imago, II, S. 603) nehme ich durch diese Auslegung ala "ngonügead 
zurück. 



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«WEICHE^ NACHT, DIE WELT WILL TAÖ, 



166 



verwand tj idon tisch mit dem einen Lichtj das in der (idealen) 
Mutter symbolisiert ist. 

Die Ferien veranlaßten eine vierwöchig Pause in unserer 
Arbeit. Unterdessen begab sich Franz in ein malerischem 
Alpendorf imd lag emsig seinen Kunststudien ob. Eines Ta^ 
ges schrieb er der Befreundeten einen humorvollen, aber nach 
dem Urteil der Empfängerin etwas grotesken Brief. Des 
anderen Morgens erwachte er zu Eegiun der Dämmenmg und 
sahj wie langsam der Tag auf den Thron stieg. In guter 
Laune erhob er sich und skizzierte das Bild: 

9. „Weiche, Nacht, die Welt will Tag," 
In wuchtiger HochgebirgsJandschaft ragen aus einem 
Nebelmeer zwei menschliche Figuren auf, ein Mann, der den 




Fl|f* 7, 

Tag, und ein Weib, das die Nacht vorstellt. Das Weib be- 
deckt mit der Rechten ihre Büste, mit der Linken zieht sie 
allen Nebel vor ihren Schoß. 

Hinter der mediceischen Venus verbirgt sich die 
Mutter, doch gehören die Haare der dichtenden Freundin 



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166 n. DIE ENTSTEHUNG DER KÜNSTLERISCHEN INSPIRATION. 

an. Die Rechte erinnert Franz an die Greste des Zöllners 
im Selbstbildnis. Das Weib schreitet rückwäxts. 

• An der männlichen Grestalt fällt unserem Analysan- 
den zuerst auf die vom Nacken zum Scheitel führende Linie, 
die sich auch beim Vater vorfindet. Die Striche unter dem 
rechten Schulterblatt wecken die Erinnerung an eine Narbe, 
die sich der Vater durch Sturz vom Pferde zuzog. Auch die 
uns aus dem Selbstporträt bekannte Furche vom Scheitel 
der Augenbrauen aus über die Stirn gehört dem Vater an. 
Der Bart stammt von Bö okiin, dem geistigen Vater des 
Künstlers, her. Die Haltung des Mamies drückt Entschieden- 
heit aus. Sie sagt: „Ich herrsche." 

Vor dem Zeichnen fuhr Franz der Gredanke durch den 
Kopf: Wenn meine poetische Freimdin so zart imd anständig 
ist, wird sie nie eine große Künstlerin werden. 

Deutung. Die Mutter erscheint als Symbol der intro- 
vertierten Libido, die sich in die Mutter, d. h. in die Dunkel- 
heit und den Nebel des Todes („Requiem", „Lasset die Toten 
ihre Toten begraben") oder des Wahnsinns („Wahosinn", 
„Nymphe") zurückgezogen hatte. Jetzt will Franz die Be- 
gierde nach der Muttfer aufgeben, die Sehnsucht nach Wahn- 
sinn und Tod verbannen. Alles Nebelhafte, Dunkle, verweist 
er ii\ den Schoß der Mutter, dieses Urgeheimnis, von dem 
er sich nun trennen will. Als Mann will er herrschen und 
siegen, das Leben bejahen als Liebesheld und Künstler, frei 
von der Bindung an seine erste (Jeliebte, die Mutter. Die 
Mutter als Venus muß fliehen, die rohen Triebe (wieder als 
Nebel dargestellt) nimmt sie mit sich. 

Ebenso entläßt er in der Mutter zugleich die edle Freun- 
din, die ihm so viel ist und zu seiner Lebensbereicherung so 
viel beiträgt, als Venus. 



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„DIE HÖCHSTE HOFFNUNG DER NACHT.« 167 

Interessant ist die Entstehung der ganzen Inspira- 
tion: Franz erblickte an jenem Morgen den Felsen, dessen 
obere Kontur auf dem Bilde von der Hand des Vaters zum 
Ellenbogen der Venus führt. Augenblicklich stand die ganze 
Konzeption vor ihm. Erst wie ich ihn auf dem Felsen ein- 
stelle, merkt er: Die angegebene Linie beschreibt einen ver- 
hüllten, daliegenden Menfichen, dessen Haupt des Vaters 
Nähe, dessen deutlich sichtbarer Fuß den Arm des Weibes 
erreicht. Wir erinnern uns sofort an die vor der „Brücke 
des Todes'' liegende Mutter, deren Thema hier offenbar wie- 
der aufgenommen wird. Hier ist sie nicht mehr in verschraub- 
ter Gestalt. 

10. „Die höchste Hoffnung der Nacht." 

Der Entwurf entstand etwa eine halbe Stunde nach dem 
vorangehenden. Sein Titel lautet genauer : „Nacht, ich kenne 
deine höchste Hoffnung!" 

Die Nacht sitzt als Mutter auf einem Felsen und hält 
ihr Kind in die Höhe. Um sie herum liegen „Nachtgeister", 
wie betende Mohammedaner die Hände nach ihr ausstreckend. 
Rosig angehauchte Wolken verkünden den nahenden Morgen. 

Nach der Aufforderung, irgend eine dieser Gestalten 
scharf ins Auge zu fassen, entscheidet sich der junge Künst- 
ler überraschenderweise für die zweitvorderste Ge- 
stalt rechts, die ihm die Mutter ins Gedächtnis zurückruft. 

Die Mutter mit dem Kinde assoziiert zu »einem 
Erstaunen die befreundete Dichterin und ihn selbst. Das 
Mädchen war, wie er sagt, das Mittel^ ihn zum Licht zu er- 
heben. Vor Mutter und Bambino, vor der Madonna und dem 
segnend die Hände erhebenden Messias, werfen sich die Men- 
schen anbetend nieder. 



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158 II* ME ENTSTEHUNG DEE KÜNSTLERISCHEN INÖPFRÄTION. 

Die beide Arme ausstreckende Gestalt links vürn 
zeigt ein Weib, das der Xacht ahnlich werden und auch ein 
solches Kind bekommen möchte. Es ist die verhaJ3te Schwester, 

Die vorderste Gestalt rechts zeigt den älteren 
der Brüder Er gibt der Schwester die Hand, denn in der 
Anbetung der Nacht und ihres Kindes sind sie einig. 

Die zweite Pigur links induziert die geliebte 
Schwester, 




Fif . 8, 



Das Gemälde schlieÄ;b aich dem vorangehenden genau an 
und führt den dort wegen unüberwindlicher Hindernisse ab- 
gebrochenen Gedanken weiter. Wir sehen, in welchem Sinne 
Franz die Muttt'r vertrieb: Er zerlegt sie in eine sinnliche 
und eine ideale Figur. Letztere macht er zur Mutter, von 
der er sich wiedergebären läßt; damit ist der Fehler der 
Eückkthr in den Mutterleib überwunden, ohne daß die Mutter 
selbst verlorenging. Zu ihr trat er dabei in das denkbar 
intimste Verhältnis: Er liebt sie als Mutterj gleichzeitig 
erhebt er sie zur Würde einer Madonna. Die sinnÜcbo Mutter 
darf nun in ihrem wiedergeborenen Solin den Erlöser ver- 
ehren, also kommt auch sie nicht übel davon. Ähnliches gilt 



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«DIE METAMORPHOSE DER KOMPLEXE.'' 159 

von den Greschwistem. Der Vater fehlt, weil er schon im 
vorangehenden Bilde zu seinem Rechte gelangte und symbo- 
lisch sublimiert wurde. 

Am besten aber ergeht es Franz selbst, der als Messias 
hoch über die im Staube vor ihm liegende Menschheit er- 
hoben wird und so den grandiosesten Triumph über seine 
Triebe, die in den vermummten Gestalten dargestellt werden, 
und die Welt feiert. Die Triebe sehnen sich nach Erlösung; 
er als Wiedergeborener kann sie ihnen geben. 

Welch ein Unterschied zwischen den düsteren Bildern 
vor der Analyse und den lebensbejahenden nach ihrem Be- 
ginn 1 Auch die Gemütsstimmung hatte sich verwandelt: 
Franz war schon nach den ersten Sitzungen ein meistens 
glücklicher Mensch geworden. Zuerst war seine Fröhlichkeit 
deutlich überkompensiert gefärbt. Das beständige Lachen 
wegen jeder Kfeinigkeit, der übertriebene Humor trug noch 
nicht den Stempel der Echtheit. Allmahlich aber wurde un- 
ser Künstler ruhiger, wenn auch öfters Rückfalle in alte Not 
erfolgten. Mitunter kam es zu einem kleinen Konflikt mit 
den Eltern, allein es fehlte die frühere Heftigkeit und der 
Lebensüberdruß blieb aus. Nach sechs Sitzungen fühlte sich 
Franz vollständig gesund und froh, so daß er die Analyse, 
die sich, abgesehen von einigen Nsichträgen, auf zehn Wo- 
chen verteilt hatte, zu meinem Bedauern aufgab. Heute, 
etwa acht Jahre nach Beginn der Analyse, steht Franz zum 
Leben recht günstig. 

Die seelsorgerliche Kur war damals noch lange nicht 
beendigt und unser Wissensdurst wurde bei weitem 
nicht befriedigt. Schon die bisher geprüften Bilder haben 
uns nui" einen Teil ihrer Geheimnisse preisgegeben. Allein 
es war mir kaum möglich, von Franz mehr zu gewinnen. 



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160 ". DIE ENTSTEHUNG DEK KÜNSTLERISCHEN INSPIRATION. 

Auch konnte ich es angesichts der ernsten Situation nicht 
verantworten, aus wissenschaftlichem Interesse die Regel 
der Analyse der neuesten Manifestationen i) zu umgehen. 
Franz brachte mir noch zwei humoristische Zeichnungen: 
Einen Faun, der mit einem nackten Mädchen kost, während 
zwei Schmetterlinge einander haschen. Gemeint ist ein zyni- 
scher, sinnlicher Bursche, den der Zeichner damals kennen 
lernte, und dem nun die verhaßte, sinnliche Schwester über- 
lassen wird, indes Franz selbst zierlich wie ein Schmetter- 
ling mit der geliebten Schwester spielt 2). Die andere 
Skizze schildert Zentauren, die lustig vom Himmel herab- 
stürmen. Bei der Analyse überwog der Widerstand. Franz 
versagte die Einfälle absichtlich, er langweilte sich und mich. 
Endlich brachen wir diese Form der Behandlung ab. Die 
bisherigen Erfolge der heilpädagogischen Kur stellen* eine 
nicht ungünstige Prognose. Doch muß der junge Mann fleißig 
arbeiten, um seine Gesundheit für gesichert betrachten zu 
dürfen 3). 

Unser Fragment einer Künstleranalyse stellt uns vor 
viele Probleme, von denen wir nur ein besonders wichtiges, 
allgemein psychologisches und ein paar weniger bedeutsame 
kxmstpsychologische erörtern. 

Wie verstehen wir das Mutterbild? Liegt wirklicher In- 
zestwunsch vor oder handelt es sich nur um andersartige 



^) Freud, Die Handhabung der Traumdeutung in der Psychoanar 
lyse. Zentralblatt für Psychoanalyse, II. Bd., p. 109 ff. 

2) Umdichtung der Schmetterlinge in der Höhle, Bild 4. 

5) Noch standen in den folgenden Jahren schwere innere Kämpfe 
bevor. Nur ein kleines Stück Analyse war erledigt. Immerhin entwickelte 
sich Franz sehr günstig und ist heute (April 1920) glücklicher Ehe- 
mann und angesehener Künstler. 



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DIE MUTT£RIMAOO. 161 



"Wünsche, die in der Beziehung zur Mutter symbolisch ver- 
kleidet werden? Mit anderen Worten: Ist der Inzestwunsoh 
zieltreffend oder ist er Deckziel? 

An einer Stelle muß der Inzestwunsch absolut sein: 
Zu Beginn der Analyse, im Ornament des Selbstporträts. 
Hinter den Herzen der Eltern kommt als Schlüssel des 
düsteren Rätsels das normale und gravide Weib zum Vor- 
schein. Es muß die Mutter vorstellen, denn eine allfällige 
Liebesbeziehung zum benachbarten Mädchen fiele aus dem 
Zusammenhang. Ich wüßte auch nicht, wie man jene Ge- 
stalt als Libidosymbol deuten könnte. Immerhin genügte im 
Zusammenhang die Annahme, der Sohn sei auf seinen Vater 
wegen des Besitzes der Mutter neidisch. Damit ist die eigene 
Begierde des Sohnes zugegeben. Legt man die Begierde als 
inzestuöse aus, was durch das vorliegende Material geboten 
scheint, so fragt sich weiter, ob reine Regression oder Rück- 
projektion einer erst jetzt vorhandenen erotischen Regung in 
die durch Regression wiederbelebte und überbotene Mutter- 
imago vorhanden sei. 

Daß in den späteren Manifestationen die Muttervorstellung 
vergeistigt wird, kann niemand leugnen. Im „Wölklein" er- 
scheint sie als Greisin, im Bild von der weichenden Nacht 
wird sie als Venus entlassen, folglich muß zuvor ein sinn- 
licher Wimsch vorhanden gewesen sein, wenn auch vielleicht 
nur als durch äußere Hemmungen aufgenötigter, nicht aus 
eigenem inneren Antrieb gewollter und nicht als absoluter. 
Ich neige somit zur Annahme, daß zwar zuerst eine un- 
erlaubte sinnliche Neigung zur Mutterimago da war. Später 
aber traten die idealen Züge des Mutterbildes in den Vorder- 
grund, die Mutter wurde selbst Idealfigur, Symbol. Franzens 
Bilderserie schildert die Sublimierung seiner Libido, den 



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162 II. DDB ENTSTEHUNG DEE KÜNSTLEKI8CHEN INSPIRATION. 

Übergang vom physischen zum mystischen Todeswtmsoh amd 
zur sittlich-religiösen Wiedergeburt. 

Dali die Anpassung oder Durchsetzung in der Wirklich- 
keit nicht erfolgte, wird uns aus der Analyse verstandlich: 
Franz wurde durch bewußten und "unbewußten Haß, über- 
und unterschwellige Liebe abgelenkt, ja beinahe absorbiert. 
Die innere Bindung macht die äußere Schwierigkeit erst zur 
unübersteigbaren Schranke. Daß die Bedeutung des inneren 
Konfliktes weit überwiegt, zeigt auch die Wiedergeburt, die 
dem Entschluß des Abganges vom Institut um Wochen vor- 
angeht. 

Mit der kunstpsyehologischen Ausbeute dürfen wir, wie 
mir scheint, zufrieden sein, obwohl das Material äußerst 
spärlich in unseren Besitz überging, indem weder die rezen- 
ten, noch die regressiven Wurzeln genügend aufgedeckt wur- 
den. Ich hoffe, daß spätere Forscher gefügigere und wissen- 
schaftlich stärker interessierte Künstler zu untersuchen Ge- 
legenheit haben werden. Doch will ich meinem begabten 
Jüngling dankbar sein für sein Opfer, das er mir durch die 
Überlassung seiner schönen Entwürfe darbrachte. 

Alle näher besichtigten Zeichnungen und Gemälde, wie 
auch die Märchendichtung führten uns zu folgender Er- 
kenntnis : 

1. Die künstlerische und poetische Inspira- 
tion ist als Manifestation verdrängter Wün- 
sche anzusehen und als solche gemäß den 
Gesetzen aufgebaut, in welche Freud die bei 
der Entstehung des neurotischen Symptoms, 
des Traumes, der Halluzination und verwand- 
ter Erscheinungen beteiligten Prozesse faßte, 
nur daß ein sinnvolles Ganzes geschaffen wird. 



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DIE KÜN8TPSYCH0L0GISCHE AUSBEUTE. 163 



dessen tiefere psychologische Bedeutung aller- 
dings dem Künstler nicht völlig klar ist. Wir 
vermißten weder die Verdichtung, noch die Verschiebung, noch 
die Dramatisierung. Vom Symbolismus wird der ausgiebigste 
Gebrauch gemacht. Es sei jedoch ausdrücklich betont, daß 
wir unter Inspiration ein künstlerisches Schaffen verstehen, 
das nicht in besonnener Reflexion einen vorgefaßten Plan 
ausführt, sondern sein Werk wie eine plötzliche oder all- 
mählich auftretende Eingebung der Offenbarung erlebt. Die 
Reflexion tritt im Kunstwerk zur Inspiration hinzu. 

2. Die Veranlassung zur Inspiration konnten wir in 
vier Fällen ausfindig machen, von denen drei (Selbstbildnis, 
Seete wohin? Weiche, Nacht!) eine Intuition, ein künstlerisches 
Schauen, einer (Wahnsinn) ein mehr automatisches Arbeiten 
aufweisen. Dem Sehen lag eine äußere Wahrnehmung, 
der automatischen Produktion, soviel ich bei sorgfältiger Prü- 
fung erfuhr, keine solche, wohl aber ein starker Affekt zu 
Gnmde. Doch verriet schon die Verwertung der äußeren Be- 
obachtung die Virulenz eines Komplexes. Infolge dieser 
„determinierenden Tendenz", um mit Achi) zu reden, führte 
eine alltägliche (Furche in der Stirn) oder belanglose (Portal, 
Felsen) Beobachtimg zum erschütternden Erlebnis, dessen 
realer Inhalt jedoch unter der Bewußtseinsschwelle blieb. 
Der äußere Anlaß oder „rezente Reiz" der Inspiration kehrt im 
Kunstwerk wieder. 

Es wäre interessant zu wissen, ob in allen Fällen, in 
denen eine äußere Wahrnehmung komplexanregend wirkt, eine 
Intuition erfolgt, in den anderen aber, die weder als visuelle 
Entstehungsursache, noch als Inhalt des Kunstwerkes einen 

1) Narziß Ach, Über die Willens tätigkeit und das Denken, Göttin- 
gen 1905, S. 191 ff. 

II» 



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164 n. DIE ENTSTEHUNG DER KÜNSTLERISCHEN INSPIRATION. 

Um^bungsbestandteil aufweisen, ein automatisches Schaffen 
ohne vorschwebendes Bild entsteht. Unsere spärlichen Be- 
obachtungen gestatten keine Verallgemeinerung. Die beiden 
angegebenen Formen dürften übrigens durch viele Übergangs- 
stufen verbunden sein. 

3. Der Sinn des Kunstwerkes ist ein doppelter: Vom 
manifesten Inhalt ist die latente Bedeutung zu 
unterscheiden. Ersterer ist für die anderen, letzterer nur 
für den Künstler bestimmt. Der manifeste Sinn will allge- 
meinen Wert haben, darum wird er der Mitwelt übergeben. 
Er regt im Betrachter ähnliche Stimmungen an. Der latente 
Sinn dagegen ist reine Privatsache des Künstlers, so intim, 
daß nicht einmal das Bewußtsein des Autors ihn «erkennen kann. 
Es handelt sich in unserem Falle zuerst um böse Wünsche, 
die auf die Mutter gerichtet sind, und Eingebungen des Hasses, 
die den Vater töten wollen. Diese subliminalen Begierden 
beherrschen das gesamte Geistesleben unseres Analysanden. 
Sie bewirken seine unbeschreibliche Not und grausame Lust, 
die sich im Lrebensüberdruß, in der Sehnsucht nach Irrenhaus, 
Höhlengrab, Tod in den Wellen usw. spiegelt. Sie betätigen 
sich aber auch in den künstlerischen Leistungen und ver- 
leihen ihnen enorme Lustwerte. 

Die künstlerische Phantasie i) ist somit eine Verwand- 
lung unerlaubter Triebregungen in erlaubte, ja wertvolle Lei- 
stungen, sie ist also ein sozial bedingtes Werk, wie die 
Verdrängung der inzestuösen Wünsche. Bleibt die Phantasie 
ohne technischen Vollzug im Kunstwerk, 90 ist sie eine auto- 
orotische Komplexfunktion. Durch die Überleitung der Phan- 
tasie ins Kunstprodukt wird ein Ü bert rag ungs versuch 
angestellt. Die künstlerische Leistung unseres Analysanden 

1) Wir reden zunächst nur von unserem Fall. 



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DIE KUN8TP8TCHOLOOI8CHE AUSBEUTE. Iß5 



ist in ihrer sozialen Abzweckung ein Unternehmen, das aus 
der Sackgasse der Introversion herausführen soll, und ver- 
dient hiedurch als sanitäre Verrichtung die höchste Anerken- 
nung. Gleichzeitig repräsentiert sie eine ethische Reinigung 
und Sublimierung, deren biologischen Wert wir sehr hoch an- 
setzen müssen, weil sie nicht nur ihren Urheber sittlicher Er- 
lösung näherbringt, sondern auch dem Betrachter wohltut. 
Unserem Künstter fehlt allerdings noch zum guten Teil die 
Sprache, die in den Tiefen anderer Seelen ein verständnis- 
volles Echo weckt und den dort wohnenden Nöten einen heil- 
samen Ausweg verheißt. Ich finde bestätigt, was Otto Rank 
sagt: „Auch der große Dichter geht . . . von solchen persön- 
lichen Interessen und Problemen aus, aber er überwindet sie 
schließlich im Laufe der Ausarbeitimg, indem er sie in all- 
gemein-menschliche auflöst, eine Sublimierung, die dem 
subjektiven Dichter nicht gelingt. Wir merken hier, daß wir 
diese Subjektivität als einen neurotischen Charakterzug ver- 
stehen müssen und daß wir vom psychologischen Standpunkt 
aus kein Recht und noch weniger einen Grund haben, eine 
Qualifikation der dichterischen Leistungen vorzunehmen, die 
nur im Sinne der sozialen Wertigkeit eine Berechtigung 
haben *)." Schon daß also Franz zeichnet, malt und dichtet, 
gereicht ihm als Übertragungsversuch zum Heil. Allein wenn 
nun sein Schaffen kein Verständnis findet? Wenn der subjek- 
tive Aufdruck den sozialen Anklang vermissen läßt? Dann 
besteht Gefahr, daß der Künstler sich erst recht nach außen 
verschließt und vollends introvertiert. Glücklicherweise be- 
gegnen uns in den Skizzen imseres Analysanden so viele all- 
gemein ansprechende Züge, daß uns seinethalben nicht bange 
zu sein braucht. 

1) Otto Rank, Das Inzestmotiv in Dichtung und Sage, 8. 122. 



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166 n. DIE ENTSTEHUNG DER KONSTLEHISOHEN INSPIRATION. 

4. Die Inkubationszeit der künstlerischen Inspira- 
tion ist in unseren Beispielen, wie es scheint, kurz. Zwischen 
dem rezenten Anlaß und dem Schauen oder automatischen 
Schaffen vergehen höchstens zwei Stunden (Anblick der 
Furche auf der Stirn, Selbstbildnis), in einem Falle ist sie 
mit dem auslösenden Reiz (Portal) gleichzeitig. Allerdings 
war der Anblick vorbereitet^ denn Franz sah sich selbst oft 
im Spiegel, erblickte manchmal ähnliche Portale und kannte 
jenen Felsen, der an die tote Mutter erinnert, seit einigen 
Tagenu Es ist also möglich, daß die Inkubation ebensolang 
dauerte, allein die Wirkimg unerwarteter Beize auf Träu- 
mende läßt mich doch eher annehmen, daß das Unbewußte 
seine Kundgebtmgen sehr schnell ausarbeitet. 

5. Die innere Einheit rasch aufeinander fol- 
gender Inspirationen sahen wir in einem Falle genau 
analog derjenigen scheinbar inkohärenter Traumstücke einer 
Nacht. Die Bilder Nr. 9 (Weiche, Nacht !) und 10 (Die Hoff- 
nung der Nacht) gehören inhaltlich aufs engste zusammen: 
Der weichenden Nacht entspricht der tagende Morgen, der 
wahre Sinn der Vertreibung der Nacht liegt in der Greburtsszene 
ausgedrückt, das im Felsen der ersteren Skizze angedeutete 
Motiv der toten Mutter wird in der anbetenden Gestalt der 
letzteren Zeichnung reintegriert, erst beide zusammen lösen 
den ganzen Familienkomplex, sofern alle Personen in eine 
erhabene Situation gebracht werden. 

6. Das Gesetz der Komplexdichtung und -um- 
dichtung kommt in der künstlerischen Inspira- 
tion sehr schön zum Ausdruck. 

In meinen „analytischen Untersuchungen über die Psycho- 
logie des Hasses und der Versöhnung i)*' stellte ich die Sätze 
1) Jahrbuch für psychoanal. Forschungen, II. Bd., auch separat bei 



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DIE KüNSTPSYCfHOLOGISCHE AUSBEUTE. 167 

auf: „Der verdrängte Haß bestimmter Individuen bildet aus 
geeigneten erlebten oder nur vorgestellten Erfahrungsinhalten 
nach den Gresetzen der Traumarbeit Phantasien, durch welche 
er sich vorstellungsmäßige Befriedigung verschafft. Diese 
Komplexbefriedigung kommt dadurch zu stände, daß ein auf 
Schädigung des Grehaßten gerichteter Wunsch deutlich oder 
verhüllt im Inhalt des Wachtraumes als verwirklicht darge- 
stellt wird." „Bei Verschärfung bedient sich der Haßkomplex 
zum Zwecke der Befriedigung immer neuer Bilder." „Bei 
der Versöhnung dagegen kehren die früheren Phantasien wie- 
der, jedoch entweder unverändert verblaiJt, respektive von 
Konversionszeichen begleitet, oder in einer Umarbeitung, 
welche ihnen nach den Gesetzen der Traumbildung den vor- 
mals feindlichen Charakter durch Umdeutimg auf gleichem 
oder sublimiertem Funktionsniveau nimmt." 

Was hier von Haß und Versöhnung gesagt wird, gilt von 
jedem beliebigen anderen verdrängten Komplex. Er schafft 
sich in der Phantasie seines Trägers seine dichterischen Ge- 
bilde, die allerdings für Außenstehende größtenteils unge- 
nießbar sind, und versieht sie bei Lösung des Komplexes mit 
negativem Vorzeichen, d. h. er verwandelt sie, nachdem ihr 
latenter Sinn in seiner Verwerflichkeit eingesehen wurde, in 
ähnliche harmlose Phantasien. 

Diese Umdichtung können wir deutlich nachweisen. Ich 
greife nur einige Beispiele heraus : 

Das Selbstporträt wird revoziert in dem unausge- 
führten Plan eines Selbstbildnisses, auf dem er eine Lilie als 
Zeichen der Unschuld trägt. 



Deuticke, 1910. Weiteres Material findet sich in meinem Buche: „Die 
psychanalytische Methode" (I. Bd. des „Pädagogiums**), KUnkhardt, Leip- 
zig 1913, Kap. 18, S. 391—394. 



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168 II- I>IB ENTSTEHUNG DER KÜNSTLERISCHEN INSPIRATION. 

Die nackte Mutter derselben Skizze wird durch wieder- 
holte Umhüllung mit Gewändern und Schleiern, die selbst 
das Gesicht verhüllen, aufgewogen. 

Dem toten Messias des „Requiem" entspricht die Ge- 
burt des Heilands (Bild 10), der Nacht auf jenem Gemälde 
der Tagesanbruch des letzteren Entwurfs. 

Der „Wahnsinn" mit seiner Inschrift „Ich weiß" klingt 
vielleicht nach in dem Titel: „Nacht, ich kenne deine höchste 
Hoffnung", zumal der Wahnsinn als „ünmachtung" bezeichnet 
wird. Dem von Schlangen umgebenen Autisten tritt auf der 
„sonnigen Höhe" ein paradiesischer Zustand ohne Schlangen 
gegenüber. 

Die „Brücke des Todes" wird besonders sorgfältig 
bearbeitet. Während hier der Jüngling in den Nebel stürmt, 
steht er auf Bild 7 hoch über ihm, und Fig. 9 wird der 
(durch die Mutter einst herbeigeführte) Nebel in aller Form 
weggezogen. Der tot daliegenden Mutter wird Fig. 10 
der nachträgliche Kommentar gegeben: Sie lag nicht tot, 
sondern anbetend da. Die auf Fig. 5 nach dem Jüngling 
ausgestreckten Hände werden (Nr. 10) als anbetend inter- 
pretiert. 

Auf dem Ölgemälde „Die Nymphe" erstrebt Franz den 
Mutterleib; später sitzt er vor der Höhle (Der Zweifel) oder 
läßt sich gebären (Hoffnung der Nacht). Der Mutterleib wird 
so zum Ausgang nach der Wiedergeburt, während er anfangs 
ausschließlich den Abschluß vom Leben bezeichnet hatte. 
Aus dem unterirdischen Treiben der Schmetterlinge in der 
Höhle wird ein neckisches Spiel am Tageslicht. 

Die „sonnige Höhe" bildet den Kontrast zum Dunkel 
des „Requiem"; Bild 9 wird das „Weichen der Nacht" 



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DIE KUNSTPSYCHOLOGISCHE AUSBEUTE. 169 

ausdrücklich geschildert, worauf der Anbruch des Morgens 
(Bild 10) zur künstlerischen Darstellung gelangt. 

Viele andere Umgestaltungen liegen jedenfalls vor in den 
Inspirationen, die Franz nicht auf Papier oder Holz brachte. 

Beim vorläufigen Abschluß meiner Arbeit angelangt, fühle 
ich mich gedrungen, einem Vorwurf zu begegnen, der leicht 
erwachen könnte. Unsere biologische Betrachtungsweise raubt 
der künstlerischen Inspiration den Nimbus einer göttlichen 
Offenbarung. Allein bedeutet diese Einfügung ins Reich der 
natürlichen Ursachen und Zwecke eine Degradation der Kunst? 
Indem wir das künstlerische Schaffen als Rettungsboot in 

der Gefahr des Versinkens in Qual und Tod, zugleich als 

• 

hehren Führer einsamer Menschen zu ihren Mitmenschen er- 
kennen, entdecken wir seine höchste Würde. Denn größer 
und edler als der zum Gott erhobene König, der nur durch 
huldvolles Lächeln entzückt, ist der schlichte Mensch, der 
als Samariter dem Verwundeten, als Befreier dem Gefangenen, 
als Heiland dem Kranken naht. Und als solche Helferin 
lehrt die Psychanalyse die Kunst verehren. 



C r^rs n 1 i> Orf g in a I f no m 

v.:-UUgH^ UNIVERSlirOF MICHIGAN 



ni. 
Zur Psychologie des Krieges und Friedens 'J. 

A. Die Tiefenmächte des Krieges. 

Der Krieg birgt eine Umwertung vieler anerkannter Werte 
in sich. Manches, was Kultur und Gewissen bejahen, wird 
durch den blutigen Austrag der Völkerzwistigkeiten umge- 
stoßen. Die Zivilisation achtet das Menschenleben und tötet 
nur die schwersten Verbrecher; der Krieg zermalmt mit hell- 
roten Hufen Menschenleiber ohne Zahl, er läßt seine Bomben 
regnen über Gerechte und Ungerechte und seine Bajonette 
eindringen in die Guten und Bösen. Der sittliche Mensch 
empfindet Mitleid mit den Schmerzen und Nöten aller Mit- 
menschen; eine Katastrophe im Ausland erweckt Hilfe- 
leistungen im eigenen Lande; im Kriege läßt sich die Freude 
über Verluste des Feindes kaum verbergen, mit großer Ge- 
nugtuung wird die Kunde von Massentötungen und schweren 
Schädigungen aufgenommen, wenn nur der Feind von ihnen 
betroffen wird. In normalen Zeiten genießt der Gebildete 
gern und dankbar die Kulturgüter der anderen Nationen; 
im Kriege überschreit der Chauvinismus die Stimmen der 
Kulturgemeinschaft: Richard Wagner wird aus Frankreich, 



1) Zuerst erschienen im „Wissen und Leben", Heft 4 und 5 vom 
Dezember 1914. 



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DIE TIEFENMÄCHTE DES KRIEGES. 171 

Kodier aus Jena verbannt, Shakespeare muß den deut- 
schen Reichskanzler um einen Reisepaß bitten, bevor ein deut- 
scher Theaterdirektor ihn zu beherbergen wagt. Wir sind 
stolz auf imsor Rechtsgefühl, das nur die Normen der Billig- 
keit gelten läßt und selbst dem Schwachen das Seine zu- 
kommen läßt; im Kriege soll die Gewalt entscheiden, Spitz- 
geschosse zersplittern die Tafeln der Gerechtigkeit, die über- 
legene Technik des Mordcns schwingt das Zepter. 

Der Krieg wird daher oft als ein Widerspruch zu unserer 
Kultur empfunden, als ein Anachronismus und Atavismus, der 
die Menschheit auf eine längst überwundene Entwicklungs- 
stufe zurückschleudert. Die Vernichtung des Menschenlebens, 
die Zerstönmg des Eigentums, die Umstoßung rechtsgültig 
geschlossener Verträge, die Herrschaft der Faust und des 
Mordeisens verrät, daß hinter dem veränderten Antlitz des 
modernen Krieges der Geist der primitiven Wildheit waltet. 
Man behauptet sogar allen Ernstes, der Krieg entfeßle die 
durch die Kultur in normalen Zeiten gebändigte Bestie im 
Menschen; die vormenschlichen Züge, die durch Erziehung 
und Zivilisation unter gewaltigen Anstrengungen und Opfern 
überwunden seien imd nur als Rudimente insgeheim dem Men- 
schen anhafteten, bemächtigen sich der Herrschaft. 

Besteht diese Annahme zu Recht, oder haben wir es nur 
mit einer figürlichen oder auf zufällige Analogien gegrün- 
deten Redewendung zu tun? Da bisher der Versuch noch 
nicht unternommen wurde, den Krieg als Rückfall in ein 
früheres Entwicklungsstadium psychologisch nachzuweisen, 
sei er im folgenden gewjigt. Wenn er gelingt, stoßen wir 
notwendigerweise auf die unbewußten Seelenmächte, in denen 
die direkten Urheber des Krieges zu suchen sind. 



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172 in. ZÜK PSYCHOLOGIE DES KRIEGES UND FRIEDENS. 

Wir müssen uns dabei in erster lanie über das Wesen 
und die Bedingungen jener Rückf allserscheinungeu 
verständigen, welche die moderne Psychologie als Regres- 
sionen bezeichnet. Dank den scliarfsinnigen Untersuchun- 
gen des geistvollen Wiener Psychiaters Sigmund Freud 
wissen wir, daß Kranke und Gesunde immer wieder, meistens 
ohne es zu merken, irgend welche Erlebnisse ihrer Kindheit 
wieder aufleben lassen. 

Untersucht man den Inhalt der Träume, so findet man gewöhnlich 
solche Eindheitsrcste. Die nämliche Beobachtung macht man, wenn man 
den Tagtraumen auf den Grund zu gehen vermag, nervöse Phänomene er- 
gründet, oder das Treiben der Geisteskranken zu enträtseln vermag. In 
unzähligen Verrichtungen Gesunder und Kranker, besonders auffallend in 
anscheinend sinnlosen, erkennen wir bei sorgfältiger Prüfung Neuauflagen 
oder veränderte Neuausgabon infantiler Bewußtseinstatsachen. Die Mutter, 
die durch ein Unglück ihr Kind verlor und geistiger ümnachtunt? ver- 
fiel, wiegt eine Puppe oder ein Stück Holz so, wie sie als Kind mit ilirer 
Puppe spielte, der Schwerkranke klagt seine Qualen der längst verstor- 
benen Mutter, der Greis läßt seine Kindheit wieder in sich aufleben. Oft 
ist dieser Kindheitsrest geschickt verborgen, wie z. B. in der religiösen 
Zungenrede oder jenen scheinbar sinnlosen Schriftzeichen oder Zeichnun- 
gen, die Gesunde gedankenlos vor sich hinzcichuen, gewisse Kranke mit 
unwiderstehlichem, oft sehr peinlichem Zwang entwerfen *). 3Ieistens 
bleibt der Anklang der Kindheitserinnerung unbemerkt, oline deshalb des 
Einflusses auf das übrige Geistesleben zu ermangeln; in Stimmungen, 
Entschlüssen, Handlungen wirkt vielmehr der Besuch im Kindesalter nach, 
und zwar in günstigem, wie im ungünstigen Sinne. 

Es gibt keine reinen, absoluten Regressionen. Am ehesten 
erlebt bei schwer GeisteskrEuikcn das Kindesleben eine un- 
veränderte Auferstehung, sofern Einzelheiten aus dem Kindes- 
leben kopiert oder stereotypiert werden. Aber auch in solchen 



1) Vgl. meine Schrift über die relig. Glossolalic und automat. Krypto- 
graphie. Deuticke, Wien 1912. 



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DIB TIEFENMiCHTE DES KBIEOES. I73 



Fällen werden gewöhnlich deutliche Züge aus der Gegenwart 
eingeflöchten. So legt die Regression mit den Fäden femer 
Vergangenheit den Zeddel, die Gregenwart aber liefert den 
Einschlag. Wie die Wiedertäufer Bocklein trugen, mit höl- 
zernen Lämmlein spielten und Ringelreihen mimten, dabei 
aber die unkindlichsten theologischen Gespräche führten, so 
wird wohl immer ein Stück G^enwart, sei es wirklicher oder 
phantasierter, in die Regressionsgebilde hineingetragen, so 
daß man oft schwer auseinanderhalten kann, was primitives 
Gut aus der ersten Lebenszeit, und was Rückverlegung aus 
einer vielleicht nicht gar fernen Vergangenheit ist. Der be- 
kannte Traiun vom Kindheitsparadies zeigt die Entstellung 
der Vergangenheit unter dem Einfltiß gegenwärtiger Wünsche 
deutlich, denn die Kindheit ist niemals ein reines Paradies. 

Und wie der Rückfall ins Primitive niemals oder beinahe 
niemals von späteren Zutaten frei ist, so braucht niemals 
der ganze Mensch mit seinem mannigfaltigen Geistesbesitz 
zu regredieren. Es kann ein Mensch gegen seine Frau stark 
infantil eingestellt sein, aber im übrigen vielfach die wuch- 
tigste Männlichkeit zeigen. Ein schönes Beispiel hiefür ist 
der alttestamentliche König Ahab, der ebenso groß war als 
Held, wie als Kind, der Schrecken seiner Feinde und das 
Spielzeug seiner Gemahlin. Man denke nur an die Szene, in 
der sich der König schmollend aufs Bett legt, Speise zurück- 
weist und von seiner Frau sich bemuttern läßt, weil er einen 
Weinberg nicht in Besitz nehmen konnte (1. Kön. 21)1 

Prüfen wir mm, ob -der Krieg die Merkmale der Regression 
aufweise! Daß er mit den als höchste Kulturleistung geprie- 
senen sittlichen Normen imd Gebräuchen tmseres Geschlechtes 
sich nicht reimt, wurde dargelegt. Daß der organisierte 
Massenmord, die wahllose Abschlachtung unschuldiger Men- 



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174 ni. ZÜB PSYCHOLOOIB DES KBIEOES UND FRIEDENS. 

sehen, die Vernichtung hochwertiger Güter, die schnaubende 
Wut und Bachsucht, die Abwehr der Kulturgemeinschaft, die 
Vertreibung des Rechts durch das Eecht des Stärkeren mit 
der Anschauung und den Gepflogenheiten der Unzivilisierten 
übereinstimmen, liegt auf der Hand. Die Psychologie des 
vom Kriegsgeist erfüllten Menschen, der wirklich mit un- 
geteilter Begeisterung die Kriegsfühnmg bejaht, weist in die- 
selbe Sichtung: Da man nicht gleichgültig morden kann, 
tut man es mit einer Lust, die nicht anders als sadistisch 
genannt werden kann. Daß die Freude an der Schädigung 
anderer vielfach ein inneres Nein überschreien will, ist bei 
anderen Regressionen ebenso deutlich zu beobachten. Je 
wilder die Kriegswut, desto größer wird die Ähnlichkeit des 
Kriegers mit dem Wilden, bis schließlich während Augen- 
blicken in Hinsicht auf die Gesinnung kaum mehr ein Unter- 
schied zu verzeichnen ist. 

Damit soll natürlich nicht gesagt sein, daß jeder Kriegs- 
mann zum Barbaren herabsinke. Es ist hervorzuheben, daß 
sehr viele, ja gewiß die meisten, ein gutes Teil Zivilisation 
in die Kriegsgreuel hinüberretten. Erinnern wir uns jedoch, 
daß dies wohl bei allen Regressionen der Fall ist. Auch 
fehlt dem Primitiven die Gutmütigkeit, das gegenseitige Die- 
nen, durchaus nicht. Femer läßt sich keineswegs leugnen, 
daß die besten Kulturwerte im tobenden Krieg als ein fast 
unerträglicher Widerspruch empfunden werden imd darum 
auch nur unvollständig zu bewahren sind. Alle Nationen be- 
klagen sich darüber, daß die anderen daa rote Kreuz und die 
Genfer Konvention verletzt haben, und jede ist anzunehmen 
geneigt, daß nur das eigene Volk in dieser Beziehung makellos 
dastehe. Tatsache ist, daß in den angegebenen wohltätigen 
Einrichtungen die humanitäre Kultur, der sonst alle ergeben 



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DIE TIEFENMÄCHTE DES KRIEGES. 175 



sind, in die an sich kulturlose Kriegswelt als Fremdkörper 
hinüberragt. Alle^ in allem triumphiert aber doch im Prinzip 
deß Krieges als des blutigen Austragens einer Rechtsfrage, 
wie in der immer grausamen Kriegspraxis, die inhumane Ten- 
denz trotz mancher heroischer Selbstopferungen. 

Maji darf sodann einwenden, daß der Soldat doch imi 
Grunde ein wohl\\^ollender Mensch sein kann. Gewiß, der 
Schütze, der heute einen Vater erschoß und sein Haus an- 
zündete, spielt morgen friedlich mit den Kindern des Un- 
glücklichen. Allein dies bezeugt höchstens, daß der Mann 
seiner Regression teilweise wieder entschlüpft ist. Viele 
Krieger bekennen w^enig Tage nach dem Kampfe, sie fühlen 
sich wie aus einem wüsten Taumel erw^acht. 

Weist man darauf hin, daß der Krieg sich doch auch um Rechts- 
fragen drehe und darum sittliche Ziele verfolge, so ändert dies nichts an 
der Sachlage. Einerseits sind diese angeblichen Rechtsgründe und sitt 
liehen Motive des Krieges sehr anfechtbar. Jeder glaubt, nur für seiu 
Recht und seine heiligsten Güter zu kämpfen, und es besteht in den 
meisten Fällen kein Anlaß, an der Aufrichtigkeit dieses Glaubens zu zwei- 
fein. Allein fa^t alle hinreichend scharfsinnigen Leute, die der Regression 
• verfallen, ersinnen plausible Motive, die sie für die allein maßgebendem 
und wirksamen halten. Wenn manche Sekten in einen merkwürdigen 
Kultus des Atmens geraten oder in der Ekstase kindlich zu stammeln be- 
ginnen, so finden sie nachher vernünftige Gründe, etwa wie derjenige, dem 
in der Hypnose aufgetragen wurde, nach dem Erwachen auf einem Stuhl 
durchs Zimmer zu rutschen, vor Ausführung dieser Leistung sich gute 
Gründe zurechtlegt, ohne von der wirklichen Ursache, dem Befehl des 
Hypnotiseurs, eine Ahnung zu haben. Hinter den bewußten Motiven 
stecken allezeit unbewußte Mächte. Wenn eine Melodie mit widerwärtiger 
Hartnäckigkeit durch den Kopf brummt, wenn ein Knabe mit lästigem 
Zwang Orakel einholen muß, wenn er beim Begehen des Trottoirs die Ver- 
bindungslinien vermeiden oder berühren muß, so stecken hinter diesen 
'meist unschädlichen Tatsachen gute Motive, von denen aber das Bewußt- 
sein nichts weiß, und die nur bei genauer, oft schwieriger Untersuchung 



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176 in. ZUR psTcgpiiOoiE dbb Krieges und Friedens. 

aufzufinden sind. Ebenso liegen die wahren Beweggründe unseres Liebens 
und Hassens, Tuns und Denkens immer ganz oder teilweise im unbe- 
wußten Seelenleben verankert, und dies ist gewiß auch bei der 
Regression des Krieges der Fall. Niemandes Bewußtsein seigt an, daß im 
Eriegsgeist primitive, langst prinzipiell überwundene Mächte die bewußte 
Überlegung in ihren Dienst zwingen, den Gerechtigkeitssinn aufheben und 
die kulturbejahten Grundlagen des menschlichen Gesamtlebens zerstören. 
Der Regression ist in Erscheinungsform und Verursachung nahe ver- 
wandt die Retention, bei welcher eine Entwicklungshemmung langst 
bestund, aber erst infolge gewisser Umstände Wichtigkeit erlangt. Dies 
ist beim Kriege der Fall, indem das Kriegsgelüste nie ganz überwunden 
war, aber für gewöhnlich nicht durchdrang. Erst bei Kriegsausbruch 
kommen die primitiven Mächte, die im Unbewußten lagen, zur Herrschaft. 
Die Retention erleichtert so die Regression. 

Wie sollen wir uns nun diese Tiefenmächte des Krieges 
im einzelnen denken? Es ist ein nur scheinbarer Umweg; 
wenn wir uns zuerst nach den Bedingungen der Regres- 
sion erkundigen. Die neuere Psychologie erkannte, daß ein 
Eöcklall ins Infantile und Primitive ausnahmslos nur dann 
glattfindet, wenn eine Lebenshemmung vorangeht. Um 
mit Freud zu reden, gleicht der gehemmte Lebensweg dem 
gestauten Strome, dessen Wasser sich aufwärts wenden und 
bereits brach gelegene Kanäle wieder füllen. Wer sich die 
Mühe nehmen will, den im Voranstehenden aufgeführten Bei- 
spielen von Regression nachzugehen, wird auch in ihnen steta 
auf solche Hemmimgen oder aus früheren Zeiten mitgebrachte 
innere Hindernisse stoßen. 

Welcher Art mögen diese inneren Zusammenstöße oder 
Ketten sein? In bezug auf die aus seelischen Konflikten her- 
vorgegangenen Krankheiten stehen drei Ansichten einander 
gegenüber; wir können sie auf unseren Gegenstand anwen- 
den, wiewoW es sich hier um Normale handelt. Freud 
glaubt, daß es in erster Linie Verwicklungen oder Nöte des 



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DIE TIEFENMÄCHTE DES KRIEGES. 177 

Liebeslebens sind, die in die Regression treiben und Ab- 
hängigkeit von unbewußten, infantilen Vorstellungen und Ge- 
fühlen schaffen. Adler macht für den Verlust der klaren 
und freien Selbstbestimmung des Einzelnen verantwortlich 
das durch körperliche Benachteiligung hervorgerufene Min- 
derwertigkeitsgefühl, das den männlichen Protest weckt; es 
ist somit das Geltungsbedürfnis, was den Menschen 
in die Regression wirft und unter unbewußte Kindheitsregun- 
gen knebelt. Jung endlich läßt den Zwiespalt, der den 
G^ist der Herrschaft imbewußter Infantilmächte unterwirft, 
hervorgehen aus dem Gegensatz einer Beharrungs- und Ent- 
wicklungstendenz : Wer sich einer innerlich gebotenen höheren 
Leistung widersetzt, fällt in Regression, so daß er, dem Un- 
bewußten ausgeliefert, primitive, archaische Gedanken und 
Handlungen erneuem muß. (Ähnliche Gedanken sprach be- 
reits Nietzsche aus.) 

Selbstverständlich läge es Freud fem, zu leugnen, daß 
der Machttrieb oder der Widerstand gegen eine höhere sitt- 
liche Forderung in die Regression treiben. Dagegen würde 
er nicht zugeben, daß sie neurotische Erkrankung bewirken. 

Diesen Motiven gilt es zunächst seine Aufmerksamkeit 
zuzuwenden. 

Daß die Liebe zu Stamm, Rasse und Volk an den gegen- 
wärtigen Kriegswirren beteiligt ist, läßt sich nicht verkennen. 
Es wäre übertrieben, wenn man den Panslavismus, den Pan- 
germanismus oder andere völkische Ausdehnungsgelüste als 
einzige Missetäter hinstellte. Daß aber die Sympathie für 
das eigene Stammeswesen und die Furcht um die Sippe im 
weiteren Sinne mitwirkten, liegt auf der Hand. Die Liebe 
beruht jedoch nicht nur auf der Stammesverwandtschaft. Im 
gegenwärtigen Kriege befehden blutsverwandte Völker imd 

Dr. Pfiiterp Fiychanalyte. 12 



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178 lU. ZÜB PSYCHOLOGIE DES KRIEGES UND FRIEDENS. 

Stämme einander heftig, während fremde innig zusammen- 
halten. Ein Band bildet auch die (Jemeinschaft der Sprache, 
der politischen Vergangenheit, des Herrscherhauses usw. Das 
gemeinsame „Vaterland" und die gemeinsame „ Mutter spnujhe" 
scheinen ein ganz besonders starkes Zusammengehörigkeits- 
gefühl herzustellen. Im allgemeinen läßt sich wohl sagen, 
daß man diejenigen am stärksten liebt, in denen man am 
vollkommensten und angenehmsten sein Ich wieder- 
findet und von denen man die stärkste Lebensförderung er- 
fährt. Wer seine Eltern liebt, wird allen denen, die er mit 
ihnen identifizieren kann, seine Neigmig schenken. Dasselbe 
gilt von Geschwistern und Kindern. Man neigt dazu, das 
Vaterhaus in den Staat, dem man angehört, hineinzuschauen, 
das Staatsoberhaupt wird zum Landesvater, das Land zur 
Mutter, der Mitbürger zum Bruder. Des Staates Ehre wird 
als eigene empfunden, des Volkes Förderung als eigene. Zu 
dieser Identifikation trägt bei, daß man wirklich aus Wohl 
und Weh des Volksganzen Gewinn oder Nachteil zu schöpfen 
pflegt. Nun liegt auf der Hand, daß man die Volksgenossen, 
die derselben Abstammung, Sprache, Gesittung, Geschichts- 
entwicklung, staatlichen Organisation angehören, am leichte- 
sten mit den ursprünglichen Liebesobjekten des häuslichen 
Kreises identifizieren und sich in ihnen wiederfinden kann. 

Jeder Angriff auf das Volk, dessen Glied man ist, jede 
Mißachtung der staatlichen Organisation, in die man hin- 
eingewachsen ist, muß daher so beantwortet werden, als wären 
sie gegen die eigene Person gerichtet. Nun ist beachtens- 
wert, daß zwar beim einzelnen Hemmungen eintreten, deren 
Ursachen scheinbar nur dem Gebiet der Liebe angehören: 
Eifersucht, Abweisung einer Werbung, Liebe in verbotenen 
Verwandtschaftsgraden, Unfähigkeit zur harmonischen Ver- 



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DIE TIEFENMÄCHTE DES KRIEGES. 179 

wirklichung aller Züge einer ganzen Liebe (vgl. z. B. das Di- 
lemma einer rein sinnlichen oder rein idealen Liebe), Un- 
fähigkeit zur Menschenliebe überhaupt usw., daß aber im 
Treiben der Völker derartige Verwicklungen, die nur die 
Erotik im engeren Sinne angingen, fehlen. Hier weist es 
sich deutlicher als beim Individuum, daß am Aufbau der 
Liebesgefühle auch Befriedigungen von selbstischen Bedürf- 
nissen beteiligt sind, obwohl eine herden- und gattungsmäßige 
Sympathie nicht zu leugnen ist. Und je höher die Kultm* 
sich aufschwang, desto weniger läßt sich die Zuneigung auf 
den dunklfen Rasseninstinkt gründen. Dem Gebildeten steht 
ein verkommener Landsmann innerlich ferner als ein fremder 
Kulturträger, dem ethisch Vollwertigen ein braver Fremdling 
eben wegen der Identität der höchsten Persönlichkeitswerte 
innerlich näher als ein sittlich defekter Blutsverwandter, den 
zu lieben er sich pflichtgemäß zwingen muß, wenn er es. 
überhaupt zu stände bringt. 

Aus alledem folgt, daß der Krieg nie und nimmer ein 
bloßes Rassenproblem sein kann, wiewohl dieses in die Kriegs- 
ursachen hineinspielen kann. Beim Volk wie beim einzelnen 
wird die Sympathie und Antipathie mit wachsender Entwick- 
lung aus immer komplizierteren Ursachenkomplexen erzeugt. 

Zu ihnen gehört auch die Stellung der Umwelt zu den 
Geltungsansprüchen des einzelnen und des Volkes. 
Adler befindet sich im Rechte, wenn er die Verkürzung des 
Wertanspruches für eine wichtige Ursache des Rückfalls in 
frühere Entwicklungsstufen hält. Er übertreibt nur, indem 
er dieses Moment für das einzige, das Neurosen bewirkt, 
ansieht. Freud kann mit Recht geltend machen, daß jene 
Verkürzung des Persönlichkeitswertes nur dann zur Gefangen- 
nalime durch unbewußte Infantilmächte führt, wenn gleich- 

12* 



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180 in. ZUR PSYCHOLOGIE DES KRIEGES UND FRIEDENS. 

zeitig ein Verlust an Liebesgütern stattfindet. Gewinnt aber 
ein Mensch, der sein Ansehen verlor, vielleicht durch liebe- 
volle Teilnahme anderer an Liebe, so tritt der Rückfall ins 
Primitive nicht ein. Auch muß berücksichtigt werden, daß 
sogar die schwerste Verachtung nur dann die Flucht ins 
Kinderland bewerkstelligen läßt, wenn eine Stimme in der 
eigenen Brust jener Anklage auf Minderwertigkeit recht gibt. 
Denn nur dann kommt ein innerer Konflikt zu stände. 

Unter den Gründen, welche die zum Krieg drängenden 
Schritte rechtfertigen sollen, ragt einer besonders hoch empor : 
die Großmachtst<?llung soll gesichert werden. Im Lichte dieses 
Arguments wäre der Krieg so zu verstehen, wie nach Adler 
jede nervöse Erkrankung. Das beleidigte Minderwertigkeits- 
gefühl weckt den Aggressionstrieb, der aufgestachelte Mensch 
sucht seinen Größenanspruch durchzusetzen und sich gegen 
das Minderwertigkeitsgefühl zu sichern, gerät aber bei leiden- 
schaftlicher Verfolgung dieses Zieles in eine Notsituation, 
der er sich nicht mehr gewachsen fühlt, sein bewußtes Gei- 
stesleben versagt den Dienst, und so überläßt er sich den 
primitiven Mächten der Regression. 

Gegen diese Konstruktion wüßte icli nur einzuwenden, 
daß sie ein wichtiges Motiv als allein wirksam hinstellt. 
Auch muß das Großmachtsinteresse der Nationen in einem 
weiteren Sinne, von dem sogleich geredet werden soll, ge- 
faßt sein. Abgesehen hievon, pflichte ich dem Versuche 
Adlers, in der Neurosenlehre ungenügendes Prinzip auf den 
Krieg zu übertragen, bei, nur darf man den Geltungsanspruch 
nicht für das einzige Motiv halten. Die Großmächte waren 
gegeneinander mißtrauisch, sie befürchteten voneinander, oder 
doch von einzelnen unter ihnen eine Beeinträchtigung ihres 
Ansehens oder ihrer Macht, und im Bestreben, ihren Rang 



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DIE TIEFENMACHTE DES KBIEQES. Igl 

ZU befestigen oder zu steigern, im geahnten, aber nicht klar 
erfaßten Gefühl, dieser Aufgabe nicht gewachsen zu sein, ge- 
rieten sie in Situationen, die auf legalem, kulturgemäßem 
Wege nicht mehr zu bewältigen waren. Darum mußte es zur 
entsprechenden Eegression, zum Dujchbruch der verdrängten 
und gebändigten Eaubtiematur kommen. 

Das Individuum trachtet jedoch nicht nur danach, sich 
in den Augen anderer Geltung zu verschaffen; es will sich 
überhaupt durchsetzen, will Reichtum und G^nuß erwerben, 
will seine Begabung zur Entfaltimg bringen und so seine 
Persönlichkeit ausweiten, will sich ausleben, was auch die 
Umwelt davon halten mag. Es braucht nicht das Minder- 
wertigkeitsgefühl \ind der Gedanke an die anderen zu sein, 
was zu den stärksten Kraftanspannungen treibt. Es gibt 
machtvollen inneren Drang imd heiß begehrte Ziele, deren 
Verfehlting Verzweiflimg im Gefolge hat, auch ohne voran- 
gehendes Minderwertigkeitsgefühl; d. h. niedrige Seibetein- 
schätzung oder Bewußtsein, verachtet zu werden. Brennender 
Ehrgeiz, loderndes Hochgefühl, sei es auch in der Meinung, 
Träger der höchsten Kulturmission zu sein, deutet meisten^ 
auf verdrängtes Schwachheitsgefühl, aber nicht immer. Unter 
die Kriegsmotive gehören auch andere Auslebetendenzen, die 
durch Hemmungen erst recht explosive Gewalt erlangten. 
Der Imperialismus, der auf immer größeren Besitz ausgeht, 
dajs Gottesgnadentum, das sich für berufen hält, der Welt 
den Stempel seiner nationalen Idee auf zudrücken i), die Ge- 
nußsucht, die aus Eroberung oder Kolonisation Beute erwartet, 
sie und ähnliche Bestrebungen müssen schließlich mit gleich- 
artigen anderer Völker zusammenprallen, und wenn der 
Kampf nicht durch kulturbejahte, von der ganzen Volksseele 

1) Vgl. Rohrbach, Der deutsche Gedanke in der Welt, S. 4. 



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182 ni. ZUR PSYCHOLOGIE DES KRIEGES UND FRIEDENS. 

anerkannte, völlig durchgeistigte Mittel erledigt werden kann, 
tritt die Regression ein, genau wie wenn der einzelne, von der 
Liebe verlassen, in ähnliche Absichten seinen ganzen Lebens- 
drang werfen würde. Ich füge hinzu, daß jene egoistischen 
Begierden auch altruistisch gewendet vorkommen, z. B. in 
der Rassenliebe, die dem verwandten Volk Größe und An- 
sehen verschaffen will. Liebe will auch andere fördern, zumal 
wenn sie sich mit ihnen identifiziert und in ihnen im Grunde 
nur sich selbst liebt. 

Nach Jung erfolgt der Rückzug in die Unterwelt des 
Infantilen und Barbarischen dann, wenn da^ Individuum vor 
einer innerlich zugemuteten Kulturleis timg steht, sie jedoch 
aus Trägheit nicht übernimmt. Der Damm, von dem die 
Fluten nach Freuds Gleichnis zurückgeworfen werden, wäre 
dann also die neue Lebensaufgabe, somit die unter Umständen 
schmerzliche Preisgabe bisheriger Lebensgewohnheiten. Auch 
diese bei Gesunden und Kranken häufig anzutreffende Ver- 
kettung liegt unzweifelhaft vor. Man haßt im täglichen Leben 
denjenigen, der den alten Schlendrian aufzugeben zwingt. 
Warum sollte es sich im Völkerleben anders verhalten? 
Tolstoi sagt in einem Briefe an Gustav Freitag: ,,Die 
Deutschen sind dem russischen Wesen verhaßt, denn sie sind 
uns um 150 Jahre voraus, und das ist für die Russen unleid- 
lich geworden." Immerhin kann die kulturelle Konkurrenz 
unmöglich stets das Hauptmotiv oder auch nur eine mit- 
spielende Bedingung sein, denn oft beginnen hochstehende 
Völker mit primitiven Krieg. 

Ich bin somit der Ansicht, daß es verkehrt wäre, alle 
Kriegsursachen auf eine einzige zu reduzieren. Außer den 
angegebenen Motiven werden noch andere die Regression be- 
wirken helfen, wie auch im Einzelleben die mannigfaltigsten 



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DIE PSYCHOLOG. VORAUSSETZUNGEN DES VÖLKERFRIEDENS. 183 



Beweggründe das klar bewußte Denken und Wollen unter 
die Bewußtseinsschwelle drücken und das Regiment des In- 
fantilen und Archaischen einsetzen. Die verschiedenen Mo- 
tive sind so eng verflochten, daß es unmöglich ist, den Liebes- 
willen, die Basseninstinkte, den Willen zur Macht oder zur 
Greltung, die Auslebetendenz, den Widerstand gegen die kul- 
turelle Mehrleistung imd ähnliche Strebungen zu isolieren. 
Wer es tut, zerstört den Organismus des geistigen Lebens und 
gerät rettungslos in öde Anatomie, indes das wirkliche Leben, 
auf das es ankommt, längst entflohen ist. 

Angesichts unserer Überlegungen erscheint es überaus 
kleinlich, die Ursache des gegenwärtigen Krieges in diesen 
oder jenen Ereignissen der jüngsten Vergangenheit zu suchen. 
Weder der Schüler von Serajewo, noch das Ultimatum Öster- 
reichs, noch die Mobilisation Rußlands oder dergleichen Vor- 
kommnisse sind die wirkenden Ursachen, sondern jene viel 
tiefer liegenden Großmächte in den Völkerseelen, die den 
Lebensdrang um eine bedeutende Entwicklimgsstrecke zu- 
rücktreiben und das bewußte Handeln der Gewalt primitiver 
Triebe unterwerfen. Die atavistische Regression ist ähnlich 
derjenigen des affektvollen Fluchens, des wilden Jähzorns 
und anderer gewaltsamer Entladungen, die daraus hervorgehen, 
daß der Mensch die regulierenden Kulturmotive nicht in der 
Wirklichkeit durchzuführen vermag. 

Aus diesen Feststellungen ergibt sich eine neue Beurtei- 
lung des Friedensproblems. Wir wollen sie im nachfolgenden 
dsirbieten. 

B. Die psychologischen Voraussetzmigen des Völkerfriedens. 

Li unserem vorangehenden kriegspsychologischen Versuch 
schilderten wir die tieferen Motive des Völkerzweikampfes. 



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184 IJI- ZUR PSYCHOLOGIE DES KRIEGES UND FRIEDENS. 

Es schien uns, die von den Kriegführenden selbst beklagten 
Greuel, wie die ganze kulturfeindliche Idee des Krieges seien 
als Rückfallserscheinungen und Retentionen zu erklären, denn 
sowohl die Bedingungen, unter denen wir sonst bei Gresunden 
und Kranken diese Vorgänge auftreten sehen, als auch die 
Einzelerscheinungen, die wir bei sonstigen Regressionen vor- 
finden, trafen zu. Aus dem gewonnenen Ergebnis lassen sich 
nun Schlüsse auf die höhere Bedeutung und die Überwindung 
des Krieges ziehen. Beide Probleme hängen innerlich zu- 
sammen. 

Kehren wir noch einmal zum Begriff der Regression zu- 
rück I Es war wiederum Freud, der zuerst erkannte, daß 
die scheinbar rein unzweckmäßigen Krankheitssymptome, die 
auf seelische Einflüsse zurückgingen, wie die Regressionen 
der Gesunden einen guten Sinn haben, auch wenn sie die ge- 
heime Absicht nicht erfüllen. Freud erblickt in der Neurose 
und Psychose den Versuch, einer drohenden oder schon vor- 
handenen Unlust durch die Flucht ins Unbewußt.e zu ent- 
gehen. Demselben verborgenen Wunsche entsprechen die 
Regressionen der Gesunden. Flournoy, der berühmte Genfer 
Psychologe, fand eine noch höhere Zweckmäßigkeit vor. An 
Benvenuto Cellini zeigte er, wie eine Halluzination und 
automatische Bewegung dem lebensmüden Künstler das Leben 
rettete, und eine Beobachtung am lebenden Menschen be- 
stärkte diese Deutimg. Adler und Mae der fanden unge- 
fähr gleichzeitig und unabhängig voneinander, daß auch in 
den Träumen nicht bloß eine Regression, sondern auch der 
Versuch eines Überganges zu einer neuen Leistung enthalten 
sei. Wenn diese Angaben zutreffen, und es ist sicherlich 
oft deutlich der Fall, so ist nicht nur die Ähnlichkeit eines 
früheren Erlebnisses mit der gegenwärtigen Situation das- 



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DIE PSYCHOLOG. VORAUSSETZUNGEN DES VÖLKERFBIEDENS. 185 

jenige, was jene Erinnerung weckt, sondern auch der Lebens- 
wille wirkt bei der Auswahl des Frühmaterials mit. Nur 
dann wird ein Rückgang in eine frühere Entwicklungsstufe 
vollzogen, wenn sich auf ihr etwas findet, das einerseits der 
gegenwärtigen Lage ähnlich ist, anderseits dem jetzt vor- 
herrschenden Drang, aus der bestehenden Klemme zu kom- 
men, entspricht. Man wählt also Erinnerungen, die zurufen: 
„So gut du damals gut davonkamst, so gut wirst du es auch 
jetzt!" Nur wo der Lebenswille gänzlich gebrochen, tauchen 
trostlose Erinnerungen auf, die bestätigen: „Du hast ganz 
recht, dich in Weltschmerz zu begraben! Du bist nun einmal 
zum Unglück geboren!" 

Wenn der Mensch in Regression gerät, so kommen dem- 
nach meistens gteichzeitig neue Lebensaussichten zum Vor- 
schein, sein Benehmen hat ein Janusgesicht, es schaut rück- 
wärts und vorwärts zugteich. Soll ein Rosenzweig verjüngt 
werden, so schneidet man das alte Holz weg, worauf schla^ 
fende Augen erwachen und ein junger Trieb in neuer Rich- 
tung sprießt. So hat schon oft eine Regression neue Bahnen 
ermöglicht. Ich erinnere nur an die Reformation, die eigent- 
lich Regression auf die ersten christlichen Jahrhunderte war, 
oder an die englische und französische Revolution. Je 
schwerer die Entdeckung der neuen Lebensrichtung wird, desto 
tiefer gerät der Mensch in die Regression. Dies zeigen gut 
die Wiedertäufer, die eine neue Bewältigung der Realität 
nicht fanden und daher unglaublichen Infantilismen verfielen, 
in ihrem Gegensatz zu den Reformatoren, die dem neuen Geiste 
mit Hilfe der Regression (besonders zur Bibel) sehr wohl 
fruchtbare Wege in die Wirklichkeit zu gewinnen verstanden. 

Auch die Nationen sahen sich vor Beginn des jetzigen 
Krieges vor eine Menge von Schwierigkeiten und Aufgaben 



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iSii Ilt ZUB PSYCHOLOGIE DES KRIEX^ES UND FRIEDENS. 

gestellt, deren Bewältigung im Weltgetriebe ihre Leistungs- 
fähigkeit überstieg. Als die Weisheit der Staatsmänner ver- 
sagte, trat die Rückkehr in relativ und prinzipiell vorkultu- 
relle Zustände ein. Auch diese Regression muß neue Anwen- 
dungsmöglichkeiten edler Kräfte vorbereiten. Die meisten 
Kriege riefen ungeahnte Kräfte wach. 

Schon oft ist mit Erstaunen bemerkt worden, daß auch 
der gegenwärtige Krieg solche Kräfte weckte, nach denen 
man sich im Grunde sehnte, die man aber nicht verwirklichen 
konnte. Es sei erinnert an das gewaltige Solidaritätsgefühl, 
das die alten Schranken des Standes und der Partei ver- 
schwinden läßt, an das Durcliglühtsein von einer großen Idee, 
an die großartige Opferwilligkeit im Gegensatz zur sonstigen 
Selbstsucht, an die religiöse Energie, an den Verzicht auf 
äußerliche Vergnügungen ohne tieferen Gehalt. Diese und 
ähnliche Züge sind keineswegs bloße rückwärts gewandte Re- 
miniszenzen, sondern sie verraten neue Lebensmöglichkeiten, 
die vielleicht auch schon früher einmal mehr oder weniger 
verwirklicht, dann aber liegen gelassen wurden. Solche sitt- 
liche Neuleistungen enthalten den Kulturbetrag, der in die 
Regression mitgenommen ist. Er beruhigt das Gewissen, das 
sich dem Massenmord des Krieges widersetzt, und stellt sich 
so in den Dienst des kriegerischen Dranges. Der Erfolg ist 
oft eine Glorifizierung des spruchfreien Tötens zum heiligen 
Werk, an dem selbst der Gott des Friedens Wohlgefallen haben 
soll. Es ist jedoch bekannt, daß die von der Kriegsnot ge- 
zeitigten ethischen Mehrleistungen gewöhnlich ein kurzes Da- 
sein fristen. Dem Friedensschluß folgen meistens gesteigerter 
Egoismus, gesellschaftliche Entzweiung, vermehrter Materia- 
lismus und Genußsucht, Renommiersucht nach glücklichem, 
Rachegeschrei nach ungünstigem Kriegsausgang hart auf den 
Fersen. 



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DIE PSYCHOIiOO. VORAUSSETZUNGEN DES VÖLKERFRIEDENS. 187 



Wenngleich also in der Regression des Lebensfähigen be- 
reits der Keim zu einem mehrwertigen Zukünftigen liegt, 
das ohne sie nicht verwirklicht werden konnte, so ist damit 
der Sieg dieses Neuen nicht verbürgt. Wie die meisten Hy- 
steriker keinen oder fast keinen wahren (Jewinn aus ihrer 
Krankheit, diesem Regressionsprodukt, ziehen, so könnte leicht 
der Krieg eine abermals undurchführbare, kultur- und darum 
menschenfeindliche Bahnung zurücklassen. Gegenüber dem 
ELranken ist es Aufgabe des Arztes, die unzweckmäßigen Neu- 
bildtmgen sofort nach ihrer Entstehung aufzulösen, imd zwar 
so lange, bis die Lebensrichtimg gefunden und eingeschlagen 
wurde, die gleichzeitig den höchsten Geboten der eigenen 
Natur, wie den Ansprüchen der Wirklichkeit genügt. Sollte 
es nicht ebenso die Pflicht aller kundigen Menschenfreimde 
sein, die durch die Regression des Krieges entbundenen Le- 
benskräfte vor unzweckmäßigen Neubildungen zu bewahren 
und den Zielen zuzuführen, die der wahren Natur des Men- 
schen, der höchstentwickelten Persönlichkeit und Gemein- 
schaft, entsprechen? 

Gelingt es nicht, diese intellektuelle Auflösung der Re- 
gression im Völkerbewußtsein herbeizuführen und die ge- 
stauten Lebenstendenzen in zweckmäßige Bahnen zu leiten, 
so bleibt es beim Rückfall in. Unkultur, oder es erfüllt sich 
die kürzlich veröffentlichte, unheildrohende Weissagung Otto 
Hintzes: „Jetzt, wo das Haager Schiedsgericht imd die 
Weltfriedenskongresse ihre Arbeit entfalten, beginnt die 
Epoche der Weltkriege. Denn man täusche sich nicht: eine 
Kriegsepoche ist es, in deren Anfang wir stehen, mag dieser 
Bjieg selbst nun kürzere oder längere Zeit dauern i)." Wir 

1) Internationale Monatsschrift für Wissenschaft, Kunst und Technik, 
1914, Heft 1. 



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138 ra* ZUR PSYCHOLOGIE DES KRIEGES UND FRIEDENS. 

bleiben mit einem gewaltigen Teil unseres Denkens, Empfin- 
dens und Handelns im Barbarismus stecken, wie ein Futurist, 
dessen naive Bergspitzen oder Bäume an die eines Wilden oder 
Kindes erinnern, w^eil die Kraft zur Grestaltung des größeren 
Neuern, das die ungenügende Gregenwart ersetzen soll, fehlt. 
Ein scharfes Auge sieht freilich auch bei solchen, die in der 
Regression stecken bleiben, meistens die Keime eines Neuen, 
allein es herrscht vor der Atavismus. 

Das Kriegs- und Friedensproblem läßt sich selbstverständ- 
lich niemals isoliert lösen. Die Friedensvereine imd inter- 
nationalen Konferenzen, die Staatsverträge und diplomati- 
schen Aktionen sind gänzlich machtlos, wenn nicht der Le- 
bensstrom der Völker sich kulturellen Betten zuwendet, in 
denen er sich vorwärts ergießen kann. Nur im Zusammen- 
hang mit der Gesamtkultur kann die Überwindung des Krie- 
ges angemessen besprochen werden. 

Wie muß nun aber die Lebensemeuerung, die dem Rück- 
fall in Barbarismen wehren soll, ausfallen? Die Aufgabe 
besteht darin, denjenigen Punkt der Regression zu finden, 
von dem aus eine zweckmäßigere Weiterbildung als die in 
Chauvinismus und Völkerhaß, Imperialismus und Mammonis- 
mus möglich wird, wie der Gärtner auf das schlafende Auge 
zurückschneidet, in dem das neue Wachstum beginnen soll. 
Es ist nicht theologische Bedingtheit, wenn ich an das Vor- 
gehen Jesu erinnere. Als er die jüdische Abdrängung ins 
2feremonielle und die damit verbundene Gemütsverarmung 
auflösen wollte, sah er die Notwendigkeit der Regression ein. 
Die Jünger befragten ihn nach dem Größten im Himmelreich; 
er rief ein Kind zu sich, stellte es mitten unter sie und 
sprach: „Es sei denn, daß ihr umkehrt und werdet wie die 
Kinder, so werdet ihr nicht in das Himmelreich kommen. 



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DIE PSYCHOLOG. VORAU SSETZUNGEN DES VÖLKER FRIEDENS 189 

Wer sich nun selbst erniedrigt, wie dies Kind, der ist der 
Größte im Himmelreich, und wer ein solches Kind aufnimmt 
in meinem Namen, der nimmt mich auf." (Matth. 18.) Die 
Umkehr erstreckt sich hier bis zu der Kindheitsstufe, die 
einerseits ein nicht unbeträchtliches Maß von Zivilisation 
aufgenommen hat, anderseits aber von der Orthodoxie und 
ihrer Liebesentwertung noch nicht geschädigt worden ist. 
Jenes schüchterne Kind, das Jesus als Darstellung des Durch- 
gangspunktes zum Himmelreich hinstellt, ist frei vom 
dünkelhaften Geltungsdrang der Jünger, die sich mit dem 
Größten im Himmelreich identifizieren möchten. Im End- 
punkt der Eegression, eben jenem Kinde, sieht Jesus schon 
den verheißungsvollen Anfang der neuen Progression zum 
höchsten Endziel. Er identifiziert sich mit dem Kinde („wer 
es aufnimmt, nimmt mich auf"), aber ohne Zweifel sieht er 
zugleich in das Kind seine eigene Seele hinein, er sieht nicht 
die Unarten und Barbarismen, die keinem Kinde fehlen, er 
idealisiert es und vollzieht so eine Rückverlegung, die nach 
unseren Aufstellungen bei der Regression meistens vorkommt. 
Er fügt zu* historisch gegebenen Zügen (Schüchternheit, Ein* 
fachheit, Freiheit von grenzenloser Eitelkeit) andere, ihm 
selbst angehörige hinzu. Ähnlich ist ein anderer kühner Neue- 
rer vorgegangen: Rousseau mit seinem Rufe nach Regres- 
sion ins Natürliche. Auch er nennt eine Kindheit, die er mit 
Farben schildert, welche keineswegs nur der Wirklichkeit 
entsprechen. Seine präkulturellcn Naturmenschen sind Ideal- 
figuren, die ungefähr dem Regressionsbedürfnis und Charakter 
Rousseaus entsprechen, nicht aber der Wirklichkeit. Bei 
Tolstois Rückkehr zum Bauernleben läßt sich ein analoges 
Verfahren nachweisen. 

Man übersieht meistens, daß die Regression nicht immer 



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190 III. ZÜB PSYCHOLOGIE DES KRIEGES UND FRIEDENS. 



und notwendig ein Rückfall in rohere Lebensformen zu sein 
braucht. Das Kindesalter kann bereits eine Zeit hoher Ge- 
fiinnungskultur sein. Wenn ein Mensch nsuch guten Anfängen 
unter dem Einfluß einer tüchtigen Erziehung durch schlechte 
Gesellschaft herunterkommt, so bedingt dies meistens eine 
Regression ins Kulturlose in dem angegebenen Sinne, daß 
die Grundrichtung trotz der mehr oder weniger gewahrten 
konventionellen Formen dem Geiste der Kultur widerstreitet. 
Allein stößt jener Mensch bei seinem üblen Wandel auf äußeren 
und inneren Widerstand, so erlebt er oft eine neue Regression, 
diesmal auf seine gute Erziehung, die sittlichen Kräfte seiner 
Kindheit wachen auf und gelangen vielleicht zum Durch- 
bruch 1). Es stünde übel um den Einfluß der Erziehung!, 
wenn diese Möglichkeit fehlte. Man kann die psychologische 
Regression auch als kulturelle Progression betrachten, aber 
an dem Rückgang auf ein früheres Niveau ändert dies nichts. 
Xsl der Krieg als grundsätzlicher Rückfall ins Unbewußt- 
Primitive erkannt worden, und hat die Kulturwidrigkeit mit 
ihren Schrecken sich ebenfalls als unhaltbar ausgewiesen, so 
empfiehlt sich als einzige Möglichkeit die Anknüpfung ans 
kulturelle Infantile, d. h. an eine Lebensrichtung, die frei ist 
von Imperialismus, Rassenvergötterung, Mammonismus und 
anderen Kriegsfaktoren, die im öffentlichen Leben meistens 
den Ton angal>cn, aber auch von Barbarismen atavistischer 
Herkunft. Wo ein solches Vorstadium fehlt, ist an heilsame 
Neugestaltung der Formen des Völkerlebens nicht zu denken. 



1) Die Regression erweckt dann nicht, wie in der Neurose, ganzlich 
vom Bewußtsein abgespaltene Eindrücke, die als Erinnerungen dem Ge- 
dächtnis verborgen bleiben und nur durch Kunsthilfe ihm zugeführt wer- 
den können. Die Hegression zum höheren Niveau weckt vielmehr die klare 
Erinnerung an sittliche Werte der Vergangenheit. 



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DIE PSYCHOLOG. VORAUSSETZUNGEN DES VÖLKERPRIEDEN8. 191 

Mit der gesunden Verkindlichnng hängt zusammen ein 
ehrlicher Verzicht auf solche Lebensgüter, deren Erwerb not- 
wendigerweise in neue Kriegsatavismen treibt. Wendet sich 
der Lebensdrang mit unbezähmbarer Hartnäckigkeit und Ein- 
seitigkeit den Gütern zu, deren Gewinn den anderen verkürzt, 
so erhebt sich der Konflikt, der das vollbewußt geistige, das 
hochwertige sittliche Streben hilflos dem Unbewußt-Rohen 
ausliefert. 

Ein Ausweg ist dann nur möglich, wenn der Betätigungs- 
drang der menschlichen Psyche Bahnen einschlagen kann, die 
hohe Befriedigung gewähren, ohne die Lebensfähigkeit der 
anderen zu beeinträchtigen. Solche Wege müssen als Subli- 
mierungen aller primitiven Triebe und Gelüste betrachtet 
werden. Aber besitzen wir nicht solche Veredlungen in Fülle, 
imd preisen wir sie nicht als Höchstleistungen unseres 
Geisteslebens? Hieher gehören die Gemütswerte, die freilich 
unter der Vorherrschaft des Kapitalismus und der Groß- 
machtsucht schwer gelitten haben. Es scheint allerdings ein 
ungeheuerlicher Gedanke, daß der Bürokratismus und die 
kühle Diplomatie sich nach Gemütswerten orientieren. Aber 
letztere sind nun einmal da und lassen sich nie gänzlich aus- 
rotten. Der Zwiespalt zwischen menschlicher Rücksichtnahme 
im Einzelleben und Brutalität im Völkerleben kann nicht ewig 
beibehalten werden. Je mehr Befriedigung Familienleben, 
Freundschaft, edle Geselligkeit gewähren können, desto mehr 
Ventile gegen die Regressionsgefahr sind vorhanden. 

Auch die Bewältigung der sozialen und individualethischen 
Aufgaben bildet einen Kanal, und zwar einen sehr breiten 
Kanal, für den fortschreitenden Lebensdrang. Schon die Pro- 
pheten Altisraels stellten den Kriegsgelüsten ihrer Zeit mit 
großer psychologischer und volkserzieherischer Weisheit die 



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192 UI- ZUR PSYCHOLOGIE DES KRIEGES UND FRIEDENS. 

sittliche Forderung entgegen. Sie verlegten den Akzent von 
der Politik auf die sittliche Umgestaltung der sozialen Ver- 
hältnisse und schufen damit ein Programm, das sich später 
vortrefflich bewährte. Ganz ähnlich verfuhr Jesus. 

Für die Völker ergäbe sich danach die Aufgabe, anstatt 
einer imperialistischen Expansionspolitik zu huldigen, zu- 
nächst die Ausbildung der ethischen Individual- und Sozial- 
werte ins Auge zu fassen, womit natürlich auch die Verbesse- 
rung der ökonomischen Gesellschaftsverhältnisse gefordert 
wäre. Je mehr ein Volk sich dieser Kulturaufgabe, die nicht 
etwa nur von außen aufgenötigt wird, sondern der Natur und 
den Bedürfnissen der Menschen entspricht, zu entziehen ge- 
neigt ist, desto leichter überläßt es sich der Eegression ins 
Kriegerische, wobei es hofft, auf einem kürzeren Wege die 
Güter zu erwerben, die es zum ausgiebigen Leben braucht. 
Natürlich wird diese Hoffnung früher oder später zu schänden. 
Kein bloßes Kriegsvolk kann bestehen. Umgekehrt erlischt 
bei jedem kulturfreudigen und unternehmenden Volke, das 
seiner sozialethischen Mission klar bewußt ist, das kriege- 
rische Gelüsten, und der kriegerische Apparat wird zum 
bloßen Schutzinstrument. Der Patriotismus verliert den 
chauvinistischen Beigeschmack und besinnt sich ernstlich 
darauf, daß eine rein nationale Kultur unmöglich ist. So 
wenig Goethe ohne die Griechen und Shakespeare, Ro- 
main Rolland ohne Beethoven, Carlyle ohne Goethe 
denkbar wäre, so wenig gibt es heute oder inskünftig eine 
Kultur, die von der Kulturgemeinschaft der ganzen Menschheit 
abgeschlossen wäre. Die unentbehrliche nationale 
Eigenart einer Kultur ist nur dann gesund und 
erfreulich, wenn sie dem Kulturorganismus der 
Menschheit harmonisch eingegliedert und die- 



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DIE PSYCHOLOG; VORAUSSETZUNGEN DES VÖLKEBFBI^DENS. 193 

ses Zusammenhanges bewußt ist. Einseitige Be- 
tonung oder Überschätzung des Völkischen in der Kultur 
verrät stets eine Bindung, die mit infantiler Fixierung ans 
Elternhaus zusammenhängt und mangelhafte Ausbildung des 
Eigenlebens ausdrückt. Denn nur wer alle Werte ohne Bück- 
sicht auf ihre zufällige Herkunft nach ihrer wahren Bedeu- 
tung anzueignen tmd eigenartig zu verarbeiten weiß, ist eine 
freie Persönlichkeit. 

Als ein gewaltiges Prophylaktikum gegen alle, auch die 
kriegerischen Rückfälle in überwundene Entwicklungsstufen' 
betrachten wir ferner die idealen Betätigungen. Schon die 
sozialethischen Aufgaben haben zur Voraussetzung ein kräf- 
tiges Stück gefühlsbetonten Idealismus, in welchem Liebe, 
Tatendurst, Größendrang, Entdeckertrieb usw. vorweggenom- 
men sind. Auch die Kunst mit ihren Unendlichkeitsperspek- 
tiven, die Poesie, die Wissenschaft erschließen dem Lebens- 
drang mit seinen vielfachen Begierden ein unendlich weites 
Feld, das vor Regressionen schützt. Vielleicht die stärkste 
Sicherung gegen das Versinken in die dunklen Abgründe des 
Unbewußten bietet jedoch die Religion, in welcher manche 
der tiefsten und kraftvollsten Geister die Energien, die sie 
weder direkt der Wirklichkeit zuwandten, noch in schäd- 
liche Phänomene regredieren ließen, aufspeicherten. Auch 
Kunst und Philosophie erheben sich in religiöse Sphären, wejm 
sie getragen sind von übermächtigem Lebenswillen. Jede rege 
Religion ist ein Kraftreservoir, in da« sich der von der "um- 
gebenden Wirklichkeit abgestoßene oder ungesättigte Vital- 
drang zurückzieht, um sich günstigenfalls mit gesteigerter 
Kraft in der Wirklichkeit zu betätigen. Es gibt freilich, wie 
zuerst Freud nachwies, auch eine neurotische Frömmigkeit, 
die in ihrer Gebundenheit an Buchstaben und unverstandene 

Dr. Pfiiter, PsyohanftlTfe. 13 



r^onnlp^ Original from 

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194 in. ZUR PSYCHOLOGIE DES KRIEGES UND FBIEDENS. 

Zeremonien, ihrer beständigen Angst und Weltfeme die Ty- 
rannei des Unbewußten, das Steckenbleiben in der Regression 
deutlich verrät und Übereinstimmung mit gewissen Merk- 
malen der Zwangsneurose aufweist. Daneben gibt es einen 
hysterischen Typus, der sich in überschwengliche Gre- 
fühlsäußerungen ergießt, aber für die Bewältigimg der Wirk- 
lichkeitsaufgaben wenig oder nichts übrig hat. Es ist der 
weltflüchtige, im Besitze des Seelenbräutigams schwelgende 
Pietismus. Ebenso begegnen wir oft einer Religiosität, die 
sich von der Wirklichkeit zurückzieht ins eigene Ich und im 
eigenen Wesensgrund Gott findet. Auch diese Introversioos- 
frömmigkeit der Mystik hat, wie die pietistische, kein Inter- 
esse und keine Kraft für den Krieg vorrätig. Dafür leistet 
sie für die Bewältigung der sozialen imd sonstigen Kultur- 
aufgaben wenig. Alle derartige Frömmigkeit ist genau das 
Gegenteil derjenigen Jesu, der Dogmen- und Buchstabenzwang 
zerbrach, süßlichen Kultus ablehnte, als wichtigste Anwen- 
dung der Lebensenergie die Liebe, und zwar die dem Nächsten 
zugewandte, tätige Liebe hinstellte und so eine freie Entwick- 
lung einführte, die zur höchsten Persönlichkeitsentfaltung und 
Versittlichxmg des Geselischafts-, Völker- und Menachheits- 
lebens anleitete. Der Lebenshunger aller tieferen Naturen 
wird stets an der Enge der realen Verhältnisse anstoßen. Eine 
Sehnsucht nach unendlichen Werten gehört mit zu den Vor- 
rechten und Leiden, die in der Natur starker Seelen begründet 
liegen. Der Nachfmge nach höchsten Lebenswerten kann 
auch das Angebot eines großen Kulturschaffens nicht genügen. 
Soll nicht die gestaute Lebensenorgie in Pessimismus oder 
schädliche Atavismen, z. B. Kriegslust, zurückfluten, so muß 
ein gewaltiges Lebensgebiet da sein, um jene Lebensfülle 
festzuhalten und als ethische, künstlerische oder andere wort- 



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DIE PSYCHOLOG. VORAUSSETZUNGEN DES YÖLKEBFBIEDENS. 195 

volle Kulturleistung der Wirklichkeit wiederum zuzuführen. 
Einem derart vergeistigten Lebensplan haben sioh alle Einzel- 
bestrebungen^ auch Handel und Industrie anzugliedern. In 
diesen Sätzen ist nur ein Teil der biologischen Aufgabe der 
Beligion ausgesprochen; über Geltung oder Ungültigkeit der 
religiösen Inhalte ist in ihnen nicht das geringste ausgesagt. 
Diese Wahrheitsfrage gehört auch nicht zu unserem Thema. 

Nur wenn die Völker die wahren Ursachen und Tiefen- 
mächte des Krieges einsehen, diesen als Regression ins Prä- 
kulturelle imd dessen rohe Manifestation erkennen, zum Kul- 
turell-Infantilen zurückkehren und den Lebensdrang in Be- 
tätigungen überleiten, die eine volle Entfaltung des Einzel- 
imd Menschheitslebens zulassen, ist der Krieg vermeidbar. 
Dazu bedarf es eines reichen Innenlebens mit hohen altruisti- 
schen Gemütswerten, einer ausgiebigen Geistesarbeit in wis- 
senschaftlichen, ästhetischen, ethischen und religiösen Wer- 
ken, und vornehmlich eines zielbewußten Strebens und Schaf- 
fens, das vor keiner Kulturaufgabe sich verkriecht. Ohne 
starke Verinnerlichung, ohne tiefe Innenkultur und soziale 
Vervollkommnung ist an Überwindung des Krieges trotz aller 
Einsicht in seine Schädlichkeit nicht zu denken. Der Friede, 
wie alle Kultur, muß unaufhörlich neu erkämpft werden. Je 
stärker der Lebenswille und die Beanlagung zu vielseitiger 
Betätigung seiner Kräfte, desto größer ist auch die Gefahr, 
in Entwicklungsbahnen zu geraten, die Verwicklungen imd 
Regressionen ins Kriegerische im Gefolge haben. Desto höher 
wird aber auch der Gewinn, der aus einer vollkommen durch- 
geistigten, von primitiven Vergangenheitsmächten befreiten 
Lebenseulfaltunor erwächst. 



13* 



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IV. 

Zur Psychologie des hysterischen Hadonnenkoltus^). 

Nur ein Stücklein Kärrnerarbeit möchte ich vorlegen. 
Vielleicht gibt ihr gerade die Kleinheit einigen Reiz. Die 
großen Meisteranalysen, wie wir sie von Freud zu empfangen 
gewohnt sind, überzeugen nur den, den aber auch vollständig, 
der sich in der psychanalytischen Technik eine bedeutende 
Gewandtheit errungen hat. Viele auf umfassende Studien 
gegründete Untersuchungen, wie z. B. Ranks Abhandlung 
über den Mythus von der Greburt des Helden, oder Stekels 
neueste Beiträge zur Traumdeutung, gewinnen ebenfalls nur 
den, der über eine Fülle ähnlicher Erfahrungen verfügt. Die 
Reichhaltigkeit der für die Deutung maßgebenden assoziierten 
Einfälle verbietet ihre vollzählige Mitteilung. Dem unkun- 
digen Schwätzer bleibt daher das wohlfeile Vergnügen, über 
die gewonnenen Ergebnisse ebenso zu spotten, wie der hinter- 
pommersche Taglöhner die Existenz fliegender Fische ver- 
lacht. Vielleicht ist dem lembereiten Gegner der Psych- 
analytik mit einer schlichten Kasuistik vorderhand besser 
gedient, als mit schwierigen Fällen, die nur den Kenner 
entzücken. 

Nur unter diesem Gesichtspunkte wage ich es, den fol- 
genden schlichten Fall, dessen Analyse eine einzige Sitzung 
in Anspruch nahm, der Öffentlichkeit anzuvertrauen. 



>) Zuerst erschienen im Zentralblatt für Psychoanalyse, Band I 
(1910), Heft 1. 



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ZÜB PSYCHOLOGIE DES HY8TEB. MADONNENKÜLTÜS. 197 

Ein Jahr vor unserer näheren Bekanntschaft klagte mir 
ein ISjähriger Holländer, daß er an heftigen Schmerzen, 
Zuckungen und oft an förmlicher Lähmung des rechten Armes 
leide, so daß ihm Schreiben und Klavierspielen großenteils 
versagt seien. Das Leiden sei „nervös". 

Auf Befragen gab er zu, daß er an schwerer Gemüts Verstim- 
mung leide. Das Problem des Selbstmordes beschäftige ihn 
lebhaft, besonders seitdem er Goethes „Werther", Ibsens 
„Gespenster" und einige ähnliche düstere Literaturwerke ge- 
lesen habe. Doch wollte er keinen Selbstmordimpulsen unter- 
worfen sein, was sich später afe unwahre Behauptung heraus- 
stellte. 

Mein Anerbieten, zur Überwindung der seelischen Not be- 
hilflich zu sein, fand kein williges G^ör. „Ich will versuchen, 
mit mir selbst fertig zu werden," lautete die Entgegntmg. In 
der Tat quälte er sich ein volles Jahr vergeblich ab. Das 
Aussehen war oft beimruhigend, die Arbeitsfähigkeit sank 
gelegentlich für einige Wochen auf den Nullpunkt. Trotzdem 
wies der Kranke die Bemühungen seines vertrauten Seel- 
sorgers, sich von mir analysieren zu lassen, rundweg ab und 
entzog sogar dem innig verehrten Mann einen Teil seines 
Vertrauens. 

Endlich benutzte ich einen Mißerfolg, den sich der Pa- 
tient durch sein krankhaftes Wesen zuzog, ihn schriftlich 
zur Analyse einzuladen. In der Tat nahm er mein Anerbieten 
an. Dem Briefe, in welchem er seinen Besuch ankündigte, 
entnehme ich folgende Stellen: 

„Ich gestehe offen, daß es wirklich in meinem Innern nicht 
aussieht, wie es aussehen sollte, und ich einfach keine Befrie- 
digung, keinen Trost bei meiner jetzigen Religion finde. Und 
wdher sollte ich denn sonst meinen inneren Frieden schöp- 



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198 IV. ZUK PSYCHOLOGIE DES HYSTER. MADONNENKULTUS 

fen? Aus der Liebe? Aus der Musik? Der Literatur? Der 
Arbeit? Überall habe ich gesucht, aber immer noch kämpft 
etwas in meinem Innern und läßt mich nicht ruhen. 

Schon lange hätte ich mich vom Herzen gern jemandem 
anvertraut; doch man verlangt von mir eine vertrauensvolle 
Aussprache dessen, was mich bedrückt. Aber was mich eigent- 
lich so preßt und plagt, das — weiß ich selbst nicht, sonst 
hätto ich ja gewiß schon dagegen gekämpft. Und eben aus 
dem Grunde, weil ich meine Ängste selbst nicht kenne, habe 
ich mich noch niemandem ganz anvertraut. 

daß ich beten könnte! Ich fühle, daß ich allein nur 
fraglich wieder zu einer inneren Harmonie gelangen kann, und 
wenn Sie sich wirklich mit mir abgeben wollten, so bin ich 
Ihnen von ganzem Herzen dankbar und will Ihnen mein 
volles, unbedingtes Vertrauen schenken." 

Wirklich gelang es dem Jüngling, seiner Widerstände 
gegen Analyse und Analytiker Herr zu werden. Die Explora- 
tion vom Symptom aus ging mit solcher Leichtigkeit von 
statten, daß die umständlichere, wenn auch bei schwereren 
Fällen meistens unvermeidliche, jedenfalls aber viel tiefer 
eindringende Widerstandsanalyse, bei welcher der Analytiker 
seinem Patienten den Lauf des Grespräches fast ganz über- 
läßt, umgangen werden konnte. 

Der Kranke gab an, daß er vor zwei Jahren Goethes 
„Werther** las, ohne den Grund seiner Lektüre zu kennen, wie 
er sofort spontan hinzufügte. Kurze Zeit später brachen einer- 
seits heftige Schmerzen aus, die, beim Oberarm beginnend, den 
ganzen Arm durchzuckten, anderseits Selbstmordimpulse, die 
ohne die Liebe zu den Eltern sich wohl in einer Tat der Ver- 
zweiflung entladen hätten. 



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ZUK PSYCHOLOGIE DES HYSllÄ. MAE0NNENKULTU8. t99 

Selbstverständlich fand sich jener dunkel geahnte Grund 
der Identifikation mit dem leidenden Werther in einem un- 
glücklichen Liebesverhältnis. Seit etwa fünf Jahren unter- 
hielt der Jüngling platonische Beziehungen zu einem gleich- 
altrigen Mädchen, das ihn mächtig anzog und beglückte, aber 
auch durch Launen und angeblich übertriebene Zurückhaltung 
erzürnte. Beständig schwankte er zwischen freudvoll und 
leidvoll sein umher. Auf Zerwürfnisse, in denen das Däm- 
chen seine Liebe optima forma aufkündigte, folgten süße Ver- 
söhnungen. Die Wertherstimmung ging aus einer endgültigen 
Ablösung hervor, die nach der Behauptung des Analysanden 
daraus entsprungen war, daß das junge Mädchen, als es zu 
einem gemeinsamen Spaziergang mit dem Geliebten Gelegen- 
heit hatte, sich auf unzärtliche und feige Weise zurückzog. 
Die Selbstmordimpulse entsprachen somit der erotischen 
Stauung. 

Todessehnsucht und Ablehnung des Suicidiums schlössen 
ein Kompromiß in zahlreichen Träumen, in denen der Lebens- 
müde ohne eigene Schuld ums Leben kam, z. B. aus dem 
Fenster stürzte. Der erotische Hintergrund ist aus dem typi- 
schen Symbol des Fallens noch deutlich kennbar. 

Während Patient die Schuld des Bruches auf die verab- 
schiedete Freundin schob, verschwieg er das eigentliche Mo- 
tiv und die brennende Selbstaaklage. Erst die Analyse ent- 
lockte ihm das Geständnis, daß einige Kameraden ihm vor- 
gehalten haben, jenes Mädchen besitze zu wenig Anmut und 
zu geringe Talente, er dürfe weit höhere Ansprüche erhe- 
ben usw. Die ängstliche Haltung der einst so heiß Begehrten 
rechtfertigte ihre schroffe Abtehnung so wenig, daß er sieb 
der Unritterlichkeit bezichtigen mußte. Zu stolz, die abge- 
schnittenen Fäden wieder anzuknüpfen, entsagte er inuerlicli 



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200 IV. ZÜK PSYCHOLOGIE DES HYSTEB. MADONNENKÜLTÜS. 

der Liebe zu einem Mädchen überhaupt und ergab sich dem 
Weltschmerz. Als Rächerin des gekränkten Amor stellte sich 
alsbald die Hysterie ein. 

Die Analyse der Schmerzen im Arm kam rasch zu stände. 
Das Symptom ins Auge fassend, erinnerte sich der junge 
Mann, daß ihn der Vater bei einem Schmerzausbruch „in 
merkwürdig sanftem Ton" gefragt habe, was ihm fehle. Da- 
mit verriet der Explbrand seinen Vaterkomplex, der ihn jeden- 
falls häufig zur Hervorbringung des Symptoms veranlaßte, 
um Teilnahme zu erpressen. 

In zweiter Linie erinnerte sich der Patient, während sich 
unangenehme Lmervationen im Arm einstellten, an eine Szene, 
die er mit seinem geschätzten Musiklehrer erlebt hatte. Dieser 
sagte ihm nämlich vor mehreren Jahren wegen schlichter Arm- 
haltung beim Klavierspiel: „Ich hätte dich nicht für so un- 
geschickt gehalten," wodurch sich der angehende Künstler in 
seinem Ehrgefühl verletzt glaubte. 

Endlich kam auch das maßgebende Trauma zum Vorschein : 
Sieben Jahre vor der Analyse hatte der Analysand eines Tages 
mehrere Mädchen, die auf einer Mauer saßen, verjagt, indem 
er sie mit Steinchen bewarf, und sich selbst hinaufgesetzt. 
Nach einer Weile woUt-e er noch mehr Steinchen holen, fiel 
aber dabei so unglücklich, daß er das Schlüsselbein brach. 
Das Einziehen gelang erst am dritten Tage unter heftigen 
Schmerzen. 

Dieses Geständnis macht uns begreiflich, warum der 
Bruch mit der Freundin die hysterischen Phänomene im Arm 
hervorrief. Jener bekannte Identifikationsprozeß, der sich in 
die Formel: „Es ist wieder wie damals" fassen läßt, kam zu 
stände. Hatte der elfjährige Knabe seine Schmerzen im 
Arm als eine gerechte Züchtigung für seine Unritterlichkeit 



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ZÜB PSYCHOLOGIE DES HY8TER. MADONNENKULTUS. 201 

gegen das schöne Geschlecht angesehen — der Unfall hat 
offenbar bereits den Sinn einer unabsichtlichen, wenn auch 
unterschwellig gewollten Selbstbestrafung — , so sah sich der 
16jährige Jüngling erst recht vor dem Richterstuhl seines Ge- 
wissens als unritterlich und brutal gebrandmarkt. Die Er- 
innerung an das frühere Gottesgericht trat nicht klar ins 
Bewußtsein. Allein das Bedürfnis nach Sühne, das dem Treu- 
losen mehr zu schaffen gab als der Verlust des einst geliebten 
Mädchens, leistete sich Genugtuung durch Erzeugung des 
schmerzhaften Konversionssymptoms, das sich folglich auch 
hier als Wunscherfüllung zu erkennen gibt. Auf Selbstanklage 
deutet auch die Erinnerung an den Klavierlehrer, die besagen 
will: „Auch du warst kein Virtuos; wie könnte dir also die 
Talentlosigkeit deiner Freundin ein Recht geben, sie wegzu- 
jagen? Du bist ebenso im Unrecht, wie jenesmal bei dem 
Mäuerchen, als dich das Gericht ereilte.** Die Hysterie re- 
präsentiert folglich ebenso den Sühnekomplex, wie das Angst- 
symptom die Verrammlung der Erotik. 

Kurze Zeit nach dem Beginne der Selbstmordimpulse und 
der physischen Begleiterscheinungen, die sich, wie wir wissen, 
bis zur Lähmung steigerten, kam es zum Bruch mit dem 
Glauben an Gott. Diesem hatte er früher für seine Liebe 
zur Freundin heiß gedankt. Da sich das Geschenk als Täu- 
schung erwies, mußte auch der. Geber fallen — ein psycho- 
logischer Vorgang, der sich nicht selten beobachten läßt, wo 
die erotische Störung zum Verzicht auf jegliche zur Ehe hin- 
zielende Liebe führt. 

Wiederum nach Verlauf einer kurzen Spanne Zeit zerfiel 
der Jüngling innerlich mit dem Vater, der übrigens seinem 
Liebesverhältnis wenig gewogen gewesen war. Wemi nämlich 
der bedrängte Sohn durch Andeutungen seines Lebensüber- 



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202 IV. ZUR PSYCHOLOGIE DES HY8TER. MADONNENKULTUS. 

drusses sich gelegentlich Luft machte, so geriet der Vater 
in schreckliche Aufregung, nannte den Selbstmord krankhaft 
und unvernünftig, ein Zeichen von mangelndem Gottesglauben 
und sittlicher Haltlosigkeit. Als einziges Heilmittel wußte 
er die Arbeit und das Grebet zu empfehlen. 

Es ging beinahe ein Jahr vorüber, da kamen dem jimgen 
Atheisten, den sein Unglaube vollends niederdrückte, einige 
herrliche Madonnenbilder in die Hände. Der Eindruck war 
so übergewaltig, daß er alsbald zu Maria zu beten begann. 
Sein gut reformiertes Gewissen, das durch den begeisternden 
Einfluß seines an kritischer Schärfe ebenso wie an Gemüt 
hervorragenden Religionslehrers ausgebildet war, beschwich- 
tigte er durch einen Fehlschluß: Da er kein Christ mehr sei 
und an keinen Gott mehr glaube, so brauche er sich keine 
Vorwürfe zu machen, wenn er nun sogar zur himmlischen 
Jungfrau sein Herz erhebe. Kurz vor dieser Sublimierung 
hatte ihn die Schwester der früheren Freundin überaus artig 
gegrüßt, wobei ihm die Ähnlichkeit der beiden auffiel und 
die edle Gesinnung des Mädchens eine geheime Sehnsucht 
einflößte, die Begierde nach einer idealen Schwester der 
verlorenen Braut. 

In dieser Madonnenverehrung manifestierten sich ebenso- 
sehr der Vater- als der Mutter- und der Brautkomplex. Die 
Sehnsucht nach der idealen Jungfrau tritt an die Stelle der 
Neigung zur früheren Geliebten. Maj'ia, die herrliche, reine, 
makellose zu lieben, unterlag nicht der Gefahr späterer Ent- 
täuschung und unzarter Einmischung von seiten des Vaters 
und der Freunde. Die Gottesmutter bot ferner mit ihrer 
grenzenlosen Liebe zum mißverstandenen, leidenden Sohn einen 
Ersatz für die eigene Mutter, die den Ton liebevollen Trostes 
vermissen ließ. Endlich aber vertrat die Himmelskönigin 



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ZUR PSrCHOLOOIE DES HY8TER. MADONNENKULTUS. 203 

göttliche Herrlichkeit, ohne doch den fatalen Vatemamen 
zu tragen oder sonstwie an den herben, verständnislosen Vater 
zu erinnern. Im Hintergrund steckte natürlich auch die Lust, 
durch fromme Madonnenverehrung am Erzeuger, durch ka- 
tholischen Kultus am streng protestantischen Vater sich zu 
rächen. 

So repräsentiert Maria die Geliebte, doch ohne leibliche 
und geistige Mängel, sie vertritt die Mutter, doch ohne 
menschliche Kurzsichtigkeit, sie ersetzt den irdischen und 
himmlischen Vater, doch ohne quälende Strenge. 

Welch reichen Ersatz die göttliche Jungfrau dem zerrüt- 
teten Hysteriker bot, beweist folgendes Vorkommnis. Als 
die Schmerzen imerträglich wurden, fühlte sich der Kranke 
zur Heise nach Einsiedeln gezwungen. Er tritt vor den be- 
rühmten Altar der Maria und will seine Andacht verrichten, 
da ist mit einem Schlage der Schmerz verflogen. Kein Wun- 
der! Der Leidende hat ja die Geliebte wiedergefunden, und 
zwar als gnadenreich vergebende. Seine Selbstanklagen sind 
damit grundlos geworden, er ist nicht mehr der Unritterliche, 
der die Geliebte roh im Stiche ließ. 

Daß die Sublimierung trotzdem mißglückte, beweisen die 
bald wieder zurückkehrenden physischen und psychischen Be- 
schwerden. Mühsam schleppte sich der Jüngling durchs Le- 
ben, seine Leistungen erlitten wesentliche Einbuße. 

Mehr als ein halbes Jahr blieb er unter dem Banne der 
Madonna. Da verliebte er sich in ein junges Mädchen, dem 
er bezeichnenderweise sofort von seinen Selbstmordgedanken 
Kenntnis gab. Die sublimierte Libido, welche die Stauung 
der primären Erotik in himmlische Höhen emporgetrieben 
hatte, strömte dem neuen Objekt zu, und für Maria blieb nur 



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204 IV. ZUR PSYCHOLOGIE DES HY8TER MADONNENKULTÜS. 

ein bescheidenes Wohlwollen ohne nennenswerte Temperatur 
übrig. 

Dagegen blieb das Verhältnis zum Vater stets gespannt. 
Der nach Verständnis lechzende Sohn fühlte sich unbefriedigt. 
Deshalb war auch eine herzliche Stellung zu Gott als dem 
himmlischen Vater unmöglich. Wie es in solchen Fällen zu 
geschehen pflegt, konstruierte sich der Schmollende allerlei 
Einwände gegen Grottes Dasein und verschanzte sich hinter 
die Unergründlichkeit der Grottesidee, war aber von der Stich- 
haltigkeit seiner Einwände selbst wenig überzeugt und litt 
unter der inneren Öde, die wir ihn in seinem Briefe schildern 
hörten. Gelegentlich, so auch vor der Analyse, betete er zu 
einer höheren Macht, die er aber um keinen Preis Gott nennen 
wollte. Meine Aufgabe bestand weniger in der Überwindung 
der fadenscheinigen theoretischen Argumente, als in der be- 
ruhigenden und versölmenden Besprechung des Verhältnisses 
zum wohlgesinnten Vater, dessen Fehler nicht größer war, 
als derjenige tauscnder von Erziehern, denen jedes neuro- 
logische Verständnis abgeht. 

Drei Wochen vor unserer Besprechung war auch die Hy- 
sterie wieder aufgeflackert, wenn auch nur in geringer In- 
tensität. Die Analyse förderte zu Tage, daß der verliebte 
Jüngling das eine Mal sehr schlecht musizieren hörte, das 
andere Mal eine unschöne Handschrift sah. Der Leser ahnt 
wohl bereits, daß die neue Freundin schlecht musiziert und 
schreibt, somit die Gefahr einer neuen Ablösung leise auf- 
tauchte. Die Entdeckung dieses Zusammenhanges war nicht 
nötig, um den Analysanden von der Richtigkeit unserer Deu- 
tung zu überzeugen, brachte aber immerhin eine überraschende 
und bei aller Komik ernst mahnende Bestätigung von schla- 
gender Beweiskraft. 



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ZUB PSYCHOLOGIE DES HYSTER. MADONNENKULTUS. 205 

Da noch einige Minuten zur Verfügung standen, erkun- 
digte ich mich nach etwaigen weiteren Spuren von „Ner- 
vosität". Es fand sich, daß der Jüngling heftig erschrak 
und in ein „unheimliches Zittern" verfiel, wenn er plötzlich 
aufgerufen wurde. Als wichtigstes Trauma stellte sich her- 
aus ein "unwirscher Zuruf des Vaters, der nicht dulden wollte, 
daß sein Knabe sich mit seiner ersten Freundin zusammen 
auf der Straße zeige. Heute fürchtet der Jüngling, sein Vater 
möchte auch in das neue Verhältnis störend, zerstörend ein- 
greifen. Da ihm, wie so vielen Neurotikern, Vorgesetzte imd 
Lehrer ein Vatersurrogat ausmachen, ist sein Schrecken leicht 
erklärlich. 

Die Wirkung der Besprechung, die bei ihrer Oberfläch- 
lichkeit den Namen einer Analyse kaum verdient, griff unge- 
ahnt tief ein. Der junge, begabte Mann war erschüttert von 
dem Einblick in die kausale Verknüpfung der seelischen Vor- 
gänge, die ihm so furchtbares Leid zugefügt hatten. Mit 
seinem Vater, dem er viel Kummer verursacht hatte, söhnte 
er sich in freiem Bekenntnis aus. Über die Bildungsmängel 
der Freundin, mit der er ein ideales Verhältnis pflegt, setzte 
er sich hinweg. Nach einer Woche berichtete er seinem 
früheren Seelsoi^r, dem er fortan wieder unbegrenztes Zu- 
trauen entgegenbrachte, triumphierend, daß er nun den Frie- 
den mit Gott gefunden habe und sich wieder als völlig glück- 
lichen, gesunden tmd furchtlosen Menschen fühle. Dieser 
erfreuliche Zustand hielt bis heute an, ein Zeichen dafür, daß 
auch eine etwas ordinäre nnd zur Nachahmung durchaus nicht 
zu empfehlende Symptomanalyse bei der Abwesenheit von er- 
heblichen Widerständen günstig wirken kann. 

Ich entschloß mich, vorstehenden kleinen Fall bekanntzu- 
geben, weil meine früheren Darstellungen von hysterisch be- 



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206 IV. ZUB PSYCHOLOGIE DES HYSTER MADONNENKULTÜS. 

dingtem Madonnenkultus bei protestantischen Jünglingen i) 
von allerdings ganz inkompetenter Seite beanstandet wurden. 
Auch wo hysterische Symptome fehlen, wird sich die un- 
glückliche Liebe gern zur himmlischen Jungfrau flüchten, die 
als Gottesmutter auch für die entbehrte Mutter Ersatz bietet. 
Bald bildet der Mutter-, bald der Brautkomplex das stärkere 
Motiv. In den mir bekannt gewordenen Fällen spielte aber 
auch ausnahmslos ein Vaterkomf)lex mit, der verhinderte, daß 
sich die gestaute Erotik zur Gottesminne sublimierte. 

In analoger Weise wenden sich Mädchen und Frauen, deren 
primärer Liebesdrang auf unüberwindliche Hindemisse stößt, 
der Maria zu. Die von sexuellen Gefahren hart Bedrohte 
flüchtet sich zur reinen Magd, die von keiner Fleischeslust 
weiß und auf den neueren Darstellungen sogar keine äußer* 
liehen Spuren ihrer Weiblichkeit trägt. Die Sehnsucht nach 
dem Kinde erhebt ihre Hände zur Gottesmutter. Das frigide 
Weib, dem der Sexualverkehr mit dem Manne widerlich, i 

sucht Schutz und Verständnis bei der Reinen, die kein Mann 
berührte und als jungfräuliche Idealfigur die höhere Würde 
der sexuellen Abstinenz verkörpert — im Gegensatz zum 
Evangelium Jesu und der protestantischen Moral. 

Vom Standpunkt des Psychanalytikers aus werden wir 
den Madonnenkultus nur dann als harmloses, ja unter Um- 
ständen sogar wohltätiges Ventil begrüßen, wenn Maria nur 
einen vorläufigen Stapelplatz für die allerotische Libido ab- 
gibt. Eine derartige Sublimierung kann in den seltenen gün- 
stigen Fällen eine gefährliche Introversio, damit also Lebens- 
überdruß, Hysterie oder andere Psychoneurosen verhüten oder 
doch mildern. Allein ebenso groß ist die Gefahr, die Erotik 
so sehr auf das himmlische Objekt festzulegen, daß die pri- 



1) EvaJigel. Freiheit 1909 und 10 JO. 



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ZÜH PSYCHOLOGIE DES HYSTER. MADONNENKULTUS 207 

märe Entspannung unmöglich wird. Je mehr Madonna cut- 
zückt, desto verächtlicher und widerlicher wird das profane 
Liebesleben. Steigert sich dann die Libido in dem Grado, 
daß die ideale Befriedigung nicht mehr genügt, so bleibt für 
die üterschüssigen Affekte nur noch der Ausweg in die Krank- 
heit übrig. Daher die riesige Schar jener religiösen Ekstatiker, 
die wir vom Standpunkt der Pathologie aus direkt als Un- 
glückliche bezeichnen müssen, wie sich auch eine gesimde 
Sittlichkeit und Religiosität nur mit Bedauern über sie aus- 
sprechen kann. 



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Hysterie und Mystik bei Mai^areta Ebner 
(1291-1351)0. 

I« Der Lebensgang:. 

Über das Leben der Margarcta Ebner besitzen wir 
nur streckenweise befriedigenden Aufschbiß. Geboren um 
1291, ging sie aus einem wahrscheinlich in Donauwörth seß- 
haften Patriziorgeschlecht hervor 2). Die beiden ersten Jahr- 
zehnte ihrer Entwicklung sind fast ganz in Dunkel gehüllt. 
In der Autobiographie wird der Zeitraum abgetan mit dem 
Satze: „Wie ich vor (1311) lebte wol zwainczig jar, daz kan 
ich niht geschribcn, wan ich min selbs niht war nam, wan 
daz ich wol waisse, daz mich got in sinor vätterlichen triwe 
und huot het alle zit." (S. 1.) Daß Margareta im 20. Jahr 
eine innere Mahnung von Gott erhielt, sich in ihrem ganzen 
Leben nach seinem Willen zu richten, deutet auf schwere 
seelische Konflikte. Am 6. Februar 1312 erkrankte das Mäd- 
chen an einer Hysterie, die folgendermaßen beschrieben wird : 
„Des ersten huob (erhob) sich wunderlich min siechtag. mit 
grossem unlidigem wetagen (Schmerz) gieng ez mir in daz 
hertz, daz ich niht wol den auten mäht haun (atmen konnte), 
daz man mich verre (stark) hört autmen. so gieng ez mir 
dann in die äugen, daz ich niht gesehen mäht alle die wil 

1) Zuerst erschienen im Zentralblatt für Psychoanalyse, Bd. I (1910). 
*) Ph. Strauch, Margareta Ebner und Heinrich von Nördlingen. 
Freiburg und Tübingen 1882 (Seitenzahlen in Klammem zitiert). 



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DER LEBENSGANG. 209 



ez mh* da was. so was ez mir dann in den henden, daz ich 
sie niht kund geregen, also gieng ez mir über allen minen üb 
aun allain die gehörd, diu ging mir nie ab. und den wetagen 
bet ich biz in daz trit jar, daz ich min selbs ungeweltig was. 
und wen ez mir in daz haupt gieng, so lachet ich oder wainct 
vier tag oder mehr emsclichen." (1 f.) 

Mit diesen Worten beginnt Margareta ihre Krank- 
heitsgeschichte, die in genauestem Rapport den Vorgängen 
ihrer ekstatischen Frömmigkeit parallel läuft. Wir haben es 
mit einer schweren Krankheitsform zu tun, die ihre qual- 
und lustvollen Stigmata vier Jahrzehnte, wohl bis zuletzt, 
beibehielt. Bis zum Jahre 1348 unterrichtet uns die Patientin 
ausführlich in ihrer religiösen Hauptschrift, den „Offenba- 
rimgen", die nichts als eine Chronik ihrer primär und 
sublimiert hysterischen Erscheinungen darstellen. Die lei- 
dende Nonne vergönnt uns so tiefe Einblicke in ihre innersten 
religiösen Erlebnisse, daß wir für die eintönige, sich in stereo- 
typen Wendimgen beständig wiederholende Daxstellungsweise 
entschädigt werden. Das ewige Einerlei des Klosterlebens, 
die konsequente Weltflucht, die asketische Ordensregel, der 
beständige Kontakt mit Genossinnen, die gleichfalls in der 
strengen vita contemplativa Beschwichtigung ihrer Gemüts- 
bedrängnis suchten, kurz die ganze ungesunde Leitung ihrer 
Libido kam der Hysterie zu statten. Der Reichtum des eksta- 
tischen Innenlebens und der nosologischen Phänomene spie- 
gelt die Ärmlichkeit der Gelegenheiten, den Ansprüchen der 
natürlichen Begierden und Neigungen in der Wirklichkeit zu 
genügen. Wenn absolute Konzentration auf die religiöse An- 
dacht und maximale Enthaltung von jeder anderen Verrich- 
tung den Maßstab für die Bewertung eines Nonnenlebens ab- 
geben, so muß Margareta allerdings einen hohen Rang 

I)r. Pfi*t<»r, PsyobanaljM. 14 



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210 V. HYSTERIE UND MYSTIK BEI ÜARGAKETA EBNEß. 



unter ihresgleichen einnehmen, und man versteht, warum die 
klösterliche Nachwelt ihr so hohe Verehrung widmete i). 

Nur wenige Fäden, die unsere Asketin mit der Welt ver- 
knüpfen, bejaht Margaret a. Ihrer Familie war sie inner- 
lich ganz entfremdet. Durch Krieg (1324/25) ins Elternhaus 
gebannt, mag sie niemandes Rede ertragen, mit Ausnahme 
der Worte ihrer Schwester (S. 4). Im Kloster übertrug sie 
öfters auf eine Nonne. Die herzlichsten Beziehungen unter- 
hielt sie seit 1332 bis zu ihrem Tode mit dem vermutlich 
jüngeren 2) Heinrich von Nördlingen^), ihrem Beicht- 
vater und Bewunderer. Von ihm wurde sie beständig zum 
mystischen Leben ermahnt. Meist von ihr abwesend, sandte 
er ihr eine Menge von Briefen, gelegentlich auch Geschenke. 
Eine Aderlaßbinde begleitet er mit den Worten: „Ich send 
dir auch ain binden, da mit du verbinden solt die andern 
deins kusches blutz luters** (die Adern deines keuschen, lau- 
tern Blutes). Er fügt bei „ain kleins tocklin (Tüchlein), dar 
in du onpfahen solt die hitzigen treher (Tränen) deins mi- 
nenden hertzen** (253). Beide Tücher bittet sich Heinrich 
aus für den Fall, daß die Freundin vor ihm stürbe. Marga- 



1) Vgl. C. Zittards Ordenachronik (Dillingen 1896), Sebastian 
Schlettstetter, Das wunderbarliche Leben, vnd üncrhöhrte Wunder- 
werkh der Seeligen, Gottgeweichten Jungfraw Marg. von Maria Medingen. 
Schwäbisch Gmünd 1662. Eustachius Eysenhuct, Kurtzer Begriff 
Dess Wunderlichen Lebens / Heroischen Tugenden / himmlischer Gna- 
den / vnd Einflüsse / auch vilwerthen Todts der Seeligen Jungfrauen 
Margarethaa Ebnerin. Augsburg 1688. Peter Lechner, Das mystische 
Leben der heiligen Margareth von Cortona (Anhang). Regensburg 1862. 
Diese Schriften zitiert Strauch XIII f. Ferner: W. Preger, Geschichte 
der deutscheu Mystik im Mittelalter, Bd. II, 277—238. 

2) W. Preger, II, 279. 
») Strauch, XXXIII. 



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KRANKHEIT UND FRÖMMIGKEIT. 21 1 



reta revanchiert sich durch Kerzen, Kuchen, Krapfen, eine 
Tasche u. dgl. Einmal erbittet sich der berühmte Kanzel- 
redner von der verehrten Nonne „ain hüblen", eine Chorhaube 
(222), einmal sogar einen ihrer Schlafröcke (225), mit der 
Begründung: „Ich beger von berirde (ich begehre, von der 
Berührung) deines keuschen hailigen rockes gereinigt werden 
an leib und an seel" (228). Acht Jahre später bekennt er, 
daß er den Bock noch immer trage (260)1 Auch für Lektüre 
sorgte er. Seine Übersetzung der durch Mechthild 
von Magdeburg verfaßten Schrift bildet nur eine seiner 
literarischen Gaben. Anfangs fühlt er sich mehr als Beicht- 
vater und geistlicher Leiter. Bald aber beugt er sich in 
tiefster Unwürdigkeit vor der begnadeten Seherin i). Sie ist 
ihm „meins hertzen us erweltü freud und meiner sei heiliger 
trost und alles meins lebens sicher Zuflucht" (173). Er ist 
„ir armer unwirdiger friund, ein dein wirmelein, ein sunt- 
licher hinwurf aller geschepft" (sündlicher Auswurf aller Ge- 
schöpfe, 185). 

Über Margaretas letzte Jahre sind wir nicht genau 
aufgeklärt. Ihr Klosterleben und ihre Beziehungen zu Hei n- 
rich blieben unverändert. Wir haben auch keinerlei Anlaß 
zur Vermutung, daß in ihren Gesundheitsverhältnissen eine 
Änderung eintrat. Der 20. Juni 1351 war ihr Todestag 2). 

IL Krankheit und Frömmigkeit. 

Leider gestatten die vorhandenen Dokumente keinen Ein- 
blick in den genauen Verlauf der Krankheit unserer mysti- 
schen Nonne. Von 1311 bis 1326 war sie halb gelähmt; die 
letzten 13 Jahre dieses 2k3itraumes sehen wir sie mehr als 



1) P r e g e r, II, 280, Strauch, LXIX. 

2) Strauch, LIX. 

14^ 



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212 V. HYSTERIE UND MYSTIK BEI MARGARETA EBNER. 



die Hälfte der Zeit ans Bett gefesselt (3). Aber auch fortan 
fand sie sich sehr häufig an freier Bewegung verhindert. 
Immer wieder erzählt sie, wie sie umhergetragen und ge- 
pflegt werden mußte, wie man auf ihr Ende wartete und wie 
sie selbst ihr letztes Stündlein gekommen glaubte. Eegel- 
mäßig aber nimmt die Astasie-Abasie im Anschluß an 
religiöse Gnadenerlebnisse ein Ende, wobei wir jedoch selten 
hören, wie lange die Besserung anhielt. Mitunter geht auch 
die religiöse Verzückung der Lähmung voraus, z. B. am 
6. Jänner 1336: „An dem obrosten (Epiphanien) tag do kam 
mir under minen patemoster ain grossiu gnad in der gegen- 
wertigkait gotes, daz ich min selbes ungewaltik was, und daz 
man mich us dem cor tragen muos, und leten mich in die 
Stuben. Da lag ich den tag mit grosser gnade" (41). 

Die motorische Störung findet sich öfters in 
Verbindung mit Schmerz. Einmal leidet Margareta 
an so heftigem Kopf- und Zahnweh, daß sie sechs Wochen 
lang das Haupt nicht zu neigen vermag und täglich lieber 
gestorben wäre (16). Bei den konvulsivischen Rufen, von 
denen später zu handeln sein wird, stellt sich oft eine „wun- 
derlichiu haiseriu" (Heiserkeit) ein, während welcher sie 
die heftigsten von allen Leiden erduldet (122). 

Von den übrigen Schmerzen sind hervorzuheben diejenigen 
im Herzen, ausgebrochen beim Lesen der Leidensgeschichte 
Jesu (46). Beim „marterlichen anblik" des Gekreuzigten 
empfand sie „ains inncrn smerzen in minan henden, as si 
mir erdent (ausgedehnt) werent und zerzerret und durch- 
brochen wem, und want (wähnte), daz si mir imer mer unnütze 
werent*' (132 f.). Gleichzeitig hat sie die Empfindung, ihr 
Haupt wäre durchstochen und durchbrochen (133). Sie 
zitterte vor Pein derart, daß sie von den Schwestern kaum 



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KBANKHEIT. 213 



gehalten werden konnte, und fühlte das nämliche „smerzliche 
brechen" in allen Gliedern, besonders in beiden Seiten und 
im Rücken, sowie in Armen und Beinen. Dabei empfand sie 
Todesnöte (133). 

Ihre Sensibilität verbietet einmal, sie an Haupt, Hän- 
den und Füßen zu berühren (59). 

Krämpfe traten auf im Herzen. Drei Frauen halten 
sie fest, eine davon unter dem Herzen von vorn, eine andere 
an der entsprechenden Stelle am Rücken. Beide Pflegerinnen 
drücken mit aller Kraft gegeneinander und behaupten, daß 
sich unter ihren Händen etwas Lebendiges umwende (120). 

Beim Empfang des Abendmahles ist ihr eines Tages der 
Mund kontrahiert, bis sie die Tröstung ihres Freundes 
empfangen hat (60). 

Zu den Bewegungen unter dem Herzen stimmt die h y s t e- 
rischc Gravidität. Von den heftigen inneren Stößen, 
während welcher drei Genossinnen sie halten müssen, wird 
die Nonne, wie sie angibt „grösselich geswollen und sunder- 
lich für mich (für mein Empfinden), als ain frawe diu groz 
mit ainem kinde gaut" (geht) (120). Die Geschwulst zeigt 
sich auch unter dem Antytz und in den Händen. Ein ander- 
mal werden an ihren geschwollenen Händen sogar „totmal" 
(Totenmale) sichtbar (73). 

Wie sie eines Tages vom Minnewerk Jesu spricht, fährt 
ihr ein Lichtschein in die Augen und Glieder. „Daz 
machet mich denn as krank, daz ich kum den auten (Atem) 
mäht gewinnen" (47). 

Nach Ostern treten während ein bis drei Tagen gewöhn- 
lich Frost und Hitze auf, dazu „fröde und genade" (138). 

Wenn sie beim Leiden des Herrn schwören hörte, fuhr es 



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214 V. HYSTERIE UND MTSTK BEI MAROARETA EBNiSR. 

ihr ins Herz wie ein Geschoß, öfters erlebte (54) sie dabei 
„Blut brechen" und glaubte zu sterben. 

In dieser Aufzählung dürften wir die wichtigsten Kon- 
versionsstigmata genannt haben. Weit starker noch treten 
die seelischen Merkmale der Hysterie hervor, vor allem 
die Zwangserscheinungen. 

Ich erwähne zuerst die bedeutsamste mid hartnäckigste 
von allen, den Zwang, zu schweigen. Ursprünglich be- 
obachtete Margareta aus asketischen Motiven Schweigen, 
und zwar regelmäßig von Donnerstag nachts „biz an den 
suntag", sowie von der Adventzeit bis Ostern (19, vielleicht 
auch 40). Später (1341) schreibt sie, das Schweigen komme 
über sie, und zwar von Woche zu Woche steigend (58), 
während gleichzeitig auch die Enthaltung von Speise Zwangs- 
chaxakter annahm. Den Beginn 'der Sprachstörung schildert 
die Kranke: „Wenn diu swige (das Schweigen) an mir an 
fahot, so kumpt siu et wenn mit ainer fröde und nimet mit 
wainen an end. etwenn kump siu mit trurikcit und nimet 
mit fröden ain ende, mir ist auch diu wile nit lank, waai 
etwenn han ich süezze genade mit der gegenwertiket gotes, 
etwenn han ich nit trostes und wird etwenn inwendiklichen 
beschlossen und gefangen as uswendiklichen" (59). 

In der Fastenzeit des Jahres 1344 wurde sie an einem 
sonst ohne diese Gebundenheit verlaufenden Sonntag vom 
Schweigezwang befallen, um monatelang stärker oder schwjU 
eher gefesselt zu werden, besonders jeden Freitag und Sams- 
tag (70 ff.). Dabei empfand sie große innere Süßigkeit. 
(Ähnlich S. 128.) 

Von Unlust begleitet war jedoch das „gebundene Schwei- 
gen" im darauffolgenden Jahre (91). Nur zum Beten emp- 
fing sie Kraft. In der Osterwoche 1345 begann „diu ge wohnlich 



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KRANKHEIT. 215 



swige" schon am Mittwoch (96), was sich in den nächsten 
Wochen von der Vesperzeit bis zur Prime (6 Uhr morgeus) 
wiederholte. Als die Nonne gegen ihre Gewohnheit das 
Abendmahl Samstags statt Sonntags empfincr, überfiel sie 
das Schweigen auch am letzteren Tage (113). Überhaupt 
blieb sie an den Tagen, da sie das Sakrament genießen wollte, 
von der nach Mittag anhebenden und bis zum nächsten Sonnen- 
aufgang währenden (138) „swige" verschont (138, 142). 

Das Gegenstück zur sprachlichen Hemmung bildet der 
Zwang, laute Rufe auszustoßen oder den Namen 
Jesu häufig auszusprechen. Besonders wenn jene 
beendigt sind, stellt sich die Nötigung ein, den gestauten 
Affekten diesen Ausweg zu gewähren. Oft handelt es sich 
einfach um Schreie, die sich im Anschluß an die Betrachtung 
der Leiden Jesu einstellen und stundenlang anhalten, so daß 
die Umstehenden das Ende der Kranken genaht glauben (94). 
Margareta schildert ihren Zustand einmal mit folgenden 
Worten: „Do was ich in min stuben gangen und het die 
metin (Mette) an gefangen, do komen die luten rüeffe und 
werten die lange (dauerten lange), und die rüef mit luter 
stime ,owe* und ,owe* die sint as groz, daz man si über al 
in dem closter und uf dem hof hörn mag, und möht sunst 
in aigener craft as (also) lut nit gescrien, ob man mich halt 
(gleich) töten weit, und die komen mir biz naht ze siben 
malen" (S. 119 f.) . . . . ,,und der rüef werdent etwenn uf 
hundert, etwenn uf xl und c (hundertvierzig), etwenn uf cl, 
etwenn uf ccl oder ein wenig mer** (120, ähnlich 126). Darauf 
kommt der leidenden eine . lange Rede „mit ainem so gar 
süezzen Itist in dem süezzen namen Jhesus Cristus, daz ich 
donne nit enphinde, ob ich wetagen ie gewan, mid wirde aller 
miner lider (Glieder) gewaltig und siez uf ungehebt von mir 



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216 V. HY8T£RIG UND MYSTIK BEI HARGABETA EBNEB. 

selber und mag denne creftiklichen und mit grosser fröde 
gereden wort und stimme" (120 f.). Diese Bede aber wird ihr 
eingegeben und endigt damit, daß der Sprechenden Augen und 
Mund wie zuvor geschlossen sind (121). Auch sonst etwa 
folgen häufig (127) automatische Reden auf die Schreie (121 f.). 
Tritt „Heiserkeit" hinzu, so daß die Rufe ausbleiben müssen, 
so wird, die Qual schlimmer als alle anderen Leiden, und aller 
Trost ist dahen (122). Mitunter stellt sich auch in dem 
Augenblick, da die Rufe hervorbrechen wollen, ein stellver- 
tretender süßer Geschmack ein (122). Bleibt nach den Rufen 
die Rede aus, so sind die Leiden erst recht groß (124). Immer 
wieder läßt die Xonne durcliblicken, daß das Phänomen mit 
der Betrachtung der passio Christi zusammenhänge (124, 130), 
über welche sie „den allersüczzesten lust und da mit den 
grösten smerzen und daz gröst lait" fühlt (126), und zwar 
überwiegt zuletzt das wonnesame Gnadengefühl (126, 154). 
Besonders hervorzuheben ist, daß oft der Name Jesu un- 
zähligemal „mit süezzem herzenslust" ausgerufen wird 
(109 u. ö.). 

Die übrigen positiven und negativen Zwangsimpulse, z. B. 
die Nötigung, zu lachen (65), spielen keine erhebliche 
Rolle. Daß die Nonne vor Lachen das Chor verlassen muß, 
deutet den Zusammenhang dieser Erscheinung mit der Fröm- 
migkeit an. 

Von auffallenden Erscheinungen des Gefühlslebens 
begegnete uns bereits der konstante Wechsel von Unlust und 
Lust, welch letztere ihren erotischen Charakter schon in der 
ständigen Bezeichnung „Süezze" verrät. Nach qualvollem 
Schreien und Blutverlust liegt sie von der Welt abgekehrt 
drei oder mehr Tage fröhlich und in süßer Gnade auf ihrem 
Lager (54 f.). Ahnliche Euphorie bei äußerlich erbarmungs- 



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KRANKHEIT. 217 



würdigem Zustand kommt bei ihr oft vor. Von der Umgebung 
bemitleidet, schwelgt sie innerlich in den höchsten religiösen 
Wonnen. Letzteres ist besonders der Fall, wenn sie den 
süßen Jesusnamen ausspricht. „Ich enphinde gar wol in der 
warhet", bekennt sie, „daz der süezze nam Jhesus Cristus 
ein sunder stat in minem herzen hat, die er im selber in 
mir von sinen genaden machet, do er sich so barmherziklichen 
in daz innerst mins herzen ze iiii malen drucket, und swen 
ich mich uf die selben stat lege oder mit der haut an rüere 
oder etwaz dar uf lege oder druk, so enphinde ich ainer so 
gar süezzen genade, diu mir in elliu miniu lider gat, und 
wirt mir as stark in dem herzen, daz ich den auteu (Atem) 
kum gewinnen mag, und ain süezzer smak gaut (Geschmack 
geht) mir iunan uf durch die kelen in den munt" (128). 
Ein andermal, da sie ein Lied auf Jesus anstimmen will, 
sieht sie ein Licht, „imd daz drank ine mit umessiger suzzeket 
und gösse sich in elliu miniu lider, daz ich mich lang nie 
geregen mag" (85). 

Unter den Unlustgefühlen ragt hervor die im Chor nach 
der Messe (34) häufig auftretende Angst, die sich besonders 
vor Visionen kräftig einstellt (26), doch während der Angst 
fühlt sie sich von einer unmäßigen Gnade umgeben (27). 

Der masochistische Unterton dieser Gemütsleiden kommt 
oft zum Ausdruck, z. B. eines Tages, da sie nach mehrtägiger 
Traurigkeit und „jemerclichen we" viel Freude und große 
Lust verspürt, „daz ich eilend solt sin durch got" (12). 

In einer Reihe weiterer Anomalien finden wir die in- 
tellektuellen Funktionen alteriert. Halluzina- 
torische Empfindungen erfuhr die Nonne sehr oft. 
Mehrfach sieht sie ein Licht, und zwar „ain gesihtikliches 
licht", im Augenblick, da sie Jesus nicht anzureden vermag 



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218 V. HY8TERIB UND MYSTIK BEI MARQARETA EBNEU. 

(85, 43), oder ihr Herz ist mit Licht durchgossen (12), das 
durch alle Glieder strömt (47). Von den etwas komplizierteren 
Visionen ist später die Rede. 

Häufig traten bei Margareta Geschmacksauto- 
matismen auf. Während des Betens empfindet sie einen 
süßen Geschmack (43) im Munde (128), besonders wenn sie 
den Namen Jesu Christi „mit ainer minnender craft" in sich 
trägt (140). Die Hostie wird auf ihrer Zunge zum süßesten 
aller Dinge (61), sie spürt den ganzen Tag Gottes Blut und 
Fleisch in sich (89). Alles süße meidet sie der himmlischen 
Süßigkeit zuliebe (80). Dafür schmeckt ihr das Wasser so 
süß, daß sie sich wundert, weil nicht alle Menschen ausschließ- 
lich Wasser trinken (136). Im Sommer des Jahres 1347 
bleibt sie einmal von Mittwoch bis Somitag, obwohl sie imter 
Frost und Hitze leidet und heftig transpiriert, ohne einen 
Tropfen Trankes. Dabei ist ihr beständig, als hätte sie Zucker 
im Munde (138). 

Während schwerer Kranklieit will man ihr Fleisch zu 
essen geben, allein in ihrem Munde nimmt es einen ekel- 
haften Geschmack an, als wäre es ungesotten (47). Von 1334 
an hat sie mehr Begierde nach Speise (24), 30 Jahre enthält 
sie sich des Weines, des Fisches und des Fleisches (79). 
Während des Schweigens ist sie so sehr mit ihren inneren 
Anliegen beschäftigt, daß sie keinerlei Speise zu sich nehmen 
kann (66). 

Geruchsautomatismen kamen bei Margareta selten vor. 
Wie sie eines Tages ins Chor der Kirche eintritt, findet sie 
es mit einem süßen Geruch (smak) angefüllt, und der Jesus- 
name wird ihr ins Herz gedrückt (129). 

Nicht ganz vereinzelt erlebt die hysterische Nonne Hallu- 
zinationen des Tastsinnes. Als sie sich nach einem 



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FRÖMMIGKEIT. 219 



Kuß und einer Umarmung Gottes (= Jesu) gesehnt Latte, 
ging ihr Wimsch in Erfüllung: Gott greift ihr des Nachts 
kräftig ans (vielleicht = ins) Herz, so daß sie es wachend 
und schlafend lange empfindet (22). Mag es sich hier um 
einen lebhaften Traum handeln, so ist diese Auslegung in 
anderen Fällen unmöglich (27, 129). Im Schlaf vom Jesus- 
kind aufgeweckt und ins Chor gerufen, drückt sie das kind- 
liche Bild an ihre bloße Brust und empfindet nun ein mensch- 
liches Berühren seines Mundes, worüber sie vor Schrecken 
starr wird (89). In der Nacht fühlt sie sich einst vom Christ- 
kind umfangen und geküßt, wobei sie Begierde nach seiner 
Beschneidung verspürt (91). 

Mitunter verliert sie alles G^meingefühl und jegliche 
Innervationen, so daß sie ihren Leib nicht mehr empfindet 
und sich emporgetragen fühlt (24, 26). Es braucht 
wohl kaum gesagt zu werden, daß auch diese Erlebnisse mit 
religiöser Exaltation zusammenfielen. 

Einen breiten Baum in den ,.Offenbai'ungen'* der ekstati- 
schen Nonne nehmen die Träume, Eingebungen und 
Visionen ein. Ich gebe zunächst einige Träume summa- 
risch wieder. Fast stets handelt es sich um ein Schauen 
des Heilands. Doch zeigt der Nonne einmal ihre tote Schwe- 
ster im Traume den Himmel offen und einen für sie bestimmten 
leeren Stuhl (14). Ein andermal berichten ihr die Engel 
fälschlich, daß ihr Freund Heinrich von Nördlingen 
in ihrer Mitte weile (45), was aber den Glauben an die Reali- 
tät der Traumoffenbarungen nicht im geringsten stört. Gleich- 
falls im Traume sieht Margareta sich mit Jesu Wunden 
geziert (50). Ein andermal erblickt sie den „allerlautersten, 
klarsten Leib*' eines Mannes nackt vor sich liegend. „Nu 
enphieng ich die aller grösten genade und sücsseket von dem 



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220 ^* HYSTERIE UND MYSTIK BEI MAROABETA EBNER. 

* ' ... 

libe, wan er was so gar durchglestig, und da wart mir geben, 
daz wir den lip allen sölten essen, daz was mir ain grosser 
dinge, daz man den lip tailen und essen solt." Einen Augen- 
blick später merkte die Nonne, daß der zarte Leichnam des 
Herrn ihr erschienen sei. Sie stand damals vor dem Empfang 
des Sakraments (50). Ein Traum läßt sie, um ein zweites 
Beispiel zu geben, schauen, wie ihr der verstorbene Bruder 
in einem weißen Tuch einen Leichnam bringt, den sie als 
den Kruzifixus erkennt (110). Einmal sieht sie das Jesus- 
kind in der Wiege spielen. Es verlangt, von der Nonne zu 
sich genommen zu werden, und läßt ihr nicht Ruhe, bis sie 
es küßte, worauf sie selbst umhalst und geküßt wird (91). 

Bezeichnend ist folgendes Erlebnis: Margareta besaß 
ein Kreuz, das sie oft aus aller Kraft an ihr Herz druckte, 
wobei sie vor Süßigkeit zu sterben glaubte (20). Dazu trug 
sie, wo sie ging, auf dem Busen ein offenes Büchlein mit dem 
Bilde des Grekreuzigtcn. Letzteres legte sie vor dem Ein- 
schlafen unter ihr Antlitz, während das Kreuz von der Kehle 
bis zum Herz sie berührte. Dazu stahl (!) sie, so oft es 
ihr möglich war, im Chor ein großes Kreuz, das sie sich aufs 
Herz legte. „Und da lag ich denn gedruket uf biz daz ich 
enschlief in grozzer gnad" (21). Einst hatte sie Lust, ein 
noch größeres im Chor hängendes Kreuz wie die drei anderen 
an ihr Herz zu drücken, doch hing es ihr zu hoch. Da sah 
sie sich im Schlafe vor dem Bilde stehen, der Heiland stieg 
hernieder und ließ sie sein offenes Herz küssen und sein 
Blut trinken, wobei sie kräftige Süßigkeit empfing (21). 

An der Grenze der Halluzination steht die Eingebung. 
Margareta erfährt sie in späteren Jahren häufig. Eines 
Tages hört sie die Stimme ihres Herrn zu ihr sagen: „Säu- 
gest du mich nicht, so werde ich mich dir entziehen, wenn 



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FRÖMMIGKEIT. 221 



du mich am allerliebsten hast" (87). Gehorsam legt sie ein 
Kinderbild Jesu an ihr bloßes Herz, wobei sie große Lust 
empfindet. 

Mit dem Jesuskind führt sie lange Zwiegespräche. Sie 
erfährt von ihm, daß Maria ihr Kind mit großer Freude und 
ohne Beschwerde im Leibe trug (99), auch ohne Schmerzen 
gebar (100). Neugierig fragt die Nonne ihr Kind Jesus, ob 
es wair sei, daß Josef seinen Erstgeborenen in seine Hosen 
wickelte, was ihr bejaht wird. Schon wieder gelüstet es die 
Asketin, über die Beschneidung Näheres zu erfahren. Auch 
diesem Wunsche wird willfahrt; die Nonne bekommt zu 
hören, daß das Kind große Schmerzen erlitt und viel Blut 
vei^oß (100). Das Interview beschäftigt sich mit weiteren 
subtilen Stoffen, z. B. der Frage, ob Maria alle ihre Begierde 
mit Küssen und anderer Wollust an ihrem heiligen Kinde 
stillte, worauf der süße Jesus antwortet: „Siu hat alle zit 
in irre liebe grossen schreken und forht von der grossen 
craft, der si uz mir enphant und in mir bekant (inne ward)" 
(101). Der lange Dialog gibt weiterhin Auskunft auf Marga/- 
retas seltsame Frage, ob Maria Magdalena und St. Petrus 
der Jungfrauen Lohn erhielten, was das Kind bejaht (104). 
Andere Fragen und Antworten wecken wenig Interesse. 

Die übrigen Träume, denen Margareta eine nicht ge- 
ringere Bedeutung beilegt, als den Visionen, übergehe ich. 
Die eigentlichen Gesichte bleiben einfach. Einmal wird sie 
während ihrer Andachtsübung von Angst erfaßt und sieht 
hinter sich. „Do sach ich ains in wissem gewande. do was 
ich fro. dar nach wolt ich sin aber (abermals) war genommen 
haun. do was ez hin, und enphieng ich do die grösten fräud, 
daz mir do ze der zit alliu vorht engieng" (25). Ein andermal 
sah sie drei Lichter, die „sinwel (rund) as ain schibe vor 
minen äugen" waren (42). 



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222 V. HYSTERIE UND MYSTIK BEI MARGABETA EBNER. 



Als letzte psychische Anomalie nenne ich die Amnesien. 
Am Ostertag des Jahres 1343 will die Nonne ihr Paternoster 
sprechen, ein selbstverfaßtes, sehr langes (jebet (abgedruckt 
161 — 166). „Do ich wolt an fahen, do het ich si (die Worte) 
all verlorn und kund ain wort nit." Erst nach der Kommunion 
kann sie wieder beten, ausgenommen ihr Paternoster. Hier- 
über ist sie so betrübt, daß sie den Tod vorgezogen hätte, 
denn sie weiß nicht, wie sie jetzt Tag und Nacht die Zeit 
vertreiben soll. Dafür spricht sie hundert andere Paternoster. 
Erst nach einer Woche wird der Beterin ihr Paternoster wieder- 
gegeben, allein noch fünf bis sechs Wochen nur „as tunkel 
und als frömde" (68—69). 

Bevor wir auf die Analyse eintreten, müssen wir noch in 
Kürze die religiösen und ethischen Vorgänge schildern, so- 
weit sie nicht bereits zur Sprache kamen. 

Die Frömmigkeit erscheint bei Margareta durchwegs 
als erotische Beziehung auf Jesus, und zwar einerseits als 
konjugale, anderseits als mütterliche Minne. 

Jesus ist der Gemahl ihrer Seele, ihr zartes Lieb (48) 
oder „herzecliches liep*' (51). Im Traume spricht er zu ihr: 
„Ich bin ain gemahel diner seel" (113). Während einer 
„süezzen swige" wird ihr von Gott, der beständig mit Jesus 
identisch und in Gestalt Jesu gedacht wird, mit „creftiger 
genade" eingegeben: „du bist der warhait ain begriff erin, 
mines götlichen lustes (Gelüstes) ain versuecherin und miner 
minnc ain minnerin. ich bin ain gemahel diner sei, daz ist 
mir ain lust ze miner ere. ich han ain mineklichen werck 
in dir, daz ist mir ain süesses spil. des zwinget mich din 
minne, daz ich mich lauz (lasse) finden, daz ez der sei as 
genuoch ist, daz es der lip nit liden wil. din süezzer lust 
mich findet, din indcriu bogirde mich zwinget, din 



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raÖMMIOKEIT. 223 



brinnendiu miiin mich bindet . . ., din ungestüemiu lieb 
mich bewart, ich will dich frölich enphahen und minnek- 
lich umvahen in daz ainige aine, daz ich bin. da wil ich 
dir geben den minnen kus, der diner sei is ain last, ain 
süesses inners berüeren, ein minnekliches zuofüegen" 
(69 f.). 

Die liebestrunkene, zur Zeit der zuletzt erwähnten „Offen- 
barung** SSjährige Jungfrau trug somit recht sinnliche Be- 
gierden nach ihrem himmlischen Gatten. „EUiu (alle) min 
begirde ze leben und ze sterben ist niena anderswa (sonst 
nirgends)** (75). In dieser Minne erfährt sie am Herzen die 
„aller süssesten stosse** und die „aller süesseste berüerde** 
(Berührung), ja „von siner ungestüemen minne meht sich 
min hercze zerspalten und von siner süezzen genade min 
hertze zerfliezzen** (75). Wir erwähnten bereits folgende Züge : 
Margareta fühlt einmal schlafend und empfindet es wa- 
chend nach, wie Gott ihr an (in ?) das Herz greift (22). Wenu 
sich der süße Name Jesu ihr zu 40malen ins Herz drückt, 
so kann sie nachher nicht einmal die Hand aufs Herz legen, 
ohne in allen Gliedern süße Gnade zu fühlen, während sie 
kaum mehr den Atem findet und ihr ein süßer Geschmack 
durch die Kehle in den Mund geht (128). Die Gewissens- 
bedenken gegen die einer irdischen Liebesraserei doch gar 
zu ähnliche religiöse Erotik beschwichtigt Jesus selbst, in- 
dem er seiner Geliebten zuruft: „Ich bin nit ain berau- 
ber der sinne, ich bin ain derliuhter (Durch- 
leuchter) der sinne** (76) — ein Wort von klassischer 
Schönheit und Wahrheit, wenn wir es auf den historischen 
Jesus beziehen. 

Wie so oft bei derartigen Liebesverhältnissen, wendet sich 
auch Margaret as Interesse überbetont einzelnen Teilen 



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224 V. HYSTERIE UND MYSTIK BEI MARGARETA EBNER. 



des Leibes Jesu zu. Sobald sie liest, daß Johannes auf dem 
süßen Herzen seines Meisters lag, so berührt sie eine süße 
Gnade, und sie kann nicht mehr reden; kommt sie gar (bei 
ihrer Lektüre) zu der „manunge", daß er trank und sog aus 
den süßen Brüsten Jesu, so sitzt sie eine Weile wortlos da 
und stürbe am liebsten vor Minnelust (74, ähnlich 33). Wäh- 
rend der Fastenzeit des Jahres 1336 brennt sie vor Begierde, 
„daz ich mich denne saigen und truken und küssen solt in 
din fünf minnezaichen mins anigen liebes Jhesu Cristi" (42). 
Die Benennung „Minnezeichen" deutet in diesem Zusammen- 
hange den sexuellen Charakter des Verlangens nach den Wun- 
den an. Mit St. Thomas möchte sie in das offene verwundete 
liorz Jesu greifen und daraus trinken (33). Von dem leiden- 
schaftlichen Verlangen, den Gekreuzigten in mehrfachem 
Format, womöglich aber recht groß, auf ihr bloßes Herz zu 
legen oder sich an ihn zu pressen, war schon die Rede. Wir 
finden diese Begierde nach dem (unbekleideten) Leib des 
Herrn bei vielen von Brunst verzehrten Nonnen, z. B. bei 
Katharina Emmerich. Auch am Kruzifixus scheint das 
Küssen des offenen Herzens und das Bluttrinken die stärkste 
Wollust zu gewähren, wenigstens vergönnt Jesus der träu- 
menden Nonne diese Gnade (21). 

Ein Surrogat für den leibhaften Jesus bildet sein Name, 
der im Munde, wie wir wissen, eine so intensive Süßigkeits- 
empfindung hervorruft (107, 109, 140). 

Freilich muß alle religiöse Minnelust, die sich bis zur 
Ekstase erhebt, mit schweren Leiden erkauft werden. Hef- 
tige Leiden verursacht unserer Kranken der Anblick eines 
Kruzifixes, besonders eines ihr fremden (47 f.). Sie bekommt 
derartigen Schmerz in ihr Herz, daß sie den ganzen Tag 
nichts tun und „enbizzen" (genießen) kann. Tags darauf 



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KEANKHEIT UND FRÖMMIGKEIT. 225 



schwelgt sie wieder in erotischen Wonnen, gewinnt aber dann 
einen solchen ,,minnenden Jammer" nach dem Bilde, daß 
sie sich darein drücken und alle ihre Begierde stillen sollte, 
wofür sie ihr Leben lassen wollte (48). Denselben heftigen 
Schmerz fühlt sie in ihrem Herzen schon beim Lesen der 
Passionsgeschichte. 

Zum Lohn für ihre süßen Leiden und ihre Konzentration 
wird ihr von Grott = Jesus die Versicherung gegeben, daß 
sie „ime der liebsten menschen ainez wer, daz er uf ertrich 
het" (93), ja noch mehr! Jesus verkündet ihr: „gelust dich 
min, so gelust mich din*' (112), ebenso: ,,frawe dich, daz dir 
din herre und din got diner sei as nah ist, wan (denn) du 
bist min gemahel, so bin ich din lieb, du bist min fröde, 
so bin ich din fröd. du bist min lust, so bin ich din lust. 
din wonung ist in mir, so ist min wonung in dir. lid (leide) 
mich durch mine minne, ich wil dir Ionen mit mir selber 
und wil alle din begirde mit mir erfüllen, und wil dir geben 
daz aug nie gesach, ore nie gehört und in menschlich herze 
nie kom und wil dir min hailig gotheit geben ze aim ewigen 
niezzen" (149 f.). 

Solchen Liebeserfahrungen steht oiue dann und wann auf- 
tauchende Angst gegenüber. Die Asketin, die sich doch 
die strengsten Entsagungen auferlegt, fürchtet sich nämlich 
lange Zeit beständig, sie lebe nicht der Gnade Gottes und 
rechten Minne (45). 

Der Kultus, besonders G^bet und Abendmahl, lohnte 
mit dem Maximum frommer Ergötzung. Zumal im Sakrament 
fühlt sie „große süezzeket und wunderbar smecke" (Ge- 
schmack). Die verzückte Nonne bezeugt: „mir ist din blosse 
warhet, in der er uns geben hat sin hailigez bluot und flesch, 

])r. PfUter. Fsychanaly««. 13 



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226 ^' HYSTERIE UND MIHSTIK BEI MABOABETA EBNER. 



aa enphindenlichen und gegenwertklichen gewesen, as ob ich 
ez liplich sehe und esse und trunke" (105). 

Die Todessehnsucht, die Margareta mit den meisteii 
Mystikern teilt (106), hängt mit dem Wunsche nach desto 
innigerem Zusammenleben mit dem himmlischen Greliebten 
ziisammen. 

In Kürze sei noch das intime Verhältnis der nach Jesus 
begierigen Kranken zum Jesuskind erwähnt. Offenbar 
behandelt sie das letztere als ihr eigenes Kind. In ihrer 
hysterischen Schwangerschaft ruft sie unzähligemal den 
Jesusnamen aus. Sie bettet „ihr Kind" — so nennt sie den 
kleinen Jesus häufig (100, 108, 145, 148 u. ö.), wird von 
ihm aus dem Schlafe geweckt (91), säugt es ust Von ihren 
langen Gesprächen mit dem Kinde war bereits die Rede. 
Auffallen muß, wieviel sie sich mit der Beschneidung Jesu 
abgibt. Nach ihr, „siner aller süezzesten besnidunge" hat 
sie „grossen lust" (87), um daraus „sin aller creftigostes 
minnenwallendez hailige^ bluot" zu genießen, um welches sie 
in ihrer Begierde gern ihr Leben geben möchte (88). Wie 
sie, vom Kind aufgeweckt, umhalst und geküßt wird, hat 
sie abermals Begierde nach der Beschneidung (91), die sie 
sich, wie schon bemerkt, detailliert beschreiben läßt (100 f.). 

Endlich muß noch mit einigen Worten des sittlichen 
Verhaltens unserer Nonne gedacht werden. Margareta 
trieb es in der Selbstpeinigung bei weitem nicht so toll, wie 
eine Menge anderer frommer Frauen ihrer Zeit. Sie enthielt 
sich wenigstens der aktiven Selbstquälerei. Dafür ging sie 
in der passiven Tortur bis an die Grenze des Möglichen. 
Um der Welt abzusterben, beschränkt sie sich im Gebrauche 
der Lebensgüter auf ein Minimum. Ihre Lebensführung cha- 
rakterisiert folgende Schildenmg: „Sunderlichen han ich lust 



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KRANKHEIT UND FRÖMMIGKEIT. 227 



und begirde dar in, daz ich durch mins liebes willen (zu) 
Jhesus Cristus gelatizzen (gelassen) han allez, daz da von 
der weit lust komen mag. ich bin gewesen wol XXX jar, 
daz ich nit wins getrunken han und auch in kain bat (Bett) 
nie komen bin und wasser noch laug (Seife) an minen lip 
noch an min haup (Gesicht I) nie komen ist in den selben 
XXX jaren. und hat daz mir as wol gezomen (geziemt) mit 
der helf gocz, daz ich kein gebresten nie gewan. ich han 
auch gelaun fisch xmd fleisch" (79). Wie man ihr bei schwerer 
Krankheit ein Kissen imterlegte, protestierte in ihr der Herr: 
„Soll ein Gemahl Jesu Christi also auf Federn lieg??n? Und 
ob sie auch stürbe, soll sie nicht auf Federn gefunden wer- 
den I" Hierauf gelobt die Nonne, den Fehler nicht mehr zu- 
zulassen, außer auf Gebot der Vorgesetzten (80). 

Ihr altruistisches Verhalten läßt wie das so vieler reli- 
giöser Schwärmer in hohem Maße zu wünschen übrig. Die 
Ankündigung, daß ihr Bruder sie besuchen werde, verursacht 
ihr großes Leid, weil sie vor göttlicher Lust nichts anderes 
achten mag (23). Sie hat wohl den Wunsch, Leidenden zu 
Hilfe zu kommen; „aber daz ich ez in der warhet volbraht 
hab, des waiz ich leider nit, daz waiz diu barmherzeket gotz 
wor (144 f.). Geradezu abstoßend wirkt folgender Bericht: 
Eine Frau stahl zwei Hostien, um sie den Juden zu verkaufen 
oder zu verpfänden, wurde jedoch bald entdeckt. „Und do 
si verurtailet wart zem tode, do snaide man ain kint vor 
(fort) von ir, daz wart getaufet, und verbrant si do." Mar- 
gareta ist über die A^erunehrung Gottes tief betrübt, mag 
es aber nicht leiden, wenn jemand mit der Hingerichteten 
Mitleid hat. Sie bemüht sich auch, jeden bei Gott fürbit- 
tenden Gedanken zu unterdrücken (117)1 Zu dieser fanati- 
schen Gcistesverfassimg stimmt nur zu gut, daß der betenden 

15» 



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228 V. HYSTERIE UND MYSTIK BEI MAROARETA EBNER. 



Nonne von Gott eingegeben wird, die Juden seien an der 
sich 1348 gewaltig ausbreitenden Pest schuld, wenn auch 
Gott diese Strafe über die sündhafte Christenheit verhängt 
habe (168). 

Für die Mitwelt zeigt Margareta im ganzen wenig 
Interesse. Nur Ludwig von Bayerns Schicksal beschäf- 
tigt sie stark. Auch von ein paar Genossinnen ist mit spär- 
lichen Worten die Rede i). Doch absorbiert die Frömmigkeit 
ihr Geistesleben derart, daß profane Anliegen nur in schatten- 
haften Konturen an der Peripherie ihres Gesichtsfeldes auf- 
tauchen. 

III. Analytische Glossen aber den Zusammenbang der hysterischen 
und religiösen Erscheinungen. 

Die vorhandenen Bekenntnisse reichen zu einer befriedi- 
genden indirekten Analyse leider bei weitem nicht aus. Ins- 
besondere vermissen wir die Kenntnis der infantilen Sexual- 
phantasien, konstanten Verdrängungen und akuten Traumata. 
Trotzdem lassen sich die Zusammenhänge zwischen Hysterie 
und Frömmigkeit größtenteils überzeugend darstellen, und 
wenigstens einige allgemeine Rückschlüsse auf die pathogenen 
Einflüsse gewinnen. 

Daß die hysterischen und religiösen Eigentümlichkeiten 
Margaretas aufs engste miteinander verflochten sind, 
konnte der Leser auf Schritt und Tritt beobachten. Die Natur 
dieser Verquickung wollen wir etwas aufhellen, indem wir die 
geschauten Bilder nochmals rasch aA uns vorüberziehen lassen. 
Hiebei achten wir, da die Frömmigkeit der Nonne in offenbar 
höchst peripher innervierter Erotik aufgeht, ganz besonders ^ 



1) Einige andere Interessen stellt S traue Ii (S. XXXVII f.) zii-^^ 
sammen. 



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HYSTERISCHE UND RELIGIÖSE ERSCHEINUNGEN. 229 

auf die Stellung, welche das Hysterische Symptom in ihrem 
sublimierten Liebesleben, ihrer Jesulatrie, einnimmt. 

Die „Ungewalt" über den Leib setzt ein mit dem 
Gnadengefühl der Gegenwart Gottes. Betrachten wir mit 
Freud den hysterischen Anfall als einen sexuellen Akt — 
und gerade unsere Analysandin liefert treffliche Belege zu 
dieser These — , so hört die Abasie-Astasie der verzückten 
Beterin auf, unerklärlich zu sein. In liegender Haltung kann 
sich die mystisch Verzückte leichter ihrem religiösen Or- 
gasmus überlassen. Diese Auffassung wird durch andere 
Symptome bestätigt, beansprucht aber nur Wahrscheinlich- 
keitscharakter. 

Die Schmerzen in Haupt und Zähnen lassen sich 
mit desto größerem Rechte zu Jesus in Beziehung setzen, als 
die Nonne angibt, daß sie sich während ihres sechswöchigen 
Leidens, in welchem sie das Haupt nicht neigen kann, zu 
ihrem Herrn „Jhesus Cristus in die Stuben setzt, da er des 
ersten inne gevangen gefüert ward" (17). Die Kranke iden- 
tifiziert sich offenbar mit Jesus, der nach Markus 15, 16 — 19, 
Matthäus 26, 67, Lukas 22, 63—64 und Johannes 18, 22 mit 
der Dornenkrone und Schlägen ins Gresicht mißhandelt wird. 
Die während der Passionszeit vorherrschende Unfähigkeit, 
das Haupt zu neigen, geht darauf, daß der Gemarterte erst 
nach dem Leiden, das die christliche Kirche in jenen Wochen 
miterlebt, nach heftigen Qualen sein Haupt neigen und ver- 
scheiden durfte (Joh. 19, 30). 

Die „wunderliche H q i s e r k e i t" erklärt unsere Hy- 
sterika sehr wohl zu verstehen, allein sie mag nicht reden von 
der Kraft, Gnade, großen Minne und übersüßen Lust, die ihr 
Herr „besessen, gebunden, gefangen und in sich gezogen hat**; 
der Mund, sagt sie, möchte in der Wahrheit, die Jesus Chri- 



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230 V. HYSTERIE UND MYSTIK BEI MARQARETA EBNER. 

stus ist, davon nicht reden, es öffne ihn denn derjenige, der 
des Zacharia Mund erschloß (vgl. Luk. 1). Anschaulich ver- 
gleicht Margareta ihre während der Aphasie zunehmende 
Qual dem Feuer, das in einem Hause ungestümer brenne, bis 
das Dach durchbrochen sei, oder dem gärenden Most, der 
erst bei geöffneten Spunten sich beruhige (122). Weshalb 
ihr die Hepimung auferlegt wird, gibt sie glücklicherweise 
selbst an, phne es zu wissen. Sie zitiert nämlich ganz un- 
vermittelt den Ausruf des Grekreuzigten : „Mein Gott, warum 
hast du mich verlassen" und den vierten Vers des messianisch 
verstandenen 69. Psalmes: „Ich bin müde vom Rufen, heiser 
in der Kehle" (Laboravi clamans, rauce facte). Da7.u fügt 
sie die Worte: „Experientiam horum in Cristo pro modulo 
suo experta est sicut aliquis hominum nunc viventium et tunc 
petivit gemens et flens hec verba ex profunda humilitate 
scribi." Sie selbst ist die, welche Jesu Leiden an sich erfuhr, 
der sentimentale Heinrich von Nördlingen der, wel- 
cher seufzend und weinend um die Aufzeichnung dieser Erleb- 
nisse bat. Endlich erwähne ich noch folgende wahrschein- 
liche Determinante : Mechthild von Magdeburg schrieb 
in ihrem „fließenden Licht der Gottheit": „O weh, mein 
Vielliebes, ich bin heiser in der Kehle meiner Jungfrauschaft, 
aber der Zucker deiner süßen Milde hat meine Kehle zu tönen 
gebracht 1)." Jenes Buch sandte Heinrich von Nörd- 
lingen 1345 an Margareta (246); die Heiserkeit brach 
1347 aus (122), so daß ein Zusammenhang möglich ist. 

Die Schmerzen im Herzen, ausgebrochen bei der 
liektüro der Passionsgeschichte und beim Gesang des Hymnus 
„Vexilla regis" vertreten offenbar die Stiche, die nach Mar- 

^) Ekstatische Konfessionen, ges. von Martin Buber, Jena 1900, 
Seit« 76. 



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HYSTERISCHE UND RELIGIÖSE ERSCHEINUNGEN. 231 

garetas Vorstellung (oder jenem Hymnus?) Jesus ins Herz 
drangen. Übrigens bilden jene Erscheinungen einen Ersatz 
für das Lesen und Singen. 

Der Schmerz in den Händen, der eine Empfindung 
hervorrief, als wären sie erdehnt und verzerret und durch- 
brochen worden, geht natürlich auf die ans Kreuz genagelten 
Hände Jesu. Bei einem von mir analysierten Ekstatiker 
wurde die eine Hand wirklich zu einer Art (Domen-) Krone», 
die andere zu einem Kreuze kontrahiert. 

Das „durchstochene und durchbrochene 
Haupt" repräsentiert das von der Domenkrone und Hieben 
gefolterte Haupt Jesu. Eine Hysterika^ die meine Seelsorge 
aufsuchte, litt plötzlich unter heftigen Stichen, die kranz- 
förmig ihren Kopf heimsuchten. Bei der Analyse fand sich, 
daß das Mädchen etwa neun Jahre früher von der Schilderung 
des Domgekrönten so sehr erschüttert wurde, daß es sich 
selbst aus Domen einen Kranz flocht und aufs Haupt setzte. 
Zur Zeit der hysterischen Erneuerung jener Stiche litt sie 
unter unverdienten Nachstellungen und tröstete sich durch 
die Identifikation mit dem dorngekrönton Heiland. 

Das unter Todesqual gefühlte Brechen in allen Glie- 
dern drückt, wie schon sein Auftreten am Karfreitig und 
die laute Klage um Jesus andeuten, Jesu Todespein aus. 
Das Brechen des Brotes im Abendmahl als Symbol des Ster- 
bens Jesu mag die Empfindung mitbestimmt haben. 

Die Intoleranz gegen Berührung von Haupt, Hän- 
den und Füßen verrät eine Identifikation mit dem Auferstan- 
denen, der sein „Noli me tangere" der Maria Magdalena zuruft. 

Ähnlich dürfte die Empfindung des Schweben s eine 
Gloichsetzung mit dem Jesus der Himmelfaiirt verraten, wobei 
der bekannte typische Traum, in dem der Schläfer sich schwe- 



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232 V. HYSTERIE UND MYSTIK BEI MABGABETA EBNER. 

ben fühlt, die sexuelle Unterströmung in Margaretas Seele 
interpretiert. 

Während die aufgedeckten Identifikationen, wie später 
ausgeführt werden soll, die Liebesgemeinschaft mit dem himm- 
lischen Gemahl symbolisieren, gehen die Szenen, in welchen 
die 66jährige Nonne die Rolle einer Gebärenden 
spielt, auf die Sehnsucht nach Mutterschaft 
zurück. So verstehen wir die Krämpfe im Herzen, den Auf- 
tritt, in welchem die assistierenden Gehilfinnen unter dem 
Herzen der konvulsivisch sich windenden, schreienden Mar- 
gareta etwas Lebendiges sich bewegen spüren, die Stöße 
ins Herz, das Anschwellen des Leibes, das die Kranke selbst 
mit dem gravider Frauen vergleicht. 

Die Kontraktur der Kiefer entspricht einem Kon- 
flikt zwischen dem himmlischen Gemahl und dem irdischen 
Freunde. Sie tritt in dem Augenblick ein, da der Freund 
unserer Nonne das Abendmahl geben will. Weil die Leidende 
es nicht entgegennehmen kann, empfängt sie mit großer 
Freude tröstliche Worte von Gottes Güte und der Messe (60), 
worauf das Leiden schwindet. Die fromme Asketin mußte 
sich jedenfalls erst vergewissem lassen, daß ihre Minne zu 
Jesus durch die Annahme der Speise von seiten des Freundes 
keine Störung erleide. 

Die Totenmale an den Händen treten ein, nach- 
dem ihr Freund abreiste und Jesus, der „aller clügest binder", 
sie derart band. Die Nonne scheint sich damit selbst zu 
strafen, weil sie einen Teil ihrer Libido auf Heinrich ab- 
geleitet hatte. 

Frost und Hitze, die nach Ostern gewöhnlich ein bis 
drei Tage vorherrschen, schildern wohl den im Tod erkalteten 



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HYSTERISCHE UND RELIGIÖSE ERSCHEINUNGEN. 238 

Leib Jesu und seine antagonistische, dem Osterfest entspre- 
chende Folgeerscheinung. 

Das Hervorbrechen des Blutes ist zu undeutlich 
geschildert, als daß es sicher zu erklären wäre. Möglicher- 
weise dramatisiert es eine Geburtsphantasie. 

Der Schweigezwang begegnet uns bei den Mystikern 
häufig. Seine Motivierung dürfte in dem nämlichen Beweg- 
grund liegen, der die Nonne auch am Sehen verhinderte. Das 
Wort „Mystik" (von fiueiv, die Augen schließen) deutet ihn 
an, und Tersteegen prägt ihm die klassische Formel in 
seinem Gebet: 

„Komm, nimm ein 

Mein Herz allein, 

Daß ich allem mich verschließe 

Und nur dich genieße." 

Daß das Schweigen mit der religiösen Erotik zusammen- 
hängt, beweist nicht nur das in ihm vorherrschende süße Ge- 
fühl, sondern auch die Zeit, in der das Symptom auftritt. 
Es stellt sich ein, sobald die Nonne vom Liebes werk des 
Herrn reden will (72, 117). Freitag und Samstag, ferner der 
Beginn in der Vesperstunde und daa Aufhören in der Morgen- 
frühe erinnern an Jesu Todesschweigen (Jesus starb zur 
Vesperzeit und auferstand nach den Evangelien bei Tages- 
anbruch). Warum da^ halbtägige Schweigen viereinhalb Mo- 
nate lang von Mittwoch bis Sonntag anhält, ist aus M a r g a- 
retas knapper Angabe nicht ersichtlich. An Kommunions- 
tagen bleibt die Gottesgemahlin verschont, weil sie an ihnen 
die konjugale Gemeinschaft durch das Essen des geliebten 
Leibes pflegt. Wenn nicht alle, so sind doch wenigstens 
einige der bedeutsamsten Merkmale des Scbweigezwanges zu 
ergründen. 



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23A V. HYSTERIE UND MYSTIK BEI MARGAKETA EBNER, 



Die Obsession, Rufe ausstoßen zu müssen, hat uns 
die Leidende bereits interpretiert, als sie an Jesu Todesschrei 
erinnerte. Der Jesusname bereitet so hohe Süßigkeit, weil er 
Jesus selbst, also auch seinen Leib, die Hostie, vertritt. 

Der Lach zwang wird ohne Andeutung der äußeren 
und inneren Umstände beschrieben. Der Analytiker weiß 
daher mit ihm nicht viel anzufangen. Daß in oder sogleich 
nach dem Lachen ein bevorstehendes Leiden sich ankündigt, 
muß unsere Aufmerksamkeit erregen. 

Der Widerstand gegen das Essen beginnt erst, wenn die 
Speisen die Kehle passierten und auf die Höhe des Herzens 
gelangt sind, wo die Kranke göttliche Süßigkeit empfindet 
(135). Die Erscheinung kommt somit ähnlich zu stände, 
wie die Ablehnung süßer Speisen, die der himmlischen Wonne 
des Jesusnamens Konkurrenz machen könnten. 

Niemand wird nach dem Gesagten bezweifeln können, daß 
die S ü c z z e der religiösen Ekstase bei Margareta wie 
bei M c c h t h i 1 d in dem vorhin angeführten Ausspnich ganz 
einfach die Geschlechtslust darstellt, angelötet an die Vor- 
stellung der unio mystica mit dem himmlischen Gatten. Die 
Angst entspricht der unbefriedigten Libido, die weder im 
Taumel der sublimierten Liebesbetätigung, noch im masochi- 
stischen Genuß der Psychoneurose einen vollwertigen Ersatz 
für die geopferten normalen Primärfunktionen findet. 

Die übrigen Erscheinungen sind leicht zu deuten. Der 
süße Geschmack, den der Jesusname und die Hostie her- 
vorzaubern, hat seine Wurzel in der infantilen Zeugungstheorie, 
welche die Befruchtung auf ein Essen zurückführt, sowie in 
der Verlegung von unten nach oben, wie Freud den be- 
kannten Vorgang nennt. 



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HYSTEKISCHE LND REUGIÖSE EBSCHEINUNOEN. 235 

Im Ekel vor Fleisch beobachteu wir eine uns häufig 
begegnende unzweckmäßige Wirkung der Sexualverdrängung. 
Einer meiner Analysanden, der an psychischer Impotenz litt, 
wurde jedesmal von Unwohlsein befallen, wenn er an einem 
Fleischerladen vorüberging. Ein anderer wurde gleichfalls 
Vegetarier, nachdem ihm die Überwindung der Masturbation 
geglückt war. Später mied er in Übereinstimmung mit dem 
Alten Testament wenigstens noch das Schweinefleisch. Das 
uralte Gebot dürfte mit der menschenähnlichen Farbe des 
Schweines zusammenhängen, wie das Verbot, Hasen zu ge- 
nießen (3. Mos. 11, 6), möglicherweise auf die Fruchtbarkeit 
dieses Tieres zurückgeht. Das katholische Verbot des Fleisch- 
genusses an gewissen Tagen ist nur im Zusammenhang mit 
der katholischen Beurteilung der Sexualität und des Zölibats 
zu verstehen. Die katholische Kirche gestattet auch an Fast- 
tagen den Genuß von Fischen, wiewohl auch diese Fleisch 
besitzen und sexualsymbolische Bedeutung beanspruchen, weil 
sie kalten Blutes sind i), somit sexuelle Indifferenz dem Esser 
symbolisieren. Überdies enthält ihr griechischer Name (iz^^S) 
Fisch) die Initialen dos Erlösers CltiaovsXQiaTbgSeovTlög 
2(üti^q\ welcher den idealen Ersatz für periphere Sexualfunk- 
tionen bildet. Ekel oder Intoleranz gegen Fleisch bei Toleranz 
gegen Fisch findet man auch gelegentlich bei Frauen, denen 
der Sexualverkehr mit ihrem Gatten widersteht. 

Die Halluzinationen des Tastsinnes stellen in 
infantiler Weise den Wunsch nach Umarmungen und Küssen 
seitens Jesu dar. M a r g a r c t a s Gefühl, der Heiland greife 



1) Aus ähnlichem Grunde dürfen auch Biber uud Fischottern, die 
doch warmes Fleisch tragen, gegessen werden. Die katholische Kirche 
perhorreszicrt nicht die Sexualorgane an sich, sondern die Geschleohtslust. 



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236 V. HYSTERIE UND MYSTIK BEI MAHGARETA EBNER. 

ihr an die Brust, erlebte auch der bekannte Führer der so- 
genannten Pflngstgemeinde, der Zungenredner Barratt. 

Die Träume vom leeren Stuhl im Himmel, vom durch- 
sichtigen nackten Jesus, der gegessen werden soll, vom kleinen 
Quälgeist Jesu geben zu keinen weiteren Bemerkungen Anlaß, 
denn ihr Sinn ist für jedermann klar. Die Episode von Mar- 
gare tas Schwärmerei für die verschiedenen Kruzifixe, die 
sie im Bette auf und unter sich haben muß, gipfelt im 
Trinken des Blutes aus der Seite Jesu, jener sadistischen Be- 
tätigung, deren Vorstufen wir bei den primitiven Völkern, 
deren wildeste und widerlichste Ausbildung wir wohl beim 
Grafen Ludwig von Zinzendorf antreffen. Ein meiner 
Seelsorge unterstellter Hysteriker, der mit seiner Pflegerin, 
einer Nonne, ein schwärmerisches, wenn auch platonisches 
Liebesverhältnis angeknüpft hatte, ließ einige Tropfen ihres 
und seines Blutes in ein Glas Wasser fallen und trank es 
mit ihr gemeinsam aus. Auch in diesem Falle findet eine 
Verlegung von unten nach oben statt. 

Die Eingebungen enthüllen nur wenige neue Wünsche. 
Die Nonne schwelgt als Mutter des göttlichen Kindes. In 
dem Interesse für schmerzlose Schwangerschaft und Geburt, 
in ihrem Entsetzen über den Aufenthalt des Kindes in Josefs 
Hosen, in der öfters und höchst ungeniert geäußerten Neu- 
gierde nach Aufschluß über die Beschneidung, in der Frage 
nach Marias Wollust beim Stillen des Kindes verrät die 
Nonne, daß in ihr die Fortpflanzungstriebe sich in unge- 
schwächter Kraft erhalten haben, so daß die alternde Nonne 
dieselbe Not ausstehen muß, den die neuere Belletristik in 
ihrer Unkenntnis des wahren Sachverhaltes als Jungweibemot 
hinstellt. 

Die Visionen liefern gleichfalls keinen neuen Auf- 



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HYSTERISCHE UND RELIGIÖSE ERSCHEINUNGEN. 237 



Schluß. Die weiße Gestalt ist offenbar die verstorbene, innig 
geliebte Schwester, die ihr kurz zuvor auch im Traum er- 
schienen war. In den drei Lichtem mögen entoptische Phäno- 
mene das Material zur erotischen Phantasie abgegeben haben.* 

Die Amnesie bezüglich ihres selbstverfaßten Pater- 
nosters ist aus den vorhandenen Materialien nicht zu erklären. 
Das Gebet (161 ff.) drückt die Begierden der Nonne adäquat 
aus. Es empfiehlt die Seele der Beterin dem Herrn in seiner 
höchsten Minne, bittet um „ain sicher verainung in daz indrest 
guot daz du got selber bist", um sichtbare imd imsichtbare 
Gegenwart Gottes und süße Berührung, damit alle Lust nur 
im heiligen Leiden Jesu und Sakrament liege, um Absterben 
von allem natürlichen Leben, um den Höhepunkt der reinen 
Vereinigung von Gott und der Seele, um die süße Lust, mit 
der lebenden Speise des heiligen Leichnams gesättigt zu wer- 
den usw. Der Umstand, daß die Amnesie an Ostern be- 
ginnt, am Auffahrtstag gemildert und an Pfingsten beim, 
Singen des Liedes „Veni creator" aufgehoben wurde, legt die 
Vermutung nahe, daß Margareta mit dem Auferstandenen, 
der aller Fleischlichkeit entkleidet ist, und dessen Aufent- 
halt man nicht kennt, nichts anzufangen wußte, doch ist 
damit das Symptom noch lange nicht genügend erklärt. Die 
nähere Kenntnis der Gemütslage unserer Nonne würde jeden- 
falls den Schleier mühelos von dem Geheimnis hinwegheben. 

Die Frömmigkeit Margaretas spiegelt die primäre 
Erotik mit vielen Einzelheiten, ohne sich doch bis zu den 
letzten Konsequenzen offen hervorzuwagen. Daß aber ihre 
Libido sich mit platonischen Beziehungen zu Jesus keineswegs 
begnügt, verrät nicht nur das Interesse der Nonne an der 
Beschneidung Jesu, sondern auch die schwüle Beschreibung 
der ungestümen, die süßesten erotischen Gefühle weckenden 



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238 V. HYSTERIE UND MYSTIK BEI MABGARETA EBNER. 

Minne des himmlischen Herzallerliebsten. Die Sinnlichkeit 
gibt auch die 53jährige Jungfrau keineswegs preis ; nur proji- 
ziert sie dieselbe auf den himmlischen Gatten. Es müssen 
schwere Verdrängungen vorgefallen sein, bis eine so stür- 
mische Leidenschaftlichkeit auf irdische Erotik Verzicht 
leistete. 

Was Freud bei vielen hysterischen Symptomen antraf, 
nämlich daß sie einerseits eine männliche, anderseits eine 
weibliche imbewußte sexuelle Phantasie ausdrücken i), gilt 
auch von 31 a r g a r e t a s Frömmigkeit. Meistens ist ihr 
Jesus der Ehemann. Der Orgasmus infolge der Phantasie, 
sie sauge an den süßen Brüsten Jesu, trägt jedoch homo- 
sexuellen Charakter. Analog Zinzendorf, der Jesus zu 
seinem Ehemann erklärt, dann aber die Seitenwunde Jesu mit 
krasser Anschaulichkeit zur Vagina umwandelt 2), verleiht die 
Nonne ihrem himmlischen Gemahl weibliche Merkmale. Auch 
die Freude am Bluttrinken aus Jesu Seite teilt die mystisch- 
enthusiastische Katholikin mit dem Pietisten 3), ebenso den 
Wechsel von Größen- und Kleinheitsgefühl in der religiösen 
Selbsteinschätzung, die Verzückung im G«nuß des substantiell 
empfundenen Leibes Jesu beim Abendmahl, die Todessehn- 
sucht, das Interesse für das Membrum Jesu usf. 

Was das sittliche Verhalten anbetrifft, so gebührt 
Zinzendorf entschieden der Vortritt vor der Nonne. In 
der Askese, der Abschließung von seiner Familie und anderen 



A) Freud, Hysterische Phantasie und ihre Beziehung zur Bisexualität. 
Zeitschrift für Sexualwiss. 190S, S. 32. — Sammlung kleiner Schriften zur 
Neurösenlehre, 2. Folge, S. 144. 

2) Meine Schrift: Die Frömmigkeit des Grafen L. v. Zinzendorf. 
S. 67—66. 

») Ebenda, S. 54—56. 



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HYSTERISCHE UND RELIGIÖSE ERSCHEINUNGEN. 239 



Menschen, in der Grausamkeit gegenüber ünfrommen geht 
der Graf lange nicht so weit, wie Margarcta; dafür weist 
er andere Charaktermängel auf. Jedenfalls verrät auch unsere 
Analysandin, daß und warum die konsequente Mystik vom 
sittlichen Standpunkt aus entschieden zu verwerfen ist. 

Aus allem ergibt sich, daß die religiöse Erotik einfach die 
sinnlichen Begierden austoben läßt. Wie in der Hunnen- 
schlacht die Gretöteten als Geister der Luft weiterkämpfen, 
so die sexuellen Triebe der Margareta Ebner, Ludwig 
von Zinzendorfs und zalilloser anderer Mystiker. An 
die Stelle einer Transformation der Libido in ethisch produk- 
tive, soziale imd kulturelle Leistungen ist eine bloße Elcva- 
tion getreten, für wekhc der Ehrenname einer Sublimie- 
rung viel zu gut ist. Daß hingegen die wirklich evangelische 
Moral, indem sie nach Anweisung Jesu jene für jede wahre 
Moral notwendige Transformation der Triebe in 
höhere, ethisch wertvolle Lebensbetätigung 
voraussetzt und mit der Elevation verbindet, 
wirkliche Sublim ierung fordert, kann nicht stark genug 
betont werden. 

Ganz flüchtig sei noch die Bedeutung Heinrich 
von Nördlingens für Margareta angedeutet. Anfangs 
sträubt sich die Nonne gegen die Übertragung auf ihren 
Beichtvater 1). Da sich dieser jedoch gänzlich als Werkzeug 
Jesu ausweist, kommt ihm die Liebe M a r g a r e t a s zu ihrem 
Herrn zu gute. Wie sie nach dem Freunde begehrt, antwortet 
ihr die Treue Gottes : „Er ist daz lieht, uz dem ich liuht" (143). 
Er erteilt der bewunderten Freundin so oft als möglich das 
Abendmahl (elfmal in zwölf Tagen [139, LIV]). Nachdem 
er verreist ist, nehmen die Bande des Herrn (60) oder der 

1) Ausdrücklich 16, indirekt s. o. S. 327. 



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240 V. HYSTERIE UND MYSTIK BEI MARGABETA EBNER. 



Jammer nach dem Sakrament (142) stark zu, denn die dem 
Beichtiger geliehene Libido strömt auf Christus zurück. Wenn 
sie den Freund im Traume nach dem Himmel versetzt (45), 
so steht dies in Zusammenhang mit dem Verlangen, daß sie 
wie St. Franziskus die Wundmale Jesu trage, d. h. bald 
sterben und wie der Ordensstifter stigmatisiert aufgefunden 
werde, indes die Seele den Freund im Jenseits besitze. 

Über die Stellung zur Familie müssen wir uns bei 
den spärlichen Nachrichten besonders vorsichtig äußern. Daß 
Margareta sich bei ihrem vorübergehenden Aufenthalt im 
Elternhause gegen alle, mit Ausnahme einer Schwester, schroff 
abschließt, deutet auf einen Vater- und Mutterkomplex, ohne 
welchen ich bisher überhaupt noch keinen Klosterinsassen 
gefunden habe. Wahrscheinlich schuf sich die Nonne meh- 
rere Vater Surrogate. Ein solches könnte Ludwig von Bay- 
ern, der Landesvater, repräsentieren. Auch der Bischof 
scheint ein Vertreter des Vaters zu sein, wenigstens beugt 
sich Margareta in auffallender Devotion vor ihm. Als 
man trotz bischöflichen Verbotes eine weltliche Frau in der 
Klosterkirche begrub, nannte sie es einen Frevel und konnte 
in jenem Räume weder beten noch kommunizieren, bis ein 
Vorgesetzter es ihr direkt befahl, wodurch sie sich innerlich 
befreit fühlte (153). 

Es ist uns vergönnt gewesen, von den neurotischen Sym- 
ptomen religiöser und hysterischer Art auf die nächsten unter 
der Bewußtseinsschwelle liegenden Ursachen zurückzugreifen. 
Dabei ergab sich, daß die hysterische Krankheitsäußerung 
auf einem religiösen Erlebnis oder, dieselbe Funktion psycho- 
logisch betrachtet, auf einer affektbetonten religiösen Phan- 
tasie beruht. Bei der Analyse lebender Menschen, oder, wo 
die biographischen Quellen reichlicher fließen, gelingt es nun. 



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HYSTERISCHE UND BEUQIÖSE ER^CHEINUNQEN. 241 

diejenigen Komplexe in ihrer Entstehung nachzuweisen, welche 
zum frommen Erlebnis führten. Wir gelangen dabei zu Stau- 
ungen des natürlichen Trieblebens, zu Triebverdrängungen, 
ohne welche nicht einmal ein höherer Altruismus, geschweige 
denn Kunst, Philosophie, Religion, ins Leben treten könnten. 
Da uns Margaretas Jugend und natüriiche Triebkonstella- 
tion entzogen ist, können wir diesen Nachweis, der uns bei 
Zinzendorf überzeugend glückt, nicht liefern. 

Dafür ist es der Mühe wert, sein Augenmerk auf einige 
wichtige Züge in der Krankheits- und Frömmigkeitsgeschichte 
unserer Nonne zu werfen. 

In hohem Maße bemerkenswert scheint mir die Polari- 
sation der antagonistischen Triebe und Trieb- 
funktionen Margaretas. Schon die sadistische 
und masochistische Komponente klaffen weit ausein- 
ander, wobei die letztere weitaus vorherrscht. Was wir bei 
so vielen Hysterikern wahrnehmen, daß ihrem Mitleid erre- 
genden, qualvollen Zustand in der Tiefe des Bewußtseins, oft 
gänzlich unbemerkt, ein erheblicher Lustbesitz entspricht, 
zeigt uns die Nonne mit einer Deutlichkeit, die ihre Krank- 
heit zum Schulfall erhebt. Unzähligemal beschreibt sie ihr 
entsetzliches Leiden, um dann die unmäßige Süezze ihres 
innersten Erlebens zu besingen, die jene Tortur begleitete 
oder ihr auf dem Fuße folgte. Nach ,,jemerclichem we** fühlt 
sie sich von Licht und Gnade durchgossen und hat große 
Lust, daß sie durch Gott elend sein sollte (12). „Min gröster 
lust ist mir in den creftigen banden, daz mich dar inn nieman 
hat gefangen denn min her und min got Jhesus Cristus" 
(69). Von da aus verstehen wir ihren Wunsch, noch kränker 
zu sein (4). 

Am sadistischen Gegenpol begegnet uns die Begierde, in 

Dr. Pfitter, FiychAoal/M. 16 



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242 V. HYSTEKIE UND MYSTIK BEI MAROARETA EBNER. 

Jesu Seite zu greifen und in ihr zu wühlen, dazu die Grau- 
samkeit ihres altruistischen Verhaltens. 

Auffallender noch ist der beständige Wechsel zwischen 
Elend und Süßigkeit, Schweige- und Redezwaag, Weinen und 
Lachen, Glaubensleere und Plerophorie. Es ist, als würde 
die eine Betätigung an ihrem normalen Verlauf gehindert, 
um sodann mit abnormer Heftigkeit hervorzubrechen und das 
Versäumte einzuholen. Durch diese Polarisation ist auch 
eine maximale Differenzierung der zugehörigen Gefühle er- 
möglicht und damit eine maximale Gefülilsintensität. Auf dem 
so erzielten Lustgewinn beruht denn auch jene Polarisation 
der Triebvorgänge. Viele Hysteriker opfern ganz offenkundig 
ihre sämtlichen Lebensinteressen mit Einschluß der höchsten 
ethischen Betätigungen dem aus ihrer involutio libidinis her- 
vorgehenden Lustgewinn, der die Innenseite ihres nach außen 
hin so schmerzlichen Krankheitssymptomes bildete. Von hier 
aus ist der Egoismus nicht nur ein häufiges Symptom, sondern 
vielmehr eine Ursache und ein Bollwerk der Hysterie. 

Margareta ahnt denn auch etwas von diesem Sachver 
halt. Sie weiß sich wochenlang schwer krank infolge ihrer 
Begierde nach dem Herrn (51). Ihre Gebimdenheit bringt sie 
nicht selten mit ihrer Minne zu Jesus in kausale Beziehung, 
wie schon Mechthild von Magdeburg, die einmal sehr 
fein sagt : „Frowe Minne, ir haut mir benommen mine kintheit, 
gut friunde und magen, die weltl Frowe minne, ir hant 
mich also sere betwungen, das min lichnam ist komen in 
sunderlich krankheit i)." 

Eine uns manchmal bei unserer Analysandin begegnende 
Ursache der Herübernahme fremder Leiden durch 



1) V'dfi fließende Licht der Gottheit. Herausgegeben von Ci a 1 1 
Morel, Regcnsburg 1869, S. 4. 



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HYSTERISCHE UND RELIGIÖSE ERSCHEINUNGEN. 24.H 

ihre Nax^herzeugimg am eigenen Leib oder Geist finden wir 
bei unserer Nonne ausgeprägt: Es ist die Sympathie. 
Margareta sehnt sich nach völliger Liebesvereinigung mit 
dem herzlieben himmlischen Gemahl. Der Drang nach Liebes- 
gemeinschaft bringt in ihr die intensivste Einfühlung zu 
Stande. Die Gemeinsamkeit des Leidens symbolisiert so das 
versagte erotische Einssein. 

Erwähnenswert ist bei Margareta wie bei Zinzen- 
dorf und unzähligen anderen, die ihre gestaute Libido ohne 
Transformation in Religion überleiteten, daß die polymorphen 
Sexualkomponenten in wilder Anarchie hervorbrechen. So 
weiß sich die mißhandelte Natur ingrimmig zu rächen. 

Die maxter- und lustvolle, ethisch so minderwertige Fröm- 
migkeitsgeschichte der an mißglückter Sexualverdrängung 
dahinsiechenden Nonne bestätigt wie die ihrer zahllosen Lei- 
densgefährtinnen die scharfsinnige Maxime La Rochefou- 
caulds: „Les violences qu'on se fait pour s'empecher d'aimer 
sont souvent phis cruelles que les rigueurs de ce qu'on aime" 
(Maximes 391). 



IC« 



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VI. 

Psychoanalyse und Weltanschauung^). 

Schon lange bevor die Höllenreiter des Krieges, der Pest, 
des Hungers und des Todes den Acker der Menschheit vor 
unseren Augen verwüsteten, dröhnte der Schrei nax^h Leben 
durch die Gegenwart. Ihm voran gingen einzelne Seufzer 
und Klagen, ein sehnendes Mitternachtslied einsamer Denker 
und Träumer. Ein Tolstoj und Dostojewski, ein Oskar 
Wilde, Maurice Maetcrlink und Romain Rolland re- 
deten als Propheten des Lebens zu ihrem Geschlecht; ein 
Rudolf Eucken baute sein „personales Lebenssystem", in 
welchem Naturalismus und Intellektualismus ihren lang ge- 
tragenen Purpur mit dem Arbeiterkittel vertauschen müssen 
und der seiner Eigenart bewußte, schöpferisch wirkende, in- 
nerlich reiche Geist den Thron besteigt 2); ein Henri Bergs on 
schrieb seine Lebensphilosophie, in welcher der bisher so 
stolze Intellekt es sich gefallen lassen muß, daß ihn das ewig 
Weibliche der Intuition zu den wahren Lebenshöhen hinan- 
zieht. Es ist sicher kein Zufall, daß gleichzeitig mit dem 
Kampfe gegen den Intellektualismus die Auflehnung gegen 
Industrialismus und Kapitalismus, dieser praktische Kreuz- 
zug zur Eroberung von Leben anhebt, denn hüben und drüben, 
in Denken und Gesellschaftsleben, handelt es sich um die- 



1) Bisher unveröffentlicht. 1918/19 verfaßt. ' 

S) Vgl. Eucken, Die Einheit des Geisteslebens in Bewußtsein und 
Tat der Menschheit, S. 492 ff. 



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PSYCHOANALYSE UND WELTANSCHAUUNG. 246 

selbe Not: Die Knebelung der Gemütsansprüche; nur die 
Richtungen, in welchen der Lebensdrang des Gelehrten und 
der des Wirtschafters Ersatz für ihr verlorenes Gut suchten, 
waren verschieden. 

Aus dem Lebenshunger ging auch die Psychoanalyse her- 
vor. Es war nicht der affektlose Seelenforscher, sondern der 
ärztliche Samaritergeist, der sie ins Leben rief. Aber freilich 
bestand bei Sigmund Freud, ihrem Schöpfer, nicht jene 
arge Feindschaft zwischen dem Manne Intellekt und dem 
Weibe Gemüt, die andere glaubten für alle Zeiten feststellen 
zu müssen. Freud weiß so gut wie Byron, daß der Baum 
des Wissens noch nicht Baum des Lebens ist, aber er ist 
auch gewiß, daß die Edelzweige des Wissens dem Lebens- 
baum aufgepfropft werden müssen, um gesunde Früchte zu 
gewinnen. Der Schöpfer der Psychoanalyse ist weit entfernt 
von jener Nur-Erkenntnis, die nach Nietzsches Hohn von 
den Dingen nichts wissen will, als vor ihnen liegen bleiben, 
wie ein Spiegel mit hundert Augen. Auch für ihn handelt 
es sich bei der Psychoanalyse im Grunde um eine Lebens- 
steigerung. Wenn Freud jenseits der landläufigen, durch 
und durch intellektualistischen und gemütsfernen Seelenkunde 
eine ganz neue Psychologie aufbaute, so tat er es, weil er 
im Grunde von der nämlichen Lebensnot erfaßt war, die in 
Dichtung, Philosophie und Politik, dazu iu der Malerei, Archi- 
tektur und anderen Kulturlei stungen den, Schrei nach Leben 
hervorrief. 

Um so auffallender ist es, daß lange in psychoanalytischen 
Kreisen eine förmliche Scheu bestund, sich auf grundsätz- 
liche Lebensfragen einzulassen. So kam es, daß oberfläch- 
liche Beurteiler auf den Gedanken kommen konnten, die 
Analyse sei eine Enkelin des Her bar tischen Intellcktualis- 



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246 VI. PSYCHOANALYSE UND WELTANSCHAUUNO. 

mus 1) und beruhe auf einer mechanischen und passi vis tischen 
Geistesauffa^ßung *). Aber auch aktive Analytiker stellten ihre 
Arbeit nicht in den großen geschichtlichen Zusammenhang, 
aus dem sie erwachsen war, und legten sich keine Rechen- 
schaft ab über die Weltanschauungsprobleme, die auf ihr Tun 
Bezug hatten. Man benahm sich, wie glückliche Entdecker 
eines neuen Kontinents, die mit überquellender Freude und 
Emsigkeit idie Reichtümer und Schönheiten des jungfräulichen 
Landes auf sich wirken lassen und sie in entsagungsvollem 
Kampfe in Besitz nehmen, aber über die Grestalt und Lage 
des Ganzen nicht nachsinnen. G^wiß verdient dieses Ver- 
halten keinen Vorwurf, ist aber doch auch auf die 
Dauer nicht zu billigen. Da die philosophischen Verpflich- 
tungen des Analytikers allmählich als dringlich empfunden 
werden, möchte ich gern mein bescheiden Teil zur Lösung 
der Aufgabe beitragen und zu den bisherigen Lösungsversuchen 
Stellung nehmen. 

I. Teil: Psychoanalyse und Positivisnias. 

„Unter Weltanschauung verstehen wir die gedankenmäßige 
Erweiterung und Vertiefung des bloßen Weltbildes zu einer 
einheitlichen und abschließenden Erkenntnis der letzten 
Gründe, des Wesens und Zweckes der gesamten Wirklichkeit.*' 
So definiert Hunzinger recht ansprechend den Begriff der 
Weltanschauung 3). Darin ist ausgedrückt, daß die Welt- 



1) J. H. Schultz, Zeitschrift für angewandte Psychologie, II, 1909, 
Seite 183. 

*) Hermann v. Müller, Psychanalyse und Pädagogik. Zeitschrift 
für pädagogische Psychologie und exper. Päd., 18. Jahrg. (1917), S. 183. 

^} Das Christentum im Weltanschauungskampfe der Gegenwart. 1910, 
Seite 27. 



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PSYCHOANALYSE UND POSITIVISMUS. 247 



anschauung über den Rahmen der Erfahrung hinausgreift und 
einerseits bei der Metaphysik Auskünfte über das wahre Sein, 
anderseits bei der Ethik Aufschlüsse über die Bestimmung 
des Menschen und von da aus des Weltlaufes erhebt. 

Die Psychoanalyse scheint wahrlich nicht die richtige 
Schmiede, eine stahlharte Weltanschauung hämmern zu lassen. 
Ihre Definition lautet in meiner Formulierung — sie ist die 
einzige mir bekannte — : „Die Psychoanalyse Freuds ist 
ein Verfahren, welches durch Sammlung und Deutimg von 
Einfällen die unbewußten Triebfedern und Motive des Seelen- 
lebens aufsucht^)." In dieser Begriffsbestimmung steckt 
nichts von einem Weltbild, nichts von Metaphysik und Ethik. 
Die aufgesuchten unbewußten Triebfedern sollen auch nicht 
bewertet werden. Was hätte also die Psychoanalyse mit der 
Weltanschauung zu tun? 

Das Wort „Psychoanalyse*' kann eben auch noch in einem 
weiteren Sinne gefaßt werden: Als Sammelname für alle 
theoretischen Einsichten, die man mit Hilfe der vorhin angege- 
benen Methode gewonnen hat. Und üirer sind nicht wenige. 
Da hören wir von Triebentwicklungen, die vorher unbekannt 
waren, von Verdrängung ins Unbewußte, Introversion, sym- 
bolischen und anderen Manipulationen, Gefühlsebbe und -flut, 
Abirrungen psychischer Energien in krankhafte Erscheinun- 
gen, von Übergängen primitiver Interessen in hochwertige 
Betätigungen des Intellekts, Grefühles oder Willens, von der 
Bedeutung des Liebeslebens, von den Zusammenhängen des 
künstlerischen, sittlichen oder religiösen Lebens mit den na- 
türlichen Grundfunktioneu usw. Eine ganz neue psycho- 
logische Welt tut sich auf, eine großenteils neue Biologie 
der Seele. 

1) Was bietet die Psychoanalyse dem Erzieher? S. 9. 



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248 VI. PSYCHOANALYSE UND WELTANSCHAUUNO. 

Und ebenso geht von der Psychoanalyse eine sehr starke 
und unvermeidliche Beeinflussung des Seelenlebens aus. Der 
Lichtstrahl der Analyse wirkt auf die Seele, wie der des 
Sonnenlichtes auf die photographische Platte. 

Da es sich um außerordentlich tiefe Blicke in die Natur 
des Seelenlebens und um sehr folgenschwere Einwirkungen 
auf ihren Entwicklungsgang handelt, liegt die Aufgabe vor, 
zu bestimmen, wie weit diese neuen Erkenntnisse auf die 
Weltanschauung einwirken müssen, und wie weit die neue 
Seelenleitung sich nach den aus der Weltanschauung fol- 
genden Normen zu richten habe. 

Freud selbst hat diese Abfindungsaufgabe nicht in An- 
griff genommen. Von philosophischen Erörterungen sind 
seine klassischen psychoanalytischen Arbeiten völlig frei. 
Diese Unterlassung — mag sie ein Vorzug oder ein Nachteil 
sein — hängt ohne Zweifel mit seiner persönlichen Berufs- 
stellung und Begabung zusammen, gewiß aber auch mit seiner 
gix)ßen Bescheidenheit gegenüber Problemen, die er nicht 
als Fachmann und Meister beherrscht. Allein es kommen 
überdies als reckenhafte Grenzwächter zeitgeschichtliche 
Gründe in Betracht. 

Wie alle Psychiater war Freud grimdsätzlich durchaus 
nicht abgeneigt, die Psychologie zu Rate zu ziehen, um seine 
Kenntnis der Seele zu bereichern. Allein iim stieß die ver- 
hängnisvolle Unfähigkeit dieses Wissenschaftszweiges zurück. 
Die Klage, die Nietzsche in seinem „Jenseits von Gut 
und Böse*' erhebt (I, 23), daß die Psychologie sich nicht in 
die Tiefe gewagt habe, bestätigte sich ihm. Wer wissen 
will, wie es den Männern geht, die sich der Psychologie be- 
dienen möchten, um die höheren Erscheinungen und Zu- 
sammenhänge des Seelenlebens zu verstehen, der lese etwa 



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PSYCHOANALYSE UND POSITIVISMÜS. 249 

das erste Kapitel der geistreichen „Prinzipien der Charaktero- 
logie" von Ludwig Klages (Leipzig 1910), oder die schfnerz- 
und zomdurchbebten Ausführungen B 1 e u 1 e r s i). Ähnlich 
erging es Freud. 

Als er die Schwingen seines Forschergeistes zu recken 
begann, lag die metaphysische Psychologie in den letzten 
Zügen. Als Wissenschaft von der Seele hatte sie sich eifrig 
mit dem philosophischen Seelenbegriff herumgeschlagen; 
aber abgesehen davon, daß nicht einmal dieses metaphysische 
Zentralproblem in einer den Wissensdurst befriedigenden 
Weise gelöst worden wai', stund es höchst mißlich um die 
Aufschlüsse über die einzelnen Seelenvorgänge. So segelten 
diese metaphysischen Psychologen wagemutig in den Nebel- 
regionen der Transzendenz umher, aber auf dem festen Boden 
der seelischen Tatsachen spielten sie eine klägliche Figur. 

Man darf sich nicht wundem, daß ein Arzt wie Freud 

1) Bleuler schreibt u. a. : Wie noch mancher andere Psychiater 
habe ich einen namhaften Teil meiner sehr spärlich verfügbaren Lebenszeit 
damit verloren, in den Büchern der Psychologen nach Kenntnissen zu 
suchen, die das Verständnis der Psychopathologie erleichtern sollten. Ich 
habe niemals auch nur die kleinste Frucht dieser Bestrebungen ernten 
können, und weiß auch keinen Kollegen, dem solche Studien etwas genützt 
hätten, aber manche, dem sie den Blick für die Wirklichkeit getrübt 
haben .... Ich sah auch, wie viele Nicht-Mediziner brennen, im Verkehr 
mit anderen Menschen, in der Erziehung, in der Seelsorge, mehr psycho- 
logisches Verständnis zu gewinnen, und wie schwer sie enttäuscht werden, 
wenn sie anfangen, Psychologie zu studieren. Es ist Pflicht, sich dieser 
Wissens- und leistungsdurstigen Leute anzunehmen, statt sie teils in die 
öde Heide der Spekulation, teils in eine Wissenschaft einzuführen, die 
zwar tausend Einzelheiten aufgedeckt hat, aber an den meisten Orten nur 
seltene Brocken darbietet, die der Schüler benutzen kann. (Die psycholog. 
Richtung in der Psychiatrie. Schweizer Archiv für die Neurologie und 
Psychiatrie, II, S. 192.) 



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200 VI. PSYCHOANALYSE UND WELTANSCHAUUNG. 



nach einer positiven Seelenkunde ausschaute. Allein auch 
die jüngere Armee von Psychologen, die damals ihr Fähnlein 
vortrug, befriedigt© ihn nicht. Sie ließ den Strom des Greistes- 
lebens durch Haarsiebe und Filter gehen und imtersuchte 
mit amsäglicher Geduld die armen Wassertröpfchen, die sie 
dem so präpai'ierten Strome enthob. Was nicht experimentell 
beliebig oft hervorgebracht werden konnte, zählte nicht, und 
da man nur die primitivsten Vorgänge des Empfindungslebens 
und des Intellektes einigermaßen auf die Folter des Ex- 
perimentes spannen konnte, wurde die Wissenschaft vom 
Seelenleben auf ein Grebiet reduziert, das einen Hohn auf den 
großen Namen der Psychologie bildet. Mit diesem Beste 
konnte ein Mann, der wie Freud täglich im Kampfe mit den 
gewaltigen, weitverzweigten und tiefliegenden seelischen 
Realitäten stehen mußte, blutwenig anfangen. Uns Theo- 
logen ist's ja auch nicht anders gegangen. Die am fleißig- 
sten Psychologie trieben, um dem Leben damit zu dienen, 
erfuhren die grausamsten Enttäuschungen. 

Sigmund Freud wurde durch seineu Beruf gezwungen, 
eine neue Psychologie zu schaffen, nachdem er einmal er- 
kannt hatte, daß die Neurosen seelisch bedingt seien und in 
erster Linie mit seelischen Mitteln beeinflußt werden kön- 
nen. Durch und durch Empiriker, hatte er unter der meta- 
physischen Psychologie nicht zu leiden. Er kümmerte sich 
um sie einfach nicht. Eher machte ihm die medizinische 
Metaphysik zu schaffen, nämlich der Materialismus, der das 
psychische Leben nur als eine Art Sonntagsreiter der Hirn- 
rinde ansah und darum auch die psychogenen Hemmungen 
physiologisch zu verstehen suchte. Allein die unbedingte 
Hingabe an die Erfahrung rettete ihn vor der Gefahr, der bis 
auf den heutigen Tag die Mehrzahl der Neurologen erlegen 



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PSYCHOANALYSE UND POSITIVISMUS. 251 

ist. Über das jahrzehntelange Abc-Stammebi der Experi- 
mentalpsychologie, die sich als alleinseligmachende Seelen- 
kunde ausgab, wuchs er rasch hinaus. 

Freud ist der erste große Positivist inner- 
halb der Psychologie. Wir verstehen hiebei unter 
Positivismus die Ansicht, daß gegebene Tatsachen und ihre 
gesetzmäßigen Zusammenhänge die einzigen Gegenstände der 
Erkenntnis ausmachen, auf die Erforschung des innersten 
Wesens, der letzten Ursachen und Zwecke somit zu verzichten 
sei. Freud brach mit dem überlieferten Dogma des 
psychologischen Objekts. Ohne die Funde der Emp- 
findungspsychologie abzulehnen, wandte er sich den unge- 
heuer weitläufigen, für das Verständnis und die Behandlung 
der Seele wichtigsten Gebieten zu, welche die Psychologie 
vemaclilässigt hatte, in erster Linie dem Trieb- und Willens- 
leben, sowie dem Reiche des Unbewußten. Dazu war 
nötig, daß er auch mit dem überlieferten Dogma der Me- 
thode brach. Er erkannte, daß tiefeindringende Beobach- 
tungen einzelner seelischer Vorgänge, die nicht künstlich 
hervorgebracht werden, ebenso gut zuverlässiges Wissen ein- 
tragen und wissenschaftlichen Wert besitzen können, wie 
die Massenbeobachtungen der herrschenden experimentell- 
statistischen Methode. Gegenüber der landläufigen natur- 
wissenschaftlichen Psychologie führte er eine histo- 
rische Seelenforschung ein, die den Zusammenhängen der 
Einzelvorgänge nachging, und zwar den Ursachen und Ab- 
sichten der scheinbar geringfügigsten Fehlhandlungen, Ein- 
fälle, Träume usw., wie den kausalen und finalen Verkettun- 
gen ganzer Lebensläufe, z. B. eines Lionardo da Vinci. Kein 
anderer Psychologe hat jemals eine derartige Ehrfurcht vor 
den Tatsachen, eine derartige Empfänglichkeit für das Stu- 



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252 VI. PSYCHOANALYSE UND WELTANSCHAUUNG. 

dium aller vitalen seelischen Phänomene an den Tag gelegt. 
In diesem tatsachenfrohen Positivismus, der von dem feigen 
und ratlosen Versteckenspielen der offiziellen Psychologie 
wundervoll absticht, liegt eine erlösende Tat, die manchen 
von uns, die wir unter dem überlieferten Psychologendogma 
der Methode und des Objektes schwer litten, neue Welten 
erschloß. 

Die neue Forschung war nach Objekt und Methode so 
neu, daß sie auf deutsche Psychologen den Eindruck des 
historisch Unvermittelten machte. In Wirklichkeit aber 
schloß sie sich an französische Psychologen, wie Charcot, 
Bernheim u. a. Empiriker an, die längst unbewußte Mo- 
tive aufsuchten, als die deutsche Psychologie — auf diesem 
Punkte fast völlig eingekreist — in trostloser Scholastik und 
ohne die geringste Berücksichtigung der Tatsachen über den 
Begriff des Unbewußten spintisierte. Wenn man Freud und 
seinen Schülern den Vorwurf macht, daß sie zu wenig im An- 
schl'uß an die bestehende Psychologie ihre Lehre entwickeln, 
so hängt dies eben mit Freuds Positivismus zusammen. 
Auf der Beobachtung der Phänomene, nicht auf psychologi- 
schen Schulbüchern baut der Analytiker auf, und wenn die 
Psychologen die^e Induktionen nicht verstehen können, so 
haben sie dies lediglich ihrer Absperrung gegen die Tat- 
sachen, ihrem doktrinären Nicht-Positivismus zuzuschreiben. 

Es ist im höchsten Grade bemerkenswert, daJJ Freud 
von Anfang an seinen Positivismus nur durchführen konnte, 
indem er über ihn hinausgriff. Die Untersuchung der psychi- 
schen Erscheinungen ergab nämlich, daß ihre Entstehung 
nur verstanden werden kann, wenn man unbewußte psychische 
Einflüsse gelten läßt. Freud sah sich veranlaßt, ganz be- 
stimmte unterschwellige Motive zu erschließen und ihnen 



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PSYCHOANALYSE UND POSITIVISMUS. 253 

ganz bestimmte Wirkungen zuzusprechen. So ging er über 
den strengen Positivismus und Phänomenalismus hinaus. Mit 
der akademischen Psychologie geriet er dabei in Widerspruch, 
da. sie das Dogma aufstellte, psychisch und bewußt seien iden- 
tische Begriffe, daher seien subliminale psychische Motiva- 
tionen von vornherein abzuweisen. Um der Dogmatik treu 
bleiben und die unterschwelligen Richtkräfte leugnen zu 
können, mußte man freilich jene einzigartige Horizontverenge- 
rung vornehmen, die wir bereits feststellten, und die von 
Freud untersuchten, jedem Kinde massenhaft zugänglichen 
Tatsachen als unkontrollierbar oder gar — konstruiert und 
nicht vorhanden (I) au^eben. Wir sehen, es ist die auf Er- 
fahrung gegründete Erkenntnis, die bei Freud, dem ersten 
universellen psychologischen Positivist^n, den Rahmen des 
Nur-Positivismus sprengt. 

Selbstverständlich konnte Freud nicht allen Äußerungen 
des unendlich bunten Lebens gleichviel Aufmerksamkeit zu- 
wenden. Bei der Auswahl leitete ihn aber nicht ein methodo- 
logisches Bogma^ sondern die Not des Lebens. Wenn er der 
Sexualität ganz besondere Sorgfalt schenkte, so geschah 
es darum, weil sie für die Entstehung der Neurosen hervor- 
ragende Wichtigkeit besitzt, weil kein anderes Grebiet so ver- 
nachlässigt worden war, und weil auf keinem anderen so 
verhängnisvolle Irrtümer zum Schaden der Menschheit immer- 
während vorkamen. Nie hat Freud in Abrede gestellt, daß 
die übrigen Triebe ebenso gründlich untersucht werden soll- 
ten ; allein da er in seiner Praxis hauptsächlich Übertragungs- 
neurosen vor sich hatte, also Menschen, deren Liebesleben 
Entwicklungsstörungen erlitten hatten, so mußte er sich diesen 
Lebensäußerungen zuerst widmen. Dieses Verfahren schließt 
eine gewisse Einseitigkeit in sich, gewiß I Allein gerade diese 



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254 ^'I- PSYCHOANALYSE UND WBLTANSCHAUUNO. 

Einseitigkeit war ein« historische Notwendigkeit und ein 
Glück. Man kann doch nicht alles auf einmal leisten I Es 
steht Leuten, die noch nicht einmal das armseligste Flüß- 
chen oder Berggipfelchen entdeckt haben, übel an, einen 
Kolumbus zu schelten, weil er bloß Amerika^ und nicht gleich- 
zeitig auch noch den Nord- und Südpol entdeckt hat. Daß 
die psychoanalytische Methode bisher nur einen winzigen 
Bruchteil der ihr unterstehenden Probleme in Angriff ge- 
nommen hat, zeugt doch nur für ihre Fruchtbarkeit. 

Die Stellung der Schulpsychologie zu Freud gereicht 
ihr nicht zum Kuhme, entspricht aber ganz ihrer Notlage. 
Denn wenn Freud im Bechte war, wie jammervoll stund 
sie vor aller Welt da! Mit ihren riesigen Hilfsmitteln, ihren 
kostbaren Arsenalen komplizierter Apparate, ihrer Armee von 
geschulten Vertretern hatte sie auf einem kleinen Sektor 
ihres Grebietes eine Unmasse von Resultätchen erzielt, mit 
denen praktisch wenig anzufangen war. Und nun kam einer, 
der nicht als Fachmann abgestempelt war, und wagte es, 
eine unerhörte Menge seelenkundlicher Tatsachen aufzu- 
decken, seelenkimdlicher Hypothesen und sogar Theorien auf- 
zustellen! Gegen diese Frechheit verteidigte man sich mit 
den Waffen, die leider aus den primitiven Zeiten der Mensch- 
heit herübergenommen wurden: Mit Spott und Hohn, Ver- 
drehung der Ansichten Freuds, Verdächtigungen seines 
Charakters, Aufstachelung der niedrigen Leidenschaften, 
wie der Prüderie gegen die neue Sexuallehre usw. Die 
von den Vertretern der Psychoanalyse imtersuchten Tat- 
sachen schwieg man tot oder erklärte sie mit fabel- 
hafter Unverfrorenheit, wie gesagt, für bloß konstruiert! 
Den Gegnern und Kritikern stellte man Raum zur ver- 
kehrtesten Darstellung und Beurteilung der Psychoanalyse 



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PSYCHOANALYSE UND POSmVlSMUS. 255 

ia Hülle und Fülle zur Verfügung, auch wenn sie nie den 
bescheidensten psychoanalytischen Versuch gewagt hatten ; 
hat dann einer der angegriffenen und mißverstandenen 
Analytiker um ein bescheidenes Plätzlein in derselben Zeit- 
schrift, um sich zu verteidigen tind die Irrtümer zu berich- 
tigen, so wurde er zurückgewiesen i). Wenn es sich um Kimst- 
dünger und Viehmast handelt, verlangt man von dem, der 
über diese Gegenstände schreibt, praktische Erfahrungen; in 
der schwierigen, ganz auf Erfahrungen aufgebauten Psycho- 
analyse aber erteilen die zunftmäßig zusammengehaltenen 
Schulpsychologen das Wort dem gänzlich Unerfahranan und 
vorenthalten es auch dem wissenschaftlich Anerkaimten und 
schulpsychologisch Diplomierten, wenn er — Anhänger der 
Psychoanalyse ist. Dies beweist klar, daß es diesen Herren 
nicht um die Wahrheit, sondern um die Wahrung ihrer Macht 
zu tun ist. Als ob die Wahrheit sich durch solche Redaktoren- 
taten aufhalten ließe! 

Als Positivisten, der den Rückgriff auf letzte Ursachen 
und Zwecke ablehnt, erweist sich Freud auch gegenüber der 
Ethik. Es ist durchaus unrichtig, daß die Psychoanalyse auf 
.einer bestimmten ethischen Ansicht aufgebaut sei. Dem Be- 
gründer der neuen Methode seelischer Beeinflussung lag einzig 
daran, dem Kranken Klarheit über sich selbst zu verschaffen. 
Der sittlichen Stellungnahme suchte sich der Analytiker als 
solcher vollständig zu enthalten, xmd wo er sie als Mensch 
nicht unterlassen konnte, da verschwieg er sie wenigstens. 
Dagegen wurde natürlich erwartet, daß der Patient die sitt- 

i) Dieses Verfahren leistete sich noch jüngst der Schriftleiter der 
Zeitschrift für pädagog. Psychologie und experiment. Pädagogik in bezug 
auf einen Aufsatz über Psychoanalyse und Pädagogik (Mai bis Oktober 
1917) von Prof. H. v. Mülle-r. 



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256 VL PSYCHOANALYSE UND WELTANSCHAUUNG. 

liehe Billigung und Mißbilligung selbst vornähme und daraus 
die ihm gut scheinenden Schlüsse zöge. Die Verantwort- 
lichkeit über seine sittlichen Entscheidungen wies so der 
Analytiker dem Klienten zu. Ob dieser Jesus oder Eung-tse 
oder Buddha^ Kant oder Nietzsche zum Führer wählen 
wolle, überließ Freud dem Analysanden. 

Und verdient diese Zurückhaltung nicht volle Anerken- 
nung? Der Kranke erwartet vom Arzt etwas anderes, als 
vom Pfarrer. Der jüdische oder katholische oder religions- 
lose Kranke würde sich unter Umständen schönstens bedan- 
ken, wenn ihn sein protestantischer Arzt für seine Eonfession 
zu gewinnen trachtete. Die Analyse würde durch jeden ver- 
frühten Versuch zu ethischer Beeinflussung schwer gefähr- 
det. Viele Patienten finden sich auch, nachdem sie die Be- 
schaffenheit ihrer Tiefenmächte kennen lernten, aus eigener 
Kraft sehr wohl zurecht. Femer erfordert gerade eine tie- 
fere ethische oder religiöse Beeinflussung eine gründliche 
Schullmg, die der Arzt nicht ohne weiteres besitzt. Es zeugt 
von nicht geringer Bescheidenheit, wenn der analysierende 
Arzt sich in dieser Hinsicht Zurückhaltung auferlegt. Man 
soll dem Arzte doch nicht zumuten, was die Pfarrer selbst 
nur selten zu stände bringen, nämlich zu bewirken, daß ein 
Mensch, der sich vom sittlichen Wandel oder religiösen Glau- 
ben abwandte, sich ihm wieder zukehre! 

Auch der ethische Positivismus, wenn ich den Ausdruck 
gebrauchen darf, verdient daher Anerkennung. Daß gewal- 
tige ethische Einflüsse möglich waren ohne eine einzige Auf- 
forderung, ein einziges „Du sollst I", war eine Entdeckung 
von außerordentlicher Tragweite. Es ist sehr begreiflich, daß 
die, welche von Moralpillen und Kateohismuspülverchen alles 
Heil der Seele erwarten, in ein wütendes Gezeter ausbrachen. 



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PSYCHOANALYSE UND METAPHYSIK. 257 

II. Teil: Psychoanalyse und Metaphysik. 

I. Historisch, 
a) Grundsätzliche Auseinandersetzungen. 

Der Positivismus, der Freud einen Platz im Prytaneion 
der Geisteswissenschaften sichert, wajr nicht philosophisch 
begründet. Als Forschungsprinzip folgte er aus praktischen 
Bedürfnissen und persönlichen Nötigungen oder Schranken 
seines Begründers. Er war auch nicht eigentlich prinzipiell 
und endgültig gemeint. 

Sigmund Freud. 

Es ist ein arges Mißverständnis, daß Freud die Meta- 
pliysik überhaupt als ein Produkt von Illusionen, nämlich 
unbefugten Projektionen des eigenen Seelenlebens diskredi- 
tiere. Die maßgebende Ausführung lautet: „Ich glaube in 
der Tat, daß ein großes Stück der mythologischen Weltauffzus- 
sung, die weit bis in die modernen Religionen hinein reicht, 
nichts anderes ist als in die Außenwelt proji- 
zierte Psychologie. Die dunkle Erkenntnis psychischer 
Faktoren und Verhältnisse des Unbewußten spiegelt sich . . , 
in dor Konstruktion einer übersinnlichen Realität, 
welche von der Wissenschaft in Psychologie des Un- 
bewußten zurückverwandelt werden soll. Man könnte sich 
getrauen, die Mythen vom Paradies und Sündenfall, von Gott, 
vom Guten und Bösen, von der Unsterblichkeit u. dgl., in 
solcher Weise aufzulösen, die Metaphysik in Meta- 
psychologie umzusetzen i)." 

Man sieht sofort, daß es sich keineswegs darum handelt, 



1) Zur Psychopathologie des Alltagslebens, 2. Aufl., S. 117. 

Dr. Pfitt«r, PsyohftnaljrM. 17 



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258 VI. PSYCHOANALYSE UND WELTANSCHAUUNG. 

die philosophische Metaphysik als unerlaubte Selbstprojek- 
tion an den Pranger zu stellen. Vielmehr handelt es sich um 
Mythologie, wobei man höchstens sich verwundern kann, wie 
ein „Mythus vom Guten und Bösen", also eine Distinktion 
der Ethik, den religiösen Vorstellungen vom Paradies und 
Sündenfall, Gott und Unsterblichkeit koordiniert wird. Letz- 
tere reden von Seiendem, während man nicht erfahrt, wa-s 
unter dem Mythus vom Guten und Bösen verstanden sei. 
August Comte unterschied bekanntlich zwischen einer theo- 
logischen, metaphysischen und positivistischen Erkenntnis- 
stufe und lehnt die beiden letzteren ab. Freud hat nur 
die erste zurückgewiesen, nicht die Metaphysik im philo- 
sophischen Sinne. 

S. Ferenczi. 

Auch Freuds Schüler haben es in ihrer großen Mehr- 
zahl nicht getan. Ferenczi sträubt sich in einem sehr 
bemerkenswerten Aufsatz über Philosophie und Psycho- 
analyse dagegen, daß man die letztere einer bestimmten philo- 
sophischen Weltanschauung unterordnen oder in sie ein- 
ordnen sollet); er wünscht, daß man eine geraume Zeit zu- 
warte, bis man an die junge Wissenschaft mit Waffen der 
Metaphysik herantrete. Allerdings werde sich wahrschein- 
lich am Ende ein großer Teil der Metaphysik als Metapsycho- 
logie herausstellen, der Materialismus z. B. als die denkbar 
voUstäüdigste Projektion des Ich in die Außenwelt, der Sol- 
ipsismus als das Gegenteil, aber ein anderer Teil der Meta- 
physik möge sich als Vorahnung wissenschaftlicher Erkennt- 
nisse entpuppen (521). 

Man beachte, daß Ferenczi der Psychoanalyse daiS 



1) Imago, I, S. 620. 



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FEEENCZI. 259 



Richteramt über die Wahrheit der metaphysischen Aussagen 
beilegt. Nicht anders lassen sich die folgenden Sätze deuten : 
„Es darf nicht vergessen werden, daß die Psychoanalyse ver- 
pflichtet ist, jede Art seelischer Leistung, die Philosophien 
nicht ausgenommen, auf ihre Entstehungsbedingungen zu 
untersuchen und zu trachten, den sonst im Psychischen herr- 
schenden Gesetzmäßigkeiten auch in ihnen Geltung zu ver- 
schaffen, richtiger : die Geltimg dieser Gesetzmäßigkeiten auch 
in ihnen nachzuweisen. Wie aber könnte die Psychologie 
Gesetzgeberin des Philosophierens sein, wenn ihr zugemutet 
wird, daß sie sich a priori einem bestimmten System unter- 
ordne?** (520.) 

So schöne Verdienste sich Ferenczi durch seine Ent- 
deckung der psychologischen Triebfedern des Materialismus 
und Solipsismus erworben hat, so entschieden muß ich seine 
philosophische Besetzung des Justizministeriums ablehnen. 
Den Ausdruck, die Psychoanalyse habe „den psychologischen 
Gesetzmäßigkeiten Geltung zu verschaffen", nimmt er zwar 
allerdings sofort zurück, da er selbst wohl einsieht, daß bei 
jedem psychischen Akt die psychologischen Gesetze walten, 
so daß man ihnen nicht erst Geltung verschaffen muß. Jener 
von Ferenczi korrigierte Ausdruck enthielt eine Verwechs- 
lung von psychologischen Gesetzen und Denknormen. Indem 
Ferenczi der Psychologie das Amt einer „Gesetzgeberin 
der Philosophie" zuspricht, begeht er die Verwechslung von 
Gesetz und Norm aber doch und hält sie fest. Wenn ich 
die psychologische Gesetzmäßigkeit einer Aussage nach- 
weise, so ist über die Gültigkeit des ausgesagten Inhaltes 
nichts ausgemacht. Falsche und richtige Behauptungen sind 
ohne Zweifel mit psychologischer Notwendigkeit zu stände 
gekommen; in psychologischer Hinsicht sind sie genau gleich 

17* 



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260 VI. PSYCHOANALYSE UND WELTANSCHAUUNG. 

notwendig. Damit, daß ich weiß, welche Gresetze bei ihrer 
Bildung mitwirkten, ist für das Urteil über ihre Richtigkeit 
oder Unrichtigkeit nicht das geringste gewonnen. Die Psycho- 
analyse hat aber noch eine ganz andere Aufgabe, als diese, 
und Ferenczi hat sie selbst als primus omnium gegenüber 
zwei metaphysischen Systemen als Analytiker so entzückend 
gelöst: Die Psychoanalyse hat die wahren Motive anzu- 
geben, wo hinter den bewußten logischen Konstruktionen un- 
bewußte Gredankenbilder stecken, mit anderen Worten, die 
Psychoanalyse soll überall da, wo die bewußten Argumente 
nur Schein und Trug (Rationalisierungen) sind, die eigent- 
lichen Motive einer Gedankenfolge aufdecken. Ferenczi 
redet nur von der „naturwissenschaftlichen", nicht von der 
hier mehr in Betracht fallenden „historischen" Aufgabe der 
Analyse, um Rickerts Terminologie zu gebrauchen. Aber 
auch wenn die wahren Beweggründe einer philosophischen 
Aussage klargelegt sind, ist die Gültigkeitsfrage noch nicht 
erledigt, und sie gehört keineswegs in die Aufgabe der Psycho- 
analyse. Damit, daß der Materialist projiziert, wie Ferenczi 
sagt, und der Solipsist die Vorgänge der Außenwelt in sich 
verlegt, wie Ferenczi angibt, ist über den Erkenntniswert 
der beiden metaphysischen Systeme gar nichts ausgemacht. 
Daß diejenigen Erfahrungsinhalte, die Ferenczi in Über- 
einstimmung mit dem populären Bewußtsein als Außen- und 
Innenwelt bezeichnet, einander in Wirklichkeit von Anfancr 
an gegenüber stehen, ist nach Kant und sämtlichen Er- 
kenntnistheoretikern mit Ausnahme der Empiriokritizisten eine 
naive Annahme, die erst erkenntnistheoretisch zu erwahren 
ist. Ferenczi stellt sich, was bei ihm als Arzt ja sicher 
leicht zu begreifen ist, kurzerhand auf den Standpunkt, der 
in der Philosophiegeschichte als naiver Realismus bezeichnet 



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FERENCZI. 261 



wird. Beschäftigt man sich jedoch sorgfältig mit dem Gre- 
genstand, so wird man sehr bald inne, daß dieses Verfahren 
nicht aogeht und auch wohl von niemand mehr, der Er- 
kenntnislehre getrieben hat, geteilt wird. 

Vollends daß die Psychoanalyse Gesetzgeberin des Philo- 
sophierens sei, wie Ferenczi angibt, entspringt einem Psycho- 
logismus, den ich für unstatthaft halte, und für welchen 
der verehri:e Proponent keinerlei berechtigte Griinde ausfindig 
machen könnte. Vorläufig beuge ich mich vor Logik und 
Erkenntnislehre alsi Gesetzgeberinnen des Philosophierens und 
kann beim besten Willen nicht das allerbescheidenste Rechts- 
titelchen der Psychologie auf wissenschaftliche Normgebung 
entdecken. Daß die Psychoanalyse jedoch, indem sie un- 
erwartete Triebfedern der Uri:eilsbildung aufdeckt und die 
angeblich echten Stützen jenes Urteils als Schein und Trug 
ausweist, die Erkenntnisfunktion gewaltig erleichtern, ja 
zur selbstverständlichen Kleinigkeit machen kann, wo man 
zuvor vor schwierigen Rätseln stund, ist eine Ansicht, auf 
die ich Ferenczi herzhaft und seines Einverständnisses 
gewiß die Hand drücke. 

Wenn Ferenczi die Philosophie auch keineswegs für 
immer zur Demission zwingen möchte, so läßt er sie doch 
eine Rolle spielen, die ihrem Wesen nicht völlig gerecht wird. 
Er stellt sie zur Wissenschaft geradezu in Gregensatz. „Die 
Philosophien sind, wie die Religionen: Kunstwerke, Dich- 
tungen, die gewiß eine Menge großartiger Ahnungen in sich 
bergen; ihr Wert soll und darf nicht gering geschätzt wer- 
den. Aber sie gehören in eine andere Kategorie, als die 
Wissenschaft, unter der wir die Summe jener Gresetzmäßig- 
keiten verstehen, die wir nach möglichster Reinigung von 
den Phantasieprodukten des Lustprinzips zurzeit als real be- 



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262 VI. PSYCHOANALYSE UND WELTANSCHAUUNG. 

stehend annehmen müssen. Wissenschaften gibt es nur eine, 
Philosophien und Religionen aber gibt es so viele, als es 
mit verschiedenen Geistes- und Gemütsrichtungen begabte 
Menschen gibt. Es liegt im Interesse beider, verschiedenen 
Prinzipien gehorchenden Disziplinen, ihre Thesen nicht mit- 
einander zu vermengen." (521.) 

Ich glaube nicht, daß Ferenczi seine Unterscheidung 
mit Recht aufstellt. Sowohl die Wissenschaft, als auch die 
Philosophie werden meines Erachtens unzutreffend und un- 
zulänglich gefaßt. Die Wissenschaft ist nicht „eine Summe 
von Gesetzmäßigkeiten" — gemeint ist wohl die Erkenntnis 
von solchen — ; eine Wissenschaft schließt auch Begriffe 
in sich und die historischen Wissenschaften befassen sich 
auch mit den Einzelerscheinungen. Man kann auch nicht 
sagen, daß es nur eine Wissenschaft gebe, wenigstens nicht 
in der Wirklichkeit. In jedem wissenschaftlichen Fach gibt 
es unzählige, einander widersprechende Lehren, und wo die 
Gelehrten gleicher Ansicht sind, fragt es sich, ob wirkliche 
Wissenschaft, zutreffende Erkenntnis ihnen zu teil geworden 
ist. Meint aber Ferenczi, daß es bloß idealiter nur eine 
Wissenschaft gebe, so trifft dieses Ideal auch auf die meisten 
philosophischen Systeme zu, indem auch jedes von ihnen 
allgemeine Anerkennung und volle Glaubwürdigkeit, also Ge- 
meingültigkeit beansprucht. Was die Anwendung der beiden 
Donkprinzipien anbetrifft, so ist in Erfahrungswissenschaft und 
I*hilosophio die Überwindung des Lustprinzips durch das 
Realprinzip ein Ideal, dessen Erfüllung aber vielfach zu wün- 
schen übrig läßt. Die Psychoanalyse hat oft gezeigt, daß 
man auch in angeblich gesichertes Erfahrungs wissen subjek- 
tive Elemente hineingetragen und so die Objektivität des Ur- 
teils getrübt hat. Wenn es auch sicherlich nicht in dem 



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RANK UXD SACHS. 263 



Umfang geschah, wie in der Philosophie, so ist doch der 
Unterschied nur relativ. Wir werden später, wenn wir den 
Begriff der Metaphysik entwickeln, darauf zurückkommen. 

Der Schwerpimkt liegt für Ferenczi in der Forderung, 
die Psychoanalytik unabhängig von philosophischen Systemen 
weiter auszubauen (526). Und hierin hat er in gewissem 
Sinne sicher recht. Es wäre verhängnisvoll, wenn man im 
gegenwärtigen Zeitpunkt, da unser Erfahrungswissen noch so 
eng begrenzt ist und die Methodik so dringend des kritischen 
Ausbaues bedarf, da aber trotzdem unser Wissensschatz in 
schönem Wachstum begriffen ist, seine spärlich bemessenen 
Kräfte zersplitterte und vorwiegend Philosophie triebe, zumal 
unter den Psychoanalytikern so wenige philosophisch gründ- 
lich geschulte Männer sind. Allein dabei gilt es, die Relativität 
und Unabgeklärtheit unseres analytischen Erfahrimgswissens 
stark zu betonen und die Notwendigkeit einer philosophischen 
Bearbeitung dieses Materials schon jetzt festzustellen. Daß es 
sich dabei unmöglich darum wird handeln können, die psycho- 
analytischen Erfahrungen von der Grenehmigung Ihrer Gnaden 
der Metaphysik abhängig zu machen, werden wir später 
zeigen. 

Otto Rank und Hanns Sachs. 

Einen erfreulichen Fortschritt in der Erfassung des rich- 
tigen Verhältnisses zwischen Psychoanalyse und Philosophie 
markiert die enzyklopädische Schrift, die Otto Rank und 
Hanns Sachs unter dem Titel ,,Die Bedeutung der Psycho- 
analyse für die Geisteswissenschaften" veröffentlichten i). 
Sie gehen von der Tatsache aus, daß in der Philosophie die 
Persönlichkeit des Schöpfers in einem Maße hervortritt, „wie 



1) Bergmann, Wiesbaden, 1913 



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264 VI. PSYCHOANALYSE XJND WELTANSCHAUUNG. 

es einer Wissenschaft eigentlich nicht ansteht". (96.) Sehr 
hübsch deuten sie damit an, daß auch die exakten Wissen- 
schaften der allzu menschlichen, aber unerlaubten Selbst- 
abspiegelung ihren Tribut entrichten. Mit Becht fordern sie 
für den Analytiker das Recht, die Persönlichkeit des Philo- 
sophen psychographisch zu untersuchen und das Wunsch- 
material in ihrem Grepäck nachzuweisen. Dabei unterscheiden 
sie zwischen den Tjrpen der metaphysischen, positivistischen 
und analytischen Philosophen. Die Lehren der letzteren, die 
vorwiegend auf erkenntnistheoretische Sicherheit ausgehen, 
werden nach Rank und Sachs kaum ein psychoanalytisches 
Forschungsobjekt darbieten, da die Einmengung unbewußter 
Wunschelemente in weitgehendem Maße ausgeschaltet sei, 
wohl aber bildet die Person des Philosophen einen Gegen- 
stand der Analyse, handelt es sich doch um Menschen, die 
sich vom praktischen und Liebesleben so gut wie aus- 
schließen i). (96.) Noch weniger werden die positivistischen 
Philosophen den Analytiker beschäftigen, während die typi- 
schen Metaphysiker auch im Lihalt ihres Systems vom Un- 
bewußten determiniert werden. 

So weit kann ich im ganzen den Autoren beipflichten, 
deren Handbüchlein leider noch viel zu wenig geschätzt worden 
ist. Dagegen muß ich mich von ihnen in ihrer Auffassung 
der Metaphysik trennen. Sie finden, diese habe ihren Namen 
daher, daß sie durch keine objektive Erkenntnis begründet 
erscheine. (98.) Ihre beiden Ausdrucksformen seien die re- 
ligiöse und die mythische Systembildung, von denen die erste 
einen die Welt aus sich selbst oder dem Nichts hervorbrin- 



1) Wenn Harne als typischer Vertreter dieser Denkweise genannt 
wird, so trifft dies aUerdings nicht zu, da er Unterstaatssekretar im Aus- 
wärtigen Amt war. 



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RANK UND SACHS. 265 



genden Schöpfer, die zweite eine übersinnliche Welt an- 
nehme. Beide Systeme aber erweisen sich in ihrem Absehen 
von jeder Realitätsprüfung der analytischen Zergliederung als 
Projektionen des unbewußten Seelenlebens in eine übersinn- 
liche Welt, die gewissen Wünschen des Individuums entge- 
genkomme, da sie psychologisch betrachtet nur eine Selbst- 
bespiegelung des Individuums im Kosmos darstelle. (99.) 
Als Beispiel wird die Willenslehre Schopenhauers und 
Nietzsches genannt. 

Mit diesen Bemerkungen wollen die Autoren jedoch das 
Wesen der Philosophie nicht erschöpfend angeben. Insbeson- 
dere heben sie hervor, daß die objektive Wertung der philo- 
sophischen Ergebnisse durch solche Auskünfte über die per- 
sönliche Bedingtheit philosophischen Schauens nicht im ge- 
ringsten tangiert werde. (100.) Hier liegt der wichtigste 
Unterschied von Ferenczi, zugleich der wesentliche Fort- 
schritt. 

Zunächst möchte ich der Psychoanalyse noch weiteren 
Spielraum als die beiden Analytiker geben. Ich finde näm- 
lich, daß die Erkenntnistheorie der als analytisch bezeich- 
neten Denker genau so stark, wie die Metaphysik anderer 
Verdrängungsspuren aufweist, und daß auch der Positivismus 
als Agnostizismus und Abneigung gegen Untersuchung des 
Wesenskernes oft auf Knebelung des Unbewußten beruht. Es 
gibt ja auch schwer neurotische Naturforscher, Historiker u. a. 
Positivisten der Praxis. Der Agnostizismus ist in vielen 
Fällen ein negativer Dogmatismus, eine Projektion der neuro- 
tischen Abneigung gegen tiefere Selbsterkenntnis in die Außen- 
welt, ein Hängenbleiben am Vater usw. 

Dann aber halte ich die Ausführungen über das Wesen 
der Metaphysik für unrichtig. Der Name Metaphysik hat 



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266 VI. PSYCHOANALYSE UND WELTANSCHAUUNG. 

historisch nichts mit der Stellung zur objektiven Erkenntnis 
zu tun. Vielmehr stammt er aus der Äußerlichkeit, daß 
Andronikus von Rhodus die auf die obersten Prinzipien ge- 
richteten Schriften des Aristoteles hinter die auf die Natur 
gerichteten Werke stellte und ihnen den Titel „rd fuzä rä 
(pvatxd^ gab. Mit dieser Anordnung sollte zum Ausdruck 
kommen, daß die Lehre vom wahren Wesen auf Natur- 
erkenntnis gegründet sein müsse. Wenn K a n k und Sachs 
nur sagen wollen, daß die Metaphysik, je mehr sie sich von 
der Erfahrung entferne, desto mehr die Einmischung subjek- 
tiver Inhalte ausgesetzt sei, so kann ich ihnen recht geben. 
Wenn sie aber die Ansicht vertreten, daß die ganze Meta- 
physik der objektiven Begründung entbehre, so muß ich ihnen 
opponieren. Es ist auch sicher unrichtig, denselben Ein- 
wand gegen die ganze Religion zu erheben. Auch sie geht 
nicht nur von subjektiven, sondern auch von objektiven Er- 
fahrungen aus, und wenn sie auf primitiver Stufe animistisch- 
anthropomorph denkt, so tut es das primitive Naturwissen 
auch, und gerade die Psychoanalyse hat uns gezeigt, warum 
es so »ein muß. Neben der primitiven gibt es aber auch 
eine hochentwickelte Religion, die mitunter, wie in der 
Mystik und ihrem summum ens das Menschenförmige ganz 
abstreift, oder, wie in der Philosophie und systematischen 
Theologie des 19. Jahrhunderts (Biedermann, Schweizer, 
Lipsius, Pfleiderer) die Realitätskorrektur und die Be- 
gründung auf objektive Tatsachen sehr ernst nimmt. Wenn 
Gott als absolutes Ich, Indifferenz der Gegensätze, absolute 
Idee, Zentralmonade, actus purus u. dgl. bezeichnet wird, so 
enthalten diese Ausdrücke wohl weniger Anthropomorphismus, 
als die meisten naturwissenschaftlichen Termini. Ob man 
in der Namengebung den Anthropomorphismus ganz ver- 
meiden könne, ist sehr die Frage. 



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SILBEBEIL 267 



Und wenn die Religion schließlich auch auf die dem 
Menschen geltenden Lebensnormen abstellt, so folgen doch 
a.uch diese aus der Wirklichkeit, nämlich der Menschennatur. 
Ich glaube aber auch, daß die Einreihung des subjektiven 
Idealismus in die mythische oder mythologische System- 
bildung geschichtlich nicht gerechtfertigt ist. Denn mytho- 
logisch nennt man doch nur Grebilde, in denen Götter men- 
schenähnlich oder Menschen gottähnlich auftreten. Ich finde, 
daß auch dem subjektiven Idealismus der Titel „objektiver 
Erkenntnis** nicht ohne philosophische Beweisführung abzu- 
sprechen sei. 

Die Hauptsache aber ist, daß doch auch Rank und Sachs 
die Psychoanalyse nicht als Grerichtshof zur Beurteilung der 
Gültigkeit dieser oder jener philosophischen Anschauung auf- 
stellen. Damit haben sie, wie von so vielseitig gebildeten 
und scharfsinnigen Männern von vornherein zu erwarten stund, 
die Selbstbestimmung der Metaphysik gesichert, wenigstens 
derjenigen Metaphysik, die sich den Erfahrungstatsachen an- 
paßt. Offen ließen sie die Frage, wie die Metaphysik sich 
mit dem durch die Psychoanalyse als Methode entdeckten 
Sachverhalt abfinden werde. 

Herbert Silberer. 

In vorzüglich klarer und verständnisvoller Weise hat 
Silberer davor gewarnt, die Metaphysik im Namen der 
Psychoanalyse abtun zu wollen. Auch er schützt Freud vor 
dem Verdacht, die gesamte Ontologie und Kosmologie als 
wohlgefällige Selbstbespiegelung hinzustellen i). S i 1 b e r e r 
hebt hervor: „Wohl läßt sich durch psychoanalytische Unter- 



^) Wie Hitschmann es tut, Imago, II, S. 167. 



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268 VI. PSYCHOANALYSE UND WELTANSCHAUUNG. 

suchungen zeigen, wie im Einzehnenschen diese und jene auf 
Metephysisches gehenden Neigungen oder auch Vorstellungen 

entstehen ; aber damit läßt sich für das Wesentliche der 

metaphysischen Betrachtung selbst nichts entscheiden und 
noch viel weniger eine kritisch-idealistische Auffassung des 
Gegebenen ersetzen. Wenn ich psychoanalytisch das Zustande- 
kommen einer bestimmten, z. B. religiösen Vorstellung be- 
leuchtet habe, so habe ich einen psychologischen Vorgang 
verständlich gemacht, aber über den Wahrheitsgehalt oder 
den Wert der betreffenden Vorstellung nichts ausgemacht. Ein 
Ersetzen der Erkenntnistheorie durch Metapsychologie wäre 
so ähnlich, als wollte ich von einem Flusse, sagen wir, von 
der Donau, behaupten, sie sei eigentlich nur das nach außen 
projizierte Symbol meiner Urethralerotik und die Fische darin 
seien gar nichts weiter als bloße Penis- und Spermatozoen- 
symbole. Will man von Metaphysik oder Erkenntnistheorie 
sprechen, so muß man sie auf Voraussetzungen (logische Denk- 
notwendigkeiten) gründen, welche von einer individuellen 
Psyche ebenso unabhängig sind, wie die Donau und die Fische 
darin." Es folgt eine Reihe von lobend angeführten, wenn 
aiüch nicht unbedingt übernommenen Zitaten aus den sogleich 
zu besprechenden Arbeiten von Putnam. Über die positiven 
Beziehungen zwischen Psychoanalyse und Philosophie hat 
sich Silberer ' leider nicht ausgesprochen. 

ß) Metaphysische Vorstöße von psychoana- 
lytischer Seite. 

James Putnam. 

Den ersten und bis heute weitaus gründlichsten Ver- 
such, die Wegmarken abzustecken, nach welchen der Psycho- 



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PÜTNAM. 269 



analytiker sich zu richten hätte, verdanken wir James 
Putnam. Auf dem dritten Kongreß der Internationalen 
psychoanalytischen Vereinigimg zu Weimar (am 22. Septem- 
ber 1911) behandelte er in einem gedankenschweren Vortrag 
„die Bedeutung philosophischer Anschauimgen und Ausbil- 
dung für die weitere Entwicklung der psychoanalytischen Be- 
wegung i)". Ein treuer und durch sorgfältige Nachprüfungen 
überzeugter Anbänger Freuds, sucht der philosophisch fein- 
gebildete Neurologe von der biogenetischen Einzelforschung, 
die bei einzelnen Motiven stehen blieb, zur Natur des Lebens- 
vorganges als eines Ganzen vorzudringen. (104.) Dabei gibt 
er aber der Metaphysik eine eigentümliche Stellung: Wenn 
wir uns als Seelenkenner ausbilden wollen, so sollten wir 
die Seele selbst als Ausgangspunkt wählen; die gewöhnliche 
psychologische Ausbildung ist darum ungenügend, weil sie 
der Philosophie zu wenig Rechnung trug. (107.) Der Geist 
an sich ist selbsttätige Kraft, fähig, sich selbst zum Objekt 
zu machen; er muß notwendigerweise eine dem Denken 
analoge Einheit in der Außenwelt verlangen und verwirft 
instinktiv den Begriff eines Weltalls, welches aus zwei wider- 
streitenden Wirklichkeitsarten bestünde, folglich muß das 
einzig Wirkliche in der Welt diese selbsttätige geistige Energie 
sein, und der geistige Monismus besteht zu Recht. (107.) 
Der Körper ist somit auch nur geistige Energie. Durch solche 
Betrachtungen lernen wir auch den Willen besser zu verstehen 
und vielleicht höher zu schätzen. Gewännen wir dabei neue 
Anhaltspunkte für die Ethik, (besonders) die Verantwortlich- 
keitslehre, so wären wir reichlich belohnt. (108.) Wollen 
wir als Seelenkenner im weitesten imd edelsten Sinne des 
Wortes anerkannt werden, so müssen wir uns zu Gunsten 



1) Imago, I, Heft 2. 



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270 VI. PSYCHOANALYSE UND WELTANSCHAUUNG. 

dieser oder jener Weltanschauung aussprechen. Und zwar 
sollte man einsehen, daß das Wesentliche bei jedem Ent- 
wicklungsgang die besprochene selbsttätige Energie ist, die 
selbst keiner Entwicklung bedarf. (108.) Bergson zeigte 
dies schlagend an der tierischen Entwicklung, nur darf man 
über ihn hinausgehen, indem man zeigt, wie jene selbsttätige 
Energie, die an der Spitze aller Evolution steht, als Selbst- 
bewußtsein wieder zum Vorschein kommt. (109.) So gelangt 
Putnam zu einer Metaphysik, die mit Hegel und Berg- 
son grundsätzlich übereinstimmt. Das Wesentlichste an ihr 
ist, daß nicht die gewissermaßen von selbst vor sich gehende 
Körperentwicklung zur Seelenentwicklung führt, sondern daß 
im Gegenteil die selbsttätige Energie (die als geistig zu den- 
ken ist) von Anfang an ihren Einfluß ausübt. Erblickt man 
in den Welterscheinungen seine eigenen geistigen Strebungen, 
erkennt man im Weltall sein ideales Ich, seine Ethik, seine 
Vernunft, seine tiefsten Ahnungen, seine I^ogik wieder, so 
hat man eine geschlossene Weltanschauung gewonnen (111), 
bei welcher man sich nicht nur gefühlsmäßig in die Ge- 
heimnisse der Welt einlebt, sondern auch hineindenkt. 

Putnam untersucht auch die Tatsache, warum so man- 
cher Psychoanalytiker sich der Bildimg einer Weltanschau- 
ung widersetze, und gelangt zu dem Schlüsse, daß gerade 
der Positivismus auf Verdrängung beruhe. Das in jedem 
ruhende dunkle Gefühl, daß sein Schicksal aufs innigste mit 
dem der Welt verknüpft sei, ist einerseits verdrängt, weil 
es geheimnisvoll und nicht klar begriffen ist, „anderseits ist 
es indessen eng verbunden mit einer dunklen Erkenntnis der 
Tatsache, daß unser Geist und unsere Seele die bedeutsamsten 
in uns liegenden Kräfte sind, imd daß die Arbeit unserer 
Intelligenz und moralischen Entwicklung im kleinen und un- 



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PUTNAM. 271 



vollkommen die Arbeit derjenigen Energien daxstellt, durch 
welche das Weltall geschaffen wurde und erhalten wird". (112.) 
Dieser Gredanke gehört zum Urstoff der Seele und alles Er- 
lernen ist nur ein Herausarbeiten des Urstoffes. Jene Ahnun- 
gen und Regungen hat der Mensch verdrängt, weil man sich 
nicht gern unter dem Einfluß bedeutender, uns nicht genau 
verständlicher Kräfte fühlt, und weil die Naturwissenschaft 
des letzten Jahrhunderts religiöses Denken verhinderte, ob- 
wohl die Religionen trotz ihrer Mängel jederzeit die poetische 
Seite einer wirklich wissenschaftlichen Einsicht in das Ge- 
heinmis des Lebens vertraten. (113.) 

Allein was geht dies alles den Psychoanalytiker an? 
Putnam sagt: Der psychoanalytische Einblick in die Seelen- 
tätigkeit kann nicht gut verstanden werden, ohne daß ihrer 
eigentlichen Natur und ihrer Beziehungen zu den anderen 
weltlichen Erscheinungen genügend Rechnung getragen werde. 
(117.) Wie dies der Fall ist, wie das positive psychoanaly- 
tische Wissen durch den gerügten Mangel beeinträchtigt, 
durch eine vorausgeschickte philosophische Seelenlehre aber 
gemehrt wird, wird leider nicht gezeigt. 

Ich erinnere mich noch lebhaft des Eindruckes, den der 
Vortrag Putnam s hervorrief: Auf der einen Seite stunden 
die Hörer ehrfurchtsvoll unter dem Eindruck einer tiefschür- 
fenden, geistvollen, von edelster Gesinnung durchglühten Lei- 
stung. Auf der anderen Seite aber hatte die Fülle der eng- 
lisch vorgetragenen Gedanken eine gewisse Verwirrung hinter- 
lassen, aus der nur wenige Vermutungen hervorragten. Fe- 
renczi gab in der bereits verwerteten Arbeit Bedenken 
Ausdruck, die von vielen der Anwesenden geteilt wurden. 
Allein er verstund die Philosophie ganz anders, als Putnam, 



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272 VI. PSYCHOANALYSE UND WELTANSCHAUUNO. 

der die Metaphysik als Wissenschaft, oder, wie er unzutref- 
fend sagt, als wissenschaftliche Methode verstund i). 

Zwei Mängel sind an Putnams sehr verdienstvoller Ar- 
beit zu beanstanden : Er hat den Begriff der philosophischen 
Anschauungen, damit auch der Metaphysik nicht so klar 
herausgearbeitet, daß ihre Beziehungen zu den exakten Wissen- 
schaften klar hervortraten, denn mit den Sätzen, daß die 
Philosophie es mit dem Wesen des Greistes, für sich allein 
behandelt, zu tun habe (529), und daß sie der empirischen 
Seelenforschung vorangehen müsse, gibt sich niemand zu- 
frieden. Femer zeigte er zu wenig, wie jene philosophischen 
Anschauungen auf die psychoanalytische Forschung einwir- 
ken müssen. Warum die Psychologie erst abzuwarten habe, 
bis die Metaphysik ihr eine Seelenlehre präsentiere, ist ebenso- 
wenig erklärt, wie die andere Frage, worauf denn die Meta- 
physik, die der exakten Seelenlehre vorangehe, ihre philo- 
sophischen Aussagen über diesen nämlichen Gegenstand 
eigentlich stütze. Ferenczi hatte völlig recht, wenn er 
sich gegen diese dunkle Metaphysik, die mit dem Anspruch 
einer Siegerin einzieht und gebieterisch verlangt, daß die 
Erfahrungswissenschaft sich in ihren Triumphzug einfüge, 
skeptisch verhielt. Putnam ließ außer Betracht, was für 
schlechte Erfahrungen die Psychologie in der langen Zeit 
machte, da sie im Garn der Metaphysik zappeln mußte. Es 
ist zuzugeben, daß die Psychoanalyse als Methode ohne jeg- 
liche Rücksicht auf Metaphysik angewandt werden kann, und 
daß Materialisten, Idealisten und Agnostiker genau dieselben 
exakten Ergebnisse erzielen werden. Aber man muß auch 
zugeben, was Ferenczi erfreulicherweise tut, daß der psycho- 

1) Antwort auf die Erwiderung des Herrn Dr. Ferenczi, Imago, 
II, S. 527. 



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JUNG. 273 



analytischen Forschung aus der Philosophie neue Gesichts- 
punkte, neue Erkenntnisse erwachsen (a. a. O. 519). Wie 
diese beiden Betrachtungsweisen sich vertragen, wie die Er- 
fahrungswissenschaft relativ frei, relativ (als Empfängerin) 
abhängig ist, hat Putnam nicht gezeigt. Er behandelt 
die Weltanschauung als Urstoff der Seele, aJs dunkles Gre- 
fühl, das selbstverständlich recht habe und nur zur klaren 
Erkenntnis erhoben werden müsse. Taucht hier nicht eine 
posthume Schwester der ideae innatae auf? Ich fürchte, daß 
es ihr nicht besser ergehen wird, als den armen angeborenen 
Ideen, denen Locke den Todesstoß versetzte und fast alle 
neueren Philosophen den Grabstein schmückten. Bei aller 
Hochschätzung des ausgezeichneten Neurologen und Men- 
schen Putnam kann ich seinen fragmentarischen Andeu- 
tungen und vor allem ihren Begründungen nicht beipflichten, 
so nahe sich sein metaphysisches Resultat mit dem meinigen 

berührt. 

C. G. Jung. 

Während Putnam vorgängig aller Psychoanalyse aus 
dem Wesen des Geistes seine Philosophie ableitet, der die 
Analyse sich einzuordnen hat, baut Jung seine metaphysi- 
schen Gedanken umgekehrt auf psychoanalytischen und bio- 
logischen Erfahrungen auf. Allerdings dringt er nicht bis 
zu einer Weltanschauung vor. Was er gibt, ist nur eine 
Theorie der „Libido", und zwar nicht einmal eine philosophisch 
abgeklärte Theorie, wie er selbst ausdrücklich erklärt i). 
Allein die Libido im Sinne Jungs ist eine transempirische, 
folglich metaphysische Größe, und darum werden wir uns 
kurz mit ihr befassen. 



1) Wandlangen und Symbole der Libido, Jahrbuch für psyohoanalyt. 
und Psychopath. Forschungen, IV. Bd., S. 178. 

Dl. Pfiiter, PtyobuuOjte. 18 



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274 VI. PSYCHOANALYSE! UND WELTANSCHAUUNG. 

Freud faßte die Libido als psychische Seite des Ge- 
schlechtstriebes. Jung erweiterte 1912 den Begriff aus 
Gründen, die hier nicht angegeben werden können, indem er 
gleichzeitig dem Sexualtrieb ein viel engeres Gebiet zuge- 
steht, als Freud. Dieser läßt die Sexualität schon im Säug- 
ling eine große Rolle spielen, Jung nennt die Periode von 
der Geburt bis zum dritten oder fünften Lebensjahr die vor- 
sexuelle Entwicklungsstufe. (189.) Allein schon in dieser 
Zeit gab es „Libido", denn hierunter soll nichts anderes ver- 
standen werden, als „die Energie, die sich im Lebensprozeß 
manifestiert und die subjektiv als Streben und Begehren wahr- 
genommen wird!)". Die „Libido" ist somit nicht sexueller 
Natur, sie ist überhaupt nichts Konkretes, sondern „geradezu 
ein X, eine reine Hypothese, ein Bild oder Kechenpfennig, 
ebensowenig konkret faßbar, wie die Energie der physikali- 
schen Vorstellungswelt 2)". Diese rein energetisch gedachte 
„Libido" findet sich schon bei den Protisten, und zwar, wie 
Jung wiederholt, als Propagationstrieb 3). Die „Libido" ist 
es, die als Wachstumsenergie die Individuen zu Teilung, 
Sprossung usw. veran^ßt und deswegen wiederholt „sexuelle 
Urlibido" genannt wird*), allein auch hier haben wir es mit 
bestimmten Anwendungen der an sich asexuellen „Libido" 
zu tun. 

Auf diese Andeutungen müssen wir uns hier beschränken, 
da Jung sich in die Philosophie nicht tiefer eingelassen hat. 
Auch in der Kritik müssen wir uns auf wenige Punkte be- 



1) Versuch einer DarsteUung der psychoanal. Theorie, Jahrbuch V, 
Seito 342. 

2) Jahrb. V, S. 312. 
8) Jahrb. IV, S. 177. 

*; Jahrb. IV, S. 180; Jahrb. V, S. 343. 



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JUNG. 275 



schränken. Daß Jung den Ausdruck „Libido", dem Freud 
eine ganz bestimmte Bedeutung gegeben hatte, in einem 
ganz anderen Sinne gebraucht, kann ich nicht billigen. Eine 
bedenkliche terminologische Verwirrung war die leicht vor- 
auszusehende Wirkung. Sogar Jungs eigene Schüler be- 
dienen sich des Wortes bald in dem Sinne Freuds, bald in 
demjenigen Jungs i). Was die Bearbeitung des Begriffes 
selbst anbetrifft, so ist dieselbe nicht originell. Die An- 
nahme eines Triebes, der selbst noch nicht sexuell ist, wohl 
aber in Sexualfunktionen eingeht, stammt von niemand anders, 
als Freud, der ausdrücklich erklärt, die „Partialtriebe", die 
in ihrer Gesamtheit die Libido konstituieren, seien nichts 
Primäres, sondern stammen aus einem an sich nicht sexuellen 
„Trieb", der erst durch Reize aus erogenen Organen sexuell 
wird 2). Die positivistische Denkweise, wir können auch 
sagen: die Vorsicht des Empirikers, bewahrt Freud vor dem 
Versuch, die Fäden dieses Triebes, sowie der erogenen Or- 
gane weiter zurück zu verfolgen. Allerdings weiß auch Freud, 
daß der Mensch in seiner sexuellen Entwicklung den phylo- 
genetischen Werdegang wiederholt 3), allein die Lückenhaf- 
tigkeit unseres entwicklungsgeschichtlichcn Wissens verhin- 
dern ihn, sich über die Natur des präsexuellen „Triebes" und 
sein Zusammentreffen mit den Organreizen des näheren zu 
äußern. Daß auch er beide Quellen des Sexualtriebes aus 
einer gemeinsamen unterirdischen Wasserader herzuleiten ge- 
neigt ist, dürfte nicht schwer zu erraten sein. Jungs 



1) Vgl. meinen Aufsatz: „Ist die Brandstiftung ein archaischer 
Sublimierungsversuch ?" Internationale Zeitschrift für ärztliche Psycho- 
analyse, III. Jahrg., 3. Heft. 

2) Freud, Drei Abhandlungen zur Sexual theorie, 2. Aufl., S. 30. 

') Freud, Vorlesungen zur Einführung in die Psychoanalyse, S. 409. 

18» 



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276 VI. PSYCHOANALYSE UND WELTANSCHAUUNG. 

sexuelle Urlibido halte ich noch immer für ein termino- 
logisches Ungetüm 1). Wie kann man den Propagationstrieb 
„sexuell" nennen, wenn doch die „Sexualität" das letzte An- 
wendungsgebiet der Libido ist und hier erst der Terminus 
Libido seine Berechtigung erlangt? (IV, 180.) Und wie kann 
man von einer sexuellen Urlibido reden, wenn hinter ihr 
eine asexuelle Ur- Urlibido steckt? 

Für die metaphysische Ausweitung des Libidobegriffes 
ins Kosmische beschränkt sich Jung selbst auf das Zeugnis 
Schopenhauers. Eine Auseinandersetzung ist daher 
nicht möglich. 

Dagegen läßt sich nicht weniges aussagen gegen Jungs 
negative Metaphysik, die in der Ablehnung der Existenz Gottes 
liegt. In seiner Schrift „Die Psychologie der unbewußten 
Prozesse" behauptet nämlich der Verfasser, die Frage nach 
der Existenz Gottes gehöre „zu den dümmsten Fragen, die 
man stellen kann". (91.) Die Gottesidee gehört zu den „ur- 
tümlichen Bildern", diesem alten menschlichen Gemeingut, 
über welchem die größten und besten Godanken der Mensch- 
heit sich bilden. (91.) Nimmt Jung mit dieser These ein- 
fach Putnams Satz vom „Urstoff der Seele" herüber, so 
hängt er ihm alsbald eine psychologisch falsche, in jAilo- 
sophischer Hinsicht negativ dogmatische Behauptung an: 
„Man weiß doch hinlänglich, daß man sich einen Gott nicht 
einmal denken kann, geschweige denn sich vorstellen, daß 
er wirklich existiere, sowenig wie man sich einen Vorgang 
denken kann, der nicht notwendig kausal bedingt wäre." (91.) 
Ein Blick auf die Religionsgeschichte zeigt, daß man sich 
nie innerhalb des religiösen Bewußtseins Gott vorstellen und 
denken konnte, ohne seine Existenz anzunehmen. Wenn 

1) Vgl. mein Buch: Die psychanalyt. Methode, S. 1401 



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JUNG. 277 



Jung als Grund der Undenkbarkeit Gottes die Aseität an- 
gibt, die dem Postulat der kausalen Bedingtheit zuwider- 
laufe, so hat er sich nicht klargemacht, daß dasselbe Ar- 
gument auch andere Begriffe und Ideen stürzen müßte, die 
auf demselben Erkenntnisweg (in philosophischer Hinsicht) 
zu Stande kamen, z. B. den Substanzbegriff, das Atom, die 
Materie. Auch bei ihnen geht man von gewissen Erschei- 
nungen aus, deren Ursachen man sucht; dann klettert man 
eine unendliche Leiter von Ursachen hinan, die sich beim 
Betreten sofort wieder in Wirkungen verwandeln, aber man 
bleibt aus Gründen, die ich jetzt nicht zu entwickeln brauche, 
bei einer ersten Ursache stehen. Natürlich enthält dieses 
gedanklich Letzte, ontologisch Erste Denkschwierigkeiten, 
aber sind sie etwa geringer, als die Leugnung dieser Begriffe? 
Hat irgend jemand die Energetik als System so durchführen 
können, daß weniger Schwierigkeiten übrig blieben? Offen- 
bar auch nicht. Jung muß sich auch sagen, daß seine Be- 
rufung auf Schopenhauers Metaphysik so lange wenig 
Eindruck macht, als er ihre allgemein zugestandenen großen 
Schwächen nicht zu überwinden unternimmt. 

Der falsche Psychologismus Jungs liegt darin, daß er 
die Gottesidee nur als „schlechthin psychologische Funktion 
irrationaler Natur" ins Auge faßt (91) und die Frage nach 
ihren objektiven Erkenntnisquellen außer acht läßt. Wäh- 
rend Putnam seinen „Urstoff der Seele" in einer Art be- 
handelt, die beinahe an den alten Supranaturalismus anklingt, 
wenn sie auch anders gemeint sein dürfte, und mit dem 
Nimbus des Geheimnisvoll-Mystischen umgibt, meint Jung 
mit der psychologischen Annahme eines autosymbolischen 
Prozesses auszukommen. Dieses Verfahren ist ebenso un- 
erlaubt, wie wenn man schlösse: „Die Ägypter dachten die 



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278 VI. PSYCHOANALYSE UND WELTANSCHAUUNG. 

Sonne aLs Barke; damit projizierten sie ein Produkt ihrer 
Technik an den Himmel, auch enthält der Begriff der Sonnen- 
barke Widersprüche; folglich gibt es keine Sonne." Daß die 
Gottesidee unzähligemal Realitätskorrekturen erfuhr, die dem 
individuellen Wunschprinzip zuwiderliefen, kann niemand 
leugnen, der die Religionsgeschichte kennt. Indem Jung 
alle objektiven Erkeimtnisquellen der Religion ignoriert und 
damit, um in seiner Sprache zu reden, die Religion von der 
Objektstufe auf die Subjektstufe herunterreißt, hat er höchst 
voreilig gehandelt. Wenn man sieht, mit welchem riesigen 
Aufwand von Scharfsinn, umfassendem Wissen und system- 
bildender Kraft alle großen Philosophen mit Ausnahme 
Schopenhauers bis auf einen Wundt, Eucken, Berg- 
son, diese objektiven Erkenntnisquellen untersuchten und 
aus ihnen mit logischer Stringenz die Gottesidee herleiteten, 
so kann man sein Erstaunen über die Schnellfertigkeit Jungs 
nicht unterdrücken. 

Alphonse Maeder. 

Auch Ma Oders Metaphysik ist im Grunde nur philo- 
sophische Bearbeitung der „Libido"-Lehre. Auch sie ver- 
zichtet auf erkenntnistheoretische Fundamentierung und über- 
läßt den größten und schwierigsten Teil des Gedankenauf- 
baues den Philosophen, von denen Bergson Maeder am 
nächsten steht, offenbar noch näher als Putnam, der dem 
begrifflichen Denken mehr zutraut und zumutet, als Berg- 
son und Maeder 1). 

Was Maeder von seinen Vorgängern unterscheidet, ist 
eine genauere Auseinandersetzung zwischen Vitalismus und 
Mechanismus, Libidotheorie und Energieprinzip. Aus Traum- 



1) Imago, I, S. 111. 



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MAEDER. 279 



analyse und Heilungsvorgang schließt er auf teleologische 
Lebensvorgänge, die sich unmöglich mit der mechanischen 
Lebensauffassung vereinigen lassen i). Die physikalisch-che- 
mische Forschung, die der Physiologie wertvolle Dienste lei- 
stete, konnte das eigentlich Lebendige, Vitale so wenig als 
das spezifisch Psychische in seiner Essenz erfassen. (48.) 
„Der Vergleich des Organismus mit der Maschine zeigt uns 
nur das Gemeinsame zwischen dem Leben imd dem durch 
den menschlichen Geist geschaffenen Mechanismus; er lehrt 
uns aber nichts über die autonome Tätigkeit und die un- 
unterbrochene Svnthese, die das Leben darstellt. Der Or- 
ganismus baut sich selbst auf, indem er lebt; im Gegensatz 
zur Maschine, die sich durch den Gebrauch nur abnützt. Der 
Muskel stärkt sich durch Übung." (48.) „Die vitale Tätig- 
keit schafft das Organ, während die Maschine nur die 
Energie, die der Mensch gesammelt und ihr zugestellt hat, 
zu verbrauchen vermag." (Ebenda.) „Die schöpferische Tä- 
tigkeit überragt im Organismus und ganz speziell in der 
Psyche den Energieverbrauch." (50.) Daraus folgt: „Die 
zwei Grundgesetze der Energie und der Entrojüe genügen nicht, 
um das spezifisch Biologisch-Psychologische zu erfassen. 
Letzteres wird von einem neuen, dem dritten Grundgesetz 
beherrscht Der Degradation der Materie und der Ener- 
gie ist die Entwicklung und Steigerung des Lebensprozesses 
entgegenzustellen." (48.) Die Entropie, welche den Tod der 
Menschheit und des organischen Lebens überhaupt zur Folge 
hätte, ist nicht die Herrscherin der Welt ; das Entropiegesetz 
gilt, so richtig es auch in seinem beschränkten Anwendungs- 
gebiet ist, für das Biologisch-Psychologische nicht, es geht 

1) „Heilung und Entwicklung im Seelenleben. Die Psychoanalyse, 
ihre Bedeutung für das moderne Leben." Zürich, Rascher, 1918, S. 47. 



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280 VI. PSYCHOANALYSE UND WELTANSCHAUUNG. 

des eigentliche Leben nichts an. (51.) Nicht mehr natur- 
philosophiscb, sondern metapsychologisch in dem später dar- 
zutuenden Sinne findet Mae der die Brücke vom Individuum 
zum Kosmos. 

In diesen Ausführungen folgt Mae der, wie Jung, den 
Spuren Putnams. Auch dieser Anhänger Bergsons hatte 
die energetische Betrachtungsweise i) als unzulänglich er- 
funden, um die Welt zu erklären, und das biogenetische Prin- 
zip als unanwendbar für die Untersuchung der wesentlichen 
Eigenschaften des Geistes. (106.) Auch Putnam befaßte 
sich mit der kosmischen Bedeutung der Energieerhaltung und 
kam zu dem Ergebnis, daß durch jeden Willensimpuls neue 
Energie geschaffen werde (1161) Maeders Sätze laufen wohl 
auf dasselbe Ergebnis hinaus, nur daß es die Steigerung und 
Entwicklung des Lebensprozesses ist, welche da lenkend, 
schirmend und stützend einspringt, wo die Energie degradiert 
zu werden Grefahr läuft. 

Dieser metaphysische Gedanke wird nun aber bei Mae- 
der ein wenig deutlicher, als bei Putnam begründet, und 
zwar durch einen Vergleich zwischen Maschine und Orga- 
nismus. Ich sehe aber nicht ein, daß die Aufgabe über- 
zeugend gelöst sei. Der Organismus soll sich selbst auf- 
bauen, indem er lebt, die Maschine aber sich durch den Ge- 
brauch nur abnützen. Wenn ein Laie hierüber etwas sagen 
darf, so sei die Bemerkung erlaubt, daß mir beides nicht 
richtig zu sein scheint. Überanstrengung, Alter und Tod 
beweisen doch wohl sattsam, daß auch der Organismus sich 
durch das Leben nicht nur aufbaut, und viele neue Ma^ 
schinen werden erst durch längeren Gebrauch richtig lei- 
stungsfähig. Ich halte es nicht für einen Fortschritt, mit 

i) Imago, I, S. 112, 630. 



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MAEDER. 281 



SO schwachen Argumenten den alten Vitalismus, der be- 
kanntlich die Physiologie so lange störte und schädigte, 
wieder aufzuwärmen. Ich begreife ja, daß Mae der bei der 
ihm auferlegten Kürze nicht gründlich auf die Sache ein- 
gehen konnte, aber wenn er sich doch auf eine Begründung 
einläßt, so sollte sie doch zutreffend und beweiskräftig sein, 
was sie leider nicht ist. 

Für verfehlt halte ich ganz besonders die Behauptung, 
daß sich die mechanistische Lebensauffassung mit der teleo- 
logischen Lebensauffassung nicht vereinigen lasse; die vitale 
Tätigkeit schaffe das Organ, während die Maschine nur die 
ihr zugeteilte Energie verbrauche. Wo läge da ein Wider- 
spruch zwischen teleologischer Vitalbetrachtung imd kausaler 
Energetik vor? Die „vitale Tätigkeit" schafft doch sicher 
nicht aus dem Nichts, sondern übernimmt die aus der Um- 
gebung zufließenden Energien, ebenso gibt die Maschine 
Energie weiter, ohne etwas von ihr zu vernichten. In beiden 
Fällen fragt es sich sehr, ob die in jenem Lebewesen und 
seiner Umgebung, wenn wir beide zusammen als isoliertes 
Ganzem denken, vorhandene Energiemenge eine quantitative 
Veränderung erleidet. Es fragt sich auch sehr, ob die auf 
einen Organismus einwirkenden Energien auf solche stoßen, 
die nicht selbst wieder nach chemisch-physikalischer Gesetz- 
mäßigkeit ihren Einfluß ausüben. Die Physiologie hat jeden- 
falls solche der Naturkausalität entzogene Energien noch 
niemals nachweisen können. Daß aus irgend einem Jenseits 
Energien in die bisher als geschlossen gedachte Naturkausa- 
lität herüberhüpfen, ist eine Hypothese, die schwerwiegende 
Bedenken gegen sich hat. Nimmt man mit Putnam an, 
daß der Menschenwille solcho Energien abgibt, so wird offen- 
bar die Psyche selbst materialisiert. 



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282 VL P8YCH0AXALY3E UND WELTANSCHAUUNG. . 

In Wirklichkeit besteht zwischen der mechanischen und 
teleologischen Weltauffassung nicht der von Maeder an- 
gegebene Widerspruch. Es ist richtig, daß man mit der me- 
chanischen Betrachtung allein weder den Organismus, noch 
das psychische Leben verstehen kann, und wer sich darüber 
Rechenschaft ablegte, wie die (stets auf einem Abstraktions- 
prozeß beruhende) mechanistische Betrachtung zu stände 
kam, wird sich über diese Tatsache nicht wundem. Aber 
deswegen muß noch lange nicht ein Widerspruch zwischen 
teleologischer und mechanistischer Auffassung statuiert \^er- 
den. Ich habe mich hierüber ausführlich in meinem Buche 
über die Willensfreiheit i) ausgesprochen; den Streit der 
kausalen und teleologischen Weltbetrachtung sowie seine Lö- 
sung behandelt vorzüglich Wundt in seinem „System der 
Philosophie 2)". Vielmehr handelt es sich nur um zwei ein- 
ander ergänzende Standpunkte der Betrachtung. Gegen das 
Resultat Maeders ist damit jedoch nichts ausgesagt. 

IL Grundsätzliche Erörterung der Beziehungen 
von Psychoanalyse und Metaphysik. 

Nur in Andeutungen kann ich hier zeigen, wie Psycho- 
analyse und Metaphysik sich gegeneinander zu verhalten 
haben. Wir gehen dabei vom Begriff der Erfahrungs Wissen- 
schaft und des Positivismus aus. 

Die psychoanalytische Forschung als Erfahrungswissen- 
schaft sucht in Ergänzung der Bewußtseinsanalyse die un- 
bewußten Triebfedern und Motive des Seelenlebens zu er- 
kennen. Es kommt ihr darauf an, ein durchaus zuverlässiges, 



1) Seite 282—314. 

») Zweite Auflage, S. 308—340. 



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PSYCHOANALYSE UND METAPHySlK. 283 

weil zutreffendes Wissen vom psychischen Sachverhalt zu 
gewinnen. Nun fragt es sich, ob zu diesem Zwecke ein meta- 
^physischer Wegbereiter ihr von nöten ist, wie Putnam 
fordert. ' 

Niemand wird zugeben, daß der amerikanische Gelehrte 
die Notwendigkeit einer solchen präpsychologischen Meta- 
physik nachgewiesen habe. Es liegt ihm gänzlich fem, zu 
behaupten, daß Freuds empirisch gewonnene Theorien falsch 
seien. Im Gegenteil wird er nicht müde, die (ametaphysisch 
erworbene) Bereicherung unserer Kenntnis des menschlichen 
Seelenlebens der Psychoanalyse nachzurühmen. Seine eigenen 
Auslassungen über die zeitlich und logisch voranzustellende 
Metaphysik geben denn auch nirgends Anlaß, die längst er- 
fahrungswissenschaftlich festgestellten Ergebnisse zu korri- 
gieren. 

Machen wir uns doch einmal klar, worin das Wesen der 
Metaphysik liegt! Warum bleiben wir denn nicht beim Posi- 
tivismus stehen und begnügen uns mit einer Erkenntnis der 
Phänomene und ihrer gesetzmäßigen Zusammenhänge? Die 
Populärwissenschaft unserer Halbgebildeten versteht nicht, 
warum man sich so viele Mühe macht und nicht ganz ein- 
fach bei der „Erfahrung" halt macht. 

Der Grund liegt darin, daß dasjenige, was wir Erfahrung 
nennen, eine bunte Mischung von Schein und Sein, von Wahr- 
heit und Irrtum darstellt, daß aber alle klaren Köpfe einen 
starken Drang verspüren, aus diesem Gemisch zu wirklicher 
Erkenntnis durchzudringen. Aus diesem Grunde untersuchten 
sie die Möglichkeit einer Erkenntnis, ihre Grenzen, ihre Hilfs- 
mittel. Mathematiker, wie d'Alembert, Physiker, wie Ernst 
Mach, Physiologen, wie Helmholt z, Soziologen, wie 
Auguste Comte, Zoologen, wie Hacke 1, sowie eine un- 



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284 VI. PSYCHOANALYSE UND WELTANSCHAUUNG. 

absehbare Menge anderer Forscher, die in der Erkenntnis 
der Tatsachen bahnbrechend wirkten, wurden durch ihren 
Erkenntnistrieb, ihre innere Nötigung, den Tatsachen gerecht 
zu werden, auf Erkenntnistheorie hingedrängt. Wer diese 
philosophische Arbeit für ein müßiges Spiel wirklichkeits- 
fremder Phantasten und Grübler hält, verrät damit eine er- 
staunliche Unbildung. 

Derselbe Erkenntnis trieb auferlegte die Nötigung, Meta- 
physik zu treiben. Auf die Frage, warum man denn nicht 
bei der ametaphysischen, rein erfahrungsmäßigen Erkennt- 
nis stehen bleibe, gibt es nur eine Antwort: Weil es eine 
solche niemals gegeben hat und niemals geben kann. Was 
man „Erkenntnis" nennt, enthält jederzeit sehr viele Inhalte, 
die keine Erfahrungsinhalte sind. Die Erfahrung hat es mit 
Erscheinungen zu tun; diese aber enthalten, wie schon der 
Name andeutet, Schein. Der naive Realismus, der annimmt, 
in seinen Wahrnehmungen die Außenwelt an sich zu be- 
sitzen, ist wissenschaftlich unhaltbar. Die Optik entzieht 
bekanntlich die Farbe, die ja nur eine Empfindung ist, den 
sichtbaren Gegenständen und weist sie als nur subjektives 
Erlebnis aus. Die „Erfahrung" sagt: Der Zucker ist weiß 
und süß. Der Physiologe kommt und spricht: Weiß ist eine 
Empfindung, der Zucker hat keine Empfindung und ist keine 
Empfindung; die Empfindung „süß" kommt nur in einem 
empfindenden Subjekt vor und existiert außerhalb seiner so 
wenig, wie ein Zahnweh, das niemand hat. Ebenso verhält 
es sich mit der Farbe, Härte usw. Und so werden nun auch 
Raum und Zeit, die Elemente der Wirklichkeit bis hinauf zu 
den höchsten Gegenständen der Metaphysik untersucht. 

Die Metaphysik ist im Grunde nichts anderes, als eine 
wissenschaftliche Fortsetzung des Verfahrens, das schon in 



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PSYCHOANALYSE UND METAPHYSIK. 285 



der naiven Erfahrung und primitiven Erkenntnis überall an- 
gewandt wird und jederzeit angewandt werden muß. Jede 
Erfahrung enthält elementare, kindliche Metaphysik. Aus- 
drücke, wie Ursache, Kraft, Gresetz usw. sind durch und durch 
metaphysischer Art, denn wie seit Hume jedermann wissen 
muß, sind diese Bogriffe keineswegs Ergebnis wirklicher oder 
„reiner" Erfahrung. Auch die Naturwissenschaft arbeitet auf 
Schritt und Tritt mit transempirischen Begriffen, wie Atom, 
Materie, Substanz, Elektron, Energie usw. Erkenntnistheorie 
und Metaphysik abschaffen, hieße der Naturwissenschaft den 
Todesstoß versetzen oder sie der Naivität ausliefern. Da man 
bei Ärzten leider nicht selten eine Verachtimg der Philo- 
sophie antrifft — bei Psychoanalytikern allerdings glück- 
licherweise nur sehr selten — , so sei darauf hingewiesen, daß 
eine Reihe der tüchtigsten Philosophen, wie Helmholt z, 
Hermann Lotze, Wilhelm Wundt, ursprünglich Mediziner 
waren und als solche durch den Zwang des logischen Den- 
kens in die Philosophie hineingenötigt wurden. Man hat 
somit, wenn man auf gründliche Wissenschaft Anspruch er- 
hebt, nicht die Wahl, ob man Metaphysik treiben will, oder 
nicht, sondern höchstens die Wahl zwischen kindlicher und 
methodisch strenger Metaphysik. 

Antimetaphysische Denker, wie Ernst Mach und mein 
unvergeßlicher Lehrer Avenarius, müssen sich eine höchst 
anfechtbare Erkenntnislehre zurechtzimmern, um ihren Stand- 
punkt behaupten zu können. Ich habe noch nie einen Psycho- 
analytiker getroffen, der diese Systeme angenommen hätte; 
daher trete ich auf sie nicht ein und bemerke nur, daß ich 
die Kritik von Wundt und Külpe für zutreffend haltet). 

J) Vgl. mein Buch: Die Willensfreiheit, S. 237 f.; Wundt, Philos. 
Studien, Bd. XIII, S. 44—106; Einleitung in die Philos., S. 285—300; 
Külpe, Die Philosophie der Gegenwart in Deutschland, S. 14 — 32. 



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286 VI. PSYCHOANALYSE UND WELTANSCHAUUNG. 



Die Metaphysik ergibt sich demnach aus der Erfahrungs- 
wissenschaft zufolge des Bedürfnisses, Sein und Schein zu 
unterscheiden und die Erfahrungsgegenstände auf ihre Her- 
kunft und ihren Zweck zu prüfen. Ihre erkenntnistheoretische 
Grundlage habe ich früher einläßlich untersucht^). Ich de- 
finiere demzufolge die Metaphysik als diejenige 
Wissenschaft, welche die in den Erfahrungs- 
begriffen liegenden irrealen Elemente und Wi- 
dersprüche zu beseitigen und die letzten denk- 
baren und folgerichtig zu denkenden Ursachen 
sowie das wahre Wesen der Erfahrungsgegen- 
ständc aufzusuchen hat. 

Man sieht, daß diese Disziplin es nicht mit einem Wolken- 
kuckucksheim, einem absoluten Jenseits zu tun hat, sondern 
im Gegenteil mit der Erfahrungswelt, aber mit der Welt 
wirklicher Erfahrung. Eine Metaphysik ohne objektive 
Gültigkeit im Sinne Jungs wäre in meinen Augen nicht nur 
ein Rechnungspfennig, sondern Falschmünzerei. In Wirklich- 
keit ist die Metaphysik bei sorgfältigem Aufbau für jeden, 
der mit dem Dualismus und relativen Agnostizismus Kants 
gebrochen hat, eine Münze, • die echten Erkenntnis wert birgt. 

Je mehr sich das Denken von der Empirie entfernt, desto 
mehr Einfluß gewinnt die Subjektivität des Denkenden. Daher 
die alte, besonders von Fichte betonte Einsicht, daß die 
metaphysischen Systeme den Charakter ihrer Urheber spie- 
geln. Das ist es, was so wirklichkeitshungrige Forscher, wie 
Freud, von der Metaphysik weghielt. Ich begreife es sehr 
gut und ehre diesen WirkJichkeitssinn. Aber ich gebe zu 
bedenken : 

1. Das philosophisch ungereinigte Denken, auch das der 

i)~\Villensfreiheit, S. 223—268. 



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PSYCHOANALYSE UND METAPHYSIK. 287 

Naturwissenschaften, strotzt noch viel mehr von Anthropomor- 
phismen als die Metaphysik, man denke etwa an Ausdrücke, 
wie Ursache, Kraft, Stoff, Gesetz. Und dabei machen sich 
die Undenkbarkeiten dieser schlechten Metaphysik, die gerade 
der Psychoanalytiker lächelnd durchschaut, für jeden klaren 
Denker viel störender gelten als die Anthropomorphismen der 
großen Philosophen. 

2. Es ist unzutreffend, daß die Metaphysik nur aus Auf- 
bauschungen der eigenen Subjektivitäten ins Absolute ent- 
standen sei. Wie stark ein Lotze, Fechner, Wundt, 
von Hartmann, Paulsen, Bergson, Busse, Eaoul 
Bietet usw. vom naturwissenschaftlichen Studium in ihrem 
philosophischen Denken beeinflußt sind, sollte bekannt sein. 
Gerade die richtig verstandene Metaphysik ist es, die der 
Realitätskorrektur ein Maximum von Sorgfalt angedeihen läßt. 

3. In jeder Wissenschaft sieht man sich gezwungen, das 
unmittelbar Erfahrene durch logische Konstruktionen zu er- 
gänzen, das konkrete Angeschaute durch Abstraktionen, die 
Erfahrungslücken durch gewisse Annahmen auszufüllen. Es 
gibt streng genommen keine reine Erfalirung, es sei denn, 
daß wir diesen Begriff höchst naiv fassen. Ohne solche 
transempirische, abstrakte Denkhandlungen wäre kein Ver- 
standesdenken möglich. Ist diese Berechtigung aber aner- 
kannt, so geht es nicht an, dem Drange nach Klarheit und 
kausalem Wissen, der sich als so unerläßliches Erkenntnis- 
mittel in der ganzen Geschichte der Menschheit auswies, 
plötzlich eine Schranke in den Weg zu werfen. Am wenig- 
sten darf dies die Naturwissenschaft, die selber von guter 
und weniger guter Metaphysik strotzt und ohne sie nicht 
auskommt. Man denke etwa an Begriffe, wie Atom, Energie, 
Naturkausalität. 



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288 VL PSYCHOANALYSE UND WELTANSCHAUUNG. 

4. Damit, daß die bisherigen Metaphysiktjr nachweislich 
nur ihre eigene zufällige Individualität ins Absolute projizier- 
ten, ist nicht gesagt, daß ein für allmal nur eine solche 
individuelle Fälschung der Metaphysik letzter Schluß sein 
müsse. (Rank und Sachs.) Wir erleben immer wieder, 
daß der gebundene Psychoanalytiker seine eigenen Sieben- 
fachen in seine Neurosendeutungen hineinträgt; der analy- 
sierte Analytiker ist in der glücklichen Lage, objektiv zu- 
treffend zu deuten. Warum nicht auch der Metaphysiker? 
Wäre Schopenhauer nicht der neurotisch schwergefes- 
selte Mann gewesen, als welchen ihn Hitschmann kund- 
gab i), hätte er sich einer Analyse unterzogen, seine Meta- 
physik trüge ein anderes Gesicht. Gewiß geht jede Deutung, 
auch die metaphysische Weltdeutung von der Einfühlung 
aus und trägt damit vom eigenen Leben ins Ganze hinein, 
man erklärt immer das Unbekannte vom Bekannten aus, aber 
wenn dies mit der größtmöglichen Würdigung aller objektiven 
Erkenntnis geschieht, so ist gegen dieses Verfahren, auf dem 
nicht nur die ganze Psychoanalyse, sondern auch die Mög- 
lichkeit aller Orientierung in der Welt von der Säuglings- 
stufe bis zum höchsten Erkennen beruht, nichts einzuwenden. 
Daß es notwendig zu falschen Ergebnissen führe, wäre eine 
absurde Behauptung. 

5. Die Metaphysik führt zu neuen empirischen Erkennt- 
nissen. Welche ungeheure Bereicherung verdanken die Natur- 
Wissenschaften z. B. der Metaphysik Hegels und seiner 
abstrakten Entwicklungslehre I 

Die Entscheidung des Verhältnisses zwischen Psycho- 
analyse und Metaphysik ist nunmehr spruchreif geworden. 
Letztere kann nicht die Königin sein, die autonom ihre Ge- 

1) Imago, II, 2. Heftw 



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METAPSYCHOLOGIE. 289 



setze erläßt und die Analyse ilirem Hofstaat eingliedert. 
Vielmehr ist die Analyse — natürlich nicht als Methode, son- 
dern als Summe der psychoanalytisch gewonnenen Erkennt- 
nisse gefaßt — eine der vielen Stufen, deren sich die Meta- 
physik bedienen muß, um zur höchsten Erkenntnis hinanzu- 
steigen. Es ist nicht wohlgetan, nur die phylogenetische 
Entwicklung oder die Libidotheorie zu Grunde zu legen. Ich 
verlange von einer Metaphysik, die mehr als eine laienhafte 
Phantasie sein will, daß sie erkenntnistheoretisch fundiert 
sei und den ganzen. Bereich des Wirklichen in 
Betracht ziehe. Wie sie aus der Erfahrung mit Notwen- 
digkeit in jedem klarheitshungrigen Kopf hervorgeht, so muß 
sie mit allen Erfahrungen in Einklang stehen. 

Damit ist auch die Berechtigung und Notwendigkeit einer 
Metapsychologie ausgesagt. Ich verstehe sie n'cht in 
dem Sinne einer unerlaubten Projektion der Psychologie in 
die Außenwelt, sondern in der Bedeutung, die Freud dem 
Worte verlieh 1): als „Klärung und Vertiefimg der theore- 
tischen Annahmen, die man einem psychoanalytischen System 
zu Grunde legen könnte 2)". Hinzukommen muß aber auch 
eine Verarbeitung der Geisteswissenschaften, von welchen die 
psychoanalytische Untersuchung nur einen Teil bildet, wie 
selbstverständlich auch eine Metaphysik der naturwissen- 
schaftlichen Begriffsbildung. 

Verhält sich die Psychoanalyse in dieser Weise gegenüber 



1) Metapsychologische Ergänzung der Traumlehre, Internation. Zeit- 
schrift für ärztl. Psychoanalyse, IV, S. 277. 

2) Die Forderung einer „metaphysischen Forschung", die den tat- 
sächlichen Lebenszusammenhang herausarbeitet, erhebt Rudolf Eucken 
in seinem 1901 erschienenen Werke „Der Wahrheitsgehalt der Religion" 
(Seite 140). 

Dr. Pflster, Psycho nkly»«. 19 



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290 VL PSYCHOANALYSE UND WELTANSCHAUUNG. 

der Metaphysik als die freie und gebende, so wird sie ohne 
Zweifel durch sie auch wieder reichlich beschenkt. Sogar 
ein so wirklichkeitsfremdes System, wie dasjenige Hegels, 
hat eine Reihe von Natur- und Geisteswissenschaften grandios 
gefördert, ich erinnere nur an die Biologie, die durch die 
neue Pragmatik und ihre entwicklungsgeschichtliche Betrach- 
tungsweise geradezu umgeschaffen wurde, femer an die Ge- 
schichte, Sozialwissenschaft (Mar x), Staatslehre (S t a h 1), 
Theologie (Strauß und Biedermann). Von Anfang an 
haben denn auch die meisten Psychoanalytiker, z. B. Fe- 
renczii), v. Wintersteini), Silberer^), Putnam u. a. 
der Metaphysik energisch das Wort geredet, und soviel ich 
mich entsinnen kann, war es nur Hitschmann, der die 
philosophischen Systeme durch Psychologie glaubt überwin- 
den und ersetzen zu können i), indem er annimmt : „Wer zum 
Philosophieren gesund genug ist, der philosophiert eben nicht.'* 
Ich fürchte, daß es von diesem Gtesundheitsbegriff aus auch 
mit der Dichtkunst, Musik, Religion und den meisten übrigen 
Maximalleistungen des Menschengeistes aus wäre, und daß 
als gesimd nur noch der Philister auf der öden Bildfläche 
zurückbliebe. 

Daß Freud die Metaphysik einstweilen zurückstellte und 
vorläufig als Positivist sich betätigte, ist ihm auch vom 
Standpunkt der Philosophie aus hoch anzurechnen. Sein vor- 
sichtiger Vorstoß in die „Meta^psychologie", den weniger vor- 
sichtige Denker noch ganz der Erfahrungswissenschaft , zu- 
rechneten, muß gerade wegen des gewissenhaften Abstellens 
auf die empirischen Tatsachen dem echten Metaphysiker Ehr- 
furcht einflößen. 



1) Imago, I, S. 619; II, S. 237; II, S. 173. 
«) Jahrb., IV, S. 803 f. 



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PSYCHOANALYSE UND ETHIK. 291 



III. Teil: Psychoanalyse und Ethik. 

Zu den beliebtesten, weil wohlfeilsten und bei Unwis- 
senden zugkräftigsten Argumenten, mit denen die Gegner 
sich der Psychoanalyse zu erwehren suchten, gehört die Be- 
hauptung, Freuds Verfahren sei unsittlich imd ruhe auf 
einer naturalistischen, minderwertigen Ethik. Selbstver- 
ständlich kann es sich hier nicht darum handeln, sich mit 
jenen würdelosen Verleumdern auseinanderzusetzen 

Es handelt sich vielmehr um die prinzipielle Frage, ob 
der positivistische Standpunkt auch in der Weise vom Psycho- 
analytiker könne festgehalten werden, daß auf das innerste 
Wesen des Menschen und seine Bestimmung innerhalb der 
Wirklichkeit keine Rücksicht zu nehmen sei, und femer um 
das Problem, ob die Analyse berechtige und verpflichte, der 
Ethik irgend welche Direktiven zu erteilen. 

I. Historische Untersuchung. 

Sigmund Freud. 

Freud stellte der psychoanalytischen Behandlung die 
Aufgabe, die verdrängten Vorstellungen und Wünsche ans 
Licht zu ziehen und durch affektvolle Aussprache abzureagie- 
ren. Noch in seinem zuletzt erschienenen großen Werk „Vor- 
lesungen zur Einführung in die Psychoanalyse" teilt er mit: 
„Der Satz, daß die Symptome verschwinden, wenn man ihre 
unbewußten Verbindungen bewußt gemacht hat, ist durch alle 
weitere Forschung bestätigt worden, obgleich man den merk- 
würdigsten und unerwartetsten Komplikationen begegnet, 
wenn man den Versuch seiner praktischen Durchführung unter- 
nimmt. Unsere Therapie wirkt dadurch, daß sie Unbewußtes 

19» 



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292 ^'I- PSYCHOANALYSE UND WELTANSCHAUUNG. 

in Bewußtes verwandelt, und wirkt nur, insoweit sie in die 
Lage kommt, diese Verwandlung durchzusetzen." (318.) Es 
handelt sich somit lediglich um eine historische Aufgabe, die 
mit Hilfe der psychoanalytischen Methode erledigt werden 
60II, und daß man dabei der Ethik nicht bedarf, liegt ß.uf 
der Hand. 

Der Arzt verzichtet, wie Freud angibt, „nach Möglich- 
keit" auf Rat und Lreitung in den Lebensangelegenheiten seines 
Klienten. (506.) Dieser muß selbst seine Entscheidungen 
treffen und soll während der Kur auf lebenswichtige Ent- 
schlüsse überhaupt verzichten. Nur Jugendliche muß der 
Arzt zugleich als Erzieher behandeln (507), Erwachsene sind 
für ihr Tun selbst verantwortlich. 

Allein schon aus den theoretischen Ergebnissen der 
Analyse ergibt sich, daß ethische Interessen bei jeder Neu- 
rose auf dem Spiele stehen, denn diese erfolgt stets aus 
einem hartnäckigen Konflikt zwischen der libidinösen Re- 
gung und der „asketischen" Gegenstrebung. (505.) Das Sym- 
ptom ist nichts anderes, als ein gewaltsames Sichbahnbrechen 
der unterdrückten Sexualbegierde. Damit, daß man den 
Kranken überredete, sich sexuell auszuleben, wäre nichts ge- 
wonnen, denn er kann den verdrängten Trieb nur in Sym- 
ptomen auswirken. Darum lehnt dies Freud als „wilde 
Psychoanalyse" ab. Freud will aber auch nicht, daß der 
Analytiker zu Gunsten der gesellschaftlichen Sittsamkeit ein- 
wirke (507), zumal er ethische Bedenken gegen sie hegt. 
„Wir ersparen es unseren Patienten nicht, diese Kritik (an 
der herrschenden Sexualmoral) mitanzuhören, wir gewöhnen 
sie an vorurteilsfreie Erwägung der sexuellen Angelegen- 
heiten wie aller anderen, und wenn sie, nach Vollendung 



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FREUD. 293 



ihrer Kur selbständig geworden, sich aus eigenem Ermessen 
zu irgend einer mittleren Position zwischen dem vollen Aus- 
leben und der unbedingten Askese sich entschließen, fühlen 
wir unser Gewissen durch keinen dieser Ausgänge belastet. 
Wir sagen uns auch, wer die Erziehung zur Wahrheit gegen 
sich selbst mit Erfolg durchgemacht hat, der ist gegen die 
Gefahr der Unsittlichkeit dauernd geschützt, mag sein Maß- 
stab der Sittlichkeit auch von dem in der Gesellschaft übli- 
chen irgendwie abweichen.*' (507.) Die Heilung beruht aber 
gewiß nicht auf sexuellem Sichausleben, sondern auf der 
Bewußtmachung des Verdrängten (508), nämlich so, daß der 
Kranke selber dieses Unbewußte einsieht. (510.) Durch die 
Bewußtmachung wird der Konflikt, der zuvor in zwei ver- 
schiedenen seelischen Regionen stattgefunden hatte und da- 
her nicht zu erledigen war, auf einen Boden verlegt, auf dem 
beide Parteien stehen. (512.) Dabei fördern wir eine gün- 
stige Entscheidung durch den Hinweis darauf, daß die frühere 
Entscheidung zur Krankheit führte, sowie durch das Ver- 
sprechen, daß eine Entscheidung den Weg zur Genesung 
bahnen wird, auch weisen wir darauf hin, daß im Zeitpunkt 
der Erkrankung das Ich schwächlich, infantil war, und darum 
vielleicht mit Grund die Libidoforderung als Gefahr ächtete, 
während es jetzt erstarkt ist und im Arzt einen Helfer zur 
Seite hat. (512.) Da wir aber vor der rätselhaften Tatsache 
stehen, daß Paranoiker, Melancholiker und mit Dementia 
praecox Behaftete bei diesem Verfahren nicht geheilt wer- 
den, so fragt es sich, ob wir bei den Hysterien und Zwangs- 
neurotikern den möglichen Erfolg wirklich in all seinen Be- 
dingungen verstanden haben. (513.) Die therapeutische Ar- 
beit zerfällt in zwei Phasen: „In der ersten wird alle Libido 
von den Symptomen her in die Übertragung gedrängt und 



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294 Va. PSYCHOANALYSE UND WELTANSCHAUUNG. 



dort konzentriert, in der zweiten der Kampf um dieses neue 
Objekt (den Analytiker) durchgeführt und die Libido von 
ihm freigemacht." (534.) Unter dem Einfluß der ärztlichen 
Suggestion wird dabei das Ich gegen die Libido versöhnlich 
gemacht, so daß es zweckmäßige, verdrängungsfreie Betäti- 
gungen zuläßt. (535.) 

Der Erfolg besteht darin, daß der geheilte Nervöse so 
viel wird, als er bestenfalls unter günstigen Bedingungen 
hätte werden können. (509.) In ethischer Hinsicht ist zu 
beachten, daß die psychoanalytische Arbeit sich in den Dienst 
der höchsten und wertvollsten Kulturstrebungen stellt, so- 
fern sie die von ihnen unabhängigen und durch sie nicht 
beeinflußbaren unbewußten Gregenstrebungen gegen diese 
ethischen Absichten ihrer verhängnisvollen Macht beraubt 
und einen besseren Ersatz zu stände bringt i). Dabei wird 
der zuvor verdrängte Trieb einer höheren Verwendung zuge- 
führt, er wird sublimiert, wobei das Sexualziel mit einem 
sozial wertvolleren vertauscht wird (61), oder er gelangt we- 
nigstens teilweise zu normaler direkter Befriedigung. (61.) 

Es ist unmöglich, die hohe ethische Absicht, die Freud 
in seinem Verfahren zum Ausdruck bringt, zu verkennen. 
Und zwar leistet er der Ethik Dienste mit Hilfe des psycho- 
analytischen Vorgehens, wie er umgekehrt diesem mit Mit- 
teln der Ethik zu Hilfe kommt. Um die Ethik macht er 
sich verdient, indem er durch die Neurosenforschung einer- 
seits eine ungeahnte und ungeheuer wichtige Menge von 
krankhaften, oft tragischen Wirkungen ethischer Konflikte 
nachweist, anderseits die Natur dieser Konflikte aufdeckt. 
Jede Ethik, die Erfahrungen einen Einfluß auf ihre Normen- 



1) über Psychoanalyse, S. 60. 



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FKEUD. 295 



gebung einräumt, und eine andere Ethik dürfte heutzutage 
nur schwer möglich sein, hat aus diesen Entdeckungen die 
wichtigsten Lehren zu schöpfen. Es liegen hier noch unge- 
hobene Schätze, von denen später geredet wird. Anderseits 
aber erhebt Freud Anleihen bei der Ethik, so daß wir ver- 
pflichtet sind, auf den in psychoanalytischen Kreisen wohl 
noch nicht genügend berücksichtigten Gregenstand einzutreten. 

Schon im ersten Teil hoben wir Freuds Zurückhaltung 
in der Leitung des Kranken rühmend hervor. Die Achtung 
vor der freien Selbstbestimmung des Kranken in ethischer 
und religiöser Hinsicht liegt nicht nur in der Stellung des 
Arztes gegenüber dem Kranken, sondern auch in einem tiefen 
Verantwortlichkeitsgefühl begründet, das durchaus Anerken- 
nung verdient. Es kommen aber auch spezielle therapeu- 
tische Eücksichten in Betracht: Würde der Analytiker sich 
während des Analysierens auf ethische Belehrungen und Räte 
einlassen, so würde der Widerstand und damit die Verdrän- 
gung bestärkt, und ein Mißerfolg stünde zu befürchten. Auch 
gelangte der Analysand, dem sein Analytiker als Vaterersatz, 
als Mentor die Hand böte, nicht zu jener Selbständigkeit, 
die aus biologischen und ethischen Rücksichten zu for- 
dern ist. 

Allein Freud gibt selbst zu, daJJ die völlige Enthaltung 
von jeder sittlichen Wegleitung nicht durchgeführt werden 
kann. Nur „nach Möglichkeit" verzichtet er auf Rat und 
Leitung. Meine eigenen Erfahrungen führten mich zur glei- 
chen Stellungnahme. Es gibt Analysanden, die des Rates und 
der nichtanalytischen Hilfe nicht bedürfen, und die Analyse 
selbst läßt sich ohne ethische Aufschlüsse durchführen. Bei 
Jugendlichen ist dies natürlich, wie Freud erwähnt, nicht 



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296 VI. PSYCHOANALYSE UND WELTANSCHAUUNG. 

der Fall, aber atich Erwachsene befinden sich mitunter nach 
der Analyse in einer Ratlosigkeit und Ziellosigkeit, daß sie 
zu großen Torheiten oder großem Grimm über die Analyse 
fähig sind, wenn man ihnen nicht beisteht. 

Es scheint mir aber auch aus der Lehre von der Ver- 
drängung und vom Widerstand hervorzugehen, daß ohne 
ethische Aufklärung die Bewußtmachung des Unbewußten 
häufig gar nicht durchgeführt werden kann. Denn das neu- 
rotische Symptom wird nicht nur geschaffen, sondern auch 
festgehalten durch den Zusammenstoß einer libidinös-primi- 
tiven und einer ethischen Regung. Wir erfahren oft, wie eine 
Verstärkung der ethischen Türwache eine Steigerung des 
Symptoms erzeugt. Auch das ethische Urteil, das vom Be- 
wußtsein bejaht wird, beruht oft auf Verdrängungen. Es 
scheint mir deshalb angezeigt, daß nicht nur die verdrängte 
libidinösc Eegung, sondern auch die sie verdrängende und in 
der Verdrängung festhaltende völlig abgeklärt werde. Wird 
aufgedeckt, was verdrängte, so scheint es selbstverständlich, 
daß dieser anspruchsvoll auftretende Sittenpolizist nach seiner 
Legitimation gefragt werde, wenn sie nicht von vornherein 
feststeht. Dabei kann und wird es sich oft herausstellen, 
daß die vermeintlich sittliche Absicht unsittlich oder doch 
sittlich niedrig war. Wo z. B. das Grebot: „Ehre Vater und 
Mutter" im Sinne der jüdischen und christlichen Orthodoxie 
verstanden wurde und zermalmend wirkte, ist es selbstver- 
ständlich angebracht, ihm die höhere, freie Pietät im Sinne 
der Evangelien gegenüberzustellen. 

Dies tut auch Freud, indem er vor dem Kranken an der 
herrschenden Sexualmoral Kritik übt. Ich glaube nun aber, 
daß gerade hier ein sehr schwieriges Problem vorliegt, das 
gründlichstes Studium erheischt. Wohl jeder aufgeklärte Mo- 



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FREUD. 297 



derDo wird an der landläufigen Sexualmoral viel auszusetzen 
haben. Allein es ist sehr schwierig, Verwerfliches und Wert- 
volles an ihr voneinander zu scheiden. Oft sah ich Menschen, 
die sie einfach ablehnen zu sollen glaubten, in verhängnis- 
volle Irrungen hineingeraten, deren Folgen und Vorausset- 
zungen sie nicht einsahen, und die sie bitter bereuten, als 
es zu spät war. Der Analytiker wird sich sagen, daß die 
Kritik der bestehenden Moral und Unmoral nicht nur eine 
Pflicht, sondern auch eine sehr schwere Verantwortlichkeit 
auferlegt, die ein nicht geringes Maß von sittlichem Ernst 
und tiefgrabender Einsicht voraussetzt. Nur eine innerlich 
gefestigte Persönlichkeit, die sich zu einer klaren Stellung- 
nahme in den schwierigen und mannigfaltigen Problemen 
hindurchgerungen hat, kann dem Analysanden bei seiner Ab- 
findung mit den großen Lebensfragen die nötige Unterstützung 
gewähren. Jene für Lebensglück imd Lebensleistung hoch- 
wichtigen Fragen, für welche die auserlesensten Denker der 
Menschheit vom Altertum an bis zu den Philosophen und ethi- 
schen Reformatoren der Gegenwart ihre ganze Denkkraft und 
ihr höchstes Streben einsetzten, lassen sich nicht aus dem 
Stegreif beantworten. 

Hinzu kommt, daß die Übertragung unter und auf der 
Bewußtseinsfläche des Analysanden einen gewaltigen Ein- 
fluß auf die Richtung der aus ihrer Gruft auferstehenden 
Liebes- und Lebenstriebe ausübt. Man kann noch so eifrig 
jegliche Verantwortlichkeit dem Klienten überbinden und noch 
so sorgfältig die Übertragung behandeln, es bleibt doch 
immer ein starker Einfluß des Analytikers übrig. Darum 
weiß ich mich mit Freud und allen, die die Psychoanalyse 
ausüben, einig in der Forderung, daß der Größe der analyti- 
schen Arbeit die Reife des sittlichen Habitus der analysie- 
renden Persönlichkeiten möglichst entsprechen sollte. 



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298 VI. PSYCHOANALYSE UND WELTANSCHAUUNG. 

Nicht ganz kann ich Freuds Optimismus teilen, daß 
die Erziehung zur Wahrhaftigkeit gegen sich schon vor der 
Grefahr der Unsittlichkeit dauernd schütze. Wenn ein 
Mensch von brutalem Egoismus seine Eigenart einsieht und 
sich damit zufrieden gibt, so wird ihn seine Wahrhaftigkeit 
gegen sich gewiß nicht schützen. Aber vielleicht nimmt 
Freud an, daß die tieferen Züge ins Meer der Menschen- 
seele immer auch die altruistischen Triebe aufdecken und 
befreien werden. Jedenfalls ist zu bestätigen, daß durch die 
Analyse gerade unzählige Egoisten, wie manche andere, die 
gegen höhere Ethik verstießen, die Unhaltbarkeit ihres 
antisozialen und antipersönlichen Begehrens mit tiefer Er- 
schütterung einzusehen gezwungen wurden und ohne absicht- 
liche positive Beeinflussung durch den Analytiker eine Um- 
wandlung zu besserem Sinnen und Handeln gewannen. 

Wenn der Arzt die Verlockungsprämie der Genesung mit 
Recht ausspielt, wird es gewiß auch in manchen Fällen, wo 
der Unwert des Daseins einen Patienten bedrückt, sich emp- 
fehlen, auf den Gewinn eines beglückenden und wertvollen, 
der wahren Natur und Bestimmung entsprechenden Lebens- 
inhaltes hinzuweisen, wenn auch der Erwerb dieses Gutes 
selbstverständlich als Aufgabe des Analysanden klargelegt 
wird. 

Was Freud über die Psychologie der Sublimierung kund- 
gab, betrachte ich für eine der wichtigsten Entdeckungen, 
die der Ethik jemals erblüht sind. 

James Putnam. 

Daß ein so tief denkender Gelehrter, wie Putnam, auch 
die ethische Seite der Psychoanalyse der Prüfung unterziehe, 
stund zu erwarten. Seine Analysen zeigten ihm, daß die 



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PUTNAM. 299 



Konflikte der Seele, die in die Krankheit treiben, „zum großen 
Teil ihren Griiad haben erstens in dem unserseitigen Gefühl, 
zweitens in der Überzeugung, daß wir in Wirklichkeit mehr 
sind, als wir ausdrücken können^)". Zum Beleg wird auf 
Hamlet hingewiesen, der vielleicht nicht allein wegen unbe- 
WTjßter ödipusartiger Beweggründe schwankte, sondern auch 
wegen des halbbewußten Gefühles, daß die Ermordung des 
Oheims nicht ausreiche, die Not zu überwinden, daß vielmehr 
die Dinge von einem allgemeinen Standpunkt aus zu be- 
trachten wären. (116.) Ohne es offen auszusprechen, fordert 
P u t n a m eine tiefgrabende ethische und religiöse Orientie- 
rung des Psychoanalytikers. 

Zu diesen leider allzu spärlichen Andeutungen möchte ich 
bemerken: Es ist nicht klar, was unter dem „unserseitigen 
Gefühl" verstanden wird. Ich glaube auch nicht, daß es 
glücklich wäre, die pathogenen Konflikte (um solche han- 
delt e:? sich offenbar) vorzugsweise aus dem Hiatus zwischen 
Sein und Seinsollen abzuleiten. Dieses Insuffizienzgefühl ist 
sehr oft sekundär, und die Analyse soll zu den ersten Motiven 
und Konfliktsanlässen vordringen. Put na m kennt selbst 
Unzählige, die zwar an dem Konflikt zwischen Ideal und 
Leben leiden, aber völlig neurosenfrei sind. Daß ein Kon- 
flikt mit dem ethischen Bewußtsein vorliege, hat schon 
Freud gezeigt, aber er hat sich wohlweislich gehütet, diese 
Tatsache als eine genügende Erklärung der Neurosenbild ang 
anzusehen. 

Welche Stellung die ethische Aufklärung theoretisch und 
praktisch zur Psychoanalyse einnehmen soll, hat Putnam 
nicht gezeigt. 



1) Imago, I, S. 115. 



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300 VI. PSYCHOANALYSE UND WELTANSCHAÜl'NG. 

Alphonse Mae der. 

Ausführlicher spraxsh sich Mae der über die Beziehua- 
gen zwischen Psychoanalyse und Ethik aus. Um ihn zu 
verstehen, muß man sich über seine Auffassung der Analyse 
überhaupt Klarheit verschaffen. Wie Jung und seine Schule 
insgesamt, zeichnet sich auch Mae der durch eine völlige 
Verkennung Freuds aus. So behauptet er denn, die all- 
gemeine Orientierung der Arbeiten Freuds sei kausal i), 
während es doch gerade Freud war, der als Erster die 
Finalität der neurotischen Symptome mit allem Nachdruck 
hervorhob. Wer wüßte nichts davon, daß er von Unlust- 
erspamis, Krankheitsgewinn, Abwehmeurosen, mißglückten 
Ileilungs versuchen sprach? Femer versichert Mae der, erst 
Jung habe der Wiener Psychoanalyse eine solide Grundlage 
geschaffen, ja sogar — man kann es im Zusammenhang nicht 
anders verstehen — die Halluzinationen und den scheinbar 
sinnlosen Wortsalat übersetzen gelehrt (15) ! Für solche Be- 
hauptungen hat jeder Unbefangene nur aufrichtiges Bedauern 
übrig. Schon früher war ich genötigt, gegen derartige Ent- 
stellungen von Seite der Jungschen Schule Verwahrung ein- 
zulegen 2). 

In historischer Hinsicht ist es unpassend, daß Mae der 
die Freud sehe und Adler sehe Schule miteinander als 
„die Wiener Schule" der „Zürcher Schule" gegenüberstellt. 
Der Unterschied zwischen Freud und Adler ist sicherlich 
viel größer als derjenige zwischen Adler und Jung, 
der bekanntlich manche Adler sehe Gedanken herübernahm. 
Auch sollte die Rücksicht auf Bleuler und seine Anhänger, 

1) Mae der, Heilung und Entwicklung im Seelenleben, S. 14. 

2) Ist die Brandstiftung ein aTchaischer Sublimieningsversuch? Inter- 
nationale Zeitschrift für ärztliche Psychoanalyse, III, S. 141 ff. 



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MAEDER. 301 



sowie auf andere, manche von Jung abweichende Analytiker 
Zürichß verbieten, von einer Zürcher Schule schlechthin 
zu reden. In den letzten Jahren haben sich so viele An- 
hänger der Analyse von Jung getrennt, daß ihre Zahl der- 
jenigen der Schüler Jungs ebenbürtig sein dürfte. So irre- 
führend es ist, heute von einer „Wiener Schule" zu reden, 
so verkehrt und unerlaubt ist es auch, heute noch eine ein- 
zelne Richtung als „Zürcher Schule" zu bezeichnen. 

Die ethische Aufgabe ergibt sich für Mae der aus seiner 
Auffassung der Psychoanalyse, die er durch „Psychogogie" er- 
gänzt i). Allein diese Seelenführung soll aus der Analyse 
selbst heraus sich ergeben. Im Traume, wie in allen neuro- 
tischen Symptomen, liegt nämlich bereits auch der Weg zur 
Heilung angedeutet. Mae der sagt: „Freud gab uns vom 
Traume die bekannte Definition: der Traum ist die symbo- 
lische Erfüllung eines unbewußten und verdrängten Wun- 
sches. Er erscheint ihm als eine Art Entlastungsapparat, 
ein Sicherheitsventil, welches, indem es gewisse Erregungen 
(zum großen Teil aus der sexuellen Sphäre) kanalisiert, den 
Schlaf des Träumers beschützt. Bei der Anwendung des 
Freud sehen Verfahrens zuerst auf meine eigenen Träume, 
dann auf diejenigen meiner Patienten, beobachtete ich jedoch, 
daß einzelne Träume Lösungsversuche unbewußter 
Konflikte in bildlicher Form enthielten. Eine Anzahl gün- 
stiger Umstände ermöglichte mir femer die Feststellung, 
daß der spätere Lauf der Ereignisse, oder, genauer ausge- 
drückt, daß die auf den Traum folgenden Handlungen (Taten) 
die Lösungsversuche des Traumes bestätigen oder viel- 
mehr verwirklichten. Mit wachsender Erfahrung kam 



1) Natürlich sollte es heißen „Psychagogie" ; allein Alaeder bedient 
sich wiederholt der falschen Wortform (S. 22, 55). 



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302 VI. PSYCHOANALYSE UND WELTANSCHAUUNG. 

ich zuletzt so weit, anzunehmen, daß der Traum eine Art 
Vorläufer oder Vorbote der bevorstehenden Umwandlungen 
der imbewußten Konstellation ist." (39.) Diese teleologische 
Funktion ist eine Funktion des Unbewußten überhaupt. Die 
Träume weisen deutlich auf den künftigen Sinn der Entwick- 
lung hin, und zwar geben sie mit Sicherheit „den zu befol- 
genden Weg" an. Das Bewußtsein trägt demgegenüber den 
Notwendigkeiten des äußeren Lebens Rechnung und darf 
selbstverständlich nicht vernachlässigt werden. (40.) In un- 
serem Unbewußten besitzen wir eine wohlwollend und ver- 
ständnisvoll lenkende Kraft, die M a e d e r schlechtweg mit 
Christus gleichsetzt. (41.) Sie ist der eigentliche Arzt, Der 
Analytiker und Seelenführer ist nur Vertreter dieses inneren 
Arztes und erwirbt sich um so größere Verdienste, je er- 
gebener er jenem ist und ihm die Hindemisse aus dem Wege 
räumt. (43.) Das Unbewußte selbst strebt zum ethischen 
und religiösen Ideal (Mae der spricht von einer participa- 
tion cosmique), in welchem der Einzelne sein Ich eigentlich 
aufgibt und seine volle geistige Freiheit und Schöpferkraft 
findet. (52 f.) 

G^hen wir diesen Gedanken kritisch sichtend nach! Zu- 
erst sehen wir staunend, daß Mae der genau weiß, wie 
Freud dem Traume teleologische Kraft beilegt, nennt er 
ihn doch einen Entlastimgsapparat und ein Sicherheitsventil, 
das gewisse Erregungen kanalisiere. Warum hat er dies 
denn oben bestritten und die Entdeckung der Teleologie sich 
selbst vorbehalten? Es ist nur eine andere, engere Form 
von Teleologie, die Mae der als eigene Entdeckung für sich 
in Anspruch nehmen dürfte, wenn sie überhaupt zuträfe i). 



i) In einzelnen Märchen hat F. Riklin schon 1908 „zweckmäßige 



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MAEDEft. 303 



Auch daß einzelne Träume bildliche Lösungs versuche un- 
bewußter Konflikte seien, ist keineswegs, wie Mae der an- 
nimmt, seine Entdeckung. Freud hat diesen Gedanken 
längst ausgesprochen. Der ganze Mechanismus der Verdrän- 
gung beruht nach ihm bekanntlich auf einem Konflikt, und 
der Traum sucht ihn zu lösen i). Ob ich von Wunscherfül- 
lung oder bildlicher Konfliktfilösung spreche, drückt den- 
selben Vorgang nach verschiedenen Seiten aus. Jede Wunsch- 
erfüllung ist eine Konfliktslösung. 

Maeder fuhr fort, er habe bei einer Anzahl günstiger 
Fälle feststellen können, daß Träume durch nachfolgende 
Handlungen bestätigt worden seien. Bekanntlich hat Freud 
dies längst zuvor bemerkt. („Weissagende Träume.") Von 
einer Neuentdeckung Ma.eders kann nicht die Rede sein. 
Übrigens hat bekanntlich Hebbel denselben Gedanken längst 
in poetischer Form verewigt 2): 

,,Was dir begegnen wird, wie könnte der Traum es dir sagen? 
Was du tun wirst, das zeigt er schon eher dir an." 

Allein während der Dichter sich vor falscher Verallgemei- 
nerung wohl hütet, läßt sich Maeder zu diesem Fehler 
hinreißen, indem er alle Träume als eine Art Vorläufer 
oder Vorboten einer bevorstehenden Umwandlung der unbe- 
wußten Konstellation (und damit nach dem Zusammenhang 

teleologische Gebilde** mit „psychischer Heilungstendenz" gesehen (Wunsch- 
erfüllung und Symbolik im Märchen, S. 18). 

1) Vgl. z. B. : „Das seelisch Unterdrückte, welches im Wachleben 
durch die gegensätzliche Erledigung der Widersprüche am Ausdruck ge- 
hindert und von der inneren Wahrnehmung abgeschnitten wurde, findet 
im Nachtleben und unter der Herrschaft der Kompromißbildungen Mittel 
und Wege, sich dem Bewußtsein aufzudrängen." (Freuds Traumdeutung, 
2. Aufl., S. 378.) 

2) Vgl. mein Buch „Die psychanalyt. Methode", S. 303. 



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304 ^J- PSYCHOANALYSE UND WELTANSCHAUUNG. 



auch der ihr entsprechenden bewußten Handlungsweise) be- 
zeichnet. Hier, wo sich Mae der von der bedächtigen Zu- 
rückhaltung Freuds entfernt, beginnt auch der Fehler. Die 
Erfahrung erteilt total andere Auskunft. 

Niemand wird leugnen, daß es stereotype Träume gibt, 
die jähre- und jahrzehntelang wiederkehren. Schon dies ge- 
nügte zur Widerlegung des Satzes, daß jeder Traum eine 
bevorstehende Umwandlung ausdrücke. 

Sodann beobachten wir, daß eine große Menge von Träu- 
men absolut nicht Vorläufer einer ihr entsprechenden Hand- 
lung sei. Sonst müßten die zahlreichen Träume, in denen 
ein LfCbensmüder sich in Todesgefahr begibt und in ihr um- 
kommt oder sich offen umbringt, von wirklichem Selbstmord 
begleitet sein. Man müßte zu schrecklichen Deutungskünsten, 
die aller gesunden Methodik zuwiderlaufen, greifen, um 
Mae der s Konstruktion festhalten zu können. Man müßte 
z. B. sagen, jene Selbstmörder meinten eigentlich nur 
die Vernichtung ihrer Fehler, oder anderen derartigen Un- 
sinn. Wie vorteilhaft unterscheidet sich Freud von solcher 
unerlaubter Induktion I Mit Recht erinnert er an Pia tos 
Wort, daß der Tugendhafte sich begnügt, von dem zu träu- 
men, was der Böse im Leben tut. (386.) 

Gänzlich verkehrt ist es weiter, in allen Träumen Lö- 
sungsversuche zu erblicken, die den zu befolgenden 
Weg sicher angeben. Weiß denn nicht jedermann, daß 
der Neurotiker oft die unzweckmäßigsten, schäjidlichsten, 
verderblichsten Wünsche und Pläne in seinen Träumen an- 
gibt? Wenn einer träumt, sein Kind sei tot, so mag dies 
unter Umständen heißen, sein infantiles Wesen müsse aus- 
getilgt werden. Aber wenn ein Mensch, der nur schwer die 
Mittel für seine leidende Mutter auftreibt und beständig den 



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MAEDEB. 305 



Haß gegen sie bekämpft, sich im Traume als ihren Mörder 
sieht, so dürfte auch der Leichtgläubigste schwerlich zu- 
geben, daß diea nur ein verkappter Ausdruck für da^ Bedürf- 
nis ausdrücke, das Greisenhafte in der eigenen Natur oder 
etwa die Gefühlsüberschwänglichkeit u. dgl. umzubringen. 
Man wirft der Analyse vor, daß sie aus jedem Traume her- 
auslesen könne, was ihr in den Kram, in die mitgebrachte 
Theorie passe. Nur wenn man schl^echt analysiert, ist der 
Vorwurf berechtigt. Allein ich befürchte, man muß aller- 
dings schrecklich mit Traum und Einfällen umgehen, um 
Ma Oders gewaltsame Konstruktion retten zu können. Das 
Verhalten Maeders gegenüber dem Traume erinnert leb* 
haft an das des schlechten Prinzenerziehers, der auch den 
verkehrtesten Antworten seines Zöglings recht gibt. 

Es bliebe dann erst noch die Tatsache übrig, daß Wunsch- 
erfüllung und Konfliktsiösung außerordentlich schwankend 
und widersprechend sein können. Ich analysierte einen 
Mann, der nicht wußte, ob er weiterstudieren oder in Bälde 
heiraten sollte. Beide Möglichkeiten schlössen einander aus. 
Je nach meiner Suggestion träumte er alternierend das eine 
oder das andere. Der Träumer sah bald ein, daß der Traum 
kein Orakel sei, das, wie M a e d e r glaubt, mit hellsehender, 
unfehlbarer und wohlwollender Lenkkraft die richtige Ent- 
scheidung angebe. Würde man sein Unbewußtes als den 
Christus betrachten, so liefe man Gefahr, den schrecklichsten 
Schwärmereien zum Opfer zu fallen. Die Sektengeschichte 
beweist es klar. Das verrückteste Treiben ging oft gerade 
daraus hervor, daß man das Unbewußte für unfehlbare Gottes- 
stimme nahm. Und dieser Irrtum soll durch Mae der 
wissenschaftliche Sanktion erhalten? 

Freud ist völlig im Recht, wenn er solche Teleologis 

Dr. Pfiater, Pajchanalyse. 20 



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306 VI. PSYCHOANALYSE UND WELTANSCHAUUNG. 

rundweg ablehnt und darauf hinweist, daß die Lösungen sol- 
cher Probleme keine höhere Dignität besitzen, als die Er- 
gebnisse klaren Denkens, oder daß sie selbst nichts anderes 
ausdrücken, als was im Denken, wenn auch vielleicht dunkel, 
schon gelegen hatte. Sie geben nur wieder, was im Vor- 
bewußten lag, das für die Analyse weitaus Wichtigere aber, 
die tiefen Verdrängungsschichten, in die das Licht des Be- 
wußtseins eindringen muß, damit völlige Erlösung und nicht 
nur suggestive Losreißung erfolge, das allein „Unbewußte" 
im Sinne Freuds (im Gregensatz zum Vor bewußten), er- 
reichen und spiegeln solche „teleologische Deutungen" nicht. 
Maeders Beurteilung des Unbewußten erinnert an das 
hellsehende metaphysische Unbewußte eines Ed. von Hart- 
mann. Mit empirischer Psychologie hat es nichts zu tun, 
und es wäre betrübend, wenn die exakte Forschung durch 
mystische Anwandlungen geschädigt werden sollte i). 

1) Ein geistreicher und wohlwollender Kritiker, der selbst keine 
Psychoanalyse treibt, hält denn auch mit Recht entgegen: „Autant j'admire 
Texperiencc du medecin (Maeder) et la hauteur de son inspiration, autant 
j*ai peur qu'ici la proph^tie ne soit pr^maturee. Javais entendu d^finur 
la psychanalyse : methode de rechercho, th^rapeutic, orthop6die mentale. 
Et voilä-, c*est une philosophie alt^ree d'unit^ö, une m^taphysique deja, 
dont le centre est un ,moi cosmique*, dont le Symbole divin devient l'Inter- 
mediaire que donne l'Evangile. Plüt au ciel qu'on püt le d^montrerl Et 
encoro fandrait-il qu'il n'y eüt point d'equivoque, et qu'en disant: 
,il y a un aide*, on n*6quivocät pas sur un ton nouveo^u 1© 
vieux subconscient, miserable hypostase d'une divinit^ que la science 
ignore. A ce compte, nous serions seuls encore au milieu du conflit. 
Pour lea respecter trop, je crains les mots sublimes en matiöre exp6rimen- 
tale; mais s*agit-il de foi, ne dites pas que le divin suffise quand je 
reclame un Dieu." (La Semaine litteraire, Nr. 1305 vom 4. Janner 1919.) 
Mit diesen Worten hat Prof. Charly Clerc in Genf die Schwächen der 
Maed ersehen Thesen trefflich beleuchtet. Jung und Maeder haben 



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MAEDER. 307 

Der Überschätzung des Unbewußten, dem mit enthusia- 
stischem Schwung einer Christusrolle beigelegt wird, ent- 
spricht bei Mae der die Herabsetzung des Bewußtseins. Aller- 
dings soll dieses dem Unbewußten gleichwertig sein. Allein 
dies ist ja gar nicht möglich, denn wie sollte es der mit 
göttlicher Clairvoyance und Güte lenkenden „höheren Instanz", 
wie Mae der das Unbewußte selbst nennt, ebenbürtig sein 
können? In der Tat läßt er dem Bewußten eine relativ 
prekäre Aufgabe übrig: Sie soll den Notwendigkeiten der 
äußeren Lage Rechnung tragen. (40.) Erst wenn die For- 
derimgen der äußeren (vom Bewußtsein festgestellten) und 
inneren (durch das Unbewußte diktierton) Lage sich decken, 
ist ein sicheres Handeln möglich. (40.) Somit hätte das 
Bewußtsein über die psychische Lage nichts zu verfügen, es 
hätte nur zu läuschen und sich zu fügen. 

Ich kann mein Erstaunen über diese seltsame Psychologie 
und Psycbagogie nicht unterdrücken. Der Kleptomane wird 
von seinem Unbewußten als von einem Christus väterlich 
und unfehlbar weise verraten, denn wenn er auch zu groben 
Diebstählen von ihm gezwungen ist, im Grunde ist ja hinter 
dem Delikt eine moralische Heldentat gemeint; dabei fällt 
mir nur auf, daß bei vielen Kleptomanen, die ich unter- 
suchte, sehr gemeine unbewußte Motive zum Vorschein kamen, 
denen das Bewußtsein mit Ekel und Abscheu in den Weg 
treten mußte. Oder nehmen wir den Fall eines Jünglings — , 
dessen ganze Sexualität sich mit brennender Begierde auf 



denn auch den Appetit okkultistisch gesinnter Leute gereizt. Eugen 
H o s e r forderb allen Ernstes, daß die Psychoanalyse zu übersinnlichen 
Mitteln als ihren Werkzeugen greife und sich so mit Okkultismus und 
Mystik auseinandersetze. („Psa. und Mystik", Wissen und Leben, XII, 
12. Heft [15. März 1919], S. 357.) 

20» 



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308 VI. PSYCHOANALYSE UND WELTANSCHAUUNG. 

kleine Kinder festgelegt hat. Bevor ich den Fall näher unter- 
sucht hatte, hätte ich, von grenzenlosem Optimismus vorein- 
genommen, vielleicht denken können, er habe nur im Sinne 
des Evangeliums ein Verlangen nach sublimer Kindlichkeit 
gehabt ; seitdem ich aber das Knäuel von Verirrungen und La- 
stern sah, das ihn auf die schlimme Bahn der Pädophilie ab- 
drängte, stehe ich solchen Phantasien ablehnend gegenüber. 
Wer sich der klaren Stellungnahme zu den Einflüsterungen 
und Machtsprüchen des Unbewußten entschlägt, öffnet allen 
Schwärmereien Tür und Tor i). 

Folglich können wir auch Maeders angeblich psycho- 
analytische Erziehung zur Ethik und Religion in keiner Weise 
gutheißen. Es trifft nicht zu, daß das Unbewußte das sitt- 
lich Richtige von sich aus kennt und ausdrückt, so daß man 
nur diese Geheimsprache za übersetzen und kritiklos aus- 
zuführen brauchte, wenn der Verstand ihre Ausführbarkeit in 
der Wirklichkeit zugestanden hat. Das Unbewußte ist ebenso- 
sehr der böse Dämon, wie der freundliche Berater. Genauer 
gesagt : Nur w^as wenig verdrängt ist, das Vorbewnßte im 
Sinne Freuds, kann unter Umständen löbliche sittliche Re- 
gungen enthalten ; was aber tief verdrängt ist, Freuds Un- 
bewußtes (Ubw.), also nicht die konstitutionelle Disposition, 
ist den HöUengeistern zuzurechnen. 

1) Ein sehr eindrucksvoUeö, aber kaum entsprechendes Beispiel sol- 
cher optimistischer Beurteilung der „teleologischen" Funktion des Unbe- 
wußten gibt Hans Schmid in den von Jung herausgegebenen „Psycho- 
logischen Abhandlungen". (Deuticke, 1914, S. 80 — 179.) Da erfährt der 
staunende Leser, daß die unter neurotischem Zwang stehende Brandstiftung 
nichts Geringeres, als — ein Sublimierungsversuch, wenn auch in 
archaischer Form sei. Vgl. meine Entgegnung: „Ist die Brandstiftung 
ein archaischer Sublimierungsversuch?" Intern. Zeitschr. für ärztliche 
Psychoanalyse, III (1915). 



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HÄBERLIN. 309 



So sehr ich es begrüße, daß Maeder sein Augenmerk 
der ethischen Aufgabe des Psychoanalytikers zuwandte, und 
so gern ich mich mit einzelnen seiner ethischen Forderungen 
einverstanden erkläre, so kann ich doch seinen ganzen Auf- 
bau nicht als wetterfest anerkennen. 

Paul Häberlin. 

In pädagogischen Kreisen hört man öfters die Klage, die 
Lehrbücher der Pädagogik enthalten nur altbekannte und 
ziemlich selbstverständliche Dinge. Gesetzt, diese Behaup- 
tung bestünde zu Recht, so ist doch auf alle Fälle zuzugeben, 
daß sie für Häberlins Erziehungswerk i) mit nichten zu- 
trifft. Oder mag auch die pädagogische Zielbestimmung 
dem Kenner Immanuel Kants nicht gar zuviel Neues bieten, 
so enthält dafür der größere Teil des Buches, die Methoden- 
lehre, eine so bedeutende Fülle neuer Gedanken und Rat- 
schläge, daß man von einer förmlichen Reformation der Er- 
ziehungslehre reden möchte. 

Untersucht man dieses Neugut, so findet man bald, daß 
es zum weitaus größten Teil der psychoanalytischen Arbeit 
entstammt, die Häberlin genau kennt. Ich nenne nur 
einige der wichtigsten Gegenstände: Der Infantilismus des 
Zöglings und Erziehers (77, 104 f.), die Ablösung vom Er- 
zieher (114), der Erzieher als Liebesobjekt (119), die Subli- 
mierung der Erotik (123), die Beherrschung der Erotik an 
Stelle ihrer Abtötung (186), die höhere Modifikationsfähigkeit 
des Liebestriebes gegenüber dem Ichtrieb (189), die Erklärung 
einer frühinfantilen sexuellen Erregungsperiode 2) als der 



1) Wege und Irrwege der Erziehung, Grundzüg© einer allgemeinen 
Erziehungslehre. Basel 1918. 

2) Es ist wenig glücklich, daß Häberlin sie eine erste Pubertäts- 



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310 VI. PSYCHOANALYSE UND WELTANSCHAUUNG. 



wichtigsten des ganzen Lebens (190), In sich gekehrtheit, Träu- 
merei, mächtige Phantasietätigkeit, fanatischer Spiel trieb, 
Grehemmtheit im Verkehr mit anderen, Stimmungsschwan- 
kungen, Weinerlichkeit, Empfindlichkeit, unverständiges Be- 
tragen, Unberechenbarkeit, Neigung zum Alleinsein und dann 
wieder ausgelassenes Toben, Unwahrhaitigkeit, Ehrlichkeit 
bis zu übertriebenen Selbstanklagen, Quälsncht, Neid und 
eine Menge anderer Erscheinungen im Betragen des Kindes 
als Folgen des Kampfes gegen die drohende Allherrschaft 
des Liebestriebes (190 f.), Angst, Nervosität bei Knaben und 
Mädchen als Wirkungen desselben Widerstreites (191), die 
sexuelle Latenzperiode vom siebenten bis zwölften Altersjahr 
(101), die Psychologie der Angst, die bis zur Todesangst 
gesteigert auftreten kann, und deren Objekt symbolisch das 
eigentliche Objekt einer verbotenen Erotik andeuten (202), 
die „Verdrängung" der erotischen Regungen ins völlig Unbe- 
wußte und ihre gefährlichen Nachwirkungen (208 f.), die 
erotischen Phantasien als „Manifestationen" (209), der Nar- 
zißmus und sein Zusammenhang mit der Introversion (210), 
die Gefahr des lebenslänglichen Infantilismus (211), die 
Sublimierung der Erotik in soziale Arbeit (215), der Sport 
als Umsetzung jugendlicher Erotik in Arbeit (218), die aus 
der Kinderzeit stammenden, stereotyp gewordenen falschen 
„Fixierungen", die die Gewissonaussagen im Sinne egoisti- 
scher oder erotischer Strebungen fälschen (232), der Revolu- 
tionär, Anarchist, Atheist als negativ Gebundener (245), die 
Askese als Bindungssymptom (:^5j) und Schuldwiikung (3J4), 



pcriode nennt (190); pubes heißt doch bekanntlich mannbar, pubertas 
dio Mannbarkeit, oder die Reife zu ihr. Daß man Knaben und Mädchen 
vom vierten, bis zum sechsten Jahre solche Mannbarkeit zuspreche, mutet 
wie ein schlechter Witz an. 



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HÄRERLIN. 311 



falsche Bußideale und Bußhandlungen als pathologischer 
Zwang (257), die Homosexualität (257), die große Gruppe der 
Angstideale (258), das Zwangsgefühl der moralischen Minder- 
wertigkeit (260 f., 336, 337), kompensatorische Pseudoideale, 
die das Gregenteil des im Innersten Empfundenen ausdrücken 
(261), krampfhafte gute Werke, überbetonte Kirchlichkeit, 
Wahn der Kraft, Schönheit, Liebesmacht usw. als zwanghafte 
Fixierungsprodukte (262), Flucht aus der Wirklichkeit in den 
Kindheitstraum (Regression, Autismus) (264), theoretischer 
Skeptizismus als kompensatorisch verschleierte Geisteskrank- 
heit (264), das Rationalisieren (264), die Notwendigkeit einer 
speziellen Heilerziehung für die Reifung des Grewissens (268), 
die Unzulänglichkeit der Suggestion und Notwendigkeit der 
Analyse bei der Korrektur von Gewissenswidersprüchen (270, 
274, 275), die Bewußtmachung und Auflösung der Bindung 
als getrennte Akte (271), die Übertragung als meistens not- 
wendiger Umweg der Heilung (272), die negative Übertragung 
(273), die pathologische Lüge nur durch psychoanalytische 
Behandlung heilbar (317), der Wille zur Krankheit (322), die 
Krankheit als infantil bedingte Selbstbestrafung (324). 

Schon ein Blick auf diese Aufzählung, die lange nicht 
vollständig ist, zeigt dem Kundigen, welche unerhörte Be- 
reicherung seines pädagogischen Wissens Häberlin der 
psychoanalytischen Forschung verdankt. Die Bedeutung seines 
Werkes liegt in historischer Beziehung in erster Linie daxin, 
daß er als erster akademischer Pädagoge die analytische 
Literatur auszuschöpfen beflissen war. Und daß er es in 
volkstümlicher, verständnisvoller und durchaus nicht skla- 
visch naohahmender Weise tat, daß er es vielmehr kritisch 
nachprüfend und verarbeitend tat, wenn er auch nirgends eine 
Bereicherung des psychoanalytischen Wissens gewann, sei 



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312 VL PSYCHOANALYSE UND WELTANSCHAUUNG. 

ihm dankbar zugestanden. Seine volkstümliche Darstellung 
wird manchem, der nur die Produkte der analytischen Werk- 
stätten, nicht die Gewinnung dieser Produkte zu besichtigen 
wünscht, wertvoll sein, wenn er auch bei selbständiger Be- 
schäftigung mit der Psychoanalyse bald erkennen wird, daß 
Häberlin bei weitem nicht alle Ergebnisse analytischer 
Forschung sich anzueignen verstund. 

Wir Psychoanalytiker könnten uns über diese Anerken- 
nungen herzlich freuen, wenn nicht Häberlin in recht be- 
mühender Weise die Freude zerstreute. Nicht das wird uns 
peinlich berühren, daß er die psychoanalytischen Befunde 
wiedergibt, ohne ihrer Herkunft zu gedenken. Mag der un- 
kundige Leser — das Buch ist volkstümlich abgezweckt — 
immerhin meinen, Häberlin selbst sei der glückliche Ent- 
decker der vielen neuen Tatsachen, wir können dem Bemer 
Akademiker diesen Schein gern gönnen. Allein das Pein- 
liche an Häb erlins Verhalten ist, daß er seine Körbe in 
den Weinbergen der Psychoanalytiker füllt, um hierauf gegen 
die Männer, die in heißer Arbeit unter unsäglichen Schwierig- 
keiten die Reben pflanzten, beliaokten, beschnitten, Miß- 
trauen wachzurufen. Wir sind daran gewöhnt, daß Leute, 
die uns nicht verstehen und weder den wissenschaftlichen, 
noch den ethischen Grehalt unserer Arbeit kennen, in de- 
nunzia torischer Absicht die Öffentlichkeit gegen uns aufzu- 
hetzen versuchen. Allein eine Neuheit ist es, daß ein Mann, 
der unserer Arbeit so viel zu verdanken hat, das gegen uns 
bestehende Odium wenigstens in ethischer Hinsicht nicht 
nur nicht bekämpft, sondern sogar verstärkt. Und zwar ge- 
schieht dies in Gestalt vielsagender Anspielungen, die dem 
Angegriffenen und der öffentlichen Mißbilligung Ausgesetz- 
ten eine Verteidigung erschweren. (181, 277.) An unzähligen 



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HÄBERUN. 



313 



Stellen pflückt Häberlin die Reben der psychoanalytischen 
Forschung, ohne ihren Ursprung anzugeben. Wo er aber 
diesen angibt, kann er nicht umhin, dem Lobe die Warnung 
auf dem Fuße folgen zu lassen. 

Die wichtigere der beiden Stellen lautet: „Es wäre hier 
wohl der Ort, etwas von der psychoanalytischen Methode zu 
sagen, die ja heute eine große Rolle spielt und die ferner 
besonders stark heilpädagogisch orientiert ist. Die psycho- 
analytische Bewegung hat zweifellos viele Anregungen und 
auch Entdeckungen heigegeben gerade auf den Gebieten, um 
die es sich hier handelt, und man kann ihr dafür nur dankbar 
sein. Anderseits hat sie, in Theorie und Praxis, einen Ver- 
lauf genommen, den wir in mehr als einer Beziehung bedauern, 
der allerdings schon in ihren Anfängen mehr oder weniger 
deutlich vorgezeichnet war." (277.) „Der Kundige wird 2^us 
allem hier Vorausgegangenen (das Kapitel über Willens- 
bildung inbegriffen) leicht entnehmen können, was uns mit 
der Psychoanalyse einigt und was uns von ihr trennt, nach 
Theorie imd Praxis. Wir machen besonders auf den Reliati- 
vismus der psychoanalytischen Schule und auf ihren grund- 
sätzlichen psychologischen Irrtum aufmerksam, als ob alles 
aus Trieben allein zu verstehen sei." (278.) 

Es ist somit eine psychologische und eine ethische Auf- 
fassung, die Häberlin den Verlauf der psychoanalytischen 
Bewegung bedauern läßt. Beide aber hängen so eng zusam- 
men, daß sie voneinander nicht gänzlich getrennt werden 
können. 

Betrachten wir zunächst den Vorwurf, die Psychoanalyse 
glaube, daß alles a;as Trieben zu verstehen sei! Wenn dem 
so wäre, so täte sie gar nichts anderes, als was so ziemlich 
die gesamte Psychologie der Gregenwart für richtig hält, und 



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314 VI. PSYCHOANALYSE UND WELTANSCHAUUNG. 

liäberlins Schmerz und Vorwurf müßten sich mit dem- 
selben Rechte auch ihr zuwenden. Die Psychoanalyse könnte 
sich damit trösten, in dasselbe Gericht zu fallen, wie fast 
die gesamte moderne Seelenforschung, und dürfte sich höch- 
stens wundern, warum gerade sie mit dem Ausdruck des Be- 
dauerns belegt und verdächtigt wird. 

Es darf femer daran erinnert werden, daß auch bei An^ 
nähme nur zweier Grundtriebe die höhere Geistesentwicklimg 
durchaus nicht nur als bloßes Additionsverfahren verstanden 
werden muß. Wundt hat in seinem Prinzip der schöpferi- 
schen Synthese gezeigt, wie eine total andere Betrachtungs- 
w^eise sich wissenschaftlich sehr wohl halten läßt. Es wird 
niemand einfallen, den pythagoräischen Lehrsatz nur aus 
Funktionen der Ich- und Arterhaltung erklären zu wollen. 
Und wenn der outsider Häberlin allen Ernstes glauben 
sollte, nur er mit seiner Psychologie könne eine höhere Ethik 
begründen — und nur hierauf kommt es ihm eigentlich an — , 
die gesamte übrige Psychologie mit Einschluß derjenigen 
Freuds sei es dagegen nicht im stände, so machte er sich 
einer Unduldsamkeit schuldig, die im 20. Jahrhundert nicht 
mehr vorkommen sollte, und die nirgends so peinlich wirkt, 
wie auf dem Gebiete der Ethik und Religion. 

Ich bekenne, daß mir die analytisch bereicherte Psycho- 
logie nie die geringsten Schwierigkeiten bereitete, wo es galt, 
den ethischen Idealismus zu begründen. Ja^ im Gegenteil 
hat mich gerade sie gezwungen, die höhere ethische Bestim- 
mung des Menschen als psychologischen Befund anzusehen, 
während ich nach der Wundtschen Psychologie höchstens 
die Möglichkeit des ethischen Idealismus hätte zugeben 
können ^). 

1) Vgl. meine Schrift: „Was bietet die Psychanalyse dem Er- 
zieher?" S. 96. 



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HÄRERLIN. 315 



Weil Häberliu der Psychoanalyse so viel verdankt, 
wäre von ihm zu erwarten gewesen, daß er sie gegen 
den landläufigen Vorwurf sittlicher Inferiorität verteidigte 
und darauf hinwiese, daß in analytischen Kreisen eine der 
seinigen ebenbürtige Ethik anzutreffen ist. Statt dessen 
beschränkt er sich auf den Ausdruck des — Bedauerns I 
Es macht auf den Unbefangenen einen bemühenden Ein- 
druck, daß Häberlin sich wegen seines Entwertungs- 
versuches gegenüber der ethischen Dignität der psychoanaly- 
tischen Arbeit durch einen schweizerischen Pfarrer, der selbst 
keine Analyse trieb, eine öffentliche Abwehr mußte gefallen 
lassen; gerade derjenige Autor, der wegen seiner pädagogi- 
schen Schriftstellerei durch Häberlin am ehesten ange- 
griffen schien, wurde gegen Häberlin entschieden in Schutz 
genommen i). 

Doch sehen wir uns Häberlins angeblich überlegene 
Psychologie etwas näher an! Den Trieben, die entweder Ich- 
tendenz oder Identifikations(Liebes-)tendenz aufweisen, stellt 
er die normative Funktion als zweite Grundfunktion des Men- 
schen gegenüber 2). Des Menschen Aktivität läßt sich nicht 
in Triebe auflösen 3), sofern man unter diesen nur die vitale 
Aktivität versteht; vielmehr steht den Trieben die normative 
Funktion gegenüber, die nicht zum Handeln treibt, sondern 
OS nur beaufsichtigt und nach bestimmten Normen re- 
guliert. (125). Die eine Grundfunktion ist daher treibend, 
die andere lenkend*). 

1) H. Müller im Kirchenblatt für die reform. Schweiz, 1918, Nr. 33. 

2) Ober die W^ahrheit der Religion, Verhandlungen der Schweiz, 
ref. Predigerversammlung, 1916, S. 38, Über das Gewissen, Basel 1915, 
S. 52 ff., Wege und Irrwege der Erziehung, S. 124. 

3) Wege, S. 124. 

*) Wahrheit, S. 38. 



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316 VI. PSYCHOANALYSE UND WELTANSCHAUUNG. 

VoD den Trieben gehen auch Urteile aus, aber es fehlt 
ihnen der a.bsolute Charakter, der die normativen oder Ge- 
wissensfunktionen auszeichnet i). Weil die letzteren den 
ersteren als richtende gegenüber stehen, kann man sie nicht 
aus ihnen ableiten 2), und es ergibt sich, daß sie die empiri- 
schen Repräsentanten der Idee sind, die den eigentlichen 
Kern, das Absolute, Ewige der Persönlichkeit ausmacht 3). 
Doch damit stecken wir bereits in der Metaphysik, während 
wir vorerst das psychologische Problem erörtern wollen. 

Jeder Psychologe wird erstaunt sein, die primitiven In- 
stinkthandlimgen der Selbsterhaltung mit den Aussagen des 
Grewissens als Grund- oder Urfunktionen genetisch auf eine 
Linie gesetzt zu sehen. Denn erstere treten bekanntlich von 
Anfang an auf, vor jeder Erziehung, während das Gewissen 
der Ausbildung bedarf. Häberlin wird uns entgegenhalten, 
daß hiebei die Erziehung jene normative Urfunktion, die das 
Triebleben leitet, nur auslöse. Allein sollte es nicht denkbar 
sein, daß auch das „Triebleben" ein „normatives" Verhalten 
hervorbringen könnte? Läßt sich nicht deutlich nachweisen, 
daß aus Trieben Impulse und Handlungen hervorgehen kön- 
nen, die an Normen gemessen werden und gemessen werden 
wollen? Mit diktatorischer Gebärde erklärt imser Kantianer, 
aus aer Entwicklung der Triebe können keine Urteile her- 
vorgehen, die den Charakter des Absoluten tragen. Allein 
er hat sich fast keine Mühe gegeben, diese kategorische Be- 
hauptung empirisch nachzuprüfen, wie es gerade von ihm 
zu erwarten gewesen wäre. Hätte er es mit der nötigen Sorg- 
falt getan, so hätte er sicher massenhaft Fälle gefunden, in 

1) Wahrheit, S. 10. 

2) Wege, S. 125. 

3) Gewissen, S. 20 f. 



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HÄBERLIN. 317 



denen ein Imperativ als absolut erlebt wurde, ohne daJJ andere 
als Triebmächte in Betracht kämen. Namentlich die Psycho- 
logie des Unbewußten wäre dabei anzuwenden gewesen. Ich 
erinnere etwa an Freuds „Inzest schranke**. Man hätte da- 
bei auch zeigen können, wie aus solchen als absolut charak- 
terisierten Triebwirkungen, die sich psychologisch von Hä- 
berlins anerkannten Grewissensaussagen durch kein einziges 
Merkmal unterscheiden, manchmal allgemeine Normen ab- 
geleitet wurden, die trotz ihrer ethischen Minderwertigkeit 
rein psychologisch den von Häberlin gebilligten ethischen 
Normen völlig gleichkommen. 

Wie außer den primiti\^n Instinkten das sicherlich nur 
auf Triebe abstellende elterliche Gebot einen absoluten Cha- 
rakter annehmen kann, hat er ununtersucht gelassen. Und 
doch sah wohl jeder erfahrene Erzieher eine Menge von 
Zöglingen, die unter dem Einfluß des Elternhauses Handlun- 
gen als absolut verwerflich beurteilten, die das Grewissen 
anderer billigte, z. B. Tanz und Kartenspiel, und daneben 
Taten, die andere als unsittlich ablehnten, ruhig als er- 
laubt, oder sogar als gut gelten ließen. 

Einige Beispiele: Wenn Diebseltem, wie Dickens si3 
schildert, ihre eigenen oder Pflegekinder von klein auf zu 
Diebstählen anhalten und für solche kriminelle Handlungen 
belohnen, so bedürfen wir sicherlich keiner transzendenten 
Funktion im Sinne Kants und H ä b e r 1 i n s, um zu be- 
greifen, wie der Befehl der Erzieher den Charakter des Ab- 
soluten erlangt. Simmel, von dem wir eigentlich eine 
psychologische Untersuchung des sittlichen Werdeganges we- 
niger als von Häberlin erwarten würden, hat den Nach- 
weis geführt, daß viele Inhalte des innerlichst empfundenen 
Sollens auf äußeren Zwang zurückgehen; den ethischen Ab- 



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318 VI. PSYCHOANALYSE UND WELTANSCHAUUNG. 



scheu des Parsen gegen den Genuß des Rindfleisches z. B. er- 
klärt er aus dem Verbot der indischen Machthaber *). 

Man kann auch experimentell zeigen, daß aus bloßen 
empirischen Strebungen absolute innere Impulse, in welchen 
also ein absolutes „Du sollst I" steckt, zu stände kommen 
kann. Man kann posthypnotische Aufträge, deren Veranlas- 
sung dem Gedächtnis entzogen wird, so erteilen, daß ein Un- 
terschied zwischen einer im Sinne Häberlins autonom vom 
Gewissen diktierten Handhmg und dieser posthypnotischen 
Leistung in bezug auf den Gewissensinhalt auch bei der 
schärfsten Beobachtung der Bewußtseinsinhalte nicht aufzu- 
finden ist. Ebenso treffen wir massenhaft Zwangsneurotiker, 
die es als heiligste I*flicht empfinden, irgend eine sittlich 
indifferente Handlung zu begehen, ohne daß andere als „trieb- 
hafte" Motive in der Genese anzutreffen wären. 

Die Absolutheit des Sollens ergibt sich individualhisto- 
risch durch einen komplizierten Prozeß aus dem Müssen und 
Dürfen, aus inneren, schon in den Instinkten angedeuteten 
und äußeren Nötigungen. Diese Absolntheit laut sich aus 
der Bewußtseinspsychologie, wie ich früher zeigte 2), ein gutes 
Stück weit erklären. Ich glaube jedoch heute, daß erst die 
Tiefenpsychologie das ganze Rätsel zu lösen vermag. Wie 
dies geschieht, kann hier nicht in aller Kürze gezeigt werden. 
Mir scheint, daß sorgfältige Analyse dem aufmerksamen Be- 
obachter massenhaft zeigen muß, wie konkrete absolute Im- 
perative mit Notwendigkeit aus relativen Strebungen, aus 
Triebregungen hervorgehen. Das allgemeine ethische: „Du 
sollst 1" aber ist nur eine ethische Abstraktion, wie auch die 
Ableitung allgemeiner Normen, die keineswegs so vom Him- 

Einl. in die Moralwiss., I, S. 56 f f . 
2) Die Willensfreiheit, Berlin 1904, S. 171 ff. 



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HÄBERLTN. 319 



mel gefallen sind, wie der Kantianismus annimmt. Auf diese 
fundamental wichtige Tatsache kommen wir noch zurück. 

Habe rl in stellt das Wunschideal, das Seinmögen, dem 
autoritativen Ideal, dem Seinsollen gegenüber i), das abso- 
luten Charakter trägt. (13.) Letzteres Merkmal soll die Unab- 
hängigkeit von unseren triebmäßigen Wünschen ausdrücken. 
Als ob die Herübemahme des Fremdbefehles in das Selbst- 
wollen von den triebmäßigen Interessen der Selbst- und Art- 
erhaltung unabhängig wäre! Die Psychologie der Strafe und 
Belohnung gibt ganz andere Aufschlüsse. Es ist übrigens 
sehr seltsam, daß Häberlin das Bindeglied zwischen den 
Wunschidealen und den Funktionen des absoluten SoUens, 
nämlich das anbefohlene Müssen, somit gerade eine wichtigste 
Wurzel des unbedingten Sollens hier überspringt. Er über- 
sieht ferner, daß schon die Instinkte nicht nur zu Wünschen 
treiben, sondern sehr oft positiv und negativ Imperativischen 
Charakter tragen, z. B. in der Forderung, sich vor einem be- 
drohlich entgegenrasenden Pferd in Sicherheit zu bringen, 
einem Kinde das Leben zu retten, sich nicht zu weit über 
einen Abgrund hinauszulehnen. Auch das Problem der an- 
gezüchteten Zu- und Abneigungsgefühle wäre hier zu erörtern. 
Um seine Konstruktion einer den Trieben psychogenetisch 
koordinierten normativen Grundfunktion aufrecht erhalten zu 
können, hat Häberlin den Triebbegriff viel zu eng ge- 
faßt 2). 

Dem allem weicht Häberlin aus, indeüa er seine ganze 
Argumentation auf eine psychologische Fiktion stützt: Das 
Gewissen ist absolut, solang es spricht, es ist die Idee als 



1) Gewissen, S. 5 ff . 

2) So z.B. Gewissen, S. 54 f.; vgl. Wundt, Ethik, S. 484 ff.: „Die 
Entstehung imperativer Motive." 



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320 VI. PSYCHOANALYSE UND WELTANSCHAUUNG. 

absoltite, fordernde Macht, und als solche keine psychologisch- 
empirische Tatsache, und nachher ist die Norm nicht mehr 
als Norm gegeben. (24 — 32.) „Weil man das Spüren einer 
inneren Notwendigkeit — eben das Gewissen als autoritative 
Macht — nicht loswerden kann, so müssen diejenigen, denen 
diese Autorität nicht paßt, sie irgendwie anders, d. h. empi- 
ris tisch, zu deuten suchen." (33.) Wunderliche Argumenta- 
tion! Muß der Psychologe nicht alle psychischen Vorgänge, 
mögen sie sich für empirisch oder für absolut ausgeben, auf 
ihre Entstehungs Verhältnisse prüfen? Und heißt psycho- 
logisch erklären nicht so viel, als mit anderen bekannten 
psychischen Tatsachen in Zusammenhang bringen? Nicht- 
empirische Psychologie ist hölzernes Eisen. Im Mittelalter 
hütete man sich wohl, Halluzinationen empiristisch zu deuten, 
da die Kirche proklamiert hatte, sie seien Teufelswerk oder 
Gotteserleuchtung. Glaubt denn Häberlin in allem Ernst, 
wir werden uns durch die Manen Kants dieses durch supra- 
naturalo Voreingenommenheit bedingte Verbot gegenüber dem 
sittlichen Bewußtsein gefallen lassen? Mag er sich der 
psychologischen Arbeit entschlagen, die seine ethisch-supra- 
naturalen Spekulationen allerdings bedenklich ins W^anken 
bringen, unbefangene Psychologen können ihm nicht folgen. 
Seltsam I Wenn wir das sittliche Bewußtsein ebenso 
psychologisch untersuchen, wie einen Akkord, eine Tag- 
phautasie oder Symptomhandlung, so behauptet Häber- 
lin, wir tun es nur darum, weil uns die im sittlichen Bewußt- 
sein liegende Autorität nicht passe! Er selbst aber, der die 
Gewissensaussagen der empirischen Forschung mit ähnlichen 
Argumenten vorenthalten will, wie die alte Orthodoxie die Bibel- 
kritik, mag es in Wirklichkeit nicht tun, weil es seinem 
mitgebrachten philosophischen Gebäude unbequem isti Wer 



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HlBERLIN. 321 



von uns ist denn der inkonsequente, gebundene Geist, der 
Psychoanalytiker, der (übrigens hier im Einklang mit fast 
der gesamten modernen Psychologie) sich durch keine ihr 
von außen entgegengeworfenen Schranken zurückhalten läßt, 
oder Häberlin, der ihm im Namen der Philosophie ent- 
gegentritt, wie ein Priester, der dem Weltkind das Betreten 
eines Tempels verwehren will und ihm zweifelhafte ethische 
Motive unterschiebt? 

Die Tatsache, daß das Grewissen schwankt und sich so- 
gar widersprechend äußert, kann unser Polemiker nicht 
leugnen. Wie findet er sich mit ihr ab? Er sagt: „Jedes 
wirkliche Gewissensurteil oder jede Gewissensforderung ist 
gleich notwendig, gilt schlechthin. Die absolute Notwen- 
digkeit schließt aber wiederum die Widerspruchsmöglichkeit 

aus Wir haben in allen echten Gewissensfordeningen 

(oder Gewissensurteilen) ein absolut konstantes und einheit- 
liches System." (15 f.) „So stellt dem wirklichen Verhalten 
gegenüber das konstante System des seinsollenden Verhal- 
tens ein Ideal, das Ideal des gesamten persönlichen Verhal- 
tens dar.'* (17.) „Erst das Gewissensideal ist wirklich ein 
Ideal, ein absolut zuverlässiges, weil absolut notwendiges 
Ziel. Wir nennen es die Idee eines bestimmten persön- 
lichen Verhaltens. Diese Idee ist für jede Persönlichkeit 
dasjenige, was sie schtechthin sein soll." (17.) „Diese Idee 
ist unser eigentliches Wesen." (19.) Nun spürt man die 
normgemäße Forderung als absoluten Imperativ, „und damit 
die dahinterstehende Idee als das absolut Wahre. Daxum 
auch als das absolut Konstante" (34), das nicht schwanken 
kann. Wer nachträglich die Absolutheit bezweifelt, hat sich, 
außerhalb der Idee gestellt und zweifelt nur von seinem empi- 
rischen Wesen aus. „Niemand, der Gewissen spürt — imd 

Dr. Pfiat«!^ VtjdmaMljm, tl 



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322 VL PSYCHOANALYSE UND WELTANSCHAUUNG. 

wer spürte es nicht — , kann in Wirklichkeit Relativist 
seini).** (36.) 

Wenn nun die Grewissensstimme zu verschiedenen Zeiten 
oder zur gleichen Zeit schwankt, so kann dies nach Haber* 
lin nur Schein sein, das ethische Individuum täuscht sich 
über den wahren Sinn der Gewissensforderung oder faßt sie 
nicht in ihrer ganzen Reinheit. (35.) So lange wir empirische, 
daher unideale Wesen sind, können wir das Ideal nicht rein 
verstehen. (36.) Wir halten triebhafte Grefühle für ethi- 
sche. (57.) Das ideale Gewissen erfaßt die Idee adäquat,^ 
das subjektive Gewissen, das auch „Gewissen im empirisch- 
psychologischen Sinne" heißt, kann sich mit dem idealen 
inhaJtlich decken, von ihm aber auch unterscheiden. Nur 
das ideale Gewissen ist überall und in allen Menschen kon- 
stant, das empirische keineswegs. (38.) 

H ä b e r 1 i n leugnet nicht, daß es ein Gewissen gebe, 
welchem ganz aus dem Triebloben entspringe. Also eine absolut 
charakterisierte normative Funktion, die keine ürfunktion istl 
Dieses Gewissen beruhe ganz auf äußerer Autorität, auf An- 
erziehung, Dressur oder freiwilliger Identifikation mit dem 
Willen einer übergeordneten Persönlichkeit oder Tradition (45), 
kurz auf Triebhaftigkeit (57) ; und zwar mache es um so eher 
den Eindruck der Aböolutheit, als die Anlehnung an die 
Autorität meistens aus vorbewuJJter, infantiler Zeit stamme. 
(45.) Das Faktum läßt Häberlin gelten, allein er wendet 
ein, daß das Gewissen in diesem Sinne nur ein falsches, 
heteronomes sei imd den Namen des Gewissens eigentlich 
überhaupt nicht verdiene. (46.) „Die Sache liegt einfach so: 

1) Kant war viel vorsichtiger als Häberlin, indem er sich weislich 
hütete, seinen kategorischen Imperativ empirisch abeuleiten. Vgl. Scho- 
penhauer, Grundlage der Moral, WW. (Grisebach), III, S. 519 ff. 



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HÄRERLIN. 323 



Wir, die wir Gewissen spüren, wissen, absolut zwingend, daß 
wir einer Bestimmung verantwortlich sind, die uns schlecht- 
hin — nicht durch menschliche Autoritäten — gesetzt ist. (46.) 
Wir wissen aber auch aus Erfahrung, daß wir diese Bestim- 
mung nicht immer rein erfassen, ja daß wir gelegentlich in- 
sofern irren oder geirrt haben, als wir den Willen äußerer 
Autoritäten für unsere notwendige Aufgabe hielten und ihn 
also mit \mserer autonomen Bestimmung verwechselten. Wir 
unterscheiden aber prinzipiell sehr genau zwischen dem 
echten und dem falschen Gewissen, wenn wir auch manchmal 
im empirischen Verhalten beide verwechseln." (46.) Sogar 
in jedem Akte des gefälschten Gewissens spüren wir die ab- 
solute Autorität, imd die schlummernde Gewißheit dieser 
echten Autorität geht der Verwechslung mit der unechten 
voran und macht letztere erst möglich. (47.) Daher bleibt 
die absolute Forderung, auch wenn man die triebhaften Be- 
standteile aus ihr entfernte. (48 ff.) — Einige andere Ge- 
dankengänge, in denen Häberlin Angriffe auf die Absolut- 
heit des Gewissens wiederum durch die Distinktion eines 
idealen und eines empirischen Gewissens abweisen zu können 
glaubt, dürfen wir übergehen. Sie brechen von selbst zusam- 
men, wenn die von uns besprochenen Rettungsversuche des 
Eantianismus fehlschlagen. 

Das in unzähligen Wiederholungen vorgebrachte Argu- 
ment, durch welches Häberlin die „normative", dem 
Triebleben entgegengesetzte „Urfunktion" des Greisteslebens 
und gleichzeitig die „Abeolutheit" ihrer Pordenmg begründen 
zu können hofft, lautet zusammengefaßt: Das wirkliche Ge- 
wissensurteil schließt seine absolute Gültigkeit in sich; wer 
das Gewissen spürt, muß die hinter ihm stehende 
Idee als wahr anerkennen. Nun ist aber zu sagen, 

21» 



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324 VI. PSYCHOANALYSE UND WELTANSCHAUUNG. 

daß es ein allgemeiDes Gewissenstirteil nicht gibt. Wir 
finden nur einzelne Gewissensaussagen vor. Das 
sittliche Bewußtsein sagt zunächst rein nichts von ^iner 
hinter ihm steckenden Idee aus. Vielmehr ist diese 
„Idee" ein bloßes Folgerungsprodukt, das mit großer 
Kühnheit auf Grund eines mitgebrachten philosophischen 
Wissens oder Vermutens fabriziert worden ist. Ich mag 
meine erlebten Gewissensaussagen drehen und wenden, wie 
ich will, sie richten sich auf einzelne Handlungen, die als 
gut oder böse charakterisiert werden, sie sagen ferner über 
mich als Täter das eine oder das andere aus, aber erst durch 
ein mit reichlichem mitgebrachten Wissensmaterial logisie- 
rendes Verfahren, das selbst nicht zum G^wissensakt gehört, 
komme ich unt^r Uniständen vielleicht zur Annahme 
einer „Idee", vielleicht auch eines normsetzenden Wil- 
lens. Allein ich betone, das Gewissen selbst sagt in bezug 
auf die einzelnen Handlungen die ethische Qualität aus, 
und das Merkmal der Absolutheit bezieht sich 
lediglich auf diesen konkreten Vorgang. Dies ist 
das Maßgebende. 

Es heißt den ethischen Sachverhalt direkt auf den Kopf 
stellen, wenn man die Absolutheit statt auf die im Ge- 
wissensprozeß charakterisierte Handlung auf die im Be- 
wußtsein gar nicht mitgesetzten Ursachen des G^wissens- 
aktes bezieht. Erst durch ein Abstraktionsverfahren, das 
keineswegs selber zum Gewissensurteil ge- 
hört, kommt man vielleicht, vielleicht auch nicht, zu Ha- 
ber lins metaphysisch ausgemaltem Hintergrund, der Idee 
und dem Ewigen der Persönlichkeit, oder was sonst als 
transzendenter Mutterschoß des (Jewissensurteils verkündigt 
wird. Nun wissen wir bereits, daß der Empiriker, in diesem 



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HÄBERLIN. 325 



Falle der historisierende Psychologe, das volle Recht hat, 
jenen Untergrund der bewußten Gewissenslfeistung aufzu- 
suchen, und es ist uns weiter bekannt, daß die Metaphysik 
nur so weit auf Gültigkeit Anspruch erheben darf, als ihr 
keine anderweitigen Erfahrungen widersprechen. Wir möchten 
daher sehr davor warnen, aus einzelnen Bewußtseinsaussagen, 
die nur prospektiv Absoiutheit aussagen, retrospek- 
tiv einen so hohen metaphysischen Pfeiler aufzurichten. Die 
Autorität des sittlichen Bewußtseinsinhaltes kommt jener 
dem ka.usalen Denken entsprungenen Metaphysik nicht im 
geringsten zu gute. Diese Verv.echslung einer Gewissens- 
aussage mit einer höchst anfechtb^en Reflexion über das 
Woher dieser Gewissensaussage bildet einen kardinalen Feh- 
ler in Habe r lins Konstruktion. 

Die merkwürdig zäh durchgeführten, aber stets den sprin- 
genden Punkt übersehenden Versuche, die Absolutheit der 
Normfunktion trotz der sonnenklaren Nichtabsolutheit ihrer 
Aussagen festzuhalten, fallen von da aus in ihr Nichts zu- 
sammen. Es rächt sich bitter, daß II ä b e r 1 i n der Auf- 
gabe aus dem Wege ging, die Psychologie der absoluten Be- 
w^ußtseinsinhalte sorgfältig abzuklären imd die denknotwen- 
digen Schlüsse aus diesem Sachverhalt zu ziehen. Der Vor- 
wand, solang das Gewissen rede, sei es nicht eine psycho- 
logisch-empirische Tatsache, taugt ebensowenig, wie wenn 
ich sagte : Wenn ich ein Gefühl habe, ist es keine empirisch- 
psychologische Tatsache. Wozu hätten wir denn ein Ge- 
dächtnis? Warvmi kann ich nicht den Zustand, in dem ich 
mich zur Zeit des Gewissensspruches befand, genau so psycho- 
logisch reproduzicien wie einen Zustand künstlerischer Er- 
regung? Das Bestreben, den Psychologen mundtot zu ma/- 
chen, damit der Metaphysiker nach Hcrzensllist schalten und 



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826 VI. PSYCHOANALYSE: UND WELTANSCHAUUNG. 

walten kann, hat da Häbcrlin zu recht sonderbaren Be- 
hauptungen geführt. 

Und nun soll jedes wirkliche Gewissensurteil gleich gültig 
sein, so daß Widersprüche xinter den Grewissensaussagen nicht 
möglich seien! Was sind Gewissensurteile 7 Wer sich an 
den allgemeinen Sprachgebrauch hält und noch nicht a\if 
Kant oingeschworen ist, wird sagen: Es sind solche, in 
denen wir unsere Handlungen sittlich bewerten. Häberlin 
selbst war ja von solchen ausgegangen. Er leitete seine 
Theorie von solchen ab, ohne irgend einen Unterschied zwi- 
schen wirklichem und falschem Gewissen zu machen. Und 
wirklich lassen sich auch seine Rückschlüsse aus den per- 
versesten Gewissensaussagen ganz ebenso ziehen, wie aus 
denen, die ein hochentwickeltes, von jedem Kulturmenschen 
gebilligtes Gewissen hergibt. Wird dem Kantianer nicht un- 
gemütlich bei diesem Sachverhalt? Der Glaube an eine 
absolute, heilige Norm kann also gegründet 
werden auf niederträchtige, schändliche Gc- 
wissensaussagenl Der sadistische Ketzerrichter, der 
ein unschuldiges Mädchen zu Tode martert, spürt nicht nur 
eine autoritative Gewissensmacht, deren Spruch schlechthin 
notwendig und gültig ist, sondern er fühlt gerade diese 
Folter- und Henkersarbeit als schlechthin gebotenes 
und sittliches Werk. Stürzt der Inhalt des Gebotenen, so 
bricht selbstverständlich auch die Autorität des — meta- 
physisch, nicht ethisch • — erschlossenen Gebieters, also des 
absolut auftretenden und sich so blamabel aufführenden Ge- 
wissens. Denn a\if nichts anderes, als die Anerkennung der 
absoluten Gültigkeit des gebotenen Inhalts war seine Auto- 
rität gegründet. 

Häberlin mutet uns zu, zu sagen: „In meiuen er- 



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'^ ^""ö**" UNIVERSIir OF MICHIGAN 



HÄBRRUN. 327 



lobten G^wissensaussag^n steckt der Anspruch auf absolute 
Oültigkeit und Unumstößlichkeit. Hieraus schließe ich auf 
eine absolute Norm, die sich in dieser Grewissenjsaussage offen- 
bart. Nun sehe ich allerdings ein, daß jene sich absolut 
gebende Gewisscnsaussage oft grundfalsch ist. Allein trotz- 
dem muß ich jene absolute Norm, die ich aus dem grund- 
falschen Gewissensurteil (I) erschloß, für gültig 
halten r* Gegen Häberlin bäumt sich nicht nur die Logik, 
sondern auch das sittliche Bewußtsein auf. Hat ein Lehrer, 
der mit dem Anspruch auf Unfehlbarkeit auftritt, die schlimm- 
sten Denkfehler begangen — und das erlebte Gewissen hat 
sich unzähligemal blamiert! — , so ist auch seine Autorität 
bei jedem, der nicht an krankhafter Autoritätsglaubigkeit 
und -bodürftigkeit leidet, zusammengebrochen, imd wir lehnen 
seinen Anspruch rundweg ab. Dazu kann sich Häberlin 
gegenüber dem Gewissen nicht entschließen. Die Ehrfurcht 
vor Kant ist in ihm stärker, als die Logik. Auch das sitt- 
liche Bewußtsein widerlegt Häberlin: Hat sich ein Ge- 
wissensurteil als falsch erwiesen, so lehnt gerade das Ge- 
wissen das frühere Urteil und dessen Absolutheit ab; 
er fügt keineswegs hinzu: „Aber hinter dem falschen Ge- 
wissensurteil und seinem falschen Anspruch auf Absolutheit 
steckt eine empfehlbare Norm!" Diese retrospektive Meta- 
physik leisten sich höchstens Kantianer. 

Häberlin müßte mindestens Kriterien geben, nach 
denen das echte, absolute Gültigkeit besitzende Gtewissen 
vom gefälschten zu unterscheiden wäre. Da das wirkliche 
Gewissen auf einer total anderen psychischen „Urfunktion" 
beruht, als das angebliche Gewissen, da jenes nicht aus 
Trieben, dieses aber nur aus Trieben hervorgeht, müßte es 
doch kinderleicht sein, diese diametral verschiedenen Funk- 



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328 VI. PSYCHOANALYSE UND WELTANSCHAUUNG. 

tionen auseinaaderzu halten. Es bestätigt die vollkommene 
Haltlosigkeit der Habe rlin sehen Psychologie, daß er diesen 
Unterschied nicht anzugeben vermag. 

Wie soll man nun die Differenz zwischen gültigen imd 
und ungültigen Gewissensaussagen finden? Indem man die 
Gewissensaussage gegen Gewissensaussage ausspielt? Aber 
wer verbürgt denn, daß die richtende Aussage mehr Anrecht 
auf Anerkennung besitzt, als die gerichtete? Beide treten 
ja mit demselben Anspruch auf absolute Gültigkeit auf? 
Wir Nichtkantianer, die wir nicht vor dem zweifelhaften 
Mysterium des immer absolute Anerkennung fordernden, aber 
unzähligemal sich arg blamierenden Gewissens stehen bleiben, 
wissen guten Rat. Habe rlin meint, die Blamagen des 
Gewissens rühren dalier, daß die Triebe in die unfehlbaren 
Sprüche des Gewissens hineingespukt haben. Also müßte man 
nur alles „Triebhafte" subtrahieren, um ein tadelloses Ge- 
wissensinventar zu erhalten? Es läge in der Konsequenz der 
These Häberlins. Allein wir wissen, daß sehr viele der 
herrlichsten und wertvollsten Gewissensforderungen „Trieb- 
haftes", z. B. die Impulse der Arterhaltung und Nächsten- 
liebe, enthalten. Und was für eine starre, eisige, quälende 
Ethik bliebe übrig, wenn man das Triebhafte dem sittlichen 
Bewußtsein entzöge. Sogar Kant hebt hervor, daß der Grund 
des Bösen nicht, wie man gemeiniglich anzugeben pflege, in 
der Sinnlichkeit des Menschen und den daraus entspringenden 
natürlichen Neigungen gesetzt werden könnet). Mit dieser 
Subtraktion des Triebhaften kommen wir daher nicht Tveiter. 
Wir Nichtkantianer schämen uns gar nicht, die psychologi- 
schen imd ethischen Überlegungen anzustellen, die H ä b e r 1 i u 

1) Die Religion innerhalb der Grenzen der bloßen Vernunft. Kehr- 
bach, S. 35. 



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HÄBERLIN. 329 



vom Standpunkt seines ethischen Absolutismus vornehm als 
„Kelativismus" bedauert. Wir fragen nach dem Sinne des 
einzelnen Sittengebotes, seinen Wirkungen, seinen Zusammen- 
hängen mit dem Lebenaganzen, mit der individuellen Entwick- 
lung in geistiger und oft sogar physischer Hinsicht, nach 
der Bedeutung der sittlichen Vorschrift für das soziale Le- 
ben und die gesamte Menschheit. Und siehe da, wir erleben, 
was auch der eingefleischteste Kantianer an sich erleben 
läßt: Dasselbe Gewissen, das zuvor als absoluter Gesetzgeber 
auftrat, läßt mit sich reden und verwirft, eines Besseren be- 
lehrt, was es vorhin als absolut geboten erklärte, und es gibt 
unter Umständen das Plazet der Absolutheit einer Forderung, 
die das von Häberlin so geringschätzig behandelte Trieb- 
leben aufstellte. Ja, wir kommen durch Sublimienmg des 
Trieblebens infolge von äußeren und inneren Lebenserfahrun- 
gen vielleicht zu einer viel weniger rigorosen, psychologisch 
feineren, pädagogisch wirksamen und philosophisch tieferen 
Ethik, als der klassische und der abgerahmte Kantianismus. 

Und wenn uns Häberlin ethischen Relativismus vor- 
wirft, so kehren wir den Spieß um und fragen: Tut er nicht 
das gleiche, indem er wenigstens dem empirischen Gewissens- 
spruch den Kredit der absoluten Gültigkeit entzieht und die 
Absolutheit lediglich für ein ideales, nichtempirisches Ge- 
wissen reserviert? Die im sittlichen Bewußtsein selbst 
allein vorgefundene Absolutheit des Gewissens, nämlich 
die auf ein bestimmtes Ziel gerichtete Abso- 
lut h e i t hebt er auf und reserviert sie für eine transzendente 
Persönlichkeitsidee. Daß die Psychoanalyse als Erfahrungs- 
wissenschaft zu solchen phantastischen Jenseitsspekulatio- 
nen weder ja noch nein sagen kann, liegt auf der Hand. 

Es gelüstet uns, von hier aus das Ziel der Erziehung, das 



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^30 VI. PSYCHOANALYSE UND WELTANSCHAUUNG. 

Häberlin mit großem Kraftaufwand entwickelt und in der 
inneren Fähigkeit des Zöglings zur Erfüllung seiner Bestim- 
mung, seiner Lebensaufgabe i) oder Pflicht findet, etwas ge- 
nauer zu imtersuchen. Es genügt aber, darauf hinzuweisen, 
daß nicht nur der Psychoanalytiker, sondern auch Schopen- 
hauer, Nietzsche, Buddha, Kong-tse, Bentham, 
Pestalozzi und alle möglichen Ethiker dieses mehr als 
Tage und darum imbrauchbare Ziel mitleidig köpf nickend be- 
jahen können. Solang man nicht weiß, worin die Le- 
bensaufgabe, Bestimmung oder Pflicht bestehe, 
ist durch Häberlins Prinzip kaum etwas gesagt, womit 
etwas Brauchbares anzufangen wäre. So rächt sich Häber- 
lins ethisch-metaphysischer Absolutismus durch ein Stecken- 
bleiben in öder Formalistik. Schon längst warf man Kant 
vor, daß sich aus seinem kategorischen Imperativ keine posi- 
tiven sittlichen Bestimmungen ableiten lassen und daß der 
schroffe Dualismus von Pflicht und Neigung (Häberlin 
würde sagen: Trieb) den Wert der sittlichen Gefühle ver- 
kenne. Häberlin macht sich derselben Fehler schuldig, 
wie er überhaupt die während mehr als hundert Jahren un- 
zähiigemal erhobenen Einwände gegen den Kantianismus viel 
zu leicht genommen hat und viel zu sorglos in Kants rie- 
sigem Hause Wohnung nahm. Die Folgen hat er selbst zu 
tragen. 

Noch viel wäre gegen Häberlins Psychologie einzu- 
wenden. Ich erinnere nur an seine Angabe, die Norm „treibe** 
nicht (wie die Triebe es tun), sie könne nur beaufsichtigen 
und regulieren*). Wie kann sie denn auf den Ablauf des 
Trieblebens Einfluß haben, wenn sie nicht Triebkraft be- 

^) Wege, S. 12. 
») Wege, S. 125. 



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PSYCHOANALYSE UND ETHIK, 3H1 



sitzt? Was hilft der Chauffeur am Steuerrad, der keine 
Energien abzugeben vermag, z. B. plötzlich lahm wird? Ha- 
ber 1 in merkt, daß er der Normfunktion Vitalenergien bei- 
legen müßt«, und damit wäre sie ins Empirische, Diesseitige 
herabgezogen. Sein philosophischer Supranaturalismus ver- 
führt ihn zu einer psychologischen Absurdität, Doch genug 
davon ! 

II. Systematische Untersuchung der Beziehungen zwischen 
Psychoanalyse und Ethik. 

A. Die Bedeataog der Psychoanalyse far die Ethik. 

a) Prinzipielle Voraussetzungen. 

1. Aufgabe und Wesen der Ethik. 

Von Anfang an ging die psychoanalytische Arbeit Hand 
in Hand mit ethischer Stellungnahme. Freud erkannte zu- 
erst, welche ungeheuer große Rolle das sittliche Bewußtsein 
in der geistigen und sogar leiblichen Ökonomie des Mea- 
schen spielt, führte er doch die große Mehrzahl der nervösen 
Erkrankungen auf ethische Konflikte zurück. Er zeigte zu- 
gleich, daü der Heilungsprozeß ohne neue ethische Stellung- 
nahme nicht möglich sei. Wenn er den Kranken überzeugen 
will, daß er den pathogcnen Wunsch mit Unrecht abwies 
und ihn daher annehmen sollte, oder daß er den mit Recht 
abgelehnten Wunsch sublimieren oder „mit Hilfe der gei- 
stigen Leistungen des Menschen" beherrschen sollet), so 
fordert er in allen drei Eällen eine ethische Wertschätzung 
heraus. Und wenn Freud weiter verlangt, daß die Ent- 
scheidung unter Leitung des Arztes gefunden werde (25), so 
wird dabei ein reifes ethisches Urteil auch vom Analytiker 

1) Freud, über Psychoanalyse, S. 25. 



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332 VI. PSYCHOANALYSE UND WELTANSCHAUUNG. 

gefordert, auch wenn dieser, wie wir hörten, in dieser Hin- 
sicht möglichste Zurückhaltung bewahrt und dem Klienten 
möglichst viel Freiheit in der Entscheidung überläßt. Die 
ethische Sicherheit und Abgeklärtheit des Analytikers ist um 
so wichtiger, als seine Persönlichkeit durch die Übertragung 
für die Entscheidungen und damit das Lebensglück des Klien- 
ten von stai'kem suggestiven Einfluß ist, selbst wenn man 
die Übertragimg sorgfältig aufzuheben beflissen ist. 

Kein Analytiker kann seine Tätigkeit dem Ganzen seines 
ethischen Lebensplanes entreißen. Will er sie mit Freud 
in den Dienst der höchsten und wertvollsten Kultur- 
bcßtrebungen stellen (siehe oben), so muß er wissen, worin 
diese bestehen. Dazu bedarf er aber wiederum der Ethik. Es 
wäre ein grober Irrtum, zu glauben, daß es sich da um lauter 
selbstverständliche Dinge handle. Der ethische Dilettantis» 
mus richtet so viel Unheil an, wie der ärztliche und philo- 
sophische. Wer behauptet, keine Ethik zu haben, besitzt oft 
eine minderwertige und ist jedenfalls ungeeignet, in Lebens- 
fragen suchenden Menschen ein Helfer zu sein. 

Unter Ethik verstehen wir die Wissenschaft vom Sitt- 
lichen oder Seinsollenden, genauer von den allgemeinen Le- 
benszielen, Leben^gütern, Lebensaufgaben und Lebensnormen. 
Wie diese Begriffe innerlich zusammenhängen, braucht jetzt 
nicht ausgeführt zu werden. 

Da wir uns auf die allgemeinen Umrisse zu beschränken 
haben, läßt sich auch nicht ausführen, weshalb wir die nor- 
mative Ethik nicht ohne die sorgfältigste Berücksichtigung 
der gegebenen psychologischen, soziologischen Tatsachen auf- 
bauen können. Es genüge der Hinweis auf den Mißerfolg, 
den Kant und Häberlin wegen ihrer ungenügenden Be- 



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PSYCHOANALYSE UND ETHIK. 3^3 

rücksichtigung des Empiiischen erlitten haben. Trotzdem ist 
die Ethik selbst keine rein empiristische Wissenschaft. 

2. Die ethogenetische Methode. 

Wij Moral Vorschriften tatsächlich entstellen, haben Rank 
und Sachs so vorzüglich skizziert, daß ich ihren Ausfüh- 
rungen nichts beizufügen habe. Sie zeigten, wie verwerf- 
liche, egoistische, asoziale Regungen verdrängt wurden und 
als Reaktion auf sie und ihre Verdrängung allerlei sittliche 
Vorschriften entstunden i). Wir haben es hier nun aber mit 
der Gewinnung einer gültigen Ethik zu tun. 

Über die Methode, die ich in ihr zur Anwendung 
bringe, genügen folgende Andeutungen: Wie ich von der 
Metaphysik verlange, daß sie auf breitester und am sorg- 
fältigsten bearbeiteter Erfahrungsbasis ausgehe, so fordere 
ich es auch von der Ethik. Und wie dort die einzelnen Er- 
fahrungsbegriffe teils durch kritische Untersuchung der ihnen 
innewohnenden Widersprüche, teils durch Zusammenschau 
mit anderen Erfahrungsinhalten korrigiert und fortgebildet 
werden mußten, so müssen wir es auch in der Ethik tun. 
Wir untersuchen die Ziele und Motive des menschlichen Han- 
delns auf ihre Gültigkeit und gelangen durch ihre Kritik 
und den Vergleich mit anderen Lebenserfahrungen, die sich 
BUS dem praktischen Verhalten ergeben, zu immer neuen 
und höheren ethischen Begriffen, bis dieses Verfahren bei 
den höchsten Ideen zum Stillstand kommt. Von den primi- 
tiven, vorsittlichen Regungen des bereits im Instinkt vielfach 
imperativischen Trieblebens gelangen wir durch komplizierte 
Denkakte zu den Normen der äußeren Autorität, durch fort- 
schreitende Einschränkungen und Erweitenmgen zu Ideen 



1) Die Bedeutung der Psa. für die Geisteswissenschaften, S. 100 ff. 



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334 VL PSYCHOANALYSE UND WELTANSCHAUUNG. 

tind Normen, die dem subjektiven LebensaxuBijruch, wie dem 
der sozialen nnd universellen Entwicklung innewohnenden 
Gteiste entsprechen. 

Die Ethik geht somit selbst den Weg der ethischen Ent- 
wicklung und VervoUkomnmung, wie jede Erfahrungswissen- 
schaft. Diese ordnet ja auch die einzelnen Vorgänge hypothe- 
tischen Sätzen unter, die sich bei weiteren Beobachtungen 
bestätigen oder Korrekturen erleiden müssen, um allen Ein- 
zelfällen gerecht werden zu können. Die Ethik geht nach 
meiner Forderung zugleich den Weg, der dem bei der psycho- 
analytischen Arbeitsweise eingeschlagenen analog ist: Sie 
überwindet die Herrschaft der primitiven Triebe durch Sub- 
limierung oder Verwendung für sublime Zwecke. Sie sucht 
die als „gut" oder „böse" beurteilten Handlungen unter all- 
gemeine * Hegeln (Normen) zu ordnen, wobei sich ergibt, 
daß Ziele und Motive von großer Wichtigkeit für jene Wert- 
prädikatc sind. Dann werden diese Regeln in weiteren Hand- 
lungen angewandt, die wiederum sittlich bewertet werden 
und jene Regeln bestätigen oder sie zu korrigieren veran- 
lassen, vielleicht eine Erweiterung oder Fortbildung der all- 
gemeinen Imperative bewirken usw. Dabei wachsen die Ziele 
dos gebilligten Handelns nicht nur gemäß rationaler Über- 
legung, sondern auch und vor allem gemäß dem Wachstum 
des sittlichen Bewußtseins. Diese Ziele lassen sich inhalt- 
lich nicht von Anfang an für alle Zeiten ausmachen ; vielmehr 
ergeben sich auf jeder Stufe sittlicher Entwicklung neue 
Ziele nach dem von W u n d t aufgestellten Prinzip der Hetero- 
gonie der Zwecke i). Die einzelnen Regeln lassen sich mit 
wachsender sittlicher Erkenntnis in immer umfassendere ver- 
einigen. Die höchsten Ziele, die wir mit dem Merkmal der 
1) Wundt Grundriß der Psychologie, erste Aufl., S. 381 f. 



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PSYCHOANALYSE UND ETHIK. 335 

Vollkommenheit ausgestattet denken, nennen wir Ideale. 
Ihr Inhalt wächst mit der sittlichen Vervollkommnung und 
eilt ihr richtunggebend voran. Die höchsten .und umfas- 
sendsten Normen, die wir auf die Totalität der bisherigen 
Lebenserfahrungen gründen und durch keine sj^äteren Er- 
lebnisse korrigieren zu müssen glauben, denen sich daher 
unser gesamtes Verhalten imterznordnen hat, tragen für uns 
absoluten Charakter. 

Unser Verfahren, das in seiner Übereinstimmung mit der 
philosophischen Begriffsbildimg dem Postulat der wissen- 
schaftlichen Strenge, in seiner Berücksichtigung der schöpfe- 
rischen Kräfte des sittlichen Geistes dem Aufstieg des mora- 
lischen Bewußtseins bei Individuum und Gattung entspricht, 
nennen wir (in Ermanglung eines besseren, auch die normen- 
suchende Tätigkeit angebenden Ausdrucks) das ethogc- 
ne tische. 

3. Spezifisch psychoanalytische Gesichts- 
punkte für die Gewinnung einer Ethik. 

Wenn es auch eine nur auf psychoanalytische Erfahrun- 
gen aufgebaute Ethik nicht geben kann imd soll, so liefern 
jene doch einige grundsätzliche Gesichtspunkte, die Berück- 
sichtigung fordern. Der erste besteht in der 

Geltendmachung des Unbewußten in der Ethik. 

Die bisherige Ethik befaßte sich nur mit dem bewußten 
Seelenleben. Dies rächte sich nicht nur bei der Herstellung 
des sittlichen Zustandes der Persönlichkeit, sondern auch bei 
der Aufstellung der Persönlichkeitsnormen. 

Ein zweiter Gesichtspunkt, den wir der Psychoanalyse- 
verdanken, ist die 



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336 VI. PSYCaaOANALYSE UND WELTANSCHAUUNG. 

Anwendung biologisch -hygienisclier Grundsätze 

in der Ethik. 

Freud und seine Nachfolger erkannten, daß eine ge- 
waltige Masse von Erscheinungen, die man bisher lediglich 
als unsittlich oder böse beurteilt hatte, vom medizinischen 
Standpunkt aus als krankhaft zu bezeichnen seien, auch wo 
man von eigentlich „psychopathologischen" Defekten nicht 
reden kaim. Mancher Fehlbare, den bisher die Psycho- 
pathologie nicht für sich in Anspruch genommen hatte, er- 
wies sich als Opfer unbewußter Hemmungen, \md auch wo 
keineswegs ein unwiderstehlicher neurotischer Zwang vorlag, 
erkannte man den dominierenden Einfluß von Grefühlsmächten 
amd Vorstellungsverbindungen, die aus Triebverklemmungen 
hervorgegangen waren. Nicht nur der Kleptpmane, sondern 
auch der verbitterte Mensch, der Nörgler, der Egoist, der 
harte Geldmensch wurde aJs Produkt von Triebverdrängun- 
gen imd Triebandrängungen erfunden, die eine andere Cha- 
rakterrichtung ausschließen. Manche bisher als sittlich be- 
langlos angesehene Handlungen und Erlebnisse entpuppten 
sich dem Analytiker als sehr gefährlich für die sittliche Ent- 
wicklung, und manche Urteile, die dem Ethiker zuvor als 
zutreffend erschienen waren, mußten infolge analytischer Er- 
fahrungen als falsch verworfen werden. 

Viel Böses wurde auf diesem Wege als krankhaft heraus- 
gestellt, oder wo man nicht gleich von Krankheit reden wollte, 
mußte man wenigstens eine Anomalie zugeben, die der nor- 
malen Lebensentwicklung zuwiderlief. Es fragt sich nun, wie 
weit wir mit dieser Betrachtungsweise kommen. Ließe sich am 
Ende die ganze Ethik als Gesundheitslehre höherer Ordnung, 
als Hygiene und Diätetik der Persönlichkeit und der Gesell- 



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PdTCHOANALYäE UND EHTUUL $37 

Schaft auffassen? Oder folgte wenigstens die Ethik aus dem 
Postulat der vollkommenen Lebensentfaltung? Wir wollen 
nichts ausplaudern. Der Standpunkt individueller Gesund- 
heit im gewöhnlichen, naturalistischen Sinne reichte natür- 
lich nicht aus. Aber daß wir den Gesichtspunkt der Gesund- 
erhaltung der Psychoanalyse als wertvollen Zuschuß zum 
ethischen Kapital gutschreiben dürfen, steht fest. 

Ein dritter Grundsatz, den die Analyse zwar nicht ent- 
deckte, wohl aber mit unerhörter Schärfe und Klarheit auf- 
deckte, ist 

das Postulat der individuellen Verwertung der 

ethischen Gebote. 

Es fiel auch der bisherigen Ethik niemals ein, einen 
Normalmenschen zu konstruieren, dem jeder Sittliche zu ent- 
sprechen habe. Allein Freud zeigte in überraschender, be- 
weiskräftiger Weise, daß die Anwendung einzelner allgemein 
gebilligter sittlicher Normen nicht nur für die Gesundheit, 
sondern auch für die sittliche Dignität gewisser von Ver- 
drängung bedrohter Personen höchst unheilvoll sein kann. 
Der Konflikt ist derselbe, wie wenn man einem unvorbereiteten 
Volk ohne Rücksicht auf die historische Kontinuität die 
höchsten sittlichen Ordnungen aufdrücken wollte; leicht ent- 
steht Schaden, der den sittlichen Wert der Neuerung bei 
weitem überwiegt, oder ihn ios Gegenteil verwandelt. Über 
den einzelnen ethischen Normen muß immer diese stehen: 
Die Durchführung der idealen ethischen Forderung ist von 
der realen Aufnalimsfähigkeit derjenigen, für welche dieses 
Gebot bestimmt ist, abhängig. 

Unbefichadet dieses Satzes liegt auf der Hand, daß es 
ethische Forderungen gibt, die für alle Menschen gelton, so 



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838 VI. PSYCHOANALYSE UND WELTAKSCHAUUNO. 

gut wie die Grebote der Hygiene immer zutreffen, wenn anders 
sie richtig aufgestellt sind. Die besonderen subjektiven und 
sozialen Faktoren sorgen aber dafür, daß gerade unendlich 
mannigfaltige Lebensgestaltimgen aus den Anordnungen der 
Ethik hervorgehen. 

Schon bei der Gewinnung der anzuerkennenden Lebens- 
ziele, -guter, -aufgaben und -normen ist der Ethiker, wie 
die Analyse nachwies, nicht nur von den Tatsachen, sondern 
auch von seinen unterschwelligen I>ominanten abhängig. Da- 
durch wird das objektive Urteil beeinträchtigt und zufälligen 
Ereignissen unterworfen. Selbst den klarsten und tiefsten 
Geistern ist dies widerfahren. Der tiefsinnige Plato spie- 
gelt in seinem ethischen Dualismus seine eigenen Triebver- 
klemmungen ebenso deutlich, wie Kant in seiner trieb- und 
neigungsfeindlichen Ethik der transzendentalen Freiheit, 
Schopenhauer in seinem lebensfeindlichen Pessimismus, 
Nietzsche in seiner das Krankheits- und Ohnmachtsgefühl 
überkompensierenden Lehre vom Übermenschen. Jeder stellt 
zunächst die Ethik auf, die seinem eigenen Lebensbedürfnis 
entspricht, und je straffer das Gängelband der vom Unbe- 
wußten herüberwirkenden Tiefenmächte, desto geringer ist 
die Aussicht, unbefangen der Menschennatur und dem wirk- 
lichen Wesen der G«samtrealität gerecht zu werden. 

Ebensowenig darf aber übersehen werden, daß gerade 
die größten ethischen Reformatoren, Propheten und Heroen 
entschieden Neurotiker waren, und daß auch die Ethik durch 
solche die größten Förderungen bisher erfuhr. Unterziehen 
wir Ethiker dieser Art einer Analyse im Sinne Freuds, so 
enthüllt sich das ethische System als Rationalisierung, so- 
mit als Verdrängungsprodukt, imd der Bau bricht beim Ansturm 
einer unbefangenen Kritik, einer nicht durch Lebenshemmun- 



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PSYCHOANALYSE UND ETHIK. 339 



gen verfälschten ethischen Betrax^htungsweise gar bald zu- 
sammen. Wie oft fällt es z. B. Pessimisten, die in ihrer 
Wut auf das Leben bis zur Existenzunfähigkeit vorgedrun- 
gen waren, wie Schuppen von den Augen, imd sie erkennen 
ohne Zureden anderer ihren Fehler und freuen sich, von ihm 
geheilt zu sein, während alle theoretischen Argumentationen 
vorher an ihnen wirkungslos abgeprallt waren I Dies schließt 
nicht aus, daß gewisse ethische Aussagen, die im Zustand 
der Fixierung geschaffen worden waren, auf ihr richtiges 
Maß zurückgeführt und in zutreffende Beleuchtung gesetzt, 
als gültig anerkannt bleiben und hohen Wert besitzen. Sie 
verenden im Lichte der Psychoanalyse keineswegs, son- 
dern beginnen hier, wie alle echten Werte, erst recht zu 
leuchten. So liefert auch der vom Unbewußten aus gehemmte 
Ethiker dem innerlich freien Ethiker wertvolle Inhalte. Dies 
hängt damit zusammen, daß die Ethik als empirische Wissen- 
schaft der rein objektiven, nüchternen Kritik bedarf und auf 
ihr ruht — insofern muß sie von Verdrängungseinflüssen 
frei sein — ; anderseits aber hat sie zur Voraussetzung die 
stärkste Entfaltung der sittlichen Kräfte, den weitesten Ho- 
rizont der Lebenserfahrung und noch mehr die tiefste Er- 
gründung der sittlichen Mächte, ihr Erfassen in der eigenen 
Psyche und in der Außenwelt. Dies alles aber wird nicht 
nur durch kühle Überlegung und Beobachtung erworben. Es 
müssen gewaltige ethische Erlebnisse stattgefunden haben. 
Der ideale Ethiker wird derjenige sein, der alle diese ethischen 
Requisiten vollkommen besitzt und sie am adäquatesten durch- 
zudenken und a\if einen gültigen Ausdruck zu bringen vermag. 
Für den Elhiker aber ergibt sich als Voraussetzung seines 
wissenschaftlichen Denkens der dem psychoanalytischen For- 
schen zu verdankende Satz: 

22* 



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340 Tl. PSYCHOANALYSE UND WELTAKSOHAUUNG. 

Das ethische Denken darf nicht durch unter- 
schwellige Hemmungen derart fixiert sein, daß 
es den subjektiven und objektiven Bedingungen 
und Wirkungen des menschlichen Verhaltens 
nicht gerecht zu werden vermag. 

b) Die Prinzipien der Ethik. 

Es ist nicht möglich, das ethogenetische Verfahren liier 
so anzuwenden, daß die einzelnen ethischen Werte und Nor- 
men als notwendige Ergebnisse der menschlichen Entwick- 
lung hervortreten. Man müßte zeigen, wie schon die primi- 
tiven Triebe rückwärts und vorwärts über sich hinausweisen. 
Rückwärts, sofern sie ihre Kraft imd Bestimmung einem 
größeren Ganzen, dem Individuum imd schließlich dem All 
verdanken, und vorwärts, ibidem sie über ihren jeweiligen Ziel- 
inhalt hinausdrängen. Der Trieb läßt sich nur verstehen als 
Lebenserscheinung eines« Individuums, das keineswegs nur sich 
und seine Art erhalten will, denn das Leben ist ein unauf- 
hörlicher Strom, der seine Wellen immer weiter sendet tmd 
sich immer weiter ausdehnt, es sei denn, daß störende Ein- 
flüsse eine Lebensbeeinträchtigung hervorbringen. Daß nur 
Selbst- und Arterhaltung die Urtriebe ausmachen, ist eine 
kurzsichtige Betrachtungsweise, ein würdiges Gregenstück zum 
konservativen Staatsbegriff behäbiger Spießbürger. Jeder 
Trieb geht aus von einem empfundenen Mangel, dessen Über- 
windung angestrebt wird. Allein, indem der Trieb diese Er- 
lösung sucht, setzt er andere Funktionen in Tätigkeit, so 
daß der Lebenskreis sich erweitert. Der einzelne Trieb dient 
einer Erweiterung des individuellen Lebensbereiches. Der 
Einzelne geht in Beziehung auf seine Objekte, wie in funktio- 
naler Hinsicht, instinktiv und nach innerer Notwendigkeit 



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PöYCHOANALYSE UND KTHIK. 34 1 

auf Erweiterung des primitiven Daseins aus. Beide Erweite- 
rungen greifen ineinander : Indem der Menach mit der ihn um- 
gebenden Natur und mit anderen Menschen sich zum Zwecke 
der Triebbefriedigung und Lebensförderung auseinandersetzt, 
muß er auch seine Fähigkeiten erweitern. Seine Wünsche 
muß er mit der Wirklichkeit in Einklang bringen. Gehorchte 
er anfangs nur seinen Instinkten und Gelüsten, so sieht er 
sich durch vielfache peinliche Konflikte mit der Umwelt 
veranlaßt, auf sie denkend Eücksicht zu nehmen und Nor- 
men zu suchen^ die ihm gestatten, eine Lebensführung zu 
gewinnen, die ebenso den eigenen Entfaltungsbedürfnissen, 
wie denjenigen der Mitbewerber um die Sonnenplätze und Ta- 
feln der Erde, sowie den Gesetzen der umworbenen Kealität 
bestmöglich entsprechen. 

Sowie der Mensch diese Notwendigkeit einsieht, das 
eigene Gelüsten durch gültige Normen mit den Lebensansprü- 
chen anderer Menschen in Einklang zu setzen, verläßt er die 
vorsittliche Stufe und betritt das Reich des Sittlichen. 

Seine Aufgabe in bezug auf die Umwelt besteht nun darin, 
sich der Wirklichkeit handelnd und erleidend richtig einzu- 
fügen. Wie dies zu geschehen habe, läßt sich aber nur aus 
einer genauen Kenntnis der Menschennatur und des Gemein- 
schaftslebens schöpfen. Man sieht bald ein, daß konsequente 
Durchsetzung der eigenen Wünsche ohne Rücksicht auf fremde 
Lebensinteressen das eigene Wohl schwer schädigt, man 
erkennt die Notwendigkeit, sich Gesetzen und Normen 
unterzuordnen. Man verzichtet auf manche egoistische 
Wünsche, weil Mitmenschen sonst dasselbe Verhalten sich 
aneignen können, woraus Unheil entstünde, während durch 
organisclie Eingliederung des Einzelnen in das Leben einer 
Gemeinschaft auch für ihn Heil erwächst 



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342 VI. PSYCHOANALYSE UND WELTANSCHAUUNG. 

Aus der Pamilienmoral entspringt bei Erkenntnis der 
weiteren Zusammenhänge eine Volksmoral und zuletzt sogar 
eine Menschheitsmoral, und jede sucht sich möglichst gün- 
stige Formen der Lebensentfaltung zu schaffen. Der Über- 
gang von der einen zur anderen Stufe vollzieht sich jeweils 
unter allerlei Krisen, deren Ausprägungen und Wirkungen 
die Psycho^alyse nach manchen Kichtungen bahnbrechend 
zu untersuo^en begonnen hat^). 

Die philosophische Durcharbeitung führt zu der Er- 
kenntnis, daß wir teilhaben an einem Gesamtleben, das die 
gesamte Wirklichkeit ausfüllt. Der Einzelne ist von ihm 
getragen und besitzt nur ein relatives Fürsichsein in diesem 
absoluten Prozeß; aber die ihm anvertrauten Kräfte hat er 
diesem Gesamtleben zu widmen. Die psychoanalytische For- 
schung zeigt, daß der vom Gesamtleben abgesperrte Mensch 
eine ähnliche Rolle spielt, wie eine Zelle, die sich dem sie 
tragenden Organismus nicht eingliedert, sondern ohne Rück- 

1} Nietzsche kannte bereits den Sachverhalt im allgemeinen und 
schildert ihn in den geistvollen Worten: „Jenes verborgene und herrische 
Etwas, für das wir lange keinen Namen haben, bis es sich endlich als 
unsere Aufgabe erweist, — dieser Tyrann in uns nimmt eine schreckliche 
Wiedervergeltung für jeden Versuch, den wir machen, ihm auszuweichen 
oder zu entschlüpfen, für jede vorzeitige Bescheidung, für jede Gleich- 
setzung mit solchen, zu denen wir nicht gehören, für jede noch so acht- 
bare Tätigkeit, falls sie uns von unserer Hauptsache ablenkt — ja, für 
jede Tugend selbst, welche uns gegen die Härte der eigensten Verantwort- 
lichkeit schützen mochte. Krankheit ist jedesmal die Antwort, wenn wir 
an unserem Recht auf unsere Aufgabe zweifeln wollen, wenn wir anfangen, 
es uns irgend worin leichter zu machen. Sonderbar und furchtbar zu- 
gleich! Unsere Erleichterungen sind es, die wir am härtesten büßen 
müssen! Und wollen wir hinterdrein zur Gesundheit zurück, so bleibt 
uns keine Wahl: wir müssen uns schwerer beladen, als wir je vorher be- 
lastet waren . . .** 



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PSYCHOANALYSE UND ETHIK. 843 



siebt auf ihn kbt und sich vermehrt. Eine solche Zelle ist 
als Wucherung zu betrachten; leicht zerstört sie ihren Wirt 
und sich selbst. Die Analyse enthüllt uns manchen Egoisten 
und lieblosen Autisten als einen durch Verdrängung er- 
krankten Menschen, der biologisch, wie ethisch, als Ano- 
malie zu beurteilen ist. Aber auch in manchem selbstfeind- 
lichen Asketen entlarvt sie ungesunde Züge, die auf Trieb- 
stauung zurückgehen. 

Somit Tmterstützt die Analyse das Prinzip der objek- 
tiven Eingliederung in das soziale und allge- 
meine Leben. Wir können es in die Form bringen: Gib 
jeder deiner Lebensfunktionen und deinem 
ganzen Leben die richtige Stellung innerhalb 
des objektiven Gesamtlebensl 

Mit dieser allgemeinen Formel, die durchaus nicht ein 
psychoanalytisches Sondergut sein soll, können wir noch 
nicht viel anfangen. Was ist das Gesamtleben? Worauf 
geht es aus? Worin besteht sein wahrer Wert? Wie ver- 
halten wir uns richtig zu ihm? — Diese Fragen lösen wir 
nur mit Hilfe einer schärferen Beobachtung des psychischen 
Lebens. Erst wenn wir das Wesen des Geistes genauer ken- 
nen, können wir angeben, wie eine normentsprechende objek- 
tive Eingliederung ins Universalleben zu verstehen sei. 

Und nun werden wir in skizzenhafter Andeutung des 
ethogenetischen Verfahrens auf die Bedürfnisse und Ent- 
wicklungstendenzen der Menschenseele eintreten müssen, ohne 
welche die objektive ethische Stellung des Individuums inner- 
halb des Universallebens nicht zu erfassen ist. Daß wir ohne 
Erforschung des psychischen Erlebnisses das Wesen und den 
Sinn des Gesamtlebens nicht erfahren können, wird uns nicht 
wundern, wenn wir berücksichtigen, daß die Naturbetracli- 



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844 VI. PSYCHOANALYSE UND WELTANSCHAUUNG. 

tüng uns nur die durch Siuneswairnelimung vermittelte 
Außenseite der Dinge darbietet, während wir im Selbsterleben 
die Wirklichkeit unmittelbar und von innen her ergreifen. 

Wir beginnen bei den primitiven Lebensäußerungen, die 
wir als Funktionen der elementaren Ichtriebe bezeichnen. 
Wir erinnern uns dabei von vornherein, daß in jeder vorkom- 
menden psychischen Erscheinung Empfinden, Fühlen \md 
Streben gesetzt sind. Wenn wir von Trieben reden, so meinen 
wir damit Gesamtheiten gleichartiger Strebungen, und zwar 
zunächst primitiver Art, jedoch auch höheren Niveaus, z. B. 
in der Bezeichnung Spiel-, Macht-, Erwerbstrieb u. dgl. 

Im Neugeborenen äußern sich der Atmungs-, Bewegungs- 
und Sa.ugetrieb, sowie andere Strebungen, in denen Erfah- 
rungen der Aszendenten zum Ausdruck kommen (Instinkt- 
regungen). Im Zusammenhang mit den Triebbefriedigungen 
entwickelt sich das Wahrnehmen, das wiederum dem Stre- 
ben neue Entwickiungsmöglichkeiten verschafft, die ihrer- 
seits das Wahrnehmen und die Erfahrung erweitern. 

Die Schwäche und enge Eingrenzung des neugeborenen 
Menschen lassen die Absicht der Erhaltung des eigenen Le- 
bens hervortreten. Von Ziel und Absicht im Kinde ist an- 
fangs keine Rede. Die Zielstrebigkeit ist gänzlich teleo- 
logisch, nicht final, denn die zielsetzende Instanz ist dem 
Individuum transzendent, nicht immanent, indem sie nur im 
Naturwillen liegt. 

Hat sich aber die Zielstrebigkeit entwickelt — die Psycho- 
logie gibt uns die Einzelheiten dieses Prozesses an — , so 
zwingt nicht nur das Lebensbedürfnis, sondern auch die an- 
geborene Anlage, in der früher angedeuteten Weise den Kreis 
der Objekte, wie die psychischen Funktionen zu bereichern. 
Für die ethische Entwicklung interessiert uns dabei vq* allem, 



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PSYCHOANALYSE UND ETHIK. 345 

wie der Lebenstrieb sich den verschiedensten Objekten und 
Punktionen zuwendet und sie mit Gefühlsbetonungen aus- 
stattet. Diese Verlagerung der Gefühlsenergien ist heute 
noch fast unerforscht, wiewohl sie für den Aufbau des ge- 
samten Lebens von allergrößter Wichtigkeit ist. Erst die 
Psychoanalyse ließ das Problem klarer erkennen. 

Von den unzähligen Umschaltungen möchte ich für unsere 
Zwecke namentlich auf eine Differenzierung hinweisen, die 
das Werden des sittlichen Bewußtseins stark beeinflußt. An- 
fangs geht das Streben derart auf Lebenserhaltung aus, daß 
das Objekt zum Ich in eine neue Stellung kommt und seinen 
Zwecken dienstbar gemacht wird, oder daß das Subjekt sich 
zu ihm in eine andere Beziehung setzt in derselben Absicht 
des Nutzeffektes oder der Abwendung einer Unlust. Die 
Gefühlsbetonung gehörte im Streben und in der Befriedigung 
weder der Objektsvorstellung als solcher, noch der Funktion 
des Gewinnens oder Besitzens als solchen, sondern dem ganzen 
Prozeß und seinem Ergebnis an. 

Nun aber kann und wird unter dem Einfluß bestimmter 
Erfahrungen eine Gefühlsumlagerung zu stände kommen. 
Unter Umständen, von denen wir einen Teil besprechen wer- 
den, stößt der Mensch an den äußeren Objekten an; dann 
wird ihre Vorstellung zuletzt selber unlustbetont, imd der 
Trieb zieht sich von ihr zurück. Zunächst sucht er andere 
Objekte in der Außenwelt, die seinem Bedürfnis genügen 
können; findet er sie aber nirgends, so entsteht zuletzt eine 
Introversion, bei welcher der Mensch sich in sich selbst ver- 
kriecht. Dabei wird das Ich überbetont. Während ursprüng- 
lich nicht bewußt war, daß es sich um den Vorteil des Ich 
handle, wird dies nun in den Vordergrund gestellt. Oder es 
erlangen einzelne Funktionen eine stärkere Betonung. Das 



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346 VI. PSYCHOANALYSE UND WELTANSCHAUUNG. 

normale Gefühl der Kraft, des Könnens, zuvor eine Neben- 
erscheinung bei der Gewinnung einer befriedigenden Stellung 
zur Außenwelt, wird so stark überbeladen, daß es Selbstzweck 
wird. Oder es treten einzelne Funktionen stärker hervor, 
z. B. nach Mißerfolgen und Hemmungen des Gefühlslebens 
das Denken. So wird infolge der Nichtbefriedigung des Trieb- 
anspruches durch die Außenwelt eine Introversion geschaffen, 
die dann wieder zur stärkeren Betonung des Ichgefühles, zum 
Streben nach Erhöhung der Ichwerte oder einzelner autisti- 
scher Funktionen führt. 

Die eigentliche Bestimmung des Ichs und seiner Funk- 
tionen kann hiebei verfehlt werden. Wenn z. B. der Erwerb 
gewisser äußerer Güter für die Lebenserhaltung und -förde- 
rung zweckmäßig ist, so wird infolge jener üblen Erfahrungen 
mit der Außenwelt der Erwerb, z. B. von Geld oder politischer 
Macht, Selbstzweck oder Mittel zur Erhöhung des Ichwertes. 
Es liegt auf der Hand, daß so keine richtige Eingliederung 
des Eigenlebens ins Gesamtleben eintreten wird, indem die 
Aneignung von Besitz keine Rücksicht mehr auf die Bedürf- 
nisse der anderen nimmt. Oder es rächt sich die Unter- 
drückung der Gefühlswerte durch eine sterile Formalistik 
des Denkens und das Gefühl innerer Leere. 

Der Macht trieb ist keineswegs, wie Adler annimmt, 
ein primärer Trieb, sondern ein Umlagerungsprodukt im an- 
gedeuteten Sinne, wie auch der Aggressionstrieb keineswegs 
elementar ist, sondern erst aus Abwehr des Mitbewerbers 
um irgend ein Gut oder ähnlichen Bedürfnissen entspringt. 
Der Egoismus ist nach den psychoanalytischen Erfahrungen 
oft, nicht immer als sekundär zu betrachten, sofern wir ihn 
als Durchsetzung von Ichstrebungen auf Kosten der berech- 
tigten Ansprüche anderer verstehen. Primär ist er, sofern 



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PSYCHOANALYSE UND ETHIK. 347 

anfangs nur der eigene Wunsch in Betracht gezogen wird, 
wobei die Interessen der Nebenmenschen noch nicht bekannt 
sind, oder nach ihrer Erfassung nicht mit der gehörigen Ge- 
fühlsbetonnng berücksichtigt werden. Sekundär wird der 
Egoismus, wo die normale Rücksicht auf die Rechte der 
Nebenmenschen, wie auf das Gesamtleben, obwohl sie zu 
den Anlagen eines Individuums gehört, infolge von Entwick- 
lungshemmungen nicht zu ihrem Rechte kommt. 

Die Einschränkung der rein selbstischen Wünsche wird 
aber nicht, wie es nach der früheren vorläufigen Darstellung 
scheinen könnte, allein durch den Zusammenstoß mit anderen 
und autoritative Gewöhnung in der Kindeszeit bewirkt. Viel- 
mehr beweisen die Tatsachen der tierischen Mutterliebe, wie 
der ganze Aufstieg des Prinzips der gegenseitigen Hilfe 
(Krapotkin), daß sie zur ursprünglichen Ausstattung des 
Menschen gehört und durch äußere Motive nur angeregt wird. 

Wir gelangen damit zur zweiten Klasse von Trieben, 
nämlich zu den Dutrieben. Ich verstehe hierunter nicht nur 
diejenigen Triebe, die man vom teleologischen Standpunkt 
aus (wohl zu eng) Arterhaltungstriebe genannt hat. Unter 
dem Gesichtspunkte der Finalität handelt es sich zunächst 
um einzelne Nebenmenschen, auf die sich der Trieb in emp- 
fangender oder gebender Absicht richtet. Die verschieden- 
sten Erlebnisse dienen zur Auslösung der Dutriebe: Nah- 
rungsentgegennahme, Trockenlegung, Getragenwerden usw. 
Freud wies nach, daß besonders die Sexualtriebe, 
nachdem sie die Ichbesetzung verließen, zum Aufbau der 
Dutriebe höchst wichtig seien. Auf die von anderen erlangte 
sinnliche Lebensförderung folgt die geistige, die wiederum 
über unendlich viele Kanäle verfügt: Beruhigung bei Angst^ 
Anerkennung, Belehrung usw. 



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348 VI. PSYCHOANALYSE UND WELTANSCHAUUNG. 

Wie gegenüber den Sachen, so erlebt auch gegenüber den 
Personen das Gefühl die mannigfaltigsten Verlegungen, denen 
die kompliziertesten Vorstellungsprozesse entsprechen. Wie- 
derum heben wir als besonders wichtig hervor die Differen- 
zienmg und Polarisation des der anfänglichen Beziehimg zu 
einem Du zugehörigen Gefühles» Während der Wert ursprüng- 
lich ungetrennt dem Du und seiner Beziehung zimi Ich bei- 
gelegt wird, kann er dem Objekt oder Subjekt ebenjsowohl 
entzogen, als dem anderen Gliede der Beziehung zugeschoben 
werden. Stößt das Kind mit seinem Zärtlichkeits-, Pflege-, 
Verständnisanspruch usw. an, sieht es sich hart, streng, un- 
gerecht behandelt, so zieht es ihn, wenn es nicht etwa auf 
Tiere, Pflanzen und andere Naturteile seine ganze Liebe über- 
trägt, oft in sich zurück. Gewöhnlich entsteht dabei Ge- 
ringwertigkeitsgefühl, das durch Größenphantasien 
mit gleichzeitigem Haß gegen die Menschen überkompen- 
siert werden soll. (Führt es zum Vergleich mit anderen, so 
wird es zum Minderwertigkeitsgefühl.) Oder es 
entsteht, wenn die sinnlichen Freuden, der Stolz auf geleistete 
Arbeit; die angestrengte intellektuelle Ausbildung, das Macht- 
begehren, besonders aber das Bedürfnis nach freier 
Lebensbetätigung und andere Ichbesetzungen oder 
funktionelle Auswege versperrt wurden, eine Überbetonung 
des Du, unter Umständen bis zur völligen Selbsthingabe imd 
Selbstvernichtung. Solche Menschen, deren Liebe zu anderen 
einen Maximalgrad erreicht, opfern mit Freuden ihr Leben 
für sie. 

Die Psychoanalyse zeigt nun in Übereinstimmung mit 
der überlieferten Sozial- und Individualetbik, daß weder die 
einseitige Ausbildung der Ichtriebe, noch die Allein- 
herrschaft der Dutriebc der menschlichen Natur gerecht 



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PSYCHOAKALYSE UND ETHIK. 349 

werde. Ohne Liebe zu anderen Menschen gerät der Einzeüie 
in schwere, innere Verödung, und wo bei einem Menschen 
das Ich oder das Da aus dem Begehren ausgeschieden ist, 
werden wir niemals Krankheitssymptome im biologischen 
Sinne vermissen. Die Analyse hat hiefür unseren Blick sehr 
wesentlich geschärft. Allerdings gibt es Individuen, bei denen 
von Natur die Eiclitimg auf das Du hin schwach ist. 

Wir hörten bereits, daß die Konflikte mit der Außen- 
welt — wir fügen jetzt die der Innenwelt hinzu — veran- 
liassen, Normen des Handelns zu schaffen. In Wirklichkeit 
aber schafft der Einzelne seine Regeln nur zum kleinsten 
Teile selbst. Vielmehr werden sie ihm durch die aus der 
Liebe hervorgehenden Angleichungen an die Erzieher oder 
durch Zwang autoritativ eingegeben, wobei eine Menge über- 
lieferter Lebensweisheit ihm zu gute kommt. 

Schon in der autoritativen Moral finden wir jene Verdop- 
pelung der Imperative, die wir in den Gewissensaussagen 
stets antreffen. Der primitive Trieb treibt, wie sein Name 
sagt, und zwar in einer bestimmten Richtung; der autoritäre 
Wille drängt mit dem zugestandenen Anspruch der Über- 
legenheit in eine andere Richtung. Auch minderwertige im- 
perative Impulse, die niemand auf eine Eingießung aus dem 
Jenseits zurückführen wollte, erlangen sehr leicht den Cha- 
rakter der absoluten Gültigkeit, wenn sie von außen her mit 
solcher Wucht auf ein in Entwicklung begriffenes Individuum 
losgelassen werden, daß dessen ihr zuwiderlaufende Trieb- 
regung dauernd abgelehnt wird, bis sie sich nicht mehr oder 
nur im Bewußtsein der Minderwertigkeit hervorwagt. Diese 
vermeintliche Minderwertigkeit braucht jedoch mit nichten 
eine wirkliche zu sein. Wenn in dieser Zeit auf ein zart- 
besaitetes Wesen in brutaler Weise eingewirkt wird, wenn 



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3oO VI. PSYCHOANALYSE UND WELTANSCHAUUNG. 

mau ihm die ersten selbständigen Regungen als Unsinn und 
Schlechtigkeit verekelt, so gewöhnt sich der Greist oft nur 
zu bald daran, die Absolutheit des Fremdgebotes und die 
Ungültigkeit des Selbstbewertens und SelbstwoUens anzu- 
erkennen, besonders wenn die peinlichen Erfahrungen Ver- 
drängung der autoritativen oder der eigenen Impulse bewirk- 
ten. Oft erfolgt in einer späteren Entwicklungspha^e der 
Rückschlag zum Negativismus und zur Ablehnung jeder ethi- 
schen Autorität, das empirische Gewissen kann unter Um- 
ständen seinen Absolutheitsanspruch ganz verlieren. 

Die Kraft der autoritativen Äloral beruht aber nicht nur 
auf dem in den Kinderjahren ausgeübten Zwang und den 
von ihm geschaffenen Verdrängungen, soviel sie zur Herstel- 
lung des Anspruches auf Absolutheit der einzelnen Aussagen 
beitragen, sondern auch auf der kindlichen Liebe, sowie auf 
dem Umstand^ daß sie in mancher Hinsicht der Menschen- 
natur entspricht und der kindlichen Unerfahrenheit überlegen 
ist. Sie hilft zur Bändigung der primitiven Gelüste und 
löst höhere Funktionen aus. Sie entspricht auch bis zu 
einem gewissen Grad dem Angleichungsbedürfnis, das aus 
den Dutrieben hervorgeht. 

Allein nicht immer kann der Einzelne den anerzogenen 
Grundsätzen des Handelns seine Billigung bewahren. Oft 
genügt die Ablösung vom Elternhaus, um die empfangenen 
Normen ihrer bisherigen Absolutheit zu entkleiden und sie 
ins Wanken zu bringen. Oder sie erweisen sich als unheil- 
bringend, oder sie geraten untereinander in Konflikt, oder 
es wird auf höher gewertete Autoritäten übertragen, die 
anderen Maximen huldigen. Oder es gelangt ein Mensch zu 
tieferen Einblicken in die Lebenszusammenhänge, zu tie- 
feren Lösimgen der Lebensaufgaben der einzelnen Persön- 



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PSYCHOANALYSE UND ETHIK. 351 

lichkeit und der Lebensgemeinschaft. Diese neuen Normen, 
die faßt immer nur unter schweren Kämpfen mit der über- 
lieferten Moral zu stände kommen, stehen den primitiven 
GreWsten entgegen und setzen eine Bändigung der bgte 
humaine voraus. Insofern beanspruchen sie keine geringere 
Dignität, als die anerzogenen Sittengebote, ja es geht das Ehr- 
furch t-sgefühl, das den letzteren zugekehrt war, auf jene 
über. Und ^je herber der Kampf gegen eine tmzulängliche 
Moral verspürt wurde, je gewaltiger die Erlösimgskraft der 
neuen Normen erscheint, je genauer sie den tiefsten Sinn 
des Daseins zu enthüllen verspricht, desto eher wird die 
neue ethische Forderung mit der Würde der Absolutheit be- 
schenkt werden. 

Es wäre indessen verkehrt, die Entwicklung der ethi- 
schen Einsicht nur als Erweiterung und Vertiefung der 
autoritären Moral anzusehen. Vielmehr ergibt sich zugleich 
mit der Höherbildung des SoUens, ihm nachfolgend oder 
ihm voraneilend eine Sublimierung des Mögens, eine Sub- 
limierung der Triebe bis hinauf zu den höchsten Regionen 
der Nächstenliebe oder sogar der religiösen Liebe. Handelte 
es sich beim ethischen Wachstum nur um das „Du sollst!", 
so gerieten wir in der Tat in jene rigorose, schroffe, unsäg- 
lich ermüdende und bedrückende Ethik, die man Kant mit 
Recht von jeher vorgeworfen hat. Nun aber stehen wir vor 
der hocherfreulichen Tatsache, die Kant infolge seiner im- 
glückseligen Verdrängung der Neigung nicht begreifen konnte, 
daß gerade die höchste Moral, ob sie auch stets auf einem 
Kampfe gegen die niedrigen Gelüste beruht, doch gerade die 
höchste Neigung einschließt. So verhilft uns die Psycho- 
analyse zu jenem höchsten Liebesbegriff, der Neigung und 
Pflicht einschließt, und in dem beide einander gegenseitig 



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362 VI. PSYCHOANALYSE UND WELTANSCHAUUNG. 

fördern, während Häberlin in seiner Liebe für die Neigung 
keinen Eaum hati). Ich wüßte auch nicht, woher er sie 
bei seiner dualistischen Psychologie nehmen sollte. Dies ist 
aber sehr bedauerlich, denn Mögen ohne Sollen führt in 
anarchistische Verwirrung, Sollen ohne Mögen in tiefste innere 
Verödung und Verknöcherung. Welcher Psychoanalytiker 
hätte nicht schon Kranke behandelt, die verkörpertes Pflicht- 
gefühl, aber auch verkörpertes Elend waren? 

Nicht durch Ausscheidung der Triebe, nicht durch as- 
ketische Ächtung der Neigung und Daseinsfreude gelangt der 
Mensch zur höchsten Lcbensentfaltung, sondern durch eine 
andere ethische Entwicklungsmethode, die wir gleich zu 
zeigen haben werden. Wir dürfen schon jetzt darauf hin- 
weisen, daß im Christentum dem starren: „Du sollst!" ein 
befreiendes: „Du sollst lieben!" gegenübertritt, wobei natür- 
lich der nomistische Charakter durch die Forderung der Liebe 
ausgeschaltet ist. Kants Prinzip ist als Notanker günstig 
für solche, die nicht lieben können, aber es schätzt nicht 
oder doch nicht dauernd vor innerer Verelendung. Das Ideal 
deö universalen, organisch kanalisierten Liebens aber hält 
ohne mosaische Strenge das Ideal vor, das auch der Psycho- 
analytiker als im Wesen des Menschen immer und immer 
wieder begründet erkennt Dieses Lieben darf mit Fug und 
Becht als ein Sollen bezeichnet werden, sofern es dem ur- 
sprünglichen engen Lieben gegenübersteht und erkämpft 
werden muß, sofern es sich femer in tätiger Hilfe, sogar 
oft in Opfern zu betätigen hat. Es ergibt sich aber auch 
aus der Anlage des Menschen und ruht psychologisch-bio^ 
logisch durchaus auf den primitiven Regungen, die 

1) Häberlin, Dio Wahrheit der Religion. Verhandlungon der 
Schwel», ref. Predif>'erversammlung, 191G, S. 79. 



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PSYCHOANALYSE UND ETHIK. 353 

es immer noch in sich schließt, und ohne die es 
nicht existieren kann, obwohl es mit ihnen keineswegs iden- 
tisch ist. 

Wir geben daher Eucken ganz recht, wenn er einer- 
seits betont, daß der Aufstieg zum höheren, geistigen Selbst 
nur gewonnen werde durch den Bruch mit dem „natOrlichen 
Ich^)". Gerade die Psychoanalyse zeigt, wie die schwersten 
nervösen Erkrankungen als mißglückte- Entscheidungen dieses 
Kampfes aufzufassen sind. Aber ebenso recht hat Eucken, 
wenn er mit größter Energie betont, daß das höchste Sollen 
nicht nur Bindung und Begrenzung, sondern auch als Be- 
freiung tmd Ausdehnung des Lebens auffaßt. (96.) Wäh- 
rend Kant mit seiner Bekämpfung der primären Triebregun- 
gen und Ausscheidung der Neigung in Verdrängung hinein- 
treibt imd eigentlich in mönchischen Dualismus auf psycho- 
logischem Gebiet<5 sich verwickelt, ergibt die psychoanaly- 
tische Praxis, daß die Sublimierung und Unterord- 
nung der Primär triebe unter die ethische Idee 
dem Wesen und den Bedürfnissen der Menschennatur allein 
entspricht. Sollen und Mögen sind in dieser Sub- 
limierung Eines. Liebe wird zur Pflicht, Pflicht 
drängt zur Liebe. Dieses eigentümliche Verhältnis er- 
gibt sich daraus, daß die Liebe im höchsten Sinne zur Wesens- 
natur des Menschen gehört, daß anderseits aber diese tief- 
sten Wesenszüge nur durch Kampf verwirklicht werden kön- 
nen. Es wäre eine völlige Verkennung der Menschennatur, 
wenn man nur die primären Triebe als „natürliche" bezeich- 
nete. Vielmehr ist offenbar die psychologische und biologi- 
sche Lage derart, daß Sublimierungskräfte, die virtuell von 
Anfang an im Menschen liegen, zur Verwirklichung gelangen 

1) Der Wahrheitegehalt der Religion, S. 129. 

Pr r fister, PtyclinnalyM 23 



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364 VI. PSYCHOANALYSE UND WELTANSCHAUUNG. 

müssen, und wo dies nicht oder wenig geschieht, kann man 
von normaler Entwicklung nicht reden. Reine „Naturhaftig- 
keit" im überlieferten Sinn ist für den Erwachsenen in Kultur- 
ländern Unnatur, während Kultur und Sublimierung der Men- 
schenna.tur entsprechen. Für die Ethik handelt es sich nun 
eben danmi, diese höhere Entfaltung der Menschennatur und 
ihr Verhältnis zur primären und universalen Natur zu be- 
stimmen. Eine Ethik; die nicht in der Menschennatur be- 
gründet läge, wäre ein jämmerliches Hirngespinst. Wer die 
sittliche Forderung dem „natürlichen*' Streben entgegensetzt, 
versteht den Begriff „Natur** hiebei in einem engeren Sinne, 
etwa in dem der naturalistischen, nichtidealistischen Lebens- 
auffassung, und macht aus den Veränderungen, die das 
Primärleben bei der Sublimierung nach dem Prinzip der 
schöpferischen Synthese erfährt, eine jutoßaai; ek aWio ^evo?, 
die dem subjektiven Erlebnis gerecht wird, aber der psycho- 
logischen Entwicklung nicht entspricht. Leicht wird aus 
der Differenz ein Streit um bloße Worte. Für uns ist nicht 
der Gegensatz zur Natur, sondern die Entwicklung der Men- 
schennatur, somit ganz besonders des Menschengeistes Ge- 
genstand der ethischen Überlegung. 

Wir wenden uns nach dieser allgemeinen Erörterung nun 
wieder dem Problem der normativen, der wahren Menschen- 
natur und der ihren Lebensbedingungen entsprechenden Ein- 
gliederung in das Gesamtleben zu. Was der Einzelne und die 
Menschheit als höchstes Ziel zu wählen hat, hängt selbst- 
verständlich von den vorhandenen Kräften, Anlagen und Be- 
dürfnissen ab. 

Wir kehren zurück zu der Unterscheidung zwischen Ich- 
und Dutrieben. Indem das Ich sich zu erhalten und durch- 
zusetzen unternimmt, bereichert und erweitert es seine In- 



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PSYCHOANALYSE UND ETHIK. 355 



telligenz, sein Grefühl und seinen Willen. Dies alles geschieht 
aber nicht in der Abgeschlossenheit von seinen Nebenmen- 
schen, sondern in beständiger Wechselwirkung mit ihnen, 
von denen er ja in so mancher Hinsicht abhängig ist. Man 
kann eine Individualethik nicht schaffen, ohne die normar 
tiven Beziehungen zu den Mitmenschen in Berücksichtigung 
zu ziehen. Denn der Mensch ist ein geselliges Wesen, und 
wie es von den anderen abhängig ist, so steht seine Bestim- 
mung, sein höchstes Lebensziel mit ihnen in Zusammenhang. 
Die Psychoanalyse verstärkt den Einspruch gegen den 
Egoismus, der den Nächsten nur als Mittel für eigene Zwecke 
gebraucht. Wenn schon die Soziologie nachweist, daß der 
Grundsatz der allgemeinen Selbstsucht den Krieg aller gegen 
alle heraufbeßchwört und daher der abgeschossene Pfeil auf 
den Schützen zurückfliegen muß, so zeigt die Analyse des 
weiteren, daß der Mensch ohne Liebe arm, krank, seiner 
eigenen Natur zuwider lebt. Schon die normale Sexualentwick- 
lung treibt den Menschen zum Menschen, vorzugsweise zu 
Angehörigen des anderen Geschlechtes. Freud wies nach, 
wie tief diese primären Triebregungen die weitere Entwick- 
lung bis hinauf zu den denkbar höchsten Kulturfunktionen 
beeinflussen und begleiten. Unter den primitiven Regungen 
gibt es solche, welche zum Zwecke des ersprießlichen Zu- 
sammenlebens und der gegenseitigen Lebensförderung zu- 
rücktreten müssen, namentlich die sadistischen Strebungen. 
Dagegen bewährt sich der Standpunkt der Förderung des 
Nächsten, der nicht nur dem allgemeinen Nutzen, sondern 
auch einer primären Anlage der Menschennatur entspricht. 
Liebe im Sinne des freiwilligen Sichhingebenwollens für 
andere mit der Absicht, ihn zu fördern, ist für jeden einzelnen, 
wie für das Zusammenleben ein unerläßliches Bedürfnis. Die 

23* 



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356 AI. PSYCHOANALYSE UND WELTANSCHAUUNG. 

Liebe verwandelt das strenge Solleu des Kantianismus in ein 
freudiges Mögen, ohne doch der Reinheit der Absichten irgend 
wie Eintrag zu tun. 

Je mehr der Blick sich für die Zusammenhänge der 
menschlichen Existenzen schärft, desto klarer stellt sich 
heraus, daß die Liebe sich erst in der universalen Nächsten- 
liebe, welche bekanntlich auch die Fernstenliebe einschließt, 
vollendet. Wajs der Stifter des Christentums dank einer 
tiefen Versenkung ins Wesen der Einzelnen, besonders der 
Geringen, ihrer Nöte, Kräfte und Fähigkeiten, sowie dank 
der eigenen Liebesmacht als stärkste subjektive und objek- 
tive Gewalt erlebte, hat sich im Spiegel der Geschichte und 
der analytischen Anthropologie bewahrheitet: Es gibt ein 
Lebensgesetz der Liebe, dem der Einzelne weder bei der 
eigenen Lebensentfaltung, noch bei der Gewinnung höchster 
Gemeinschaftsformen die Anerkennung versagen darf. 

Dieser Grundsatz der Liebe, die von den primären und 
primitiven Lebensäußerungen bis hinauf zu den grandiosesten 
Kulturleistungen und Handlungen des ethischen Heroismus 
überall nachweislich ist, wo nicht Verdrängung dem ethischen 
Verhalten Anmut, Frische und Freudigkeit nahm, muß nun 
auch bei der Eingliederung des Einzelnen ins Gesamtleben 
vorherrschen. Die Psychoanalyse, die selbst die brutal ver- 
leugnete Sexualität in den höchsten und reinsten Anwen- 
dungen der Nächstenliebe oft als Unterton, immer aber als 
Triebkraft nachweist, verfällt deshalb dem Naturalismus kei- 
neswegs, weil sie die Tatsache der Sublimierung kennt, nach 
welcher die ursprünglich rein animalischen Sexualstrebungen 
sich asexuellen ethischen Betätigungen bis hinauf zu denen 
höchster Ordnung zuwenden können, wobei jederzeit eine Ver- 



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PSYCHOANALYSE UND ETHIK. 357 

bindung mit Funktionen, die mit der Sexualität direkt nichts 
zu tun haben, stattfindet. 

Hätten wir ein ethisches Grebäude zu entwerfen, so 
müßten wir nun zeigen, wie Wahrhaftigkeit, Grerechtigkeit, 
Treue, Ritterlichkeit, Großmut, Erbarmen u. a. Sozialtugen- 
den sich aus der Nächstenliebe ableiten lassen. Die psycho- 
analytische Erfahrung käme uns dabei trefflich zu statten, 
indem sie zeigte, wie das Leben nach den diesen Tugenden 
•entsprechenden Normen, sofern es von allzu starken imd 
ausgedehnten Verdrängungen frei bleibt, auch biologisch zu 
billigen ist, insofern der gestaute Lebensdrang sich diesen 
Normen, wenn wir sie allgemein fassen und nicht für den 
Einzelfall allzusehr zuspitzen, im Sinne der Lebensförderung 
zuwenden kann. 

Anstatt diese Bahn weiter zu verfolgen, wollen wir uns, 
da wir uns ja auf Andeutungen beschränken müssen, einer 
anderen Aufgabe zuwenden. Der Begriff des Lebens er- 
langt nämlich bei Anwendung des ethogenetischen Verfah- 
rens allmählich einen anderen Sinn. Anfangs brauchten wir 
ihn im Sinne der naturwissenschaftlichen Biologie, die pflanz- 
liches, tierisches und menschliches Leben umfaßt. Es han- 
delte sich dabei um die Erhaltung des physischen Organis- 
mus und seiner wichtigsten Funktionen. Bei steigender Ent- 
wicklung tritt nun aber mehr imd mehr das psychische Leben 
hervor, und das organische Dasein sinkt zu seiner Basis und 
Vorbedingung herab. Wir haben hier wieder eine jener Ge- 
fühlsverlegungen vor uns, die wir als ein so wichtiges Merk- 
mal der ethischen Entwicklung erkannten. Diese allmäh- 
liche Stärkerbetonung des Geistigen gilt es noch etwas näher 
zu prüfen. Es sei aber zum voraus darauf hingewiesen, daß 
nicht alle Individuen an dieser Sublimierung in einer Weise 



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358 VI. PSYCHOANALYSE UND WELTANSCHAUUNG. 

teilnehmen, die der von uns als richtig erkannten ethischen 
Norm entspricht. Schließlich ist dies bei allen Normen der 
Fall. 

Zur Ausweitung des Lebens trägt bei der Intellekt. Es 
ist hier nicht zu zeigen, wie durch Instinkt und Erfahrung 
das Chaos der Empfindungen zu Wahrnehmungen geordnet 
wird, wie sich Vorstellungen, Erwartungen, Wünsche, ,imagi- 
näre Wimscjherfüllungen (Freuds auch für die Ethogenese 
hochwichtigen Infantilhalluzinationen), Urteile bilden, wie 
Begriffe und Ideen zu stände kommen. Aber darauf sei hin- 
gewiesen, wie das Denken in der Lebensökonomie immer 
mehr Gewicht erlangt und immer mehr von dem Zwecke der 
Erhaltung des physischen Daseins sich entfernt. Das Inter- 
esse, die Wahrheit zu erkennen, auch wo sie keinen Vorteil 
verspricht, wird stärker. Das Denken als solches kann lust- 
voll werden und als Bedürfnis empfunden werden. Wir be- 
obachten, daß dieses Denken um des Denkens willen, diese 
Betonung des Funktionalen im Denken ohne Rücksicht auf 
das Objekt oder den Gewinn dieses Denkens häufig dort 
eintritt, wo keine Liebe zu den Menschen und zum eigenen 
Leben vorhanden ist. Die Freude wird vom Objekt des Den- 
kens oder von seinem Ertrag für das Leben auf die Funktion 
des Denkens zurückgezogen. Man flüchtet sich in sie, weil 
man der Realität entgehen will. Oder naan beschäftigt sich 
mit wirklichkeitsfernen, imaginären Gegenständen, wie die 
Scholastik. Die Analyse weist nach, daß dieses Gebaren 
eine Verkümmerung der Gesamtpersönlichkeit zur Folge hat, 
wie es auch aus schweren Entwicklungshemmungen hervor- 
gegangen ist. Dieser Befund wird das ethische Urteil vom 
Intellektualismus, seiner Verkürzung des Gemütslebens und 
des menschlichen Lebensbedürfnisses abschrecken. Es sei 



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PSYCHOANALYSE UND ETHIK. 859 

zugegeben, daß die Welt auch den luteliektualisten manches 
zu verdanken hat, aber als normale Lebensentfaltung können 
wir jene Denkweise schon darum nicht gelten lassen, weil 
eine ungeheure Verschwendung von notwendigen Lebens- 
gütern jene Hypertrophie des Intellektes überwiegt, und weil 
auch die imposantesten Gedankengebäude, die aus Verdrän- 
gung der Gemütswerte hervorgingen, höchst einseitig aus- 
fallen imd, sofern sie eine Ethik enthalten, unbestreitbare 
Vorzüge mit schweren Nachteilen bezahlen. 

Soll der Schwerpunkt des Lebensinteresses von den 
animalischen in die geistigen Funktionen verlegt werden, so 
müssen wir daher vom Standpunkt der Analyse aus verlangen, 
daß das Denken mit den Gemütsfunktionen gepaart sei und 
ebensowohl den intellektuellen, als den Triebansprüchen ent- 
sprechen muß. (Jefühl und Denken erweitem sich Hand in 
Hand. Die Gatten-, Eltern- und Kindesliebe erweitert sich 
bis zur allgemeinen Menschenliebe, wobei aber die innige 
Beziehung zu einem engen Kreis die notwendige Basis und 
Voraussetzung der Femstenliebe bildet. Ohne dieses starke 
Lieben Einzelner würde die allgemeine Menschenliebe leicht 
zu einem färb- und kraftlosen Millionenumschlingen und Alle- 
weltküssen. Und schließlich bildet sich unter Mitwirkung 
eines universalen Denkens auch eine persönliche Beziehung 
zum Weltganzen und dem es durchdringenden Entwicklungs- 
willen. Anerkennt man einen Sinn, eine Bestimmung des 
Menschenlebens, so setzt dies selbstverständlich eine gei- 
stige Macht voraus, welche diese Geistesart schuf. Man 
müßte denn sein Kausalitätsbedürfnis, das man überall zur 
Anwendung zu bringen befugt ist, an diesem Orte in Fesseln 
schlagen oder verleugnen, was logisch nicht berechtigt ist. 

Bei dieser Horizonterweiterung vollzieht sich wiederum 



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860 VI. PSYCHOANALYSE UND WELTANSCHAUUNG. 

eine Qefühteverlegung, die logisch gerechtfertigt wird. Wäh- 
rend der primitive Mensch sich nur sich und etwa seiner Fa- 
milie veraatwortlich fühlt, nimmt bei höherer Entwicklung 
das Volk und später die Menschheit, ja im religiösen Men- 
schen der ethische Universalwille den Vorrang ein. So kann 
sich unter Umständen ein ethisch hochentwickelter Mensch 
für sein Volk oder die Menschheit freiwillig opfern. Daß 
.Gresamtleben wird wichtiger, als das Einzelleben. Das Höchste, 
das erstrebt werden kann, ist dabei, sich für dieses Gesamt- 
leben derart einzusetzen, daß es seiner obersten Bestimmung 
näher gebracht wird. Nennt man unendlich hohe Ziele Ideale, 
so führt die ethogenetisohe Normengewinnung zuletzt dahin, 
dem Einzelnen die Pflicht der liebevollen, freien, absoluten 
Hingebung an die Ideale aufzudecken. Daß diese Ideale in 
nichts anderem bestehen können, als in der größtmöglichen 
Förderung der Nebenmenschen in bezug auf leibliche Wohl- 
fahrt, noch mehr aber in bezug auf ihre geistig-gemütliche 
Entfaltung und auf die ihr entsprechenden Formen des Ge- 
meinschaftslebens, liegt auf der Hand. Was immer an ver- 
schiedenen Idealen aufgestellt werden kann, läuft (mit Ein- 
scblliß der Kunst, Wissenschaft und Technik) schließlich auf 
dieses eine Ideal hinaus. Der letzte Schritt, der dann noch 
möglich ist, besteht darin, daß man die Menschheit als Teil 
eines absoluten Lebens auffaßt, und zwar eines absoluten 
Geisteslebens, das allerdings seine höchsten Absichten, so- 
weit sie für uns erkennbar sind, in der Erziehung des Men- 
schengeschlechtes zum Gewinn der höchsten Lebensgüter 
vollendet. Die Religion wagt diesen Schritt und richtet dem- 
gemäß das Leben ein. 

So gelangt man zu einem höheren Lebensbegriff, als der 
Naturallsmus, indem die geistig-sittlichen Güter, die Welt 



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PSYCHOANALYSE UND ETHIK. 361 



der Ideafe oder besser des Ideals Kern und Stern des mensch- 
lichen Strebens wird. Und nicht nur die Ausführung von 
Handltingen, die diesem Ziele naher fähren, erlangen sitt- 
liche Wertschätzung, vielmehr liegt der Schwerpunkt in der 
Gesinnung des Handelnden, nicht im äußeren Werk. Wer 
in der steten Bereitwilligkeit lebt, für dieses Ideal zu leben 
und alles zu opfern, der ist des höchsten Lebens teilhaftig. 
Man lebt von dem, wofür man lebt. Für das aufgestellte 
Ideal leben, heißt für die höcliste Liebe und in ihr 
leben, damit aber auch, ohne dem kantischen Rigorismus zu 
verfallen, sich der höchsten Pflicht hinzugeben, denn es gibt 
schlechterdings keine Pflicht, die nicht aus der Natur- und 
Geistesbestimmung der Liebe hervorginge. 

Von hier aus ergibt sich der Sinn und die Ausgestaltimg 
der einzelnen Lebensgebiete. Die wirtschaftlichen Ofiter 
sind als die natürliche Basis aller Lebensentfaltung anzusehen 
und zu behandeln. Unermeßliches soziales und politisches 
Elend ergibt sich daraus, daß sie infolge der angedeuteten 
falschen Gefühlsverlegung aus ihrem organischen Dienstver- 
hältnis innerhalb des Gesamtlebens herausgerissen werden 
und sich zum höchsten Lebenszweck aufschwingen. Die 
Psychoanalyse liefert unentbehitiche Leitlinien für eine neue 
Betrachtung der Wirtschaftsgeschichte. Sie zeigt, wie der 
Geldhunger, die Ländergier, das Kriegsgelüste mit Verdrän- 
gungen zusammenhängen. Sie weist femer nach, wie die 
wohlgesinnten, oft vom Standpunkt erhabener Ideale aus ge- 
forderten Besserungsvorschläge so lange in der Luft schweben, 
als die psychologischen Voraussetzungen dieser Sublimie- 
rungsprozesse nicht hergestellt werden. Eine Untersuchung 
der gesamten wirtschaftlichen und politischen Geschichte 
unter dem Gesichtspunkte der Verdrängung und der Sublimie- 



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362 VI. PSYCHOANALYSE UND WELTANSCHAUUNG. 

rung gehört zu den dringendsten Bedürfnissen der Gegenwart. 
Es würde sich zeigen, daß nur durch Erschließung eines 
freien Gemütslebens und einer hochgeistigen Betätigung der 
innere und äußere Krieg zu vermeiden sind^). 

Auch das Zusammenleben der Menschen ist unter dem 
Gesichtspunkt der höchsten Lebensentfaltung zu ordnen, die 
Familie, der Staat, die Gesellschaft, die Menschheit. Überall 
ist darauf zu achten, daß der kleinere Organismus (Mensch, 
Familie, Staat, Volk) dem ihn einschließenden größeren so 
eingefügt werde, daß weder eine Hyper- noch eine Atrophie 
entstehe. Wir können aus psychoanalytischen Beobachtun- 
gen nachweisen, wie die vermeintliche Bereicherung durch 
den Familien- oder Völkeregoismus in Wirklichkeit gleich 
jeder Naturwidrigkeit eine Lebensberaubung darstellt. Der 
Widerspruch zwischen dem tatsächlichen organischen Zu- 
sammenhang der Menschheitsglieder und dem Partikularis- 
mus der Denkweise ist das Produkt einer schlechten Psycho- 
logie, die von den vorhandenen, großenteils durch Verdrän- 
gungen bewirkten Sympathien und Antipathien aus ihre Pläne 
entwirft, anstatt jene Gefühlsgrundlagen analytisch zu be- 
reinigen. 

Der höheren Lebens f orderung hat sich die Wissenschaft 
zu beugen. Damit schützt sie sich selbst vor der öden Forma- 
listik, die heute sogar manghe exakte Wissenschaften, vor 
allem die Psychologie, zur Unfruchtbarkeit verurteilt. Die 
furchtbare Intelligenzverschwendung, über die T o 1 s t o j, 
P o i n c a r 6 u. v. a. mit Recht ungehalten sind (man erinnere 
sich an ihren Spott über das Zählen der Blattläuse I), kann 



^) Vgl. meinen Aufsatz: Zur Psychologie des Krieges und Friedens. 
Abschnitt III. 



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PSYCHOANALYSE UND ETHIK. 363 

nur durch eine bewußtere Einfügung in das Gresamtlebeu 
überwunden werden. Hört die Wissenschaft auf, immerwäh- 
rend aus den Quellen des Lebens zu trinken, und sie liat es nur 
zu oft getan, so verfällt sie einem zwangsneurotischen Grü- 
beln und erbärmlicher Kationalistik. Es wäre sehr wünsch- 
bar, daß einmal die Geschichte der Wissenschaften unter 
diesem Gesichtspunkt geschrieben würdet). 

Dasselbe gilt von der Kunst. Sie darf nicht nur ein 
Gefäß sein, in das man seinen Überschuß an Gefühlen und 
Wünschen schüttet, nicht nur eine Verdoppelung der Wirk- 
lichkeit durch ihre Nachahmung, nicht nur ein autistisches 
Gottspielen durch Herstellung einer Welt nach eigenem Ge- 
echmack, wie es bei vielen Expressionisten der Fall ist. 
Vielmehr soll sie eine wirklichkeitsgerechte Überwindung der 
dem Vorhandenen anhaftenden UnvoUkommenheiten sein. Sie 
steht um so höher, je tiefer sie die Weltnöte, die Weltkräftc 
und die gültigen Ziele der Befreiung von der Weltnot erfaßt 
hat und in ihren Schöpfungen zum symbolischen Ausdruck 
bringt 2). Die Kunst für die Kunst ist ein Widerspruch; 
nur als Trösterin, Friedebringerin, Führerin zu höherer Lebens- 
gestaltung hat die Kunst wahre Berechtigung. Echte Kunst 
aber gehört zu den wertvollsten Mitteln und Geschenken der 
Sublimierung des Gesamtlebens, und je deutlicher wir er- 
kennen, daß die Veräußerlichung unserer Kultur mit Hilfe 
des praktischen Materialismus, Kapitalismus, politischen 
Imperialismus, wissenschaftlichen Intellektualismus im Inter- 
esse eines besseren und der w^ahren Natur unseres Geistes 



1) Vgl. meinen Aufsatz: Das Kinderspiel als Frühsymptom krank- 
hafter Entwicklung, zugleich ein Beitrag zur Wissenschaftspsychologie. 
Abschnitt IX. 

2) Vgl. meine Schrift: Wahrheit und Schönheit in der Psvchanalyse. 



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364 VI. PSYCHOANALYSE UND WELTANSCHAUUNG. 

genauer entsprechenden Daseins verlassen werden muß, desto 
höher schätzen wir die Kunst. 

Nur im Zusammenhang des absoluten Lebens können wir 
auch die Religion richtig verstehen und auf den ihr zu- 
kommenden Ausdruck bringen. Wenn heute nicht nur viele 
unsublim ierte Sybariten, sondern auch manche tief denkende 
Geister über die Religion, besonders die vorherrschenden Re- 
ligionen, abschätzig urteilen, so ist dies wahrlich nicht unbe- 
gründet. Wie oft hat die Religion durch eine verdrängungs- 
süchtige Ethik dem Leben Kraft entzogen und durch Ortho- 
doxie den Intellekt, durch Zeremonialismus Gefühl und Willen 
auf schädliche zwangsneurotische Bahnen gezerrt! Das zum 
Ersatz angebotene Leben aber war so eng, muffig, wirklich- 
keitsfeindlich, daß unverkrüppelte Seelen sich in ihm nicht 
heimisch fühlen konnten. 

Allein es wäre ungerecht und kurzsichtig, in diesen Schä- 
digungen die Wirkungen der Religion aufgehen zu lassen. 
Wenn eine naive. Religiosität auch wirklich, wie Freud mit 
Recht tadelt, durch die Berufung auf Gott, der alles geschaffen 
habe, den Erkenntnistrieb beeinträchtigte, so hat sie ander- 
seits das tiefere Nachdenken über Welt und Leben uner- 
meßlich gefördert, wie die Geschichte der Ethik und Philo- 
sophie hundertfältig zeigt. Und wenn eine verkehrte kirch- 
liche Autoritätsgläubigkeit das selbständige Denken oft ent- 
mannte, so hat anderseits erst das religiöse Erlebnis vielen 
kühnen Geistern Mut und Kraft zu den gewaltigsten Neue- 
rungen verliehen und prachtvoll selbständige und schöpfe- 
rische Persönlichkeiten ins Leben gerufen, wie die ethischen 
und religiösen Religionsstifter aller Zeiten genügend nach- 
weisen. 

Mit wenig Worten sei das Wesen der Religion angedeutet. 



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PSYCHOANALYSE UND ETHIK. 366 

Die Kunst löst die Lebensscliwierigkeitea durch bildliche, 
sinnbildliche Darstellung. Ob das Dargestellte wirklich sei, 
oder nur in der Einbildung vorkomme, ist für die Kuüst 
belanglos. Ebenso kümmert sich diese nicht darum, ob das 
im Kunstwerk Geschaffene in der Wirklichkeit ausgeführt 
werde oder nicht. Sie fordert nichts. In kausaler, wie in 
finaler Hinsicht setzt sich die Kunst über die Wirklichkeit 
hinweg. 

Anders die Religion. Ich definiere sie als in Verbindung 
stehen des Menschen mit übermenschlichen, aber real ge- 
dachten geistigen Kraftzentren. Auch sie geht von Lebens- 
hemmungen aus und sucht sie zu überwinden. Aber sie tut 
es nicht unter Verzicht auf die in der Wirklichkeit vorhan- 
denen Kräfte, sondern im Gegenteil im Sinne der hinter der 
empirischen Oberfläche waltenden Tendenzen, d. h. geistigen 
Realitäten. Die Religion sucht, wie die Philosophie, hinter 
dem äußeren Aspekt der Wirklichkeit ein wahres Sein; sie 
glaubt an ordnende Mächte, die anfangs ganz anthropomorph 
gedacht werden. Allein man muß sich davor hüten, diese 
primitive Mythologie zu verachten und sie des reinen Illu- 
sionismus zu bezichtigen. Gerade die Psychoanalyse hat 
manchen Mythen einen sehr tiefen und wahren Kern abge- 
wonnen. Ihr verdanken wir auch die Einsicht, daß wichtige 
Erkenntnisse von höchstem wissenschaftlichen Wahrheits- 
gehalt in symbolischer Form aus dem Unbewußten hervorzu- 
brechen pflegen. Dem psychologischen Rationalismus mag 
dies ein Ärgernis sein, dem freien Seelenforscher ist es keines. 
Anderseits zeigt die lange Reihe großer Philosophen, welche 
die Religion in ihr System aufnahmen, daß auch die schärfste 
Kritik mit der naiven Schale noch keineswegs den Wesens - 
kern der Religion zerstörte. Es wird auch keinem vorsichtigen 



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866 VI. PSYCHOANALYSE UND WELTANSCHAUUNG. 

Psychoanalytiker einfallen, durch die Aufdeckung des in der 
Vorstellung eines Vatergottes steckenden Vaterkomplexes nun 
die Irrealität der in jenem religiösen Symbol steckenden Ge- 
danken festgestellt zu haben. .Daß ordnende, also geistige 
Mächte in der kosmischen Entwicklung zum Ausdruck kom- 
men und daß das empirische Geistesleben nicht als Zufalls- 
produkt eines ungeistigen Werdeganges auftrete, daß die 
ethische Anlage und Bestimmung des Menschen auf einen 
zwecksetzenden Weltwillen zurückgehen, sind denn doch An- 
nahmen, die sich bei Anwendung des kausalen Regresses 
mit Notwendigkeit ergeben, wenn man nicht den Zufall zum 
Gotte stempelt, der das Denken gewaltsam abschneidet, und 
es sind Annahmen, denen keinerlei Widerlegung die Berech- 
tigung abschneidet. Und wie stark das in der Religion gewiß 
sehr häufig tonangebende Denken nach dem Wunschprinzip 
durch das Gebot des Realdenkens überwunden wurde, wie 
stark manche religiöse Menschen unter dem Einfluß der Tat- 
sachen und der Logik gezwungen wurden, ihre Lieblings- 
gedanken oft unter herber Qual preiszugeben und an geklärte 
religiöse Ansichten zu vertauschen, ist jedem Kenner der 
Frömmigkeitsgeschichte wohl bekannt. Aber diese Real- 
korrektur hat die Religion keineswegs umgestoßen, sondern 
sie vielmehr gehoben und veredelt. 

Erweist sich die hochentwickelte Religion in dieser steten 
Berücksichtigung des tatsächlich Gegebenen als Verwandte 
der Wissenschaft, vor allem der Philosophie, so ist sie in 
prospektivischer Beziehung eine Schwester der Ethik. Die 
Kunst fordert nichts von ihrem Empfänger, die Religion viel, 
ja auf den Höhepunkten alles, die Hingabe des ganzen Men- 
schen an ihre Ideale. Während die autoritativ-heteronomen 
Religionen die Ethik aus der Religion ableiten und das Sitten- 



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PSYCHOANALYSE UND ETHIK. 367 

gebot au^ supranatural eutstanden gedachten Offenbarungen 
herübemehmen, geht die Beligionsbetrachtung seit Kant den 
umgekehrten Weg, indem sie das aus dem Wesen des Men- 
schen und der Wirklichkeit abgeleitete Sittengebot als Aus- 
druck eines absoluten Willens anerkennt. Gott ist ihr so 
das geistige Eraftzentrum, von dem die physische und mora- 
lische Weltordnung ausgeht. 

Mit der Kunst hat die Religion gemein, daß sie sich 
des Symboles mit Vorliebe bedient, wenn es -auch nicht in 
höherem Grade der Fall sein muß, als etwa bei der Philo- 
sophie und in der Grelehrtensprache überhaupt. Die Kunst 
enthält in ihren Darstellungen viele Werte, die wir nicht 
in Worte zu fassen vermögen. Was der Oberflächliche für 
bloßen Schein hält, birgt vielleicht unendlich hohen Wirk- 
lichkeitsgehalt. Das Sinnbild, und jedes Kunstbild ist zu- 
gleich auch Sinnbild, trägt den Vorzug der relativ leichten 
Faßlichkeit und der Unerschöpflichkeit, ferner den der höch- 
sten Gefühlswerte, dafür entbehrt es der Klarheit und Be- 
stimmtheit des inhaltlich unvergleichlich ärmeren Begriffes. 
Darf man es da der Religion verübeln, daß sie ihre hohen 
Erkenntnisse und Ahnungen gleich der Kunst in Symbole 
kleidet, ja nach Putnams Zeugnis ein künstlerisches Schaf- 
fen meistens einschließt? Wenn wir mit Achtung von den 
Inspirationen des Künstlers reden, sollen wir die großen 
Gesichte eines Mose, Amos, Jesaja^ Jeremia, Jesus, Paulus 
geringschätzen? Es hieße, das Wesen des genialen Menschen 
gänzlich mißverstehen, wenn man dem religiösen Menschen 
versagte, was man dem Künstler ohne weiteres einräumt. 

Nur müssen wir vom religiösen Menschen, der allgemein 
gültige Aussagen über Sein und Sollen tut, mit größter Be- 
stimmtheit verlangen, daß «r mit größter Unbefangenheit un- 



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g68 VI PSYCHOANALYSE UND WELTANSCHAUUNG. 

bekümmert um alle äußeren Autoritäten diejenige £inglie^ 
derung in das Gesamtleben sucht, die seinen höchsten Fähig- 
keiten entspricht. Die Kunst findet diese aktive und passive 
Einfügung vor- imd darstellend, die Wissenschaft denkend, 
die Ethik handelnd und duldend. In jeder vollkommen durch- 
geistigten Religion finden wir die Synthese aller dieser Funk- 
tionen, und zwar in hochwertiger Ausprägung und Harmonie. 
Wer diese Frömmigkeit besitzt, verfügt über ein Lebens- 
zentrum, das -bei voller Entfaltung schöpferischer Freiheit 
die Wirklichkeit mit Idealwerten erfüllt und sie ähnlich 
oder mehr bereichert, als wenn der Künstler die formlosen 
Farben seiner Palette zum Kunstwerk aneinanderfügt. 

Religion darf somit niemals mit einzelnen religiösen For- 
men, Zeremonien, Dogmen, Kirchenbilduugen usw. verwechselt 
werden. Es ist sehr bemerkenswert, daß in protestantischen 
Landen recht viele religiöse Führer sich gegen die Kirchen 
und ihre äußeren Betätigungsformen ablehnend oder kühl 
verhalten. Religion ist durchaus ein x>ersönliches und inner- 
liches sich Erfaßtfühlen von jenem idealen, zugleich real ge- 
dachten Kraft Zentrum, das mit dem Namen Gottes bezeichnet 
wird. 

Die Ausbildung der sittlichen Persönlichkeit. 

Das ethogenetische Verfahren führte uns über eine physio- 
logische und soziologische Biologie oder besser (da es sich 
um eine Normwissenschaft handelt) Diätetik hinaus zu einer 
idealistischen Lebenslehre. Die Psychoanalyse gab uns für 
ihre Ausgestaltung mancherlei wertvolle Winke, allein es 
wird niemand behaupten, daß sie allein die Ziele des ethischen 
Strebens aus eigenen Mitteln hätte angeben können, ist sie 
doch eine beschreibende und erklärende, nicht eine norm- 



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PSYCHOANALYSE UND ETHIK. 369 

gebende Wissenschaft. Waren die analytischen Gresichts- 
I)unkte, aus einer vertieften Seelenkenntnis durch die ein- 
drucksvollsten Materialien begründet, für die ethische Be- 
trachtung überaus wichtig, so ist dies erst recht der Fall 
bei den Normen, die sich auf die Psychologie der ethischen 
Persönlichkeit beziehen. 

Als höchstes Moralprinzip ergab sich uns die Forderung: 
„Verhalte dich stets so, daß du das Gesamtleben 
gemäß deiner höchsten Bestimmung und deiner 
Begabung bestmöglich förders t.*' Von dieser Norm 
aus ergeben sich die ethischen Forderungen an die Einzelr 
persönlichkeit. Wir können sie zusammenfassen in dem 
Satze : 

„Trachte deine Kräfte in ein derartiges Ver- 
hältnis zueinander zu bringen, daß sie der höch- 
sten Norm am zweckmäßigsten diene n.*' 

Doch wie wird dieser Forderung am besten genügt? Die 
Psychoanalyse hat dieses Problem brennend gemacht. Sie 
lernte einsehen, daß es nicht genügt, wenn die im Bewußt- 
sein vorhandenen niedrigen Triebe sich den Impulsen des 
sittlichen Entscheides fügen, sondern sah sich zu der un- 
endlich viel tiefer greifenden Forderung genötigt, auch die 
unbewußten seelischen Kräfte dem sittlichen Zweck zu 
unterwerfen. 

Doch wie geschieht dies am besten? Gehört zum 
ethischen Persönlichkeitsideal, daß es von 
Verdrängungen frei sei? Die Frage ist nicht ganz ein- 
fach zu beantworten. Dagegen spricht, daß alle wahre Kunst 
aus dem Unbewußten quillt, somit Verdrängungen voraus- 
setzt, ferner daß bisher alle großen ethischen Reformen von 
Persönlichkeiten ausgingen, die ebenfalls aus dem Schatze 

Dr. PfiBter, Pi>7ohaiiftl7M. 24 



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370 VI. PSYCHOANALYSE UND WELTANSCHAUUNG. 



des Unbewußten ihre Neuschöpfungen hervorgeben. Allein, 
können wir die Künstler und Propheten missen? 

Wenn wir zugeben, daß das Leben mehr ist als die Kunst 
und die Prophetie, so werden wir zugeben, daß in einemj 
vollkommenen Leben sie beide überflüssig wären. Denn sie 
beide entspringen dem Mangel und sind eine symbolische 
Vorwegnähme dee ersehnten höheren Zustandes. Daher würde 
ein ideales Leben sie einholen und sich selbst an ihre Stelle 
setzen. Die Abwesenheit jeglicher Verdrängungen und die 
absolute Bewußtheit des Psychischen wären mit einem idealen 
Dasein vereinbar. 

Nun aber müssen wir mit den reakn Verhältnissen rech- 
nen, und sie überzeugen uns nur zu bald, daß der Verwirk- 
lichung dieses Gredankens große Schwierigkeiten im Wege 
stehen. Freud macht darauf aufmerksam, daß es eine ab- 
solute Analysiertheit und Bewußtmachung des Unbewußten 
nicht gibt. Und wenn sie heute erreicht wäre, so könnte sie schon 
morgen wieder durch neue Verdrängungen beseitigt sein. Fein- 
fühlige und tiefblickende Menschen werden unter dem Kon- 
flikt zwischen Ideal und Leben immer schwerer leiden als 
die große Masse, sie ergründen die Not unendlich viel tiefer 
und suchen unendlich viel schwerer zu erfassende Erlösungs- 
wege als die Durchschnittsmenschen. Darum kann es nicht 
ausbleiben, daß die gewaltigsten Erkenntnisse mit Hilfe des 
Unbewußten im Symbol vorweggenommen werden, und wenn 
die Wahrheit Hüllen trägt, so ist sie darum nicht weniger 
die Wahrheit. Wir werden daher nie eine Zeit ohne Kunst 
und Prophetie zu erwarten haben. 

Allein für die Normgebung ist dies nicht ausschlaggebend. 
Kein ethisches Ideal ist zu verwirklichen. Das höchste Ideal 
wäre ohne Zweifel die Freiheit von Verdrängungen, ein Zu- 



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P8YCJHOANALY8E UND ETHIK. 37 1 

stand, bei dem auch die unterschwelligea Schichten der 
Seele vom Licht des Bewußtseins durchstrahlt wären. Die 
Wahrheit hätte ihre Schleier fallen lassen, die sittliche Voll- 
endung läge nicht nur im Zauberspiegel des Symbols vor 
uns. Die göttliche Wahrheit des Sehers erhöbe sich zur 
wahren Göttlichkeit des absoluten Schauens. 

Übersehe aber niemand, daß dieses Ideal zu den chiliasti- 
schen Hoffnimgen gehört! Fragen wir nach den Zielen, die 
der Einzelne zu erstreben hat, so können wir das größtmög- 
liche Maß von Bewußtheit nicht unbedingt zu ihnen rechnen. 
Es gibt Dichter, die in ihren Manifestationen dem idealen 
Gesamtleben weit wirksamer und tiefsinniger dienen, als 
wenn sie verdrängimgsfrei wären. Echte Werte, die sie in 
ihrer künstlerischen Intuition erfassen, leiden allerdings nie, 
wenn sie dem Vollbewußtsein zugeführt werden. Aber weil 
der Künstler, dem Prediger gleich, mit dem Unbewußten der 
übrigen Menschen zu rechnen hat^ das nicht dem reinen Ge- 
danken, sondern dem symbolischen Lockruf des Unbewußten 
folgt, wäre eine größtmögliche Seelendurchleuchtung leicht 
ein Verlust der prophetischen Mission. Was der Mensch ge- 
wänne, verlöre der Künstler. Wo die Grenzen der Bewnißt- 
machung liegen, läßt sich daher nicht allgemein angeben. 
Bricht der Künstler unter seinen Fixierungen zusammen, da 
ist Analyse selbstverständlich i). Aber wie weit man zu 
gehen hat, nachdem Existenzfähigkeit gefunden wurde, ist 
in .jedem Einzelfall zu entscheiden. 

Am ehesten darf vom Gelehrten möglichste Annäherung 
an den Zustand absoluter Durchleuchtung der Seele ver- 
langt werden. Sie schützt vor allem vor dem dürren In- 



1) Vgl. „Die psa. Methode", S. 411. 



24» 



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372 VI. PSYCHOANALYSE UND WELTANSCHAUUNG. 

tcUektualismtis, der aus Verdrängung des Gefühlslebens her- 
vorgeht. Der freie Mensch ordnet auch die wissenschaftliche 
Arbeit dem idealen Gesamtleben unter imd ist dadurch vor 
der öden Formalistik und unfruchtbaren Lebensferne des 
neurotischen Grüblers geschützt. 

Wir gelangen somit zu der Forderung: 

Die psychischen Zonen (Bewußtes^ Vorbe- 
wußtes und Unbewußtes) sowie die in ihnen ent- 
haltenen Abstufungen sollen in einem derarti- 
gen Verhältnis zueinander stehen, daß sie dem 
idealen Gesamtleben am besten dienen. Diesen 
Grundsatz nenne ich das Prinzip der Harmonie der psy- 
chischen Zonen und Schichten. 

Erkundigen wir uns nach der Ausführung dieses Prin- 
zips, so ergeben sich mit Leichtigkeit andere Normen. Zur 
richtigen Beziehung der Zonen und Schichten gehört, daß 
die primären Triebe sich den sublimierten Strebungen unter- 
ordnen. Wir sahen, daß ohne diese Einordnung nicht nur 
das Gemeinschaftsleben, sondern auch daa höhere Individual- 
leben aufs schwerste, unter Umständen bis zur Vernichtung 
geschädigt würde, während bei der organischen Einfügung 
in das absolute Gesamtleben auch für die Entfaltung der 
sich unterordnenden Funktionen und Lebenszentren bestens 
gesorgt ist. Aber auch aus einem anderen Grund ist das 
sublimierte Streben mit den stärksten Gefühlstönen auszu- 
statten: Weil es sich nur unter ständigem Kräfteaufgebot er- 
halten läßt. Mit der Sublimierung verhält es sich, wie mit 
der Wärme: Sie trägt in sich die Tendenz des Abflauens. 
Deshalb ist in der Erziehung, wie in der Ethik der unauf- 
hörliche Kampf um das Leben im Ideal zu betonen. Ich 
nenne diese Forderung das Prinzip der Vorherrschaft des 



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PSYCHOANALYSE UND ETHIK. 373 

Sublimierteii und dehne seine Gültigkeit auf die weitesten 
Bezirke der Psyche aus. 

Wer sich psychoanalytisch betätigte, nimmt eine Forde- 
rung, die zuvor nicht erhoben wurde, recht ernst: Die der 
psychologischen Echtheit. Viele Ethiker wiesen darauf hin, 
daß der Mensch gegen sich selbst walir sein und sich auf 
sich verlassen können müsse. Wohin führen Gewissen, Ver- 
nunft, Liebe, wenn morgen schon ihr Spruch ganz anders als 
heute lautet? Der zwiespältige, vom Unbewußten gegängelte 
Mensch aber ist vor solcher Nasführung nie sicher. Er kennt 
seine wahren Beweggründe sehr oft nicht und läßt sich auf 
der Bewußtseinsbühne narren. Er kann aber auch sehr bald 
zu den heute unter dem Einfluß einer unbewußten Einstellung 
gefaßten Vorsätzen nicht mehr stehen, und wenn er sich 
durch frühere Entschlüsse bestimmen läßt, wird er untreu 
gegen sich selbst. Darum drängt die psychoanalytische Ver- 
tiefung der Individualethik dazu, die Echtheit im Sinne der 
psychologischen Geschlossenheit und Sicherung gegen die das 
Bewußtsein mitreißenden Schwankungen des Unbewußten zu 
fordern. 

Endlich verlangen wir im Namen der analytischen Er- 
fahrung die Freiheit der Persönlichkeit, sofern wir fordern, 
daß die Pläne des Bewußtseins und ihre Durchsetzung unge- 
stört durch den Zwang eines unterschwelligen Gegenwillens 
zu Stande kommen. 

Es konnte sich für uns natürlich nicht darum handeln, 
ein System der Ethik auszubauen. Immerhin glaube ich ge- 
zeigt zu haben, daß die Ethik von der Psychoanalyso nicht 
nur wichtige allgemeine Gesichtspunkte, sondern auch be- 
deutsame Tatsachen zur Aufstellung ethischer Normen ent- 
gegennehmen kann. 



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374 vr. PSYCHOANALYSE UND WELT ANSCHAU üNÖ 

B. Die Bedeutung der Ethik ffir die Psycheanalyse. 

Was die Ethik für die Psychoanalyse zu bedeuten hat, 
scheint mir Freud in den Umrissen unübertrefflich ange- 
deutet zu haben. Ich habe aus zahlreichen Beobachtungen 
die Überzeugung gewonnen, daß man die segensreichsten Er- 
rungenschaften der Analyse verschleudert und das Wohl des 
Analysanden gefährdet, wenn man von seinem Kanon ab- 
weicht. Ich muß dies um so lauter betonen, als man diese 
Irrwege mit dem Pathos des sittlichen Propheten anzupreisen 
beliebte. 

Zu warnen ist ganz besonders vor allzu früher Moral- 
forderung. Seit einzelne Ärzte, die von Freud ausgingen, 
den sogenannten Aktualkonflikt für die Neurose allein ver- 
antwortlich naachten und durch Suggestion von außen her 
oder durch die Suggestion einer mystischen Autosuggestion 
in Form der Deutung von Träumen, Einfällen usw. ihn über- 
winden wollten, ist diese Warnung sehr notwendig geworden. 
Man macht dabei oft in äußerst oberflächlicher Weise die 
„Trägheit" verantwortlich, wo offenbare Fixierungen infolge 
von Verdrängungen vorliegen. Dabei fällt man auf das vor- 
analytische Drängen und Pressen zurück. Hätten jene Auto- 
ren, die das Werk Freuds in so bedauerlicher Kurzsichtig- 
keit verunzieren, sich mit den Gesetzen der historischen 
Kontinuität und mit den Mechanismen der Verdrängung sorg- 
fältiger befaßt, es wären ihnen und ihren Klienten arge Ent- 
täuschungen erspart geblieben. — Es bleibt durchaus dabei: 
Die Bewußtmachung des Verdrängten auf Grund einer histo« 
risch-kritischen Reduktion ist der wichtigste und schwierigste 
Teil der Neurosenheilung. 

Der zweite Hauptfehler, der dem Ethiker bei der Anwen- 
dung des psychoanalytischen Verfahrens droht, ist die auf- 



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PSYCHOANALYSE UND ETHIK. 375 

dTingliche und undifferenzierte Moralpredigt, 
die bestimmte Konfliktslösungen vorschlägt. Dadurch ver- 
stärkt man den Widerstand, verhindert eine tiefergrabende 
Analyse, verursacht entmutigende Enttäuschungen und Bück- 
fälle, verhindert die Aneignung edler Selbstbestimmung und 
stößt den Analysanden leicht in immer tiefere Not. Besteht 
die Aufgabe darin, die wertvollsten Kräfte zu erlösen, so ist 
eben darum Freuds äußerst sorgfältige Deutung der Sym- 
ptome, die Aufsuchung der unbewußten Motive, die Dar- 
legung ihres Schicksals bei und vor der Verdrängung, die Ent- 
larvung des beabsichtigten Neurosengewinnes überaus ernst 
zu nehmen. Wer dabei aus Prüderie das Gebiet der Sexualität 
zu kurz kommen läßt, macht sich einer ganz besonders un- 
heilvoll wirkenden Versäunmis schuldig. 

Mit treffenden Worten hat Freud den Versuch zurück- 
gewiesen, bei der Lösung von Entwicklungshemmungen den 
Wunsch geltend zu machen, daß der Kranke sogleich die 
höchsten sittlichen Ziele sich zu eigen mache. Klar und 
weise betont Freud: „Aber auch hiebei sollte der Arzt sich 
in der Gewalt haben und weniger die eigenen Wünsche als 
die Eignung des Analysierten zur Bichtschnur nehmen. Nicht 
alle Neurotiker bringen viel Talent zur Sublimierung mit; von 
vielen unter ihnen kann man annehmen, daß sie überhaupt 
nicht erkrankt wären, wenn sie die Kunst, ihre Triebe zu 
sublimieren, besessen hätten. Drängt man sie übermäßig zur 
Sublimierung und schneidet ihnen die nächsten und bequem- 
sten Triebbefriedigungen ab, so macht man ihnen das Leben 
meist noch schwieriger als sie es ohnedies empfinden. Als 
Arzt muß man vor allem tolerant sein gegen die Schwächen 
der Kranken, muß sich bescheiden, auch einem nicht Voll- 
wertigen ein Stück Leistungs- und Genußfähigkeit wiederge- 



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376 VI. PSYCHOANALYSE UND WELTANSCHAUUNG. 

Wonnen zu haben. Der erzieherische Ehrgeiz ist so wenig 
zweckmäßig, wie der therapeutische. Es kommt außerdem 
in Betracht, daß viele Personen gerade an dem Versuche er- 
krankt sind, ihre Triebe über das von ihrer Organisation ge- 
stattete Maß hinaus zu subJimieren, und daß sich bei den zur 
Sublimierimg Befähigten dieser Prozeß von selbst zu voll- 
ziehen pflegt, sobald ihre Hemmungen durch die Analyse 
überwunden sind. Ich meine also, das Bestreben, die analy- 
tische Behandlung regelmäßig zur Triebsublimierung zu ver- 
wenden, ist zwar immer lobenswert, aber keineswegs in allen 
Fällen empfehlenswert i)." Ich muß dieser Auffassung, durch 
Schaden betehrt, durchaus beipflichten. Das Gleichnis Jesu 
vom Unkraut unter dem Weizen (Matth. 13, 24 ff.) ist in seiner 
Milde auch für den Analytiker beherzigenswert. Man muß 
daa Unkraut, das unter den Weizen gesät ist, zunächst 
wachsen lassen. Würde man es ausraufen wollen, so zer- 
störte man auch den Weizen und würde den Kranken tiefer 
ins Elend hinabdrücken. 

Es ist daher einer der bedenklichsten Kunstfehler, mit 
Umgehung der sorgfältigen Analyse durch mitgebrachte mo- 
ralische Betrachtungen den Ausweg aus den neurotischen 
Konflikten finden und empfehlen zu wollen. Dagegen leistet 
die Ethik und ihre Anwendung auf den Analysanden nach 
anderer Richtung wichtige Dienjste : Sie zeigt, daß die psycho- 
analytische Arbeit selber ein sittliches Tun ist und fördert 
durch diesen Nachweis Eifer und Mut, sie durchzuführen. 
Ich habe oft gesehen, wie gewaltig der Wille zur analytischen 
Arbeit gesteigert wurde, wenn der Klient erkannte, daß es 
sich nur um den Kampf mit Illusionen, Lebenslügen, unmora- 

1) Ratschläge für den Arzt bei der psa. Behandlung. Kleine Schriften 
zur Neurosenlehre, IV. Folge, S. 409 f. 



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PSYCHOANALYSE UND ETHIK. 377 

lischen Grelüsten, unwürdigen Fesseln, um die Betätigung der 
Wahrheit und der Liebe im edelsten Sinne, also um den Er- 
werb hoher sittlicher Güter, handle. Die „Verlockungsprämie*' 
eines hohen, edlen Lebensinhaltes bildet eine außerordentlich 
starke Triebfeder, die schon in den oft so schwierigen An- 
fängen der Behandltmg, aber auch in dem manchmal so über- 
aus zähe Ausdauer erfordernden Fortgang der Arbeit die wert- 
vollsten Dienste leistet. Auch bei fanatischen Immoralisten, 
die aus Haß gegen das Bestehende alle möglichen Verstöße 
gegen die herrschende Moral begehen, ist der Wunsch nach 
einer höheren Lebensgestaltung oft recht stark. 

Die Ethik hat sodeinn mitzureden bei der Stellungnahme 
zu gefährlichen Handlungen, die während der Analyse ge- 
plant werden und als neurotische Symptome zu betrachten 
sind. Der Anaiysand muß geschützt werden gegen Ent- 
schlüsse, die er fassen könnte, bevor er geheilt ist, und die 
daher sein späteres Leben schwer schädigen könnten. Der 
Analytiker kann nicht zugeben, daß er sich in dieser Zeit ein- 
geschränkter Handlungsfreiheit seinen krankhaften Gelüsten 
ausliefert und unter Umständen seine Zukunft zerstört. Die 
Psychoanalyse ist daran mitbeteiligt, daß die aus dem Un- 
bewußten gehobenen Energien sich z. B. einer törichten Ver- 
heiratung, einem verhängnisvollen Geschäftsunternehmen zu- 
wenden; folglich muß sie auch Unheil verhindern, wo sie 
kann. Ich verpflichte alle meine Klienten, während der 
Analyse keinerlei Handlungen von großer Tragweite zu unter- 
nehmen, bis deren Echtheit, ihr nichtneurotischer Charakter 
analytisch nachgewiesen ist. Paul II g zeigt in seinem Drama: 
„Der Führer", wohin Analysanden kommen, wenn sie der 
Analytiker im Zustand schwerster neurotischer Befangenheit 
die schwierigsten Lebensentscheidungen treffen läßt. In 



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378 VI. PSYCHOANALYSE UND WELTANSCHAUUNG. 

diesem Werke jagt sich ein Kranker, der inmitten seiner 
neurotischen Wirren seine Beziehungen zu Eltern und Braut 
nicht zu ordnen vermag und ohne Beratung durch den Arzt 
die verantwortungsflchwersten Handlungen begeht, schließ- 
lich eine Kugel durch den Kopf. Hätte er am Arzt den Ver- 
trauensmann besessen, der unaufdringlich, aber mit dem 
Seelenmikroskop der Analyse Klarheit verschafft und voreilige 
Schritte verhindert hätte, so wäre das Unglück nicht ge% 
schehen. 

Bei der Besprechung dringlicher Lebensentschlüsse, die 
neben der analytischen Behandlung auftauchen, kann man 
sich auf den bloßen Nützlichkeitsstandpunkt versetzen. Dann 
urteilt man eben vom Standpunkt einer minderwertigen Ethik 
tius. Oder man begibt sich auf den Boden einer tiefereu 
Ethik, die einen reicheren Lebensinhalt erschließt. In allen 
Fällen falscher ethischer Urteile, die sich aus Fixierungen 
ergaben, geht der Analytiker auf analytische Reduktionen 
aus. Es gibt Fälle, wo er positive ethische Argumente zur 
Geltung bringen muß, selbst wo er keine Räte erteilt. Und 
daß man mit Räten so kärglich als möglich umgehen soll, 
hörten wir Freud mit Recht empfehlen. 

Die ethische Betrachtung setzt ganz besonders kräftig 
ein, wenn man den Klienten zu den bewußt gemachten Wün- 
schen und Plänen der Gegen waA, wie zu denen der Vergangen- 
heit und 'Zukunft Stellung nehmen läßt. Die Neurose, durch 
einen ethischen Konflikt entstanden, will durch einen bes- 
seren sittlichen Entscheid gehoben werden. Wir hörten 
schon, wie Freud in manchen Fällen eine Abfindung mit 
der herrschenden Sexualmöral fordert. Wir lobten die be- 
scheidene Zurückhaltung des Arztes, der nicht gern in die 
innersten Glaubens- und G^wissensanliegen hineinredet. Aber 



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PSYCHOANALYSE UND ETHIK. 379 

gerade wenn wir die Ethik nur als Gesundheitslehre höchsten 
Stiles ansehen, muß der Arzt eben doch auch von den Tafeln 
einer freien und sublimen Ethik lesen. 

Endlich bedürfen wir der Ethik, wenn man nach Freuds 
Forderung den Analysanden den höchsten und wertvollsten 
Kulturbestrebungen zuführen will, Worin diese bestehen, ist 
nach den Normen der Ethik festzusetzen. Keinem Arzt darf 
man zutrauen, daß es ihm gleichgültig sei, ob aus seiner Ar- 
beit ein ethisch vollwertiger Mensch hervorgehe, oder ein 
krasser Egoist. Seine Persönlichkeit wird, selbst wenn die 
Übertragung tadellos berichtigt ist, auch ohne absichtliche 
Beeinfhissung der Lebensmaximen die ethische Richtung 
seines Klienten stark beeinflussen (s. o.). Daher wird der 
Arzt die Fragen über Sinn und Ziel des Daseins, mit denen die 
erhabensten Geister aller Zeiten gerungen und von deren Be- 
antwortung so viel für unser Glück oder Unglück, unsere 
Tüchtigkeit oder Untüchtigkeit abhängt, für seine Person 
recht ernst nehmen müssen. Ein sittlich haltloser Analytiker 
wäre ein innerer Widerspruch, da nur ein innerlich gereifter 
Mensch kunstgerecht zu analysieren versteht. Allein außer- 
dem wäre zu wünschen, daß man die vom Begründer der 
Psychoanalyse zugemutete Entscheidung über die höchsten 
Kulturwerte von der Warte einer hochstehenden Ethik aus 
treffe. Damit leistet man, ohne je in den Fehler eines Ab- 
falles von der analytischen Aufgabe zu fallen und sich in 
suggestives Drängen zu verlieren, seinen Pflegebefohlenen die 
wertvollsten Dienste. Daß besonders die Behandlung jugend- 
licher Personen einer derartigen ethischen Bildung nicht ent- 
behren kann, liegt auf der Hand. Ebenso versteht sich von 
selbst, daß der Pfarrer die Analyse stets im Rahmen seines 
Berufes ausübt, nur muß er wissen, daß er in diesem Falle 



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880 VI. PSYCHOANALYSE UND WELTANSCHAUUNG. 

nicht mehr reiner Analytiker ist, und er wird sich von allen 
verstiegenen Zumutungen enthalten, so freimütig er die sitt- 
lichen Ideale leuchten läßt. 

Schluß. 

Unser Nachweis, daß die Psychoanalyse mit der Philo- 
sophie gebend und empfangend in Verbindung treten müsse, 
darf nicht zu falschen Schlüssen führen. Wir nannten es 
eine historische Notwendigkeit und ein Glück, daß Freud 
positivistisch forschte. Genug abschreckende Beispiele be- 
weisen, welche Schädigungen der theoretischen und prak- 
tischen Psychoanalyse eintreten, wenn man die scharfe Em- 
pirie durch mystische und metaphysische Spekulationen trübt. 
Es ist nicht das geringste dagegen einzuwenden, daß die 
positivistische Forschung, der wir so glänzende Ergebnisse 
verdanken, weiter ausgeübt werde. Ich halte viehnehr diese 
Arbeit für notwendig, und auch heute noch soll sie von denen, 
die zu ihr berufen sind, als brennendstes Bedürfnis empfun- 
den werden. Ferenczis Wunsch, daß man eine geraume 
Zeit zuwarte, bis man an die junge Wissenschaft mit Waffen 
der Metaphysik herantrete, ist noch immer berechtigt. 

Allein es liegt nun einmal in der Natur des Menschen- 
geistes, daß die Empirie theoretisch vertieft wird. Auch die 
Analyse kann diesem Bedürfnis nicht entgehen. Darum hat 
sie nur ein Interesse daran, daß es nicht in einer sie schä- 
digenden, sondern in einer sie fördernden Weise geschehe. 
Wie eine Metaphysik auszubauen wäre, die nicht störend, 
sondern fördernd zur exakten analytischen Forschung steht, 
versuchte ich anzugeben. Ich wüßte nicht, auf welche Weise 
eine Wissenschaft, welche die in den Erfahrungsbegriffen 
liegenden irrealen Elemente und Widersprüche zutreffend be- 



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PSYCHOANALYSE UND ETHIK. 381 

seitigte und die letzten denkbaren Ursachen, sowie das wahre 
Wesen aufdeckte, die Erfahrungs Wissenschaft störte. Allein 
wie die Erfahrungs Wissenschaften durch Hegels, Her- 
barts, L o t z e s u. a. Systeme eine starke Förderung erfuh- 
ren, so kann auch die Psychoanalyse durch solche Vertie- 
fung eine reiche Förderung erfahren. Dies hat bereits Fe- 
renczi richtig erkannt. Die verheißungsvollsten Anfänge 
finden wir in Freuds metapsychologischen Arbeiten. 

Um nicht durch Wiederholungen zu ermüden, unterlasse 
ich es, zusammenzufassen, in welcher Weise die Psycho- 
analyse sich auch gegen Übergriffe der Ethik zu schützen hat 
und in welcher Weise sie ihr zu dienen und sich ihrer be- 
dienen muß. Die richtige Durchführung unserer Normen wird 
sicherlich beiden Geistestätigkeiten zur hohen Förderung ge- 
reichen. 

Wir gingen in der Einleitung aus von dem unsere Kultur 
machtvoll durchdringenden Ruf nach Leben. Zum Schlüsse 
sei mir vergönnt, jenen Gredanken aufzunehmen und auf Grund 
unserer Untersuchungen fortzuführen. Die Veräußerlich ung 
unserer Kultur in Materialismus und Intellektualismus rief 
einen Rückschlag hervor. Man wendet sich mit großem Ernst 
dem Innenleben zu, und zwar auf den verschiedensten Ge- 
bieten des Denkens. 

Ähnlich verhielt es sich im Hellenentum, als der abstrakte 
Idealismus der Pythagoräer und Eleaten, wie der Realismus 
sich ausgewirkt und das Gefühl der inneren Leere zurückge- 
lassen hatten. Manche kehrten sich der Sophistik zu, die 
den Menschen zum Maß aller Dinge machte (Protagoras), und 
zwar ebensowohl in Hinsicht auf das Erkennen, als auf das 
Handeln. Die Folge waren steriler Skeptizismus und bru- 
taler Egoismus. Die neuen Erkenntnisse, so scharfsinnig sie 



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382 VI. PSYCHOANALYSE UND WELTANSCHAUUNG. 

begründet waren, konnton hinter dem Scheine das Sein 
nicht erfassen. Die bloßen Negationen wirkten nicht be- 
freiend, denn Freiheit ohne Erlösung der Persönlichkeit und 
ohne Ziele ist ein Nonsens. Die ganze Bewegung mußte da- 
her zusammenbrechen. 

Da trat Sokrates auf, griff auf das mit Bewußtlosigkeit 
verbundene Daimonion zurück, suchte durch klares Denken, 
vor allem tiefere Selbsterkenntnis, die Macht des Menschen 
über innere Gegenströmungen zu erweitern, führte eine Mä- 
eutik ein, die durch sorgfällige Induktion aus dem Jünger 
das Beste hervorzulocken wußte, was in ihm stak, und stellte 
ein höheres, freies Ethos als wichtigstes Ziel des Daseins auf. 

Alle diese Züge aber, begegnen sie uns nicht a^ich bei 
Freud? Freud hat das Unbewußte wieder zu Ehren 
gezogen, durch klare Selbsterkenntnis den inneren 
Gegenwillen zu überwinden unternommen, auf dem Wege ge- 
nauer Induktion die eigenartigen Seelenkräfte des 
Zöglings zur Entfaltung gebracht und mit alldenS 
eine hohe und freie Sublimierung geschaffen. Die Ähn- 
lichkeit ist trotz der Verschiedenheit der Arbeitsmethoden 
eine frappante. 

Dürfen wir nun nicht hoffen, daß auch die Psychoanalyse 
Freuds, obwohl sie bisher so wenig wie die Philosophie des 
Sokrates ein neues System schuf, den Anstoß *zu einer über- 
aus fruchtbaren Geistesbewegung, Geistesumwälzung geben 
wird? Ich enthalte mich des Weissagens. Genug, daß jeder 
Berufene nach dem Maß seiner Kräfte mitwirke. Was aber 
als Schwert und Schild dem psychoanalytischen Kämpfer 
nottut, es ist der Mut und die Demut. 



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VII. 

Ge&hrdete Kinder und ihre psychoanalytische 

Behandlung^). 

Wenn wir vom Kinde im allgemeinen reden, so sollte es 
in feierlicher und froher Gemütsstimmung geschehen. Wir 
müßten fühlen, daß wir es mit etwas Heiligem und Herrlichem 
zu tun haben. Dichter und Denker wetteifern im Lobpreis 
des Kindes. Jesus sprach ihm das Himmelreich zu. G ei bei 
sieht in ihm einen Ersatz für das verlorene Paradies, indem 
er singt: 

„Als aus Eden verbannt untröstlich Eva sich härmte, 
Schenkte der Herr ihr das Kind, daß sie der Tränen vergaß.** 

Auf dem Kinde ruht die Zukunftshoffnung. Während des 
30jährigen Krieges (1627/28) schrieb der edle Amos Comc- 
nius das tröstliche Wort: „Seht doch, liebe Kinder, euer 
ist, was von Schmuck und Recht auf das himmlische Vater- 
land im menschlichen Geschlechte übriggeblieben *)." 

Leider verfährt die Wirklichkeit mit diesem Idealbild 
überaus grausam. Die Moralstatistik berichtet von einer er- 
schreckend großen und besonders in den letzten Jahren sich 
ins Ungeheure steigernden Zahl von jugendlichen Verbre- 
chern. Im Deutschen Reiche erhob sich die Zahl der wegen 
Vergehen und Verbrechen verurteilten 12 — 18jährigen Per- 

1) Vortrag, gehalten in Berlin auf Veranlassung der ostdeutschea Ar- 
beitsgemeinschaft für angewandte Religionspsychologie. (Zuerst erschienen 
in „Jugendwohlfahrt", Beilage zur Schweizer Lehrerzeitung, 1918, Heft 1 ff.) 

2) Große Unterrichtslehre. 



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384 Vn. GEFÄHRDETE KINDER UND IHRE 

sonen von 30.819 im Jahre 1882 auf 51113 im Jahre 1907. 
Also nahezu eine Verdoppelung in einem Yierteljahrhundert!*) 
Auch prozentual nimmt die Zahl der jugendlichen Verbrecher 
mancherorts zu: In Basel bildeten die jugendlichen Delin- 
quent^en im Jahre 1902 von allen Verurteilten 4*1 o/o, 1903 
waren es TSo^'o, im folgenden Jahre 7-7 <^^ und 1905 sogar 
8-8 o/o. Vollends im Kriege trat eine Verschlimmerung der 
Kriminalität unter den Jugendlichen zutage. Amtsrichter 
Dr. H e 1 1 w i g hat hierüber ein bei aller Vorsicht und Zurück- 
haltung erschütterndes Bild entworfen 2). Nach den Feststel- 
lungen der deutschen Jugendzentrale belief sich die Ziffer 
der Straffälle von Kindern im Alter von 12 — 14 Jahren wäh- 
rend des ersten Kriegsjahres auf 1723; im zweiten Kriegsjahr 
etieg sie auf 2927 3). 

Die Gefährdung der Jugend ist schon aus diesen dürren 
Zahlen als groß und anschwellend zu erkennen. Es kommt 
aber ein imgeheures Kinderelend hinzu, das sich nicht stati- 
stisch berechnen läßt. Zahlreiche Knaben und Mädchen 
stecken wissentlich oder unwissentlich in bitterer seelischer 
Not, weil sie dem moralischen Abgrund entgegensteuern. Die 
Neigung zur Lüge, zum Diebstahl, zur Tier- und Menschen- 
quälerei, zu Verirrungen des Liebeslebens und anderen Fehl- 
tritten wird bei ihnen mehr und mehr zum unwidersteh- 
lichen Zwang. Oder es schwindet die Nächstenliebe, die 
Freude an jeglicher Arbeit, an Natur, Kunst, Religion, dafür 
aber entwickeln sich Gefühle des Unwertes, meistens abwech- 



1) Handwörterbuch der Staatswisscnscliaften, 6. Bd., Jena 1910, Art. 
,,KrhDinalstatistik". 

2) Albert Hellwig, Der Krieg und die Kriminalität der Jugend- 
lichen, Halle 1916. 

3) Kommunale Praxis 1916, 16. Jahrg., Nr. 12. 



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PSYCHOANALYTISCHE BEHANDLUNG. 385 

selnd mit maßloser Selbstüberschätzung. Lebensüberdruß und 
Selbstmordimpulse flüstern unaufhörlich ihre trüben Rat- 
schläge ins Ohr, und hinter der Maske des ausgelassenen 
Hanswurstes lauert die Verzweiflungstat. Oder es bilden sich 
körperliche Leiden, in denen sich seelische Nöte und Kon- 
flikte verbergen, und die geistige Entwicklung des Jugend- 
lichen ist schwer bedroht. Es ist hier nicht möglich, die 
ungeheure Zahl der in ihrem sittlichen Gehalt und ihrem' 
Lebensglück von schweren Nöten heimgesuchten und von noch 
schwereren Leiden bedrohten Kinder und Heranwachsenden 
zu schildern oder ihre unendlich mannigfachen Symptome 
auch nur anzudeuten. Wer sich auch jahrelang mit diesem 
Gegenstand beschäftigte, wird immer aufs neue von der un- 
erschöpflichen Fülle betrübender Erscheinungen überrascht. 

Wie sollen sich die Erzieher angesichts der zunehmenden 
Verbrechen Jugendlicher und der übrigen noch schrecklicheren 
seelischen Jugendnot verhalten? Sollen sie lediglich die so- 
zialen Faktoren verantwortlich machen? Es wäre recht be- 
quem, aber falsch! Auch wer den Einfluß der sozialen Ver- 
hältnisse mit Recht für sehr wichtig häJt, muß zugeben, daß 
eine Menge von Kindern aus gesunden sozialen Verhältnissen 
mißraten und schweren seelischen Gefahren erliegen. Auf- 
fallend ist dies besonders bei denjenigen Entgleisten, deren 
Geschwister Unter denselben sozialen Bedingungen eine er- 
freuliche Entwicklimg fanden. Auch die fatalistische Be- 
rufung auf den angeborenen Charakter hält vor genauerer Prü- 
fung keineswegs stand, wie besonders die Rettung vieler 
solcher angeblich dem Verderben Geweihter durch die Psycho- 
analyse immer wieder beweist. 

Anstatt sich solchen falschen Versuchen auszuliefern, 
sollten die Erzieher vielmehr mit tiefstem sittlichen Ernst 

Dr. Pflitor, PqrchanalTte. 26 



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386 Vn. GEFÄHRDETE KINDER UND IHRE 

die Ursachea der Jugendgefährdung und die Mittel ihrer Über- 
windung aufsuchen. Versenken sie sich tief genug in diese 
Aufgabe, so bleibt ihnen allerdings, wie mir scheint, eine 
erschütternde Entdeckung nicht erspart. Sie besteht in der 
Einjsicht, daß die überlieferten und heute noch fast ausschließ- 
lich geübten erzieherischen Methoden für einen sehr großen 
Teil der Zöglinge völlig unwirksam und sehr oft 
direkt verderblich sind. Sie werden erkennen, daß 
ungemein viele Kinder nicht trotz, sondern geradezu wegen 
der an ihnen geübten, von der wissenschaftlichen Pädagogik 
empfohlenen Maßregeln zu Grunde gehen. Sie werden durch 
die Tatsachen zu dem bitteren Bekenntnis gedrängt, daß die 
Erziehungskunst, die in unterrichtlicher Hinsicht so schöne 
Fortschritte machte, in erzieherischer Hinsicht heute noch 
bedenklich im Argen liegt.. Übel beraten von einer Psycho- 
logie, die einen großen Teil der ausschlaggebenden Beweg- 
gründe des Handelns außer acht läßt, hat die Pädagogik 
sich in Einseitigkeiten und Irrtümer verloren, die auch treff- 
liche Erzieher verderbliche Fehler begehen lassen und zur 
Überwindung einer unermeßlichen Summe von schweren Gre- 
fahren für Charakter, Lebensglück und Gesundheit der ihnen 
anvertrauten Zöglinge untauglich machen. 

Indem ich diese Sätze, deren Tragweite mir völlig klar 
ist, ausspreche, denke ich an die Legion derjenigen Erziehungs- 
bedürftigen, die durch unbewußte Vorgänge, unbe- 
wußte Hemmungen und unbewußte Wünsche ihrer 
Seele inein ihr sittliches Leben und Lebensglück 
bedrohendes Denken, Fühlen und Wollen ge- 
trieben werden. 

„Unbewußte Seelen Vorgänge, die auf das bewußte Seelen- 
leben einen beherrschenden Einfluß ausüben — gibt es denn 



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PSYCHOANALYTISCHE BEHANDLUNG. 38? 

solche unterirdische Geister in uns?" Wir hören diese Frage 
aus bedächtigem Forschermunde und beeilen uns, sie zu be- 
antworten. Wir könnten uns darauf berufen, daJJ die tiefsten 
Kenner des Seelenlebens, die Dichter, da5 unbewußte Schaffen 
nicht nur ausdrücklich anerkennen, sondern auch mit bewun- 
derungswürdig feiner Beobachtungs- und Daxstellungskraft 
aufdecken. ScTiiller, Hebbel und viele andere haben 
sich scharfsinnig über die ausschlaggebende Bedeutung des 
unbe\s'iißten Schaffens in der Dichtung ausgesprochen. 
Shakespeare und viel weniger bedeutende Dichter zeigen 
mit herrlicher und durch die moderne Psychiatrie tausend- 
fach bestätigter Eealistik, wie ein peinliches Motiv sich in- 
folge unbewußter Umdichtung in krankhafter Zwangshand- 
lung äußert — man erinnere sich an das Händewaschen der 
Lady Macbeth, die sich vom meuchlerisch vergossenen Kö- 
nigsblut reinigen will. Ich will auch darauf nicht abstellen, 
daß die fortgeschrittenste Religionspsychologie, wie sie etwa 
William James und unser geistvoller Theodor Flournoy 
in Genf vertreten, auch das religiöse Erlebnis aus unbe- 
wußten Geistesprozessen hervorgehen läßt. Auch dies diene 
nicht als Beweis, daß die Schule Külpes, z. B. Narziß Ach 
und Koffka^ selbst hinter einfachen Reaktionen unbewußte 
Motive anzunehmen sich genötigt sah. 

Ich möchte vielmehr den Hörer bitten, seine eigenen Er- 
fahrungen und Beobachtungen zu Rate zu ziehen, um die 
Existenz oder Nichtexistenz von unbewußten, d. h. dem er- 
fahrenden und erlebten Ich fremden geistigen Vorgängen fest- 
zustellen. Es ist Ihnen wohl auch schon begegnet, daß Ihnen 
ein Wort oder Satz hartnäckig und unverschämt wie eine 
Schmeißfliege stunden- und tagelang durch den Kopf fuhr. 
Vielleicht handelte es sich um etwas, das Ihnen einfältig, 

25* 



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388 VU. GEFÄHRDETE KINDER UND IHRE 

sinnlos oder selbstverständlich vorkam, und Sie bemühten 
sich, den lästigen Gast aus Ihrer Seele zu verjagen. Aber 
es ist Ihnen nicht gelungen, die Störung blieb bestehen. Aus 
welchem Grunde ? Bei der Anwendung der psychoanalytischen 
Methode Sigmund Freuds, des geistvollen Neurologen der 
Wiener Universität, gelingt es, das Rätsel zu lösen. 

Ziel des psychoanalytischen Verfahrens ist 
die Aufdeckung und Beeinflussung der seeli- 
schen Tiefenmächte, nämlich eben jener unbewuß- 
ten Vorgänge, Hemmungen und Wünsche, die Herr- 
schaft über das Bewußtsein ausüben. Und Mittel der von 
Freud begründeten Methode ist die Sammlting von Einfällen, 
die sich bei scharfer Beobachtung des zu analysierenden Phä- 
nomens einstellen. Dieses Phänomen und die von ihm aus- 
gehenden Einfälle möglichst einfach und zuverlässig in ein 
sinnvolles Ganzes vereinigen, in dem alle Glieder teils als 
Ursachen, teils als Hinweise auf den Inhalt eine gute Be- 
deutung erhalten, heißt, jenes Phänomen deuten. 

Mit diesen knappen Angaben ist das Wesen der analy- 
tischen Pädagogik noch lange nicht bestimmt, aber wir 
wissen genug, um die Tätigkeit des Unbewußten nachweisen 
zu können 1). 

Ich wähle zwei Beispiele von hartnäckig auftretenden Ein- 
fällen. Ein Jüngling, der in hohem Maße seinen Mitmenschen 



^) Ausführlicher wird dieser Gegenstand behandelt in meinem Buche 
„Die psychanalytische Methode", Bd. I des von M e u m a n n und M e ß- 
mer herausgegebenen „Pädagogiums", Leipzig, J. Elinckliardt, 1913 (eng- 
lische Ausgabe, übersetzt von Dr. Charles P a y n e, Vorwort . von Stanley 
Hall, 1917 erschienen bei Moffat Yard & Co., New York), sowie in der 
kleineren Schrift: „Was bietet die Psychanalyse dem Erzieher?" (Der- 
selbe Verlag 1917.) 



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PSYCHOANALYTISCHE BEHANDLUNG. 389 

mißtraute, durch das Gefühl seelischer Schwäche am Stu- 
dium gehindert ist und von Minderwertigkeitsgefühlen, sowie 
innerer Unruhe gequält wird, .erlebt nach einer der ersten ana- 
lytischen Besprechungen folgende Einzellieit: Es fielen ihm 
an einer Maschine eine Anzahl Stäbe auf. Sofort kommt 
ihm in den Sinn das Wort „Stabheuschrecke". Wie er sich 
auch Mühe gab, das Wort aus dem Kopfe zu schlagen, es 
saß bis zur nächsten analytischen Besprechung hartnäckig 
da. Der Analytiker fragte ihn: „Was kommt Ihnen in den 
Sinn zu dem Worte , Stabheuschrecke*?" Der Jüngling ant- 
wortete: „Die Stabheuschrecke sitzt verborgen zwischen den 
Zweigen und wagt sich nicht ins Freie hervor." Femer fand 
er, daß diese Heuschreckenart genau die Formen ihrer Um- 
gebung annimmt, so daß man sie von den Zweigen des Bau- 
mes kaum zu unterscheiden vermag. Endlich erinnert sich 
der Jüngling bei dem Worte „Heuschrecke", daß er selbst 
beständig an Schrecken leidet, besonders an Schrecken vor 
den Eltern. Aber warum drängt sich ihm die Vorstellung 
„Heuschrecke" so auf? Er selbst weiß es nicht. Wir aber 
ahnen bereits und sehen es durch hundert ähnliche Erfah- 
rungen bestätigt, daß das Tier dem Jüngling durch den Sinn 
wandert, weil es sein eigenes Wesen symbolisch darstellt und 
gewisse Neigungen verkörpert: er selbst zieht sich gern in 
die Verborgenheit zurück, er selbst paßt sich gern äußerlich 
seiner Umgebung an, während er innerlich ganz anders als 
sie geartet ist; er selbst hat immerwährend mit „Schrecken" 
zu tun, was man von der Stabheuschrecke nicht sagen kann. 
Da manche von Ihnen die Wirksamkeit des Unbewußten 
noch nicht kennen, füge ich ein weiteres Beispiel hinzu: Ein 
Mann von etwa 45 Jahren wird mehrere Tage unaufhörlich 
dadurch belästigt, daß es in seinen Ohren summt: 



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390 VII. GEFÄHRDETE KINDER UND IHRE 

,.Nur keine Furclit, ich habe Takt, 

Alan stirbt nicht vor dem fünften Akt!" 

Da ihm diese Verse lästig werden^ unterzieht er sich 
einer kleinen Analyse, die folgendes ergibt: Er erinnert sich, 
oder glaubt, sich zu erinnern, daß er diese Worte in einer 
Aufführung von Ibsens „Peer Gynt" hörte. Nachdem der 
Held Schiffbruch erlitt, trat der Tod auf und sprach angeblich 
diese Worte. Aber warum suchen ihn die Verse jetzt heim? 
Er richtet seine Aufmerksamkeit scharf auf die Worte. Die 
nächsten Einfälle berichten: Einige Wochen zuvor starb ein 
Bekannter von ihm an einem Schlaganfall. Etliche Tage 
später teilte ihm ein Freund mit, daß der Arzt bei ihm 
Spuren von Arterienverkalkung feststellte. Bald darauf spürt 
unsere Beobachtungsperson, der später die Dichterworte ein- 
fielen, einen beunruhigenden Druck im Kopfe. Eigentlich 
will sie sich fragen: „Beginnt auch bei dir die Verkalkung?" 
Doch dieser peinliche Gedanke bleibt verdrängt, er wird nicht 
bewußt. Dafür trösten die sich stets aufdrängenden Verse 
durch den Hinweis darauf, daß das Lebensdrama noch lange 
nicht erledigt, daß es noch nicht einmal beim fünften Akt 
angelangt sei. Darum gibt auch das Gedächtnis die gehörten 
Worte falsch wieder. Sie hießen eigentlich: 

jj^liin stirbt nicht mitten im fünften Aktl" 

Daraus schafft der Lebenswille: „vor dem fünften Akt". 
Nun war der Einfall als sinnvoll und biologisch zweckmäßig 
erkannt. Er entfernte sich denn auch sofort, obwohl die 
Deutung oberflächlich war. 

Unbewußte Motive bringen manche scheinbar sinnlosen 
Gewohnheiten hervor. Die Analyse weist nach, daß auch 
sie eine Bedeutung und biologische Zweckmäßigkeit besitzen, 



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PSYCHOANALYTISCHE BEHANDLUNG. 391 

sofern sie gewisse hochwertige, aber wegen ihrer Peinlichkeit 
für das Bewußtsein aus ihm verbannte Wünsche symbolisch 
zum Ausdruck bringen. Auch hiefür ein Beispiel'. Sehr viele 
Menschen, gewiß auch manche unter Ihnen, haben oder hatten 
eigentümliche Gewohnheiten während des Gehens. Wo am 
Bande des Bürgersteiges zwei der langen Einfassungssteine 
zusammenstoßen, pflogen sie die Berührungslinie regelmäßig 
zu vermeiden oder zu berühren, oder sie betreten eine Zeitlang 
diese Linie, um sie dann wieder längere Zeit ebenso sorgfältig 
zu vermeiden. Fragen Sie sich, warum Sie dies tun, oder 
erkundigen Sie sich bei den Personen, die einen eleganten 
Schrittwechsel nicht scheuen, um den Fuß bei der ominösen 
Linie richtig abzustellen, weshalb es geschehe, so erhalten 
Sie die Antwort: „Es geschieht nur sonst!" Oder: „Ich 
habe keine Ahnung, aus welchem Grunde ich es tue, wenn 
es überhaupt einen Grund gibt." Wendet man die psycho- 
analytische Methode an, so findet man regelmäßig, wenn 
auch mitunter nicht ohne mühsame Nachforschung, einen 
Beweggrund oder ihrer mehrere: Ein Jugendlicher meiner 
Beobachtung übte z. B. die Gewohnheit hauptsächlich vor 
dem Hause des Pfarrers aus, bei dem er konfirmiert wurde, 
aber nur solang er ein böses Gewissen hatte; ein anderer 
praktizierte sie fast nur vor dem Hause eines älteren Herrn, 
der ihm als sittliche Persönlichkeit gewaltig imponierte und 
ihn schon zurechtgewiesen hatte ; ein dritter neben einer 
Wand, auf der unsaubere Zeichnungen stunden usw. Sie 
ahnen bereits, daß hinter der angeblich sinnlosen Gewohnheit 
ein Motiv steckt, das dem Bewußtsein entgangen ist. Jakob- 
son, der feine Psychologe, schildert in „Niels Lyhne", wie 
eine Dame, die sich in einen Freund ihres Gatten verliebte, 
sorgsam balancierend der geraden Linie des Teppichmusters 



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392 VII. GEFÄHRDETE KINDER UND IHRE 

entlang geht, eine Gewohnheit, die bei vielen Kranken ziim 
peinlichen Zwang wird. Jedesmal, oder doch allermeistens 
steckt dahinter die Mahnung: „Weiche keinen Finger weit 
vom richtigen Wege abl" Denselben Gedanken fanden auch 
analysierende Psychiater als Motiv des häufig vorkom- 
menden Zeremoniells. Das Berühren oder Vermeiden der Be- 
rührungslinie zweier Randsteine auf der Straße drückt den 
geheimen Wunsch aus, eine gewisse Schranke zu „über- 
treten" oder ein gewisses Maß nicht zu „überschrei- 
ten". Leider kann ich Ihnen hier den Beweis für diese Er- 
klärung nicht liefern. Ich verweise aber auf mein Buch „Die 
psychanalytische Methode" (S. 323 ff.). 

Ebenso stecken dem Bewußtsein verborgene Motive hiuter 
zahlreichen automatischen Zuckungen im Gesicht, in den 
Schultern usw., hinter den Stimmungen und Launen, hinter 
der Abneigung gegen gewisse gesunde Speisen von einem 
bestimmten Erlebnis an, liinter Unfähigkeit zu geistiger Kon- 
zentration, hinter dürrem Formalismus des Denkens i), hinter 
Liebe und Haß, besonders da, wo sie durch klare Überlegung 
für unberechtigt, ja töricht und verderblich anerkannt werden, 
hinter Gefühlsflut und Gefühlsebbe, hinter der Unfähigkeit, 
die Menschen zu lieben, hinter Nötigungen zu Diebstählen, 
welche Ehre, Gewissen, soziale Stellung aufs schwerste schä- 
digen, hinter vielen unüberwindlichen verbrecherischen Ge- 
lüsten anderer Art, hinter dem Zwang, sich durch Unbot- 
mäßigkeit allen Vorgesetzten verhaßt zu machen, hinter der 
Findigkeit des Pechvogels, der keine Gelegenheit zum Er- 
leiden eines Mißgeschickes unbenutzt verstreichen läßt und 



1) Vgl. meinen Aufsatz .,Das Kinderspiel als Frülisymptom krank- 
hafter Entwicklung, zugleich ein Beitrag zur Wissenachaftspsychologie" 



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PSYCHOANALYTISCHE BEHANDLUNG. 393 

nicht merkt, wie er sich beständig den Knüppel zwischen die 
Füße wirft, hinter dem Treiben manches Strebers, Nörglers, 
Querulanten, Fanatikers. Unbewußte Beweggründe stecken 
hinter den Scheingründen, mit denen der Lebensüberdrüssige, 
der Menschenhasser, der rabiate Pessimist sein leben vernich- 
tendes Fühlen zu rechtfertigen versucht. Von den scheinbar 
völlig wertlosen zufälligen Leistungen, wie leichtes Sich- 
Versprechen und -Verschreiben, bis hinauf zu den wichtigsten 
•unsittlichen Taten gesunder Menschen, von den zahllosen 
kloinen Gepflogenheiten des Gehzeremoniells bis hinauf zu 
den furchtbarsten seelischen Krankheiten finden wir eine 
ungeheure Menge von Äußerungen unbewußter Seelenkräfte; 
das Bewußtsein mag jene Äußerungen noch so angestrengt 
bekämpfen oder sich nocli so leidenschaftlich von ihnen ab- 
wenden und nach Foersters Kat^) den höchsten sittlichen 
und religiösen Gedanken und Entschlüssen hingeben, es kommt 
gegen die Dämonen der Tiefe in allen schwereren Fällen nicht 
auf. Das Unbewußte, dem wir auch die höchsten künstle»- 
rischen, sittlichen und religiösen Eingebungen und Großtaten 
verdanken, hält Tausende von Menschen in seinen Banden 
und zwingt sie einerseits in das Joch schwerer Leiden, ander- 
seits auf den dunklen Pfad des Bösen. 

Gegen Zöglinge, die von solchen unter der Schwelle des 
Bewußtseins hausenden Plagegeistern heimgesucht werden, 
sind bei schweren unbewußten Verwicklungen die an inner- 
lich freien Kindern mit Erfolg geübten Erziehungsmaßregeln 
ganz oder fast ganz wirkungslos. Weder Belohnungen, noch 
Strafen, weder Belehrungen, noch Vorbilder, weder strenge 
Beaufsichtigung, noch vertrauensvolles Gewährenlassen, weder 



1) F. W. Fo erst er, Erziehung und Selbsterziehung, S. 41 



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394 VII. GEFÄHRDETE KINDER U. IHRE PSYCH. BEHANDLUNG. 

Selbstbestrafungen und andere asketische Übungen, noch 
Selbstbelohnungen richten gegen solche Erlösungsbedürftige 
etwas Ordentliches aus, denn sie erreichen den eigent- 
lichen Ursprung des Fehlers, das Unbewußte, 
nicht. Sie kämpfen mit Projektionsbildern, ohne auf die 
Lichtquelle und Lichtbahn Rücksicht zu nehmen. Jene Me- 
thoden können aber schwersten Schaden stiften und geradezu 
ins Verderben treiben, wie man leider so oft beobachtet. 
Manche unter den in Frage stehenden Zöglingen leiden selbst 
sehr schwer unter der Erkenntnis ihrer Schlechtigkeit und 
ihrer Ohnmacht zur Bekehrung. Manche werden jahrelang 
von Selbstmordgedanken verfolgt, und niemand hilft ihnen. 
Auch religiöser Zuspruch und sittliche Ermahnung prallen 
ab, ja sie vermehren sehr oft das Leiden recht erheblich. 
Warum es sich so verhalten muß, weiß jeder, der sich mit 
der Psychologie des Unbewußten ernstlich beschäftigte. 

liier nun setzt die Psychoanalyse ein. Sie geht darauf 
aus, die unbewußten Apachen des Seelenlebens aufzuspüren, 
ihre Herkunft, ihre geheimen Absichten ans Licht zu ziehen 
und das schädliche Raubgesindel zu nützlicher Arbeit zu 
zwingen. Oder vom Standpunkt des Zöglings aus betrachtet: 
Die Psychoanalyse sucht den Menschen von den 
schädlichen Hemmungen und Verklemmungen, 
die unter der Bewußtseinsschwelle bewirkt wer- 
den, zu erlösen und dem bewußten Geistesleben 
volle Verfügungsfreiheit über alle seelischen 
Kräfte zu verschaffen. Aufhebung der inneren Zer- 
klüftung, Autonomie der Liebe, des Gewissens und der Ver- 
nunft ist das Ziel der analytischen Pädagogik. Wie sie im 
einzelnen vor sich geht, kann ich Ihnen nicht eingehend 
schildern, aber ich werde Ihnen ein paar stark abgekürzte 



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EIN FALL VON HYSTERISCHEM ASTHMA. 395 



Beispiele zweigen und daraus die Grundzüge der psychoanaly- 
tischen Behandlting ableiten. 

Beginnen wir mit einem Falle, der scheinbar den Erzieher 
nichts angeht. Er betrifft ein 

hysterisches Asthma als Symptom gefährdeter 
Charakterentwicklung. 

Seit etwa sieben Jahren leidet ein 17j«ähriges Mädchen, 
das mir zu psychoanalytischer Erziehung übergeben wird, an 
einem Asthma, das seltsamerweise beim Anhören von 
Musik überhandnimmt. Verschiedene Ärzte behandelten es 
erfolglos. Ein Jahr vor Eintritt in meine Behandlung hatte 
die Patientin auf ärztlichen Rat einige Monate in den Bergen 
geweilt, ohne die erhoffte Genesung zu finden. Die Mutter 
schildert ihre Tochter als liebes, artiges Mädchen. Auf die 
Frage, wie sie zu den Eltern stehe, antwortete Marie, so 
nennen wir die Leidende, sie habe sie lieb. 

Wenden wir nun die Analyse an! Ich lasse mir von 
meinem Zögling einfach deu Traum der vorangehenden Nacht 
erzählen. 

Sic fragen wohl, warum ich dies tat. Die Autwort lautet: 
Weil die Erfahrung lehrte, daß die Konflikte, die im unbe- 
wußten Seelenleben wohnen, aus den Träumen oft am be- 
quemsten und raschesten erschlossen werden können. Wie? 
Aus dieser Bruchware des Geistes? In der Tatl Allein wie 
wir eine fremde Sprache nur dann verstehen, wenn wir uns 
lange mit ihr beschäftigten, ihre Gesetze aufsuchten und in 
ihren Geist eindrangen, so verhält es sich mit dem Traume. 
Einfache Träume versteht jeder, und die Dichter machen 
tausendfach von dieser Deutungskunst Gebrauch, kommen 
doch in unzähligen Erzählungen Träume vor. Josefs Träume 



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396 VII. GEFÄHRDETE KINDER U. IHRE PSYCH. BEHANDLUNG. 

von den Garben, die sich vor seiner Garbe verneigten, oder 
von Sonne, Mond und elf Sternen, die sich vor ihm nieder- 
warfen, sind nicht schwer zu deuten. Bei verworrenen Träu- 
men dagegen muß man sich Stück für Stück des Traumes 
vom Träumer ansehen lassen. Dann fallen letzterem irgend 
welche Dinge ein, die sofort dem Analytiker anzugeben sind. 
Warum man auf diese Weise Materialien erhält, die zur Aus- 
legung des Ganzen beitragen, kann ich Ihnen jetzt nicht an- 
geben. Ich müßte Sie mit den interessanten Studien von 
Poppeire utcr bekannt machen, und dies würde uns zu 
weit führen. Kurz, man sammelt kritiklose Einfälle zu den 
Traums tücken und sucht mit ihrer Hilfe den Traum zu ver- 
stehen. Der Traum, den Marie mir erzählte, lautet nun: 

,, Vater, Mutter und die übrigen Familienglieder außer 
mir gingen in die Berge. Mich ärgerte, daß ich nicht mit- 
gehen durfte. Ich ging dann etwas später allein. Da kam 
ich an einen großen Strom, der aus der Höhe kam. Aber es 
war in Zürich. Dann ging ich auf den Markt und lief auf 
ihm umher. Hierauf begab ich mich nach Hause. Da kehr- 
ten meine Angehörigen wieder zurück. Sie erzählten, wie 
schrecklich es in den Bergen gewesen war. Der Mutter war 
nicht gut. Da sagte ich, ich wolle nie in die Berge gehen, 
wenn es so schrecklich sei." 

Wir werden diesen Traum, so wie er dasteht, nicht gleich 
verstehen. Versuchen wir deshalb, das vorhin angegebene 
Verfahren auf ihn anzuwenden! (Ich setze die Worte, die 
ich zur scharfen Beobachtung einstellte, hier in eckige Klam- 
mern und lasse die Einfälle der Träumerin unmittelbar darauf 
folgen.) 

[Vater, Mutter und die übrigen Familienglieder außer mir 
gingen in die Berge] Ich ginge auch gern mit. Vor zwei 



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EIN FALL VON HYSTERISCHEM ASTHMA. 397 

Jahren geschah dies wirklich. Ich allein mußte zurück- 
bleiben, als die anderen in die Berge gingen, und ein Schwe- 
sterchen hüten. Einen Ersatz bekam ich nicht. Ich ärgerte 
mich darüber sehr und dachte, ich werde immer zurückgesetzt. 

[Ich ging allein] Es ist traurig, wenn man allein ist. 

[Ich kam zu einem großen Strom, der auj? der Höhe kam] 
Da. wird man ängstlich, wenn man allein ist. 

[Aus der Höhe] Wenn der Strom aus der Höhe kommt, 
ist er noch gefährlicher. Man könnte ihm zu nahe kommen, 
dann könnte er einen wegreißen. 

[Es war aber in Zürich] Solche Ströme gibt es hier 
nicht. 

[Dann ging ich auf den Markt] Hier gibt es im Gegen- 
satz zur Einsamkeit viele Leute. Aber es gefiel mir auch 
nicht. Ich gehe nicht gern unter die Leute. 

[Die Rückkehr und der Bericht der Angehörigen] Sie 
hatten sich anstrengen müssen. Als sie erzählten, wie schlecht 
es ihnen gegangen war, ärgerte ich mich nicht mehr. 

Wollen wir nun versuchen, Traum und Einfälle so aus- 
zulegen, daß ein sinnvolles Ganzes entsteht, in dem jeder 
Traumteil und jeder Einfall sein berechtigtes Plätzchen er- 
hält? Es dürfte nicht gar schwierig sein. 

Die Kleine fühlt sich beoachteiligt, weil sie bei einer 
Bergtour nicht mitgenommen wird. Was vor zwei Jahren 
wirklich passierte, hält der Traum jetzt wieder vor Augen, 
weil die Dinge gleich liegen wie damals, oder weil jenes 
Erlebnis besonders deutlich ausdrückt, was sich die Kleine 
immer wieder sagt: „Man hat mich nicht so lieb wie die 
Geschwister, ich bin das Aschenbrödel der Familie!" Nun 
begibt sie sich im Traum allein in die Berge, gelangt 
aber zu einem aus der Höhe kommenden gefährlichen Strom, 



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398 Vn. GEFÄHRDETE KINDER ü. IHRE PSYCH. BEHANDLUNG. 

der in Zürich sein soll. Die Einfälle fügen hinzu: Es ist 
gefährlich, wenn man allein ist, der aus der Höhe herab- 
stürzende Strom könnte einen wegreißen. Besagt dies nicht 
ganz einfach: „Da ich von der Familie zurückge- 
stoßen wurde, suche ich meine Freuden als ein- 
samer Mensch, aber dies ist gefährlich, man. 
könnte dabei umkommen"? In der Tat fühlt sich das 
Mädchen, wie es unter Tränen bekennt, innerlich völlig ver- 
lassen, hat keine Freundin, anvertraut sich niemandem, liebt 
niemand, weiß aber nicht, daß diese Einkapselung eine schwere 
Gefahr bildet. Insgeheim- ahnt sie es. Und zwar besteht 
diese Gefahr in Zürich, so daß es nicht unsinnig ist, wenn 
der Strom durch die Stadt braust. 

Vor der Gefahr der Vereinsamung zieht sich die Träu- 
merin ins Marktgewühl zurück. Aber, wie der Einfall an- 
gibt, sie fühlt sich auch da nicht wohl. Deshalb kehrt sie 
ins Elternhaus zurück, wo sie mit Genugtuung vernimmt, 
daß die Angehörigen in den Bergen kein Vergnügen fanden, 
somit die verdiente Strafe für Vernachlässigung ihres Aschen- 
brödels empfingen. Fortan verzichtet sie auf Bergfahrten, 
d. h. auf Freuden, weil es schrecklich ist. 

Folgende Gedanken kommen also zum Ausdruck, wenn 
wir richtig auslegten: 1. Ich werde lieblos zurückgesetzt. 
2. Der Ausweg in die Einsamkeit ist zu gefährlich. 3. Auch 
im Menschengewühl finde ich keine Befriedigung. 4. Ich 
ziehe mich ins Elternhaus zurück und tröste mich damit, 
daß die Angehörigen auch kein Glück fanden. 5. Ich ver- 
zichte darauf, Freude zu suchen, da sie Leiden im Gefolge hat. 

Marie selbst hatte keine Aimung, was der Traum be- 
sagen wollte. Sie litt Vor und nach dem Traum stark an 
Asthma^ aber was für Gedanken sich gegenwärtig in der 



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EIN FALL VON HYSTERISCHEM ASTHMA. 399 

Tiefe ihrer Seele regen, weiß sie nicht. Sie lebt überhaupt 
ziemlich planlos dahin und fühlt sich unglücklich, ein ver- 
achtetes Geschöpf, das mit seinem Leben nichts Rechtes an- 
zufangen weiß. 

Die Traumdeutung leistet uns nun den wertvollen Dienst, 
dem Mädchen zu zeigen: „Sieh einmal, was dich eigentlich 
zurzeit quält I" Dann gehen wir den Ursachen dieses Lei- 
dens nach und fragen, was den Gedanken hervorbrachte; „Du 
wirst zurückgesetzt, du kannst dich auf nichts freuen." Wir 
untersuchen ferner, ob das Bewußtsein des Aschenbrödels 
eigentlich berechtigt sei. Wir sehen nach, was dabei her- 
auskommt, werm Marie sich so abschließt, und machen klar 
bewußt, daß das Mädchen die Gefahr der künstlichen Ein- 
samkeit im Grunde selbst im Traume ausdrückt. Wir erfor- 
schen weiter, warum Marie sich im Trubel der Menschen 
unwohl fühlt, wir prüfen die Schadenfreude darüber, daß die 
Eltern, die ihr Kind vernachlässigen, selbst kein Vergnügen 
finden, und daß besonders die Mutter dabei zu leiden hat, 
wir nehmen Stellung zu dem im Traume ausgedrückten Vor- 
satz, fortan überhaupt keine Freuden mehr aufzusuchen. 
Dieses Verfahren setzen wir nun fort, indem wir weitere 
Träume analysieren. So erfahren wir immer, was das Mäd- 
chen uns nicht direkt sagen kann, nämlich wohin seine Be- 
gierden sich neuestens gewendet haben, was für Erlebnisse 
ungünstig nachwirken und verhindern, daß zweckmäßige, ver- 
nünftige Wünsche wach werden. Wir erkennen Regungen, 
die noch nicht bewußt geworden sind, mit voller Sicherheit 
und unterstützen sie durch Bewußtmachung, oder heben sie 
auf. Wir sehen, daß eine Menge vergessener Erinnerungen, 
die das bewußte Denken, Fühlen und Wollen in schädlichem 
Sinne beeinflussen, wieder ins Bewußtsein eintreten und ihren 



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400 VII. GEFÄHRDETE KINDER U. IHRE PSYCH. BEHANDLUNG. 

Einfluß verlieren. Dabei nimmt das Bewußtsein zum klar Er- 
faßten Stellung, und der Wille richtet sich auf jene WunBch- 
regungen, die zuvor als unbewußt der wollenden Persönlich- 
keit entzogen waren und darum mit ungeheurer Gewalt im 
Gegensatz zu Vernunft, Liebe und Gewissen ihre Tyrauinei 
ausübten. Der sittliche Entscheidungskampf wird somit dank 
der Analyse im Lichte des Bewußtseins ausgefochten, er ist 
nicht mehr ein Kampf mit unsichtbaren Dämonen. Ich kann 
Ihnen das Einzelne nicht schildern, da recht komplizierte 
Arbeit geleistet werden muß. Aber vielleicht leiste ich 
Ihnen einen Dienst, wenn ich unser Beispiel noch etwas weiter 
verfolge. 

In der folgenden Stunde berichtet Marie: „Ich träumte 
von Rosen, vielen kleinen, hellroten Rosen an einem Strauche.** 

[Rosen] Sie sind nett, welken aber bald. 

[Rot] Farbe der Liebe. Ich war nie verliebt, weiß auch 
nicht, ob jemand in mich verliebt war. Heiraten werde ich 
nie, weil es Schöneres gibt. Ich möchte zu Hause bei Vater 
und Mutter bleiben, bis sie mich nicht mehr brauchen. Eine 
tiefe Liebe wäre etwas Schönes, wenn sie gut ausfällt, aber 
es gibt so viele schlechte Leute, da könnte man bei einer 
Eheschließung leicht unglücklich werden. 

Wir fassen einfach zusammen: Der Traum redet von 
Rosen, die nett aussehen, aber bald welken. Die Rosen er- 
innern an Liebe, die an sich schön wäre, aber leicht welkt 
und ins Unglück führt. Der Wunsch nach Liebe wird zwar 
geäußert, aber mit dem Hintergedanken, daß die Liebe trüge- 
risch und gefährlich sei. Das Bewußtsein redet anders: Das 
Mädchen plant, unverheiratet im Elternhaus zu bleiben, ob- 
wohl es zu den Eltern in keinem normalen Verhältnis steht. 



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EIN FALL VON HYSTERISCHEM ASTHMA. 401 

Und nun gebe ich noch die Vor- und Nachgeschichtc 
dieser zwei kleinen und höchst unvollständigen Traum- 
analysen: Marie war als Kind auffallend klein, die kleinste 
ihrer Klasse. Dazu erwies sie sich als ungeschickte Schülerin 
und wurde von den Kameradinnen geringschätzig behandelt. 
Freundinnen hatte sie nie. Außerhalb des Hauses fühlte sie 
sich unglücklich, daheim lange Zeit glücklich. Es ist jedoch 
zu bemerken, daß die älteren Schwestern sich zu kräftigen 
und stattlichen Mädchen entwickelten, während sie selbst 
klein blieb. Das Asthma brach aus, als sie zehn Jahre zählte. 
Daraals war in ihr der brennende Wunsch erwacht, Musik 
zu lernen. Eine Verwandte hatte sich anerboten, ihr eine 
Violine zu schenken. Die Eltern wollten jedoch keinen Musik- 
unterricht zulassen, was der Tochter den Gedanken einflößte, 
man habe sie nicht recht lieb. Sogleich brach das Asthma 
aus, das eine besonders rücksichtsvolle Behandlung seitens 
der Eltern zur Folge hatte. Auch in der Schule verschaffte 
das Leiden allerlei Annehmlichkeiten, die aber selbstverständ- 
lich keineswegs vollbewußt als Anlaß zum Asthma verwertet 
wurden. So ist ja auch das bekannte Aufsatzkopfweh, d. h. 
der die Ausarbeitung eines lästigen Aufsatzes ersparende 
Kopfschmerz durchaus nicht als bewußter Betrug zu ver- 
stehen, sondern als Gefälligkeitsmanöver, das das Unbewußte 
dem Bewußtsein zum zweifelhaften Geschenke macht. 

Sie verstehen nun, weshalb das Asthma beim Anhören 
von Musik stärker wird. Das Mädchen keucht, weil es unter 
einer schweren Bürde leidet, nämlich dem Gefühl, ungeliebt, 
der Freiheit beraubt und verachtet zu sein. Beim geringsten 
Tadel reagiert es mit den stärksten Affekten. Die beiden 
Gefühle, als minderwertig betrachtet zu sein und nicht ge- 
liebt zu werden, gehen, wie so oft, Hand in Hand, so daß 

l)r. Pfiiter, Piyob&niJyte. 26 



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402 VII. GEFiHKDETE KINDER U. IHRE PSYCH. BEHANDLUNG 

es gaaz unrichtig wäre, nur das eine der beiden für das hyste- 
rische Symptom verantwortlich zu machen. Die Eltern kann 
Marie nicht lieben, wiewohl Sehnsucht nach ihrer Liebe vor- 
handen ist. Auch zu anderen Menschen ist keine Neigung 
vorhanden. So m u ß das Leben zur schweren Last werden. 
Das junge Mädchen schwebt in um so größerer Gefahr, als 
es auch gegen die bräutliche Liebe gänzlich abgesperrt ist. 
Es fehlt das Lebensziel. Eeligiöse Empfindungen waren vor- 
handen, wurden aber durch Zweifel an Gott stark zurückge- 
drängt. Das Asthma verrät somit, wie das Leben als mühsam 
getragene Last empfunden wird, und sucht zärtliche Rück- 
sicht zu erpressen. 

Nach der sechsten Besprechung waren die Triebverklem- 
mung und damit das Asthma völlig und wohl für immer über- 
wunden. Das Mädchen sah ein, daß die einstigen Erlebnisse 
die Abkehr von Eltern und Menschheit in keiner Weise recht- 
fertigen, daß vielmehr Vater und Mutter sie in Wirklichkeit 
lieben. Der durch Asthma ergatterte Krankheitsgewinn einer 
besonders rücksichtsvollen Behandlung wurde als teuer be- 
zahlter und armseliger Gaunerstreich entlarvt. Edle Lebens- 
perspektiven gingen auf, ein beglückendes Leben in Nächsten- 
liebe und gesunder Religiosität winkte, die Ehe erschien nicht 
mehr als schreckliche Gefahr, und so ging es nicht lange, 
bis das Mädchen schrieb: „Ich weiß nicht, in letzter Zeit 
sehe ich die Welt mit ganz anderen Augen an. Ich muß 
einfach immer fröhlich sein, nichts bringt mich aus der Fas- 
sung " Auch die Mutter bestätigte die schöne Verände- 
rung, die in ihrer Tochter zu Tage getreten war. 

So beseitigte die Analyse die Gefahr, die dem jungen 
Mädchen drohte und es schon so viele Jahre ernstlich ge- 
schädigt hatte. Der unbewußte Konflikt wurde überwunden, 



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EIN FALL VON HYSTERISCHEM ASTHMA. 493 

künftige, vielleicht noch viel schwerere Gefahren wurden un- 
schädlich gemacht. Dasselbe ist der Fall bei den unglaub- 
lich zahlreichen hysterischen Symptomen imd anderen soge- 
nannten nervösen Erscheinungen. 

Lassen Sie mich einige andere Körperschäden aufzählen, 
die nicht nur nach dem Zeugnis der Psychoanalytiker, sondern 
auch nach den Erfahrungen anderer modemer Eichtungen der 
sogenannten Nervenheilkunde, z. B. Jan et, Dubois, D6- 
j er ine, sehr oft auf seelische Verwicklungen zurückgehen. 

Ich beschränke mich dabei auf selbstbeobachtete und 
geheilte Fälle: Da sind zu nennen unzählige Beispiele von 
Migräne und anderem Kopfschmerz, schmerzhafte Druck- 
punkte und -linien. In zwei meiner Beobachtungen bestand 
eine schmerzhafte Dornenkrone, d. h. die Druckpunkte bil- 
deten eine genau der Dornenkrone entsprechende Zone. Da- 
hinter steckte eine unbewußte Gleichsetzung mit dem domen- 
gekrönten Heiland; in einem Falle ging die hysterische 
Dornenkrone nach ihrer Entlarvung sofort in einen eben- 
solchen Heiligenschein über, weil die Eltern zum kranken 
Jungen oft gesagt hatten: „Du bist ein sonderbarer Heili- 
ger i)I" Magen- und Kreuzschmerzen sind auch bei Jugend- 
lichen sehr oft der hysterische Ausdruck des Gedankens: 
„Das und da^s liegt dir schwer auf dem Magen, du hast ein 
schweres Kreuz zu tragen I" Auch Lähmungen und auto- 
matische Zuckungen stammen aus solchen unbewußten Mo- 
tiven. Unter den sehr zahlreichen Schreibkrämpfen, die ich 
untersuchte, war nicht ein einziger, der nicht schon in seiner 
äußeren Form einen unbewußten Gedanken zum Ausdruck 
brachte. Das Zurückgezogenwerden des Armes beim Schrei- 
ben z. B. verriet die Befürchtung: „Ich bin ein gehemmter 

1) Vgl. mein Buch „Die psychanalytische Methode", S. 38. 

2G* 



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404 Vn. GEFÄHRDETE KINDER U. IHRE PSYCH. BEHANDLUNG. 

Mensch I" — Oder das Gefühl, alle Handknochen seien ge- 
knickt, verbunden mit Unfähigkeit, die Hand zu bewegen, 
drückte die unbewußte Vorstellung aus: „Ich bin ein gebro- 
chener Mensch." Stimmlosigkeit versinnbildlichte oft den 
Gedanken: „Ich kann oder darf nicht reden." Auch die Zuk- 
kungen des Gesichtes, der Schulter usw. geben einen unbe- 
wußten Gedanken an. Ähnlich sind in zahllosen Fällen Hu- 
sten, Darmstörungen, Hautausschläge, Unfähigkeit des Sehens 
oder Hörens und tausend andere Körperleiden zu verstehen. 

Nur ein sehr tüchtiger Arzt kann entscheiden, ob eine 
Störung auf körperliche oder seelische Störung zurückgeht, 
und auch er kann es manchmal erst nach einer Untersuchung 
des Seelenlebens des Patienten. Manche Ärzte irren, indem 
sie nur körperliche Ursache gelten lassen. Durch diese Ein- 
seitigkeit verschulden sie das Aufblühen der sogenannten 
„Christlichen Wissenschaft", vieler anderer Sekten und man- 
cher Kurpfuscherei. Denn alle diese Auswüchse unserer Kul- 
tur weisen unbestreitbar Heilungen auf in Fällen, an denen 
die offizielle ärztliche Kunst sich jahrelang umsonst ab- 
quälte. Anderseits stiften die Gesundbeter schweren Schaden 
an, weil sie alle Krankheiten auf seelische Ursachen zurück- 
führen. Vor dem materialistischen Irrtum vieler Ärzte, wie 
vor dem spiritualistischen Fehler der geistlichen Heiler hütet 
sich der Psychoanalytiker imd fordert durchaus, daß in 
jedem Krankheitsfälle ein kundiger Arzt die 
Oberaufsich tüberne hm e. 

Bevor ich zu denjenigen gefährdeten jugendlichen Opfern 
unbewußter Hemmungen übergehe, die im medizinischen Sinne 
völlig gesund sind, möchte ich aus zahllosen seelischen Ab- 
normitäten ein Beispiel herausgreifen. Aufs Geratewohl 
nehme ich 



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EIN FALL VON ANGST. 405 



einen Fall von Angst als Hauptsymptom ernster 
Charaktergefährdung. 

Ein 151/2 Jalire alter Knabe gesteht mir, daß ihn vor 
dem Einschlafen regelmäßig das Gefühl ängstige, es kommen 
Wolken auf ihn zu, und er falle in einen Abgrund. Erst all- 
mählich gibt er an, noch eine Reihe anderer Angsterschei- 
nungen aufzuweisen. Betritt er eine Brücke, so stellt sich ein 
quälendes Gefühl ein. Auch beim Anblick irgend welcher 
Mädchen ängstigt er sich. Wegen seiner Gesundheit ist er 
peinlich bewegt: Er glaubt, an Magenkrebs zu erkranken, 
oder zu erblinden. Während der analytischen Behandlung 
stellten sich einige neue Angstformen ein, um jedoch nach 
Aufdeckung ihres Sinnes und ihrer Herkunft sofort wieder 
gänzlich zu verschwinden. Er ängstigte sich wegen innerer 
Leere, ja das Leben überhaupt flößt ihm Angst ein. Dann 
wieder quält ihn die Angst vor Einbrechern, vor Giftschlangen 
im Munde und vor Geiern. 

Scheinbar gehen diese Symptome einzig den Psychiater 
an. Es war auch meine Pflicht, einen solchen zuzuziehen und 
mich zur Behandlung des Falles bevollmächtigen zu lassen. 
Nun aber fanden sich andere Symptome, die mehr erzieheri- 
scher Natur waren. Der Knabe fühlte sich nämlich völlig 
vereinsamt und innerlich verödet. Er liebte niemand außer 
einem Kameraden, der ihn schlecht behandelte und mit un- 
gerechten Beschimpfungen überhäufte. Die Abneigung gegen 
alle Menschen erstreckte sich auch auf die Eltern, die ihr 
Kind liebten und es, zwar ohne Verständnis seiner Eigenart, 
aber mit Sorgfalt und Güte erzogen. Auch die Lehrer wurden 
dann gehaßt, wenn sie gegen den Schüler freundlich waren; 
benahmen sie sich dagegen unfreundlich, so sagte es dem 



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406 VII. GEFÄHRDETE KINDER U. IHRE PSYCH. BEHANDLUNG. 

Schüler zu. Die Lehrer zu belügen, wax ihm ein Vergnügen, 
das er sich oft leistete. Das Bedürfnis, schlecht behandelt 
zu werden, war sogar einigermaßen bewußt. Dabei litt unser 
Zögling am Gefühl der Wertlosigkeit, benahm sich aber vor 
anderen überaus stolz und spöttisch. Es war keine bloße 
Redensart, wenn er fand, es wäre nicht schade um ihn, wenn 
er in einer Woche sterben würde. Sein Wunsch ging auf 
Nirwana aus, auf ein Auslöschen. Gott leugnete er, obwohl 
ihm die Ordnung und der Geist in der Wirklichkeit tiefen 
Eindruck machten, und ohne daß er Gründe gegen das Da- 
sein Gottes hätte vorbringen können. 

Meine Aufgabe bestand wiederum darin, den wahren, dem 
Bewußtsein verborgenen Sinn dieser Symptome zu deuten, 
ihre Entstehung aufzudecken, ihre Nichtigkeit dem Zögling 
klar bewußt zu machen und so durch klares Denken und Um- 
schaltung der innersten Wünsche auf edle Bahnen die unbe- 
wußte Hemmung zu überwinden. Ich kann Ihnen nur die 
Ergebnisse mitteilen: Der stark erblich belastete Knabe war 
wegen seiner Kränklichkeit vor der Schulzeit zu Hause stark 
verhätschelt worden. Als er in die Schule eintrat und einem 
strengen Lehrer übergeben wurde, geriet er in heftige Furcht 
imd erteilte daher falsche Antworten. Der ungeschickte Er- 
zieher überlieferte ihn dem (Jespött der Klasse, und als der 
Kleine in Weinen ausbrach, wurde die Klasse aufgefordert, 
das „Heulpeterle" auszulachen. Einer solchen häßlichen Auf- 
forderung kamen die Kameraden nur allzugern nach, indem 
sie den Hohn sogar auf der Straße fortsetzten. Die Leistun- 
gen des Kleinen, der später in einer höheren Schule der Beste 
seiner Klasse war, sanken unter dem Einfluß der Angst in 
der Volksschule immer tiefer, und körperliche Züchtigung des 
angeblichen Faulpelzes wirkte nur nachteilig. 



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EIN FALL VON ANGST 407 



Der Vater, der bisher sein Kind sorgsam beschützt hatte, 
fand, sein Junge dürfe kein Muttersöhnchen werden, es tue 
ihm ganz gut, wenn ihm das weinerKche Wesen ausgetrieben 
werde. Erschrocken zog sich der Kleine in sich zurück und 
erzählte nach den ersten Schultagen kein Wörtchen mehr 
von seinen Schulerlebnissen. Gegen die Kameraden war er 
vollständig wehrlos. Auch wenn sie ihn mißhandelten^ unter- 
nahm er nie einen Verteidigungsversuch. Die Eltern glaub- 
ten, das Schweigen des Kindes sei ein gutes Zeichen. Es 
fiel ihnen einzig auf, daß der Knabe immer wieder viel zu 
früh angstvoll fragte, ob es noch nicht Zeit sei, zur Schule 
zu gehen. 

Insgeheim aber glühte eine Zwangsvorstellung auf, die 
dem sechs bis acht Jahre alten Knaben viel zu schaffen gab. 
Er sah nämlich immer und immer wieder, wie er eine Mit- 
schülerin verbrannte oder auf andere Weise zu Tode quälte^). 
Es war die hübscheste Schülerin seiner Klasse, zugleich aber 
auch diejenige, deren SjxDtt ihn am meisten kränkte. Wollte 
er die Phantasie vertreiben, so kam sie erst recht. Daß er 
es der Mutter erzählte — sie bestätigte es mir — , half 
nichts. Sie riet ihm, wie es wohl die meisten in derartigen 
Erziehungsaufgaben unwissenden Pädagogen getan hätten, 
sich den abscheulichen Gedanken aus dem Kopfe zu schlagen, 
und versuchte, auf edle Vorstellungen überzulenken. Dieser 
Rat, der in einem leichten Fall gute Dienste geleistet hätte, 
wirkte bei unserem Zögling übel : Als es ihm endlich gelungen 
war, die häßliche Vorstellung zu beseitigen, stellte sich die 
ebenfalls zwanghafte Sühnevorstellung ein, wie es wäre, wenn 
er sich selbst tötete. Sich selbst betrachtete er als einen 



1) Einzelheiten gab ich in der Schrift: „Was bietet die Psych- 
analyse dem Erzieher?" S. 30. 



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408 VII. GEFÄHRDETE KINDER U. IHRE PSYCH. BEHANDLUNG. 

grundschlechten Menschen, und dieser Gedanke ließ ihn fort- 
an nicht mehr los, bis wir seinen Ursprüngen nachgingen. 

Was hat nun das Kind in die Krankheit getrieben 7 Denn 
daß die Zwangsvorstellungen krankhaft sind, wird niemand 
bestreiten. Das schwächliche, verzärtelte Kind wurde durch 
die Grausamkeit des Lehrers und der Schüler zurückgeschreckt, 
sein Selbstgefühl geknickt, und des Vaters Verweigerung des 
erbetenen Schutzes verschärfte die Not. Es wäre unrichtig, 
zu sagen, die körperliche Minderwertigkeit und das aus ihr 
hervorgehende Minderwertigkeitsgefühl seien allein schuld. 
Ebenso einseitig wäre es, die vermeintliche Liebesverweige- 
rung der Eltern oder gewisse Erlebnisse mit der Schwester 
allein für die Erkrankung verantwortlich zu machen. Wir 
haben einen der vielen Fälle vor uns, in denen verschiedene 
Faktoren zusammenwirkten, um die G^samtpersönlichkeit zu 
erschüttern. Und nur, wenn die Gesamtpersönlichkeit schwer 
beeinträchtigt worden ist, entstehen unbewußte Motive und 
Bindungen, die krank machen. Oft wirken die schädlichen 
Einflüsse nur auf eine Region der Seele ein, allein da die ver- 
schiedenen hochwertigen Seelenvorgänge zusammenhä4Qgen, 
greift die Störung auf andere Gebiete über. Hemmung des 
Liebeslebens oder Liebesanspruches oder allzu starke Beein- 
trächtigung des Freiheitsdranges kann das Selbstgefühl stören, 
ja zerstören, wie umgekehrt eine glückliche Liebe die Selbst- 
bewertung hebt. Man denke etwa an die Verse: „Daß du 

mich liebst, macht mich mir wert Du hebst mich liebend 

über mich." 

Die Hemmung der Liebesfähigkeit hielt bis zur Analyse 
an. Hieraus erklärt sich die Angst, die schon vor Freuds 
bedeutender Entdeckung die reichste Fundgrube tiefer Men- 
schenkenntnis, das Neue Testament, aus gehemmter Liebe 



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EIN FALL VON ANGST. ^QQ 



erklärt. 1. Joh. 4, Vera 18, lesea wir die Worte: „Furcht 
ist nicht in der Liebe, sondern die vollkommene Liebe hat 
die Furcht ausgetrieben. Wer sich aber fürchtet, ist nicht 
vollkommen in der Liebe." Wie die Liebe des Knaben in 
aussichtsloser und unschöner Weise an die gute Mutter und 
die Schwester gebunden war, konnte ich hier nicht zeigen. 
Der Knabe mußte jedenfalls seine Liebe von allen Menschen, 
die ihm entweder hart oder, wie er meinte, verständnislos be- 
gegneten, vollständig zurückziehen und sie ins Unbewußte 
begraben. Daher die Absperrung von den Menschen, das Ge- 
fühl der Einsamkeit und Verblödung. Die bittere Qual der 
ersten Schuljahre wird zum Bedürfnis. Die aktive Grausam- 
keit, die sich in der Rachephajitasie vom getöteten Mädchen 
ergötzt, führt zur passiven Grausamkeit, ja zum Bedürfnis, 
mißhandelt zu werden. Darum haßt der Knabe die, die ihn 
wohlwollend behandeln, und liebt die, die ihn mißhandeln. 
Der Hochmut xmd die Ironie, die er zur Schau trägt, sollen 
das Unwertsgefühl überschreien. Die Phantasie von den 
Wolken oder dem drohenden Abgrund hat ähnliche Bedeu* 
tung, wie das Asthma in unserem früheren Beispiel: Beide 
bringen eine schwere Hemmung der Persönlichkeit symbo- 
li&cli zum Ausdruck, dort die schwere Bürde, hier die drohende 
Gefahr. 

Die Analyse war reich an Überraschungen. Die Sym- 
ptome schwanden nach wenig Stunden. Zuerst suchte der 
in seinem Versteck unter der Bewußtseinsschwelle aufge- 
stöberte Trieb neue Schlupfwinkel, und neue, vorübergehende 
Symptome traten lauf, die die früheren gleichsam umdich- 
teten. Während z. B. zuvor unser Zögling sich vor dem Er- 
blinden gefürchtet hatte, bekam er plötzlich die Empfindung, 
seine Augen seien ungeheuer groß, und während er sich zu- 



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410 Vn. GEFÄHRDETE KINDER ü. IHRE PSYCH. BEHANDLUNG. 

vor ganz in sich selbst zurückgezogen hatte, trat mit einem 
Male das Gefühl auf, seine Glieder dehnen sich enorm aus 
und wollen die ganze Welt umspannen. Aber diese und 
andere Neubildungen verschwanden sofort, als ihr Sinn und 
Motiv aufgefunden war. Bald durfte unser Zögling bekennen, 
daß er zu den Menschen bedeutend besser stehe, sich nach 
einem verständnisvollen Freund oder einer Freundin sehne 
und auch den Zweifel an Gott überwunden habe. Leider 
konnte die Analyse nicht zu Ende geführt werden, doch war 
schon das erreichte Ergebnis günstig. 

Auch in sittlicher Hinsicht kann die Jugend durch un- 
bewußte Triebklemmungen Gefahren erleiden. Als Beispiel 

wähle ich die 

Kleptomanie. 

Bis jetzt sind mir fünf Personen begegnet, worunter vier 
Jugendliche, die nie eine besonders starke Neigung zur Un- 
ehrlichkeit verspürt hatten, ja sogar für gewöhnlich den Dieb- 
stahl als etwas Ungeheuerliches und Unmögliches von sich 
gewiesen hätten, aber plötzlich eines Tages von einer un- 
widerstehlichen Neigung, zu stehlen, erfaßt wurden und nach 
furch barem inneren Kampfe, nach entsetzlichen Nöten den 
Fehltritt begingen. 

Einen Fall, der Ihnen das Wesen des kleptomanen An- 
falls zeigt, kann ich Ihnen hier abgekürzt mitteilen. Ein 
protestantisch erzogenes 14 — 15jähriges Mädchen macht wäh- 
rend eines Ferienaufenthaltes häufig Besuche in einer katho- 
lischen Erziehungsanstalt. Eines Tages, während sie allein 
im Zimmer ist, spürt die Kleine mit einem Male einen lun- 
geheuren Drang, die Armenkasse, die neben einer um milde 
Gaben bittenden Maria stund, zu bestehlen. Zu Hause hätte 
sie oft Gelegenheit zu Gelddiebstählen gehabt, aber sie emp- 



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KLEPTOMANIE. 41I 



fand nie das geringste Gelüste. Sie nimmt nun das Büchs- 
chen in die Hand und merkt, daß nur ein kleiner Betrag in 
ihm sein könne. Über ihr Vorhaben erschrocken, rennt sie 
in den Garten. Es läßt ihr aber keine Euhe, sie muß zurück- 
kehren. Noch einmal flieht sie angstvoll ins Freie. Erst 
wie sie zum drittenmal ins Zimmer zurückkehrt, ist die Wider- 
standskraft gebrochen. Sie entwendet den ganzen Inhalt der 
Armenbüchse, ungefähr einen Franken, kauft dafür Schoko- 
lade, wirft sie aber in entsetzlicher Angst und mit der Kraft 
der Verzweiflimg in einen nahen Bach. Nie kehrte das Diebs- 
gelüsten wieder, dafür entwickelt sich aber, wie in den vier 
übrigen Fällen meiner Beobachtung, später eine recht schlimme 
Neurose, in der dieselben Kräfte, die zum Stehlen zwangen, 
andere krankhafte Symptome hervorbrachten und ihr Lebens- 
glück zerstörten. Mit 18, 20 und 24 Jahren suchte die frühere 
Diebin daa Institut auf, um den Diebstahl gutzumachen, aber 
sie brachte es nicht über sich, die kleine Summe in die 
Armenbüchse zu legen, bis ihr die Analyse dazu half. 

Und welcher Art sind die unbewußten Dämonen, die zum 
Diebstahl zwangen? Im Liebesleben war eine Stauung vor- 
handen. Die kleine Diebin wurde nämlich von ihrer Mutter 
überstreng erzogen. Körperliche oder geistige Minderwertig- 
keit war nirgends vorhanden. Der Anspruch auf Liebe und 
Freiheit fand jedoch keinerlei Befriedigtmg. Und doch sehnte 
sich die Kleine heftig darnach. In der katholischen Anstalt 
begegneten ihr bei der leitenden Nonne zum erstenmal in 
ihrem Leben Liebe und Verständnis, und ihre eigene Liebe flog 
sehnsüchtig der barmherzigen Schwester entgegen. Allein es 
erhob sich eine große Schwierigkeit: Die Mutter hatte vor 
der Abreise ihrem Kinde streng verboten, sich tiefer mit der 
Nonne einzulassen. Ihre ältere Tochter war nämlich katho- 



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412 Vn. GEFÄHRDETE KINDER ü, IHRE PSYCH. BEHANDLUNG. 

lisch geworden und sogar in ein Kloster eingetreten. Die 
Mutter hatte daher ihrem jüngeren Kinde eingeschäxf t : „Wenn 
du dich auch von der Katholikin einfangen lassest, so ver- 
stoßen wir dich, und du bist heimatlos!" In dem Kinde 
kämpften die Sehnsucht nach Liebe zur Nonne mit der Furcht 
vor der Mutter, und ebenso der Wunsch, sich gegen die tyran- 
nische Mutter aufzulehnen, mit dem Gebot: „Ehre Vater 
und Mutter!" Zuerst erzählte sie der Nonne, sie sei eigent- 
lich katholisch getauft, wie ihr Vater, und die Nonne ging 
selbstverständlich auf diesen Gresprächsstoff gern ein. Dann 
aber überwog im Kinde die Furcht vor der Mutter, und der 
Stehlzwang brach aus. 

Wie in den übrigen Fällen von Diebstählen, die unter 
einem dunklen Drang vor sich gehen, sucht das Kind eigent- 
lich gar nicht das Geld, das es sich ja schon hundertmal 
hätte aneignen können, imd von dem es nachher fast keinen 
Gebrauch macht, indem es die Schokolade fortwirft. Das 
Geld der Armenbüchse ist für unsere kleine Diebin gleichsam 
ein Symbol für etwas Wertvolles, für die Liebe der Nonne, 
der das Geld zusteht, imd der Diebstahl drückt aus, daß 
das Kind das Verbot der Mutter übertreten will. Die Kleine 
getraut sich nicht, die Liebe der Nonne selbst anzunehmen, 
dafür aber reißt sie einen symbolischen Ersatz für sie an sich. 
Wie tausendfach bei solchen krankhaften Handlungen, bildet 
die Tat ein Kompromiß: Das Verbot der Mutter wird inne- 
gehalten, indem das Kind die Liebe der Nonne nicht annimmt, 
aber der Wunsch nach Auflehnung gegen die Mutter' und 
der Wunsch nach der Liebe der Nonne kommen zum Durch- 
bruch, denn wenigstens im Symbol eignet sich die Kleine 
das Verbotene an. Nun verstehen wir auch die Grefühlsglut 
vor dem Diebstahl; aus dem Geldwert an sich wäre sie un- 



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BRANDSTIFTUNG. 413 



erklärlich. Wir verstehen auch die schwere Enttäuschung 
nach der bösen Tat. 

Vielleicht wundem Sie sich über eine derartige unbe- 
wußte Verwechslung, über eine derartige symbolische Ver- 
tretung der Liebe durch Greld. Ich will deshalb ein anderes 
Beispiel anführen: Die aus unbewußter Verklemmung aus- 
geübte Brandstiftung. Schon längst erregte es die Ver- 
wunderung der Kriminalisten, daß der Brandstifter in weit- 
aus den meisten Fällen ein klarbewußtes Motiv seines Ver- 
brechens nicht kennt, sondern unter einem ihm selbst uner- 
klärlichen Drang handelt. Und zwar haben schon vor der 
Psychoanalyse sehr viele Gelehrte auf den Zusammenhang der 
Brandstiftung mit Hemmungen des Liebeslebens hingewiesen. 
Der Psychiater Hans Schmid fand dies in seinen weit- 
läufigen Untersuchungen bestätigt i). Die feinsten Men- 
schenkenner, die Dichter, kennen den Zusammenhang zwischen 
Feuersbrunst und anderer Brunst sehr gut. Nur drei Beispiele : 
Schmid erinnert an Wedekinds Erzählung „Der Brand- 
stifter von Egliswil*'. Da zündet ein Bauemknecht fünf Häuser 
an, nachdem er eine Liebesenttäuschung erfahren hatte. Ich 
füge weitere Beispiele hinzu: Gerhard Hauptmann läßt 
in seiner „Böse Bernd" einen Arbeiter dem Vorgesetzten, der 
soeben mit seinem rohen Antrag von einer Magd zurückge- 
wiesen wurde und ausruft: „Meinetweg'n schlag' mich tot!", 
raten: „Du kannst ja eine Scheuer anzünden 1" Heinrioh' 
F e d e r e r läßt in seinem psychologisch außerordentlich feinen 
Roman „Berge und Menschen" einen Knecht, dessen Geliebte 



1) Vgl. Hans Schmid, Zur Psychologie der Brandstiftung, Psycho- 
logische Abhandlungen, herausgegeben von C. G. Jung, Leipzig und 
Wien, Deuticke, 1914, S. 80 — 177, dazu meine Entgegnung Intemation. 
Zeitschr. für arztl. Psychoanalyse, III. Jahrg., S. 139—163. 



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414 Vn. GEFlHRDETE KlNDEß U. IHRE PSYCH. BEHÄSDLUNG. 

«inem anderen Zwillinge gebar, in derselben Nacht eine Brand- 
Stiftung begehen, KriminaJisfcen und Psychiater stimmen also 
mit den Dichtem vollkommen darin überein, daß die ver- 
brecherische Tat nur der symbolische Ausdruck einer ganz 
anderen unbewußten Absicht sein könne. Und der Unglück- 
liche ist gerade darum gegen den rätselhaften verbrecherischen 
Zwang so wehrlos, weil er jenen unbewußten Beweggrund 
absolut nicht kennt. Wenn Sie sich erinnem, wie wenig wir 
unsere harmlosen kleinen Zwangshandlungen, z. B, im Geh- 
zeremoniell oder bei sinnlosen Einfällen versteheiij so werden 
Sie sich über das Gesagte nicht wundem. Denselben Ersatz 
einer Sache durch ein Symbol beobachten wir auch in der 
Magie, z, B. wenn Warzen vertrieben werden sollen, indem 
man während eines Leichenzuges eine Schnur mit Knoten 
in laufendes Wasser hängt. Auch die Sprache bedient sich 
fortwährend der symbolischen Vertretung, 

Ich hatte mir nun vorgenommen, Ihnen noch eine Anzahl 
anderer gefährdeter Kinder vorzuführen und Ihnen ihre 
psychoanalytische Heilung zu zeigen. Ich wollte Ihnen eine 
Zwangslügnerin vorführen, die durch alle übrigen pädagogi- 
schen Mittel, wie Strafe, Belohnung, Belehrung, Vorbild^ Ab- 
lenkung usw., von ihrem Laster, unter dem sie selbst schwer 
litt, nicht befreit werden konnte, aber mit größter Leichtig^ 
keit mit Hilfe der Analyse streng wahrhaft gemacht wurde. 
Ich wollte Ihnen einen hochgradig schwermütigen und lebens- 
überdrüssigen Jüngling schildern, der unter der Konzentration 
aller Liebe lediglich auf kleine Kinder schwer litt, ja sogar 
in größter sittlicher Gefahr schwebte und durch die Analyse 
seine sehr zahlreichen Krankheitssymptome verlor. Ich 
wollte Ihnen einen Tierquäler zeigen, der durch dunklen Zwang 
genötigt wurde, Tiere zu mißhandeln und gewisse symbolisch 




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BRANDSTIFTÜNO. 41 5 



bedeutsame Gegenstände zu zerstören, der aber auch mit 
brennender Begierde gemartert zu werden wünschte und oft 
dieses Ziel zu erreichen wußte. Ein junger Don Juan, der 
unter seinen unschönen Neigungen so litt, daß er sich durch 
eine schmerzhafte hysterische Lähmung gegen sie zu schützen 
versuchte, sollte Ihnen die analytische Behandlung, von der 
wir einige Proben gaben, noch einmal vorführen. 

Ich hätte Ihnen allzugern eine Anzahl völlig gesun- 
der Menschen, die sich infolge unbewußter Verwicklun- 
gen in ernster Gefahr für Charakter imd Lebensglück befanden, 
vorgeführt, vielleicht ein paar Pechvögel, die unter unbe- 
wußten Einflüssen allemal mit wunderbarer Geschicklichkeit 
dort die Backe haben, wo eine Ohrfeige fällt, auch wo es 
sie nichts angeht, und die sich, wie wir sagten, selbst un- 
wissentlich immer Prügel zwischen die Füße werfen. Jugend- 
liche Streber, Hochmutsnarren, Übermißtrauische, Nörgler, 
juDgc Alkoholiker, Lasterbuben, gefühlsverödete Verstandes- 
menschen, pedantische Jünglinge usw. wollte ich Ihnen aus 
meiner Beobachtung vorführen, Sie würden überall sehen, 
wie schön sich die analytische Methode bewährt. 

Ich wollte Ihnen auch zeigen, in welcher Gefahr Kinder 
schweben können, während äußerlich noch nicht das geringste 
Zeichen dafür sichtbar ist. Nur ein ganz schlichtes Beispiel. 
Kürzlich behandelte ich eine Dienstmagd, die infolge eines sitt- 
lichen Konfliktes an Asthma und Angst litt. Sie hatte zwei 
Bewerber: Der eine ein netter, tüchtiger Mensch von gedie- 
genem Charakter, der andere ebenfalls hübsch, aber weit we- 
niger tüchtig, und moralisch ein bedenklicher Patron. Alle 
Bekannten raten ihr, die Bewerbung des ersteren anzunehmen. 
Auch ihre Vernunft sieht dies als das selbstverständlich Rich- 
tige ein, allein das Gefühl hängt vollkommen am minder- 



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416 VII. GEFÄHRDETE KINDER UND IHliE 

wertigen Manne. Dieser Konflikt zwischen Vernunft und Gre- 
fühl spiegelte sich in den Symptomen der Magd. Die Wur- 
zeln gehen aber in die Kinderjahre zurück. Damals litt das 
Kind unter einem strengen Stiefvater, der es an Liebe und 
Verständnis fehlen ließ. Der eigene Vater starb, als die 
Kleine fünf Jahre zählte. Der moralisch unwürdige Bewerber 
glich an Statur, Gesichtsfarbe, heiterem Benehmen in Gesell- 
schaft und energischem Auftreten ganz dem Vater, dessen 
Bild in ihr fortlebte und der ihr Ein und Alles war. Dem 
tüchtigen Bewerber dagegen fehlten diese Ähnlichkeiten. Da- 
her ^wollte das Gefühl, das an den toten Vater gebunden war, 
nicht in der gewünschten Weise reagieren. So befand sich 
das 20jährige Mädchen in einer ernsten Gefahr für ihre Zu- 
kunft — nicht zumeist wegen Asthma und Angst, sondern 
noch viel mehr wegen der falschen Gefühlsreaktion. Auch 
in diesem Falle war es leicht, die Schwierigkeit analytisch 
zu beseitigen. 

Wir sind am Schlüsse angelangt. Am liebsten möchte 
ich Ihnen eine Anzahl geheilter Jugendlicher vorstellen, aus 
deren Lebenshaltung Sie selbst sehen könnten, was für einen 
hohen Zuschuß an Lebenskraft und Lebensfreude, wieviel sitt- 
liche Erlösung und Vertiefung eine richtig geführte Psycho- 
analyse einträgt. Diese Erfolge zwingen den Analytiker, trotz 
Mißverständnissen und Verfolgungen bei seiner Arbeit aus- 
zuharren, und erfüllen ihn mit innigster Dankbarkeit und 
Hoffnung. Erinnern wir zum Schlüsse nur noch an den Grund, 
weshalb die Psychoanalyse den bisherigen Methoden ergän- 
zend an die Seite treten muß! Selbst ein Pädagoge, der 
früher die Psychoanalyse aufs heftigste bekämpfte, muß ein-» 
gestehen: ,,Es gibt zahlreiche Fälle, in denen die bewußte 
Anstrengung des Willenfl geradezu den krankhaften Zustand 



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PSYCHOANALYTISCHE BEHANDLUNG. 417 



verstärkt und befestigt i)." Und ein anderer Gegner, der 
geistliche Rat Hofmann in München, erklärt: „Jeder ver- 
ständige Erzieher stimmt in, wenn die Psychoanalyse fordert, 
tief in das Seelenleben des Zöglings einzudringen, so tief, 
daß man an die Wurzeln rührt 2).'* Die bisherige Pädagogik aber 
wandte sich ausschließlich ans Bewußtsein; um das Unbe- 
wußte, das für die Charakterbildung entschieden sehr viel 
wichtiger, kümmerte sie sich nicht, sie leugnete es sogar 
in der naivsten Unverfrorenheit. Die Frage, wie jene un- 
heimlichen tyrannischen Tiefenmächte zu stände kommen, 
und nach welchen Gesetzen sie zu überwinden seien, ließ 
sie unbeachtet. Sie handelte wie ein Mensch, der einen vom 
Treibriemen erfaßten Arbeiter retten will, indem er den Rä- 
dern in die Si)eichen fällt, statt mit raschem Griff an den 
Stellhebel das Werk abzustellen, Sie kämpfte zu Gunsten 
des vom Unbewußten Tyrannisierten, indem sie gegen das 
Schatten- oder Spiegelbild des Feindes anstürmte, statt gegen 
ihn selbst. Sie steigerte die Verzweiflung und das sittliche 
Elend, indem sie durch wohlgemeinte Belohnungen, Strafen, 
Appelle an das Ehrgefühl das Bewußtsein bearbeitete, das 
Bewußtsein, das doch wie ein Galeerensklave von unbewußten 
Gewalten an unbarmherziger Kette fortgerissen wurde. Die 
notwendigerweise aus dem inneren Zwang hervorgehenden 
Niederlagen, die auch der stärksten Willensanspannung wider- 
fuhren, erhöhten das Gefühl der sittlichen Ohnmacht und 
des rettungslosen Verlorenseins, und dieselben pädagogischen 
Maßregeln, die anderen zum Segen gereichten, wurden ihnen 
zum Verderben, Man klebte Pflaster auf die Wunden und 



1) F. W. Foerster, Erziehung und Selbsterziehung, Zürich 1917, 
Seite 37. 

2) Pharus, 8. Jahrgang, S. 172. 

Dr. Pf ister, Pijobanftljie. 27 



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418 VII. GEFiHBDETE KINDER UND IHRE 

kümmerte sich nicht um die tiefer liegenden, nämlich die 
unbewußten Ursachen. 

Dieser Oberflächlichkeit, die namenloses Elend in die 
Welt brachte, bereitet die Psychoanalyse ein Ende. Sie weiß, 
daß auch die von Foerster empfohlene Ablenkung des Lei- 
denden auf die höchsten Werte in schwereren Fällen ein 
nutzloses, ja schädliches Beginnen ist, wie die zahlreichen 
Unglücklichen beweisen, die sich aus eigenem Antrieb oder 
auf seelsorgerlichen Eat mit leidenschaftlicher Inbrunst an 
das Evangelium klammerten und sich einredeten, sie seien 
gesund, wenn sie sich nur für gesund hielten, die aber immer 
tiefer in ihre sittliche Not oder ihre Krankheit gerieten, bis 
ihnen die Analyse den Weg zeigte, der zum Gewinn jener 
hohen Ziele half. 

So will die Analyse die bisherige Pädagogik nicht er- 
setzen, sondern ihr vorarbeiten. Sie will nur pflügen, nicht 
säeni). Sie will den Zögling so weit bringen, daß die syn- 
thetische Erziehung und Selbsterziehung an ihm wirksam 
werden kann. Sie will auch Erwachsene dahin führen, daß 
sie die höchsten ethischen Werte annehmen können, während 
Krankheiten und Zuchthäuser unzählige Opfer unterschwel- 
liger Verwicklungen verderben. Viel hat die Psychoanalyse 
noch zu lernen, aber bereits hat sie in der Hand sehr zahl- 
reicher Ärzte und einiger Lehrer und Pfarrer Tausenden, denen 
keine andere Methode Rettung bringen konnte, aus dem Etend 
geholfen. Auch unter den Universitätsprofessoren mehrt sich 
die Zahl der Mitarbeiter beständig. Allein nur gründlich ge- 
schulte, innerlich gefestigte und erfahrene Erzieher sollen 
sich der neuen, entschieden schwierigen pädagogischen Me- 

1) Vgl. meine Schrift: „Waa bietet die Psychanalyse dem Erzieher?" 
S. 10, 96 ff. 



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PSYCHOANALrriSCllK BEHANDLUNG. 4 19 



thode bedienen. Dann werden sie in zahlreichen Fällen die 
höchste aller Freuden erfahren, indem sie gefährdeten, ja von 
den meisten bereits verloren geglaubten Seelen Retter sind. 
Im Jaiire 1801 schrieb der edle Pestalozzi: „Jetzt 
weiß ich wohl, daß ich eine schwache Kohle in feuchtes, 
nasses Stroh lege. Aber ich spüi*e einen Wind, und er ist 
nicht mehr ferne, er wird die Kohle anblasen, das nasse Stroh 
wird sich allmählich trocknen, dann warm werden, dann 
brennen.** Er hat recht behalten, der vielverfolgte Mann mit 
der reinen Kinderseele. In seinem Geiste gilt es die Analyse 
anzuwenden, damit immer mehr gebundene, heilige Kraft er- 
löst werde und unter die Herrschaft des klaren Bewußtseins, 
der Liebe und des Gewissens komme. Wir stehen an der 
Schwelle einer neuen Zeit. Mit neuen Mitteln wollen wir 
ihre neuen Tempel bauen. Die Analyse will dunkeln Kinder- 
seelon die Fensterläden öffnen, damit das Licht einströme. 
Das Licht ist da, \vir müssen ihm nur den Eintritt verschaffen. 
Frisch ans Werk, wer sich zu ihm berufen fühlt und die 
zu seiner Ausführung nötigen Opfer zu bringen bereit istl 
Aber es geschehe mit der Bitte: 

„Gott gebe Sonnenschein früh und spat 

Und wolle des Gartens walten, 

Damit die Keime der Geistessaat 

Zur Reife sich entfalten. 

Er geb' uns frische Luft zumeist 

Und la^s' uns vom Lichte durchdringen; 

Nur in der Freiheit gedeiht der Geist, 

Nur im Frühling die Vögel singen 1" Ibsen 



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Wahnvorstellung und Schülerselbstmord '). 

Auf Grand einer Traamanalj^Be belencbtet 

'Auf dem kürzlich ia London abgehaltenen iaternationaJen 
Kongreß für Moralpädagc^gik besprach F, Tönniea das dü- 
stere Kapitel der Schüler Selbstmorde, Wer jenes 
Referat gelesea hat^), wird schwerlich sein. Erstaunen dao:- 
über unterdrücken könnenj daJ3 da-s Forscherauge noch immer 
so wenig tief in die Nachtstunden der Jünglingsseele ein- 
dringen konnte. Wie oft bedeutet der selbstgesuchte Tod eines 
Schülers das rätselhafteste Geheimnis, dem der Scharfsinn 
eines Tsychologen ebenso ratlos gegenübersteht, wie die 
Schmerzbetäubung der Eltern I Beunruhigende Fragen drän- 
gen sich in solchen Fällen auf : Gab es wirklich keine Kenn- 
zeichen der drohenden Gefahr? Müssen wir uns wegen dieser 
Kurzsichtigkeit und Ohnmacht auch künftig von analogen 
Katastrophen überfallen lassen? Nach warnenden Sturm- 
vögeln werden wir erst dann mit Erfolg aussehen könueiij wenn 
wir die Bedingungen der Selbstgefährlichkeit durchachauen* 

Ohne Zweifel wirft die von dem genialen Psychiater Sig- 
mund Freud in die Tiefen des Unterbewußtseins eingeführte 
Forschung das hellste Licht auf eine Menge von Seelea- 
Vorgängen, die bis vor kurzem in beklemmende Dunkelheit 

1) Scbwch. Blätter für Seh ul geaundh ei ts pflege, YIL Jahrg., Nr, 1 
tJEinner 1909). Älteste psychoanalytische Arbeit des Verfafisers. 
*) Das freie Wort, 1908, S. 452— 45S. 



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VIII. WAHNVORSTELLUNG UND SCHÜLERSELBSTMORD. 421 



gehüllt waren. Mir wenigstens hat die wissenschaftliche 
Psychoanalytik in einer Reihe wichtiger und schwieriger Fälle, 
die meiner seeTsorgerischen Behandlung unterstanden, die 
überraschendsten Enthüllungen verschafft. Den sittlichen und 
religiösen Defekten meiner Zöglinge nachgehend, sah ich mich 
in den letzten Monaten sehr oft genötigt, die Freud sehe 
Methode anzuwenden. Das diagnostische Assoziationsexperi- 
ment von C. G. Jung in Zürich leistete die wertvollsten 
Beiträge zur Verfeinerung des psychoanalytischen Instruments, 
und so gelangte ich, ohne es eigentlich zu wollen, zu einer 
experimentellen Moralpädagogik, über deren An- 
fänge ich mich im Jännerheft der Protestantischen Monats- 
hefte (Jahrgang 1909) ausspreche. In einer ganzen Reihe von 
sehr erheblichen, ja mitunter ruinösen Störungen des sittlich- 
religiösen Bewußtseins, die sich für die psychologische Be- 
trachtungsweise als Hypochondrie, Angstzustände, Zwangs- 
vorstellungen, krankhafte Charakterveränderungen usw. dar- 
stellten und meistens zugleich mit heftigen, dem Arzt rätsel- 
haften oder vor ihm verborgenen Körperleiden auftraten, ge- 
lang es mir, nicht nur die Entstehung des Leidens mit Sicher- 
heit zu erkennen, sondern auch die zur Heilung führenden 
Maßregeln zu treffen. Gleichzeitig gewann ich eine Anzahl 
von wichtigen Aufschlüssen über gewisse bedeutsame Seelen- 
vorgänge des normalen Individuums und ihre Beeinflussung. 
Bei all diesen Untersuchungen bin ich mir bewußt, die Grenzen 
der Seelsorge nirgends überschritten zu haben. Ich übergebe 
hiemit ein sehr einfaches, aber lehrreiches Beispiel psycho- 
analytisch-pädagogischer Seelsorge, wie sie jedem Lehrer 
unter Umständen obliegen kann, der Öffentlichkeit. 

Der Fall betrifft einen intelligenten, ethisch überaus fein- 
fühligen Jüngling, der im Zustand einer hier nicht näher zu 



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422 VUI. WAHNVORSTELLUNG UND SCHÜL£RS£LBSTMOBD 

befichreibeaden unterbewußten Verjüngxing einen schweren 
Fehltritt begangen hatte. Nachdem im Laufe verschiedener 
Besprechungen das innere Gleichgewicht wieder hergestellt 
worden war, stellte ich, durch verschiedene Symptome ver- 
anlaßt, die Frage: „Waren Sie auch schon einmal so ver- 
zweifelt, daß Sie das Leben kaum mehr tragen zu können 
glaubten?" Zu meiner Verwunderung geriet der zuvor voll- 
ständig ruhige Bursche alsbald in heftige Gremütsbewegung 
und preßte die Worte hervor: „Ja^ ein halbes Jahr lang in- 
folge eines Traumes." 

Ohne weiteres Drängen erhielt ich folgenden Bericht: 
„Mir hatte damals in einer Nacht geträumt, ich habe mit 
meiner Schwester Inzest begangen. Beim Erwachen hatte ich 
den Eindruck, der Traum müsse wahr sein. So oft und so 
energisch ich mir auch einredete, dieser Gedanke sei eine 
Dummheit, ich konnte jenes furchtbare Gefühl nicht los- 
werden, dem Traum entspreche eine Wirklichkeit. Hierüber 
geriet ich in größte Angst und Verzweiflung; ein halbes 
Jahr lang litt ich sehr schwer unter der schrecklichen Er- 
innerung. Endlich hielt ich es nicht länger aus. Ich ging 
zu meiner Schwester und fragte sie aufs Gewissen: ,Habe 
ich mit dir Blutschande getrieben?* Damals wax ich fest 
entschlossen (die Stimme geht im Schluchzen unter), mir 
— — das Leben zu nehmen und ich hätte es auch getan. 
Heine Schwester war über meinen Einfall, dessen Unmög- 
lichkeit mir selbst einleuchtete, imd der mich doch unab- 
lässig verfolgte, ganz entsetzt und versicherte mir auf meine 
Bitte, daß nicht das geringste Unsittliche zwischen uns pas- 
siert sei. Daraufhin wurde ich sofort beruhigt, wenn auch 
anfangs der Zweifel an meiner Unschuld noch einigemal auf- 
tauchte." 



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AUF GRUND EINER TRAUMANALYSE. 423 

Nebmen wir nun an, die erlösende Aussprache gegen die 
Schwester wäre aus irgend einem Grunde, vielleicht aus Scham- 
gefühl, wegen Abwesenheit oder weil die Schwester entrüstet 
schwieg, unterblieben, so werden wir einen Schülerselbstmord 
für recht wahrscheinlich halten. Ich an meinem Ort be- 
zweifle diesen Ausgang keinen Augenblick. Vielleicht wäre 
über die Tat so referiert worden: „Der unglückliche Knabe 
wurde längere Zeit von der Wahnidee beherrscht, er habe 
an seiner Schwester ein schweres Verbrechen begangen. Die 
Tatsache, daß für jedermann, auch für ihn selbst, die Un- 
möglichkeit eines solchen Deliktes auf der Hand liegt, be- 
weist, daß er von einer Zwangsidee besessen war und des- 
halb in der Umnachtung des Irrsinns seinem Leben ein Ende 
setzte." 

In Wirklichkeit kann von einer schweren Greisteskrank- 
heit unter keinen Umständen geredet werden. Während der 
kritischen 2Jeit hatte ich Gelegenheit, den Knaben allwöchent- 
lich zu beobachten. Er wies allerdings ein gedrücktes Wesen 
auf, das ich in einem mir bekannten familiären Ereignis 
genügend begründet sah; auch gingen seine Leistungen zu- 
rück. Den Eltern fiel außer der Neigung zu langem Brüten 
nichts auf. Das körperliche Befinden war gut. Eigentliche 
Neurasthenie war gewiß nicht vorhanden. 

Bei dieser Sachlage entschloß ich mich natürlich zu einer 
Traumanalyse im Sinne Freuds, wobei ich mich nach 
einem dreijährigen Zwischenraum zwischen dem Traum und 
seiner Auslegung auf erhebliche Schwierigkeiten gefaßt machen 
mußte. Ethische Bedenken stunden bei der sittlichen Kraft 
des Jünglings nicht entgegen, wohl aber drängte die Auf- 
regung, welche die Erinnerung noch immer hervorbrachte, 
zur Analyse. 



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424 VDI WAHNVORSTELLUNG UND SCHÜLERSELBSTMORD 

Zuerst ließ ich mir dea Traum noch einmal mit mög- 
lichster Ausführlichkeit erzählen. Als wichtige Ergänzung 
fand sich nun, daß sich die Schwester aus freien Stücken 
dem Bruder genähert liatte. 

Die auf diesen Vorfall gerichtete Aufmerksamkeit rief 
folgenden Einfall hervor: Etwa anderthalb Jalire vor dem 
Traum, als Bnmo, so wollen wix den Knaben nennen, ISV« Jahre 
zählte, hatte der Vater die Bemerkung hingeworfen, 
die G-eschichte vom Storch sei nur ein Märchen. Bruno hielt 
dennoch an seinem Kinderglauben fest, bis die ältere Schwe- 
ster, ein durchaus braves Mädchen, ihn aufklärte, daß die 
Mutter ihr Kind, trage. Über den sexuellen Verkehr wußte 
auch sie nichts. Es war ihr nur bekannt, daß Mann und 
Frau beieinander schlafen; wenn aber Bruder und Schwester 
es tun, so sei es das schwerste Verbrechen. Während dieser 
Aufklärimg wurde der Bruder, wie er sich genau erinnert, 
sexuell lebhaft erregt. Die Geschwister schliefen von .klein 
auf bis nach zurückgelegtem 15. Alters jähr des Bruders, also 
bis nach dem Traume, im selben Gemach. Noch öfters sprach 
das Mädchen in ehrbarer Weise über den die Neugierde des 
Jungen reizenden Gegenstand, was regelmäßig Wollustempfin- 
dungen in dem Knaben auslöste. Es ist begreiflich, daß die 
sexuelle Begehrlichkeit sich unwillkürlich auf die Schwester 
richtete. Der häßliche Gedanke wurde jedoch jedesmal mit 
heftiger sittlicher Entrüstung abgelehnt. 

Bruno stand damals unter dem Einfluß der Onanie, ohne 
daß während der verwerflichen Handlung die Phantasie die 
Schwester ins Auge faßte. Da, wie wir sehen werden, die 
schlechte Gewohnheit an dem Traum und seiner Nachwirkung 
beteiligt ist, zitiere ich aus einem vor der Analyse an mich 
gerichteten Briefe eine charakteristische Stelle: 



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AUF GRUND EINER TRAUMANALYSK 425 

Im Frühling 1904 belustigte sich Bruno, damals iSjährig, eines 
Tages mit seinen Elassengefährten auf einer Wiese. „Wir vertrieben 
uns die Zeit mit Bozen und Ringen, bis ein kürzlich hergezogener 
Schüler anfing, unlauteres Zeug zu treiben. Nie hatte mioh mein 
Vater vor dem schrecklichen Laster gewarnt, wie es seine Pflicht 
gewesen wäxe. Nach und nach begannen wir alle das lose, unsaubere 
Spiel zu treiben. Der Schurke, der uns zu diesem Verbrechen am 
eigenen Leib verleitete, behauptete noch, es wäre gesund und müsse 
so sein. Durch die Schuld eines einzigen wurde fast die ganze 
Klasse zu armen Kreaturen gemacht. Ein Jahr später warnte ein 
Treund, der glücklicherweise in einem \mbewachten Moment ein 
Buch über die Jugendsünde in die Hand bekommen hatte, mich und 
die anderen und forderte uns zum Kampf gegen die böse Lust auf. 
Ich nahm die Mahnung auf, blieb aber ein Sklave der Lüste und 
Begierden. Ich rang und rang; aber so oft ich auch wochenlang 
vom Laster lassen konnte, ich fiel immer wieder zurück. Manchmal, 
wenn ich nachts allein nach Hause ging, fluchte ich dem Unheil- 
stifter und weinte, weil ich die Fesseln nicht sprengen konnte. 
Manchmal war ich nahe daran, mit mir ein Ende zu machen, wenn 
ich mich nicht meiner Jugend geschämt hätte. Wie sehr mein 
Verstand beeinträchtigt wurde, sah ich im Zeugnis: Im Französischen 
sank es während drei Quart^ilen von 5 — 6 auf 3—1!'* 

Im November 1905 kam nach einem erschütternden Er- 
lebnis durch eine religiöse Bekehrung ein Umschwung zu 
Stande. Der Gedanke an die reine Gestalt Jesu und die 
erlösende Gnade Gottes vertrieb das sexuelle Gelüsten so 
gründlich, daß es nach etwa acht Tagen völlig verschwand. 
(Während zweieinhalb Jahren, bis zur erwähnten imterbe- 
wnßten Verjüngung, verursachte es keinerlei Beschwerden 
mehr.) Es ist sehr wichtig, daß der Sieg des sittlichen Be- 
wußtseins etwa einen Monat vor dem verhängnisvollen Traum 
eintrat. Während also früher die sexuellen Phantasien, auch 
die auf die Schwester gerichteten, sogleich verdrängten Gc- 



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426 VIII WAHN VORSTELLUNO UND 8CHÜLERSELBSTMORD 

danken durch die in anderer Hinsicht um so bedrohlichere 
Onanie abreagiert worden waren, mußte sich der sinnliche 
Wunsch nunmehr einen anderen Ausweg brechen. Glücklicher- 
weise genügte der Traum als Reaktion des verdrängten Kom- 
plexes, so daß schwere Störungen, wie Lähmungen, Abwehr- 
neurosen in Form von heftigen Kopfschmerzen u. dgl. aus- 
blieben. Immerhin ging der Affekt des verdrängten Sexual- 
lebens auf die Erinnerung an da« Traumgebilde über und er- 
zeugte hier jenes heftige Angstgefühl,, das nach Freud in 
derartigen Zuständen das untrügliche Merkmal des unbefrie- 
digten Geschlechtstriebes bildet i). 

Die Deutung des Traumes war nunmehr sehr leicht. Das 
Bild des Inzestes stellt offenbar die Erfüllung des verdrängten 
Wunsches dar. 

Der nachhaltige Eindruck einer Wirklichkeit 
des Trauminhaltes erklärt sich aufs einfachste, wenn man sich 
einer Traumregel Freuds erinnerte, die besagt: „Wenn nach 
einem Traum der Glaube an die Realität des Traumbildes un- 
gewöhnlich lauge anhält, so daß man sich nicht aus dem 
Traume losreißen kann, so ist dies nicht etwa eine Urteils- 
täuschung, hervorgerufen durch die Lebhaftigkeit des Traum- 
bildes, sondern es ist ein psychischer Akt für sich, eine Ver- 
sicherung, die sich auf den Trauminhalt bezieht, daß etwas 
darin wirklich so ist, wie man es geträumt hat, und man 
tut recht daran, dieser Versicherung Glauben zu schenken*).*' 
Die Brunos Traum zu Grunde liegende Wirklichkeit ist, wie 
aus den spontanen Einfällen Brunos deutlich hervorgeht, die 

1) Freud, Sammlung kleiner Schriften zur Neurosenlehre, 1906, 
S. 69—76. 

«) Freud, Der Wahn und die Traume in W. Jensens „Gradira", 
1908, S. 48 f. 



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AUF OBUND EINER TKAUMANALY8E. 427 

wiederholt von der Schwester ausgehende sexuelle Erregung. 
Dafür spricht zum Überfluß der Umstand, daß der verräterische 
Zug, die Annäherung der Schwester, anfangs aus der Er- 
innerung verdrängt war; denn bekanntlich enthalten solche 
gerade erst nachträglich dem Gedächtnis zugänglich wer- 
denden Traumstücke den Schlüssel des Rätsels. 

Die Kraft der Zwangsvorstellung stammt aus 
der Abscheu vor der Blutschande, aus der durch Onanie ge- 
steigerten, während der sexuellen Abstinenz sich stauenden, 
unterbewußten Geschlechtsbegierde, aus den schlimmen Er- 
fahrungen mit sexuellen Fehltritten und aus dem Kontrast 
zwischen der eben erfahrenen religiösen Erlösung und der 
unabweislichen furchtbaren Selbstanschuldigung. 

Interessant ist, wie selbst die überwältigend beweiskräf- 
tige Aussprache der Schwester dem geistig normalen Burschen 
keine völlige Befreiung geben konnte, so daß noch jahrelang 
eine schmerzhafte Wunde übrigblieb, die nach der Traum- 
deutung sofort ausheilte. Man sieht, wie nötig es ist, der- 
artige Erscheinungen durch Aufdeckung ihrer Wurzeln abzu- 
reagieren. 

Ein Wunsch möge zum Schluß ein Plätzlein finden. Ich 
hätte früher nie geglaubt, daß viele Schüler an verdrängten 
Komplexen und ihren Nachwirkungen kranken. Meine Beob- 
achtungen haben diese optimistische Ansicht ins Wanken ge- 
bracht. Jedenfalls sollten unsere Pädagogen mit heißer Liebes- 
mühe allen Erscheinungen auf den Grund zu dringen suchen, 
die auf innere Not ihrer Zöglinge schließen lassen. Wer sich 
die Neurosenlehre Freuds angeeignet hat, kann unendlich 
viel Elend verhüten. Auch Bruno hätte durch einen Traum- 
analytiker mit Leichtigkeit von seiner Obsession erlöst werden 
können I Die Kunst des Arztes in allen Ehren I In den schwie- 



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428 VIU. WAHNVORSTELLUNG UND ßCHÜLERßELBSTMORD. 

rigsten Fällen ist es selbstverständlich, daß der Nervenarzt 
eingreifen muß, wohlverstanden der psychoanalytisch gebil- 
dete Nervenarzt. Allein in zahllosen Fällen handelt es sich 
um eine seelische Hygiene, die durchaus ins Ressort des Er- 
ziehers gehört. Die Heilung ist dann, wie mit Hecht betont 
worden ist, eine moralische Frage. Darum ist sie Sache des 
Erziehers, oft des Lehrers und gehört zu seinen erfreulichsten 
und segensreichsten Geschäften. 



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IX. 

Das Einderspiel als Frühsymptom krankliafter Ent- 
wicklung, zugleich ein Beitrag zur Wissenschafts- 
psychologie *). 

Was ich dea Lesern im folgenden darbieten möchte, soll 
nur eine bescheidene Bereicherung der psychoanalytischen 
Forschung sein. Ich möchte an ein paar schlichten Beispielen 
zeigen, wie kleine Vorgänge, die der Lehrer kaum zu beachten 
pflegt, mitunter einen überaus wichtigen Hintergrund haben, 
dessen Sinn der Schüler in der Regel so wenig als sein Er- 
zieher versteht, und nachweisen, wie jene unverstandenen 
Hintergründe aLs Schicksalsmächte das künftige Leben be- 
herrschen können. Ferner werde ich zeigen, wie außerordent- 
lich bedeutsame Ausblicke auf die Beurteilung des genannten 
Kulturlebens eine Individualanalyse verschaffen kann. 

Ich beschränke mich zunächst auf einzelne Bemerkungen 
zu einer Lebensbeschreibung, die mir ein 25jähriger Kauf- 
mann vor Beginn einer psychoanalytischen Behandlung aus 
freien Stücken einreichte. Es handelt sich um einen soge- 
nannten Musterschüler, einen begabten, fleißigen Menschen, 
auf den die Lehrer stolz waren, der durch seine fast leiden- 
schaftliche Pflichttreue und Lernbegierde, sein stilles, pein- 



^) Referat, gehalten am 14. Oktober 1916 am pädagogischen Ferien- 
kurs der schweizerischen pädagogischen Gesellschaft in Sundlauenen. (Ab- 
gedruckt aus: „Die Schulreform", Jahrgang X.) 



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430 IX. DAS KINDERSPIEL ALS FRÜHSYMFTOM. 

lieh korrektes Verhaltea den höchsten Ansprüchen genügte. 
Niemand ahnte, daß der ruhige und meistens heitere Knabe 
mit vollen Segeln einer nicht unbedenklichen Neurose ent- 
gegeneilte. Und doch waren alle Bedingungen erfüllt, dem 
sympathischen Burschen eine Anzahl von Lebensjahren zu 
vergällen, wenn auch von eigentlicher Erkrankung in den 
Schuljahren noch nicht die Rede sein muß. 

Seinen Zustand beim Eintritt in die analytische Behand- 
lung schildert der Jüngling mit den Versen: 

„Meine Seele ist verbittert. 
Mein Gemüt ringsum vergittert, 
Meine Brust qualvoll verschlossen, 
Hab* zu wenig Freud' genossen I 

Konnte niemals fröhlich singen, 
Nie in eitel Freude schwimmen. 
Gram begann in jungen Tagen 
Meine Seele zu zernagen. 

Grau verstrichen meine Tage, 
Sanglos, ach, auch ohne Klage, 
Sonne wollte mir nicht scheinen. 
Trotzdem könnt' ich niemals weinen. 

Also leb' ich stumm auf Erden, 
Mählich will's schon Abend werden, 
Nebel schleichen hin und wieder 
Mir durch Seele, Herz und Glieder. 

Es kann nicht unsere Aufgabe sein, die große Menge krank- 
haftcr Einzelerscheinungen zu schildern, die hinter dieser 
„Klage eines Stummen" — so ist das Gedicht betitelt — 
steckt. Er^vähnen wir nur die wichtigsten Züge: Unfähigkeit, 



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BEITRAG ZUR WISSENSCHAFTSPSYCHOLOGIE. 431 

andere Menschen zu lieben, bei stärkstem Liebeshunger und 
heftigen Anklagen wegen Kälte gegen die wohlgesinnte Mut- 
ter und den trefflichen Bruder. Auf intellektuellem Gebiet 
tritt hervor die Unfähigkeit zu konzentriertem Denken; an- 
statt auf den Inhalt des Gelesenen einzutreten, verliert sich 
der Jüngling zwangsmäßig in sprachliche Äußerlichkeiten, 
was ihm die Berufstätigkeit bedeutend erschwert und zur 
Qual' macht. Zwei Zustände stehen ihm zu Gebote: Ein 
aktiver, in dem er zu denken vermag, aber einen heftigen 
Druck im Kopf empfindet, und ein passiver, bei welchem 
er sich glücklicher fühlt, aber seine Gedanken nicht zu kon- 
zentrieren im Stande ist. Zahllose hysterische Symptome, wie 
ein deutlich lustbetontes und doch schmerzhaftes Zahnweh, 
Schwellungsempfindungen in Lippen, Wangen und Zunge> 
allerlei Zuckungen usw. wollen wir hier nur summarisch an- 
geben. Das Tagebuch redet von andauernder schwerer Qual 
und Verzweiflung. 

Julius, so nennen wir den Kranken, war ein sehr schwäch- 
liches Kind, das nur durch außergewöhnliche Sorgfalt am 
Leben erhalten werden konnte. Seine Mutter, die aus belaste- 
ter Familie stammt, ist durch Gefühlsüberschwenglichkeit 
und Überbesorgtheit für ihre Kinder ausgezeichnet. Als sie 
z. B. mit ihren Kindern für einige Tage zu Verwandten in die 
Ferien gegangen war, weinte sie des Abends vor Heimweh 
so heftig, daß der jüngere Sohn zuletzt sein Recht auf Schlaf 
energisch geltend machte, während der ältere, unser damals 
etwa fünfjähriger Julius, nach seiner konstanten Weichherzig- 
keit in Tränen ausbrach. Dabei war sie eine gutherzige, 
gelegentlich etwas derbe Frau, die ihren Kindern mit Freu- 
den jedes Opfer darbrachte, sie aber vor der ihrem Gefühls- 
typus meistens anhaftenden Gefahr der Übererziehung nicht 



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432 ' IX. DAS KINDEESPIEL AI5 FRÜHSYMPTOM. 

ZU schützen wußte. Die Kleinen liebten mehr als sie den 
Vater, einen geistig bevorzugten, aber stillen und beschei- 
denen Mann, der aus Edelmut eine bevorzugte Stellung ver- 
lassen hatte, weil sie ihn in Konflikt mit seinem sozialen 
Gewissen brachte. 

Die ersten Erinnerungen, von denen die Lebensbeschrei- 
btmg zu berichten weiß, lauten: 

„Bis ins erste Schuljahr war ich ziemlich empfindlich 
für Husten, Schnupfen und andere kleine Übel, die der Winter 
bringt. Ich war körperlich etwa^ schwächlich, wohl des- 
wegen auch schüchtern, ängstlich und folgsam, welch letz- 
teres natürlich nicht seinen einzigen Grund in schwächlicher 
Körperkonstitution haben mochte. Den Lutscher konnte ich 
mir länger nicht abgewöhnen, als mein Bruder. Ich erinnere 
mich an ein tragikomisches Ereignis: Ich hatte eines Tages 
den mutigen Entschluß gefaßt, dies kindliche Ding zu lassen, 
worauf es denn — ich weiß nicht, ob ich selber die grauen- 
hafte Tat begangen habe — in den Abort hinunter befördert 
wurde. Als nun der kraftvolle Tag dem Abend wich, da trat 
auch mein Heroismus gegen eine liebreiche, wehmütige Stim- 
mung zurück, und ich betrauerte mit so viel Tränen das Mär- 
tyrertum des unschuldigen Lutschers an seinem finsteren 
Ort, daß man, um mich einzuschläfern, einen neuen Lutscher 
kaufen ging, der aber wenig Komplimente empfing, als er 
mir vorgestellt wurde, da ich ja nicht nach dem Lutscher 
Bedürfnis hatte, sondern den armen Verbannten bedauerte, 
wie ich denn auch späterhin zu meinen Spielsachen eine 
ungewöhnliche Anhänglichkeit hatte und bei ihrem Verluste 
weniger meinen Vermögensverlust als ihr trauriges Schicksal 
bedauerte." 

Wir beobachten somit bei dem später gefühlsstumpfen 



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BKITRAG ZUR WISSENSCHAFTSPSYCHOLOGIE. 433 

Julius ia seinem Anfangsstadium eine ungewöhnliche Ge- 
fühlsstärke, die besonders in Mitgefühl zum Ausdruck kommt. 
Dieses setzt aber die Fähigkeit voraus, sich in die Leiden 
anderer einzufühlen, was wiederum eigene Leidenserfahrungen 
zur Voraussetzung hat. Es ist kein Zufall, daß das Kind 
den Lutscher gerade wegen seines finsteren Aufenthaltsortes 
beweint, leidet ea doch unter Angstträumen, in denen es 
sich von einer Hexe in einem Backofen eingesperrt sieht, und 
treten doch etwas später Angstgefühle auf, wenn es im 
Dunkel allein ist, ja, sogar dunkle Erscheinungen. Wir wollen 
davon jedoch nicht reden, sondern begnügen uns mit der 
weiter unten zu hoher Wahrscheinlichkeit erhobenen Ver- 
mutung, daß sich das Eind mit dem weggeworfenen Lutscher 
oder anderem Spielzeug identifiziere. 

„Eine Art Weltschmerz empfand ich einmal," erzählt 
unjser Dokument weiter, „als mich meine Mutter barsch in 
die Wohnung hinaufwies, da die mit mir spielenden Kame- 
raden irgend etwas Kleines verbrochen haben mußten, wobei 
ich aber nach meiner festen Überzeugung unbeteiligt und un- 
schuldig war. Ich setzte mich nun in eine Ecke, stellte mich 
untröstlich und wäre gern krank geworden, um meine Mutter 
zu strafen." — Dieses Erlebnis ist darum von außerordent- 
licher Wichtigkeit, weil es die Peripetie im Grefühlsleben des 
Kindes einleitet und begründet. Von dem geschilderten kleinen 
Ereignis an, das wohl eine Reihe ähnlicher vertritt, ist Ju- 
lius verschlossen und insgeheim voll Groll gegen die Mut- 
ter, wiewohl er ihr durch seinen Grehorsam nur Freude be- 
reitete. Für den durch Minderwertigkeitsgefühle bedrohten 
Knaben war es ein Glück gewesen, daß er in ein günstiges 
Verhältnis zu den Altersgenossen getreten war; nun zerstörte 
die mütterliche Strenge die glückliche Kanalisation der kind- 

Dr. P filier, Psychanalrta. 28 



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434 IX. DAS KINDERSPIEL ALS FRÜHSYMPTOM. 

liehen Neigung. Von da an wuchs sich der Lebensdrang 
mehr nach innen aus. 

Zunächst berichtet die Lebensbeschreibung von Angst- 
träumen und Naohtschrecken, die den Vater bestimmten, sein 
Söhnchen zur Beruhigung in sein Bett zu nehmen. Wie weit 
es sich hier um eine Gefühlsstauung handelt, die mit der 
Abdrängung von Mutter und Kameraden zusammenhängt, wie 
weit andere Motive mitwirken, wollen wir hier nicht näher 
untersuchen. Unterdrücken dürfen wir freilich nicht, daß 
die Memoiren des Jünglings, der von der Psychoanalyse nur 
wenig weiß, eine Reihe von sexuellen Erlebnissen dem Bericht 
über die Angsterscheinungen anschließen: „Ich kam zu der 
Feststellung, daß ich zu einigen Bildchen ein besonderes Ver- 
hältnis hatte. Das waren badende Knaben auf einem Bild- 
chen und ein Gratulationskärtchen mit einem unbekleideten 
Kutscher. Als ich ein andermal in einem Buche das Bild 
einer am Oberkörper ziemlich oder ganz entkleideten Verkäu- 
ferin aus dem Orient sah, phantasierte ich mich in diese 
Verkäuferin hinein, indem ich das Hemd vom Oberkörper 
streifte und anfing zu tun, als ob ich verkaufen wollte, wo- 
bei mir die Bettdecke als Ladentisch galt. Die Eltern und 
der Bruder durften zusehen. Ein eigenartiges Gefühl hatte 
ich, wenn ich mir mit den Armen über die Brust fuhr. Auch 
probierte ich einigemal, mit der großen Zehe zum Munde 
zu fahren, und konstatierte, daß das nicht ebenso mit einem 
anderen Körperteil ging, nachdem meinem Bruder und mir 
von Spielgenossen eine Geschichte zu Ohren gekommen." 
(Ein kleiner Nachbarsjunge hatte sich mit seiner Schwester 

urethralerotisch vergangen.) „Wir hatten die Geschichte 

unbefangen der Mutter erzählt, welche sich natürlich ent- 
setzte. Mir blieb sie aber noch eine Zeitlang im Gedächtnis. 



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BEITBAQ ZUR WISSENSCHAFTSPSYCHOLOGIE. 435 



Das mochte aber schou im ersten Schuljahr sein." Während 
der Analyse stellte sich heraus, daß ein liederliches Dienst- 
mädchen Julius zu Ende des ersten und anfangs des zweiten 
liCbensjahres sexuell reizte und zur Exhibition aufforderte. 
Sie wurde deshalb fortgejagt. Der Analysand vergaß das 
Erlebnis völlig und erfuhr es erst vor zwei Jahren durch 
die Mutter. 

Diese Kinderszenen verdienen vergessen zu werden, wenn 
sie nicht augenscheinlich das künftige Leben sehr stark be- 
einflußt hätten. Man mag noch so ängstlich der Begegnung 
mit kindlichen Sexualäußerungen aus dem Wege gehen, sie 
drängen sich eben gelegentlich mit unerbittlicher Keck- 
heit auf und beanspruchen, in ihrer ganzen Tragweite xmd 
leider oft auch Tragik berücksichtigt zu werden. Julius hatte 
die unbedeutenden Vorfälle fast sein ganzes Leben lang zu 
vergessen getrachtet und keinem Menschen von ihnen Kennt- 
nis gegeben. Ohne die Psychoanalyse näher zu kennen, ahnt 
er, daß seine ganze, immer bedrohlicher werdende Entwick- 
lung ohne sie unverständlich bleiben müßte, und befindet 
sich mit dieser Mutmaßung völlig im Rechte, wie wir noch 
sehen werden. 

„Auf die Schule freute ich mich sehr, war zwar den 
ganzen ersten Vormittag dem Weinen nahe, da ich mich 
unter so fremden Leuten befand, ging aber dann stets gern 
und mit Erfolg, mit etwelcher Schüchternheit vor meinen 
Kameraden und scheuer Bewunderung der stämmigsten Bu- 
ben der zwei Jahre älteren Klasse, die mit uns zusammen 
unterrichtet wurde. Zu Hause erzählte ich viel vom Lehrer, 
von einem sehr schwächlichen Knaben, der alle Morgen 
weinte und schließlich entlassen werden mußte, und von 
einem Mädchen, das geschickte Antworten gab." 

28» 



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436 IX. DAS KINDERSPIEL ALS FRÜHSYMPTOM. 

Der schwächliche und weinerliche Knabe machte Julius 
so tiefen Eindruck, weil er positiv oder negativ, durch Iden- 
tifikation oder Unterscheidung zu ihm Stellung nehmen mußte. 
War er doch selbst weinerlich und schwächlich gewesen. 
Die Erwähnung des Mädchens stellt vielleicht einen Versuch 
dar, die Gefühle auf eine Kameradin zu übertragen, nachdem 
der Verkehr mit Knaben bei der Mutter auf Widerstand 
gestoßen war. 

Wie wenig der leise Wunsch in Erfüllung ging, sollte 
recht bald zu Tage treten. 

„Mit Spielsachen wußte ich viel anzufangen und konnte 
mich oft stundenlang dabei verweilen. Es war daher nie 
schwierig, mich zu Hause zu behalten. Im Gregenteil, mein 
Vater schickte mich öfters an die frische Luft und zum Spiel. 
Ich glaube aber, nicht viel Naturgefühl besessen zu haben. 
Eine Stelle gab's zwar, wo ich die Natur recht lieb hatte. 
Das war in dem kleinen Stück unseres Gartenlandes hinter 
dem Hause, das mir zur Bebauung zugewiesen war, worin 
Eichen und Tannen mit besonderer Liebe gepflegt wurden. 
Ich sah sie je nach der Lektüre für Kokos- oder Dattel- 
palmen an. In meinem Gärtchen erblickte ich alle Wunder- 
länder, nordamerikanische Wildnis, durch welche Indianer 
streifen, Australien, das wegen seiner Abgelegenheit für mich 
immer ein Land der Sehnsucht mit wehmütigen Auen war. 
Die geheimnisvollsten Gegenden unseres Erdkörpers waren 
und sind eigentlich noch jene weiten, verlorenen Bezirke des 
Weltmeeres zwischen Südamerika und Australien. Ich ver- 
fehlte auch nicht, eines Tages aus meinem Gärtchen eine 
Robinsoninsel zu machen, 

Ein anderes, beinahe kolossales Vergnügen bereitete mir 
das Anschauen eines Atlanten oder sonstiger Landkarten. 



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BEITRAG ZUR WISSENSCHAFTSPSYCHOLOGIE. 437 

Während ich, wie sich später zeigte, nur durch Fleiß auch 
im Zeichnen gute Leistungen zu stände brachte, aber nie zu 
den mit Zeichnertalent Ausgestatteten gehorte, die aus Er- 
iünerung zeichnen können, so hätte ich doch jederzeit aus 
dem Gedächtnis gute Landkarten zu entwerfen vermocht. Ich 
zeichnete denn auch solche immer wieder, hauptsächlich Welt- 
karten, wobei jedes Land sein besonderes Geheimnis barg. 
Mit besonderem Schauer sah ich auf die öden Steppen und 
Wüsten meiner selbstgeschaffenen Welt hinaus und suchte 
immer wieder die sturmumtobten, einsamen Kape auf. Mit 
echt mystischen Gedanken verfolgte ich aber ein Karton- 
schiffchen in die schaurigen Weiten des Stillen Ozeans hin- 
aus, dessen Name mir wie ein Zauberwort klang. ,Jetzt 
ist es am weitesten draußen,* dachte ich und erbebte fast 
dabei; alsdann mußt^ es dem Sehnsuchtsland Australien zu- 
steuern. Als Schiffe konnte ich für meine Zwecke aber nur 
kleine Kaxtondinger gebrauchen, die symbolisch für Schiffe 
genommen wurden. Eigentliche Papierschiffchen wären im 
besten Falle noch zu groß gewesen im Verhältnis zur Größe 
meiner Meere und Länder, was mich ungeheuer gestört hätte. 
Einmal, als ich wieder ein solches Schiffchen in das große 
Weltmeer hinaussteuerte, spielte ich auf der Mundharmonika 
recht wehmütige Weisen und hörte sie ordentlich über die 
endlosen Wellen hinschweben, immer leiser werdend, bis sie 
niemand mehr hören konnte. Aber es war ja überhaupt nie- 
mand da. Dann erfolgte der Untergang des Schiffes an der 
Stelle, wo das Meer am tiefsten war, und von wo keine Kunde 
an irgend eine Küste dringen konnte. Von diesem Schatz ge- 
heimer Erinnerungen habe ich eigentlich später viel mehr 
gezehrt, als ich wußte. Bei allen geschichtlichen Studien 
in der reiferen Jugend, beim Lesen von Biographien, wenn 



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438 IX. DAS KINDERSPIEL ALS PRÜHSYBIPTOM. 



icb zum Heldea oder zur Tragik der geschichtlichen Handlung 
kaum ein Verhältnis fand, in die geographischen Beziehungen 
fühlte ich mich mit Blitzesschnelle ein, sie blieben mir auch 
am längsten im Gedächtnis, sehr zu meinem Bedauern, denn 
das war doch wahrlich nicht das Wesentliche. 

Ich hatte auch eine sonderbare Leidenschaft zum Sor- 
tieren. So stellte ich Verzeichnisse der wichtigsten Städte 
jedee Landes dar, wobei mir die fremden Namen wunderbai* 
geheimnisvoll in, den Ohren klangen, Verzeichnisse der Sta- 
tionen von Eisenbaimlinien, von Berufen, Gebäuden, Fahr- 
zeugen usw. Aus derselben Quelle stammte auch die Neigung 
zum Sammeln von Briefmarken. Etwas Ähnliches war wohl 
auch der Hunger nach fremden Vokabeln ; in den ersten Schul- 
jahren wollte ich auch einmal allen Ernstes für mich Italie- 
nisch lernen. 

Ein ungewöhnlich lehrreiches Material für unsere Spiele 
waren Holzabfälle aus einer Fabrik. Die verschiedenen, höchst 
eigenartigen Formen dieser Hölzer, besonders die „Brück- 
lein", enthielten eine Unmenge von Verwendungsmöglich- 
keiten. Ich baute damit die chinesische Mauer, Dämme, 
Viadukte, und phantasierte mich in sie auf ähnliche Weise 
wie in die Landkarten hinein, so daß ich halbe Tage nicht 
mehr davon wegzubringen war." 

Ein wichtiges Ereignis war für Julius das Sonnen der 
Betten. „Es hatte einen eigenartigen Reiz für mich, im 
Schatten unter den auf Sägeböcken und Leitern ausgebrei- 
teten Bettdecken zu verweilen, verborgen hinter den beider- 
seits herunterhängenden Leintüchern. Der Reiz bestand 
daxin, daß ich mich als Araber in einem Zelt wähnte, mitten 
in der Wüste, und ich streckte einen Fuß (ich war zur Zeit 



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BEITRAG ZUR WISSENSCHAFTSPSYCHOLOGIE. 439 

der ,Soimete' gewöhnlich barfuß) in die Sonne hinaus, um 
mich zu vergewissern- daß die Wüstensonne niederbrenne." 

Können wir in diesen Beschäftigungen, solang wir ihnen 
nur von außen zusehen, irgend etwas krankhaftes entdecken? 
Ähnlich verhalten sich viele kindliche Träumer. Und doch 
verlohnt es sich, die wichtigsten Merkmale dieser Spiele her- 
vorzuheben, und auf ihre Motive zurückzuführen: 

1. Die- gesteigerte Phautasietätigkeit ent- 
springt aus der ims bereits aufgewiesenen Absperrung gegen 
Mutter und Kameraden. Der von der Wirklichkeit zurück- 
gewiesene Ijebensdrang schafft sich seine eigene Wunsch weit. 

2. Diese liegt für lULseren kleinen Träumer in weiter, 
einsamer Ferne. Die Wildnis nordamerikanischer Wälder, 
das abgelegene Australien mit seinen angeblich wehmütigen 
Auen, die Robinsoninsel, die Geheinmiswelt der Landkarten, 
welche besonders die Schauer der Steppen und Wüsten oder 
die einsamen Kape ahnen zu lassen, das unheimliche und doch 
süße Zauberwort des Stillen Ozeans, die chinesische Mauer 
und andere geographische Größen bilden eine Einheit, welche 
die Sehnsucht nach der Feme und der Einsamkeit deutlich 
verrät. Während andere Knaben meistens von Abenteuern 
träumen, wenn ihre Gedanken in unkultivierte Ferne schwei- 
fen, sucht Julius nur die Einsamkeit. 

3. Als Indianer oder Araber phantasiert sich das Kind 
auch aus einem anderen Grund, der später nur zu deutlich 
hervortrat, weil die aus ihm entspringende Triebrichtung 
enorme Gefühlsmassen an sich riß xmd die gesunde Entfal- 
tung aufs schwerste schädigte: Die Sucht nach Entblö- 
ßung vor jsich selbst macht sich bereits geltend, wenn auch 
iu einer höchst unschuldig aussehenden Form. Daß der 



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440 IX. DAS KINDERSPIEL ALS FRÜHSYMPTOM. 

Araber seiaen Tuß ins Sonnenlicht hält, daß der Indianer, wie 
mündliche Erkundigung ergab, bloße Arme imd teilweise ent- 
blößte Brust trägt, wird doch sicherlich niemand anstößig 
finden. 

4. Auch die Freude an Systematisierung kann 
maa nicht als abnorm beliehnen. Höchstens ist sie zu stark 
gefühlbetont. Der Kundige sieht allerdings in dieser ab- 
strakten Betätigung, die zum Teil (nicht durchwegs) den 
intellektuellen Vorgang als solchen mit Lustwerten aus- 
stattet und das Wohlgefallen vom Gegenstande zurückzieht, 
bereits eine Verdrängungswirkung, die unter Umständen ge- 
fährlich werden kann und Julius wirklich in schwere Not 
trieb, wie wir noch hören werden. Man darf jedoch eine 
zweckmäßige Aufgabe dieser Hinwendung zur logischen Ope- 
ration nicht übersehen. Die Unfähigkeit, den Lebenstrieb 
in der Wirklichkeit anzubringen, führte, wie uns bekannt, zu 
kühnen Phantasien, die der Zucht des streng logischen Den- 
kens entzogen waren und lediglich dea Herzens Sehnsucht 
befriedigen sollten. Und dieses alogische Treiben, das in 
Gefühlsüberschwang ausmünden mußte, bildet die systemati- 
sierende, rein intellektuelle Beschäftigung eine heilsame Re- 
aktion. Allein ßicherlich ist die rein rubrizierende Tä- 
tigkeit, über die sogar manche Gelehrte nicht wesentlich 
hinauskommen, einseitig, zudem kann sie dem Stoffe doch 
nicht gerecht werden, indem sie sich um manche seiner wich- 
tigsten Beziehungen nicht kümmert. Hier öffnen sich weite 
Perspektiven auf die leider so schwer vernachlässigte und doch 
so wichtige Psychologie der Wissenschaft. Wir 
müssen sie vorläufig mit Tüchern verhangen. Einstweilen 
konstatieren wir, daß sich bei Julius, wie bei jedem Neuroti- 
ker — und so vielen Normalen I — eine Polarisation voU- 



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BEITRAG ZÜK WISSENSCHAFTSPSYCHOLOGIE. 441 

zogen hat. Wir stehen in unserem Falle vor einer p h a n t a> 
stischen Beschäftigung mit der Wirklichkeit, die sich von 
logischer Durchdringung fernhält und nur auf Sättigung 
subjektiver Gelüste ausgeht, daneben vor einer logischen 
Arbeit, welche diese persönlichen Ansprüche gänzlich igno- 
riert und die Wirklichkeit höchst energisch in Angriff nimmt, 
aber nicht um ihrer selbst willen, sondern lediglich damit 
der Greiflt sich an irgend etwas betätigt. In der Flucht vor 
der Wirklichkeit stimmen Phantastik und Abstraktion (Kata- 
logisierung) überein. Das Gefühl ist das eine Mal der Wirk- 
lichkeit treu geblieben, allerdings einer geträumten, fernen 
Wirklichkeit, in der das Ich die Hauptrolle spielt. Das andere 
Mal' ist es der Wirklichkeit gänzlich entzogen und in die 
subjektive Funktion, das Ordnen, verlegt. 

5. Eine Spielphantasie, die leicht gefährlich hätte werden 
können und die uneingestandene, innere Not am deutlichsten 
verrät, ist der feierlich gemimte Schiffsuntergang. Das nach 
dem Sehnsuchtsland Australien fahrende Schiffchen stellt 
natürlich den Träumer selbst dar. Die von wehmütigen Lie- 
dern begleitete Katastrophe, die auch für die spätere Zeit 
einen Erinnerungsschatz liefert, drückt den Todeswunsch aus. 
Dieser äußerte sich später u. a. auch dadurch, daß Julius von 
einer Ermordung träumt, als deren Opfer er sofort sich selbst 
assoziiert. Die Schiffchen mußten winzig klein sein, um sein 
Minderwertigkeitsgefühl zu verkörpern. Dadurch erklärt sich 
auch der anscheinend übertriebene Ausdruck, ein etwas zu 
großes Schiff hätte „ungeheuer gestört". Tatsächlich ist der 
Ausdruck keineswegs so stark, denn es handelt sich um die 
wuchtigsten Gefühlswerte, deren der Knabe überhaupt fähig 
war. Gute Erfolge, die namentlich die größte Wohltäterin 
unseres Analysanden, die Schule ihm eintrug, verhinderten 



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44SJ ^- I5AS KINDERSPIEL ÄIS FBÜHSYMPTOM. 



den Sieg der Selbstvernichtungetendcuz. Ist es nun zu kühn, 
wean wir die übertriebene Wehmut über den in den Abort 
gefallenen Lutscher auf dieselbe Wurzel zurückführen, wie 
dii3]enige über dsts untergegangene Kartonschiffcbeiij so daü 
also der Todesgedanke schon vor der Schulzeit dunkel aufge- 
taucht warf 

Unser Schmerzenskind hatte das GUickj vortrefflichen Leh- 
rern übergeben zu werden. Mit Leidenschaft widmet er sich 
dem Unterricht und lieferte ausgezeichnete Leistimgea, Keiner 
ahnte, was in dem stillen, fleißigen Bürschlein vorging. Der 
erste AnlaÜ. der einen psychoanalytisch gebildeten Lehrer 
nachdenklich hätte stimmen können, ist folgender: ,,Ein auf- 
regendee Ereignis war es, als ich zum erstenmal an einem 
Schulbad teilnehmen sollte, ich hatte eine unbezwingliche 
ScheUj mich unter fremden Leuten auszuziehen. Ich wollte 
nicht gehen, wurde a-ber vom Lehrer mit einem anderen Kna- 
ben, der anfänglich auch nicht baden wollte, nachträglich 
hingeachickt. Unter dem Vorwand, es sei zu spät gewesen, 
kehrte ich dann in die Klasse zurück, wo ich vom Lehrer^ 
der mit den Mädchen allein Schule hielt, natürlich ausge- 
lacht wurde. Das zweitemal ging ich dann mit, ohne diese 
Scheu zu empfinden, und benutzte das gemeinsame Bad regel- 
mäßig auch noch in der sechsten Klasse, als es nicht mehr 
obligatorisch war/' Mit etwa zehn Jahren, nachdem ihn der 
Anblick seiner toten Großmutter heftig erschreckt hatte, 
traten Angötanfälle auf: ,, Ein ige Abende befürchtete ich beim 
zu Bette gehen, hinter dem Bett herauf oder um den Tür- 
pfosten herum einen schwarzen Mann aufsteigen zu sehen, 
wenn ich nicht rechtzeitig den Blick abwendete. Ich beeilte 
mich auch mit dem Auskleiden^ um mich recht bald im 
Bette bergen zu können.*" Man sieht hier deutlich die Re- 



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BEITRAG ZUR WISSENSCHAFTSPSYCHOLOGIE. 443 



aktiohen des verdrängten Entblößungstriebes : Übermäßiges 
Schamgefühl und Angst. 

Ich enthalte mich des Versuches, diese Erscheinung ge- 
nauer zu erklären, bis wir noch weiteres Material berück- 
sichtigen können. Um vorerst die bedeutsamsten Tatsachen 
der ersten Lebensphase zu überblicken, erwähne ich zuvor 
noch einen auffallend starken Quältrieb, der sich in pas- 
iiiver und aktiver Form äußerte, in beiden Fällen auf jene 
zahme Weise, die unserem schüchternen und ängstlichen Zög- 
ling allein offen stand. Ob schon das heldenmütige Herum- 
apringen auf den Stoppelfeldern mit nackten Füßen hieher 
gehört, läßt sich nicht ausmachen, wenn auch die Bevor- 
zugung des schmerzenbereitenden Bodens verdächtig ist. Deut- 
lich aber reden folgende Bekenntnisse: „Die abendlichen 
Spiele unter den großen Birnbäumen waren mir besonders lieb. 
Dabei dachte ich etwann an die nackten Füße eines Mädchens. 
Ich bevorzugte daher das Spiel: , Trittst dem Herrn auf Füß- 
lein.* Als einmal ins Nachbarhaus ein Töchterchen einge- 
zogen war, das ich recht hübsch fand, war es mir, als ob 
etwas Schönes passiert sei. Indessen setzte ich mich, als das 
Mädchen strickend auf einem Schemel im Schatten eines 
Baumes saß, zu ihm hin, fragte es aus über die Schule und 
fühlte dabei einen eigensinnigen Antrieb, die eine Frage be- 
antwortet zu erhalten, wieWele Tatzen es schon bekommen 
habe. Diese Frage hätte ich mir eigentlich verbieten sollen, 
denn sie war gewiß etwas indiskret, und jedermann hätte 
gewiß in ihr einen unschönen Eigendünkel gesehen. Er hätte 
aber unrichtig geschlossen, denn ich war von ihm so weit 
entfernt, daß ich vielmehr bedauerte, daß ich meinerseits 
noch keine erhalten hatte, um gewissermaßen eine Sünde ge- 
stehen zu können. Um so befriedigender lautete aber die 



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444 SX 1>ÄS KINDERSPIEL ALS FRÜHSliliPTOM, 

Antwort, die ich voo dem Mädchen erhielt, nämlich, daß es 
einmal seclia Tatzen auf einmal erhalten habe. jEi, die große 
Sünderin t* hätte ich etwa sagen müssen, wenn ich meinen 
Gefühlen hätte Ausdruck geben müssen, wobei mir aber die 
Sünderin eben recht sein mochte, denn ich dachte nachher 
noch ein paarmal an die kleine Verworfenheit des Mädchens, 
zurück. Schon einmal war mir eine kleine weibliche Sünd- 
haftigkeit zu Herzen gegangen^ denn als einmal ein Mädchen, 
daß mir wohl damals etwas mehr als die anderen sein mochte, 
wie ich abei nur rückschließend annehme, mit der halben 
Klasse nach Glockenschlag sich noch vor der Schaltür be- 
fand und alle im Gänsemarsch vor dem Lehrer defilieren 
mußten, um je einen Tatzen zu empfangen, da war es mir 
bedeutungsvollj daß jenes Mädchen auch darunter war, etwa 
wie wenn eine hochgestellte Persönlichkeit plötzlich in eine 
fatale Lage, verwickelt wird, Genaa schaute ich hin, wie 
das Lineal auf das hingestreckte flache Händchen fiel, und 
eah die Schuldige nicht ungern weinen. 

Ein andermal, alB dasselbe Mädchen zu spät kam, aber 
von seiner Mutter einen schönen Gnifi und ein Brief chen au 
den Lehrer mitbrachte, und trotzdem, ganz gegen seine Er- 
wartungen, bestraft wurde, verspürte ich nichts mehr von 
jener zufriedenen Wehmut^ womit ich, es reizt mich zu sagen, 
,noble Gefallene* bedachte. Ich war voll Schadenfreude. 

Im Zusammenhang mit den erwähnten Begebenheiten mag 
hingegen eine der sonderbarsten Launen, die mich wohl schon 
angekommen sind, stehen. Es war im Sommer meines vierten 
Schuljahres, als im Hause vernommen wurde, mein Bruder 
habe in der Schule Tatzen bekommen, Diese Kunde bewegte 
mich sOj als hätte ich vernehmen müssen, mein Bruder habe 
sich verliebt (Da^ sage ich na,türHch heute sOj wo ich mich 




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BEITRAG ZUR WISSENSCHAFTSPSYCHOLOGIE. 445 

nach einer angemessenen Bezeichnung für jenes Gefühl um- 
sehe, damals war es nur ein eigenartiges Ereignis.) Es war 
mir gleichsam, er habe damit etwas Großes überstanden, er 
sei ein anderer Mensch geworden. Immer mußte ich mir 
vorstellen: Mein Bruder hat Tatzen bekommen, da« ist doch 
unerhört I Und zugleich beneidete ich ihn darum. Von meinen 
Eltern erwartete ich, daß sie ihm ins Gewissen redeten. Da 
fiie es nicht taten, erfaßte mich etwas wie geheimer Groll, 
und ich ßagte mir: Ach was, was will ich denn so brav sein, 
da man zu meinem Bruder nichts sagt? Ich mag auch 
einmal Tatzen kriegen! Dieser Gedanke stellte nun wiederum 
mich selber in ein ganz neues Licht ; ich hatte dabei wiederum 
den Gedanken von etwas Bedeutsamen, fast einer Wendung 
meines Lebens und Charakters, nicht anders, als ob ich mich 
verlieben wollte ^( welch letztere Bezeichnung ich wieder nach- 
träglich anwende). Diese Stimmung dauerte denn auch an, 
so daß ich in der Schule auf einmal nicht mehr so still 
und fleißig war und alle Augenblicke zimi Fenster hinaus- 
fichautc und im geheimen lachte. Andere schauten auch 
hinaus, bis der Lehrer auf uns aufmerksam wurde. Er fragte, 
was denn los sei, worauf ich auf eine frühere Mitschülerin 
wies, die auf der nahen Wiese mit Emden beschäftigt war. 
Ich interessierte mich aber gar nicht für das, was draußen 
vorging, sondern suchte nur mit all meinen Manövern eine 
Art Sündenfall herbeizuführen. Es kam, beinahe zu meiner 
Enttäuschung, abgesehen von jener Frage des Lehrers wegen 
meiner Unaufmerksamkeit nicht zu einem solchen. Die sehr 
hohe Achtung, die ich vor jenem Lehrer hatte, trug den 
Sieg davon bei meinem inneren Zwiespalt, das frühere Ver- 
hältnis zum Lehrer beizubehalten oder mich in die Sünder- 
reihe zu stellen. Die Straife hatte ich mir in Form' von Tatzen 



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446 IX. DAS KIKDKKÖPIEL ALS FBÜHSYMPTOM. 

vorgestellt. Die Gedanken von Kindern sind wohl wunder- 
licher, als viele Pädagogen sich träumen lassen." 

Uns fällt vor allem auf die Freude an der Bestrafung der 
beiden gern gesehenen Mädchen. In einem Falle spielt die 
Schaubegierde eine deutliche Rolle (Defilee vor dem Lehrer). 
Die „zufriedene Wehmut" weicht offener Schadenfreude, wie 
das Mädchen sich durch Berufung auf die Mutter der Strafe 
entziehen will. Der Bruder steigt in seiner Achtung und wird 
beneidet, weil er Tatzen bekommen hat, und das Fehlschlagen 
des Versuches, ebenfalls zu körperlicher Bestrafung zu ge- 
langen, hinterläßt Unlust. Wie sollen wir uns dieses seltsame, 
dem Handelnden selbst unverständliche Treiben erklären? 

Zwei Tendenzen wirkten zweifelsohne zusammen: Zu- 
nächst der Quältrieb. Freilich ist auch der Name „Quältrieb'* 
nicht einwandfrei, da unser Musterschüler eine grausame Tat 
weder plant, noch begeht. Wir dürfen jedoch annehmen, 
daß der Freude am Leiden der anderen eine geheime Sucht, 
sie hervorzulocken^ innewohnt. 

Es wäre jedoch oberflächlich, bei dieser Erklärung stehen 
zu bleiben. In den uns mitgeteilten Fällen handelt es sich 
nicht um irgend ein zugefügtes oder zugestoßenes Leiden, 
sondern um Strafen. Die Gezüchtigten hatten sich gegen 
die Autorität des Lehrers aufgelehnt. Wie wichtig dieses 
Motiv ist, zeigt das schadenfrohe Verhalten gegen die Schul- 
dige, die sich unter Anlehnung an die Mutter der Strafe ent- 
ziehen will. Die Bewunderung gilt somit augenscheinlich der 
Auflehnung. Wir können dies gut verstehen: Julius fühlte 
sich von der Mutter bedrückt. Man denke nur an den Traum 
vom Knaben, den eine Hexe in einen Backofen einsperrte 
(s. o.). Aus der Analyse ging hervor, daß die Hexe die 
Mutter, der a.rme Hansel unser Julius ist. In dieser Anspie- 



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BEITRAG ZUR W1SSEN8CHAFTSPSYCH0L0GIE, 447 



lung liegen auch grausame Todeswünsche gegen die Mutter 
enthalten, denn die Hexe des Mädchens wird verbrannt. Bio-- 
logisch betrachtet, wäre es sogar wünschbar, daß der Knabe 
sich gegen die Zermalmung seiner Individualität durch die 
Autorität auflehnte. Ein Menschenkenner kann an der pas- 
siven Unterwerfung des Kindes keine Freude empfinden. Hier 
liegt einer der Fälle vor, in denen vorübergehende Ungezogen- 
heit der absoluten Gefügigkeit vorzuziehen wäre, muß doch 
die letztere, wie uns noch gezeigt wird, unter Umständen 
mit heftigem Gemütsleiden bezahlt werden. Daß Julius aus 
redlichsten Motiven sein mutiges Vorhaben, die Autorität des 
geliebten Lehrers anzugreifen, preisgab, kam ihn teuer zu 
stehen. Die Erdrosselung seiner imveräußerlichen Lebens- 
und Freiheitsansprüche nahm ihren Fortgang. Freilich hätte 
es ja auch wenig geholfen, nur den wohlgesinnten Lehrer zu 
bekämpfen. Die eigentliche Emanzipation war gegenüber den 
Eltern durchzusetzen. Auch bestund die Gefahr, daß sich der 
Anarchismus festgesetzt hätte, so daß Julius ein Querkopf ge- 
worden wäre und sich dabei in andere Not getrieben hätte. 

Der Pädagoge wird auch einen Wink über die Anwendung 
der Strafe empfangen haben. Schon früher wies ich darauf 
hin, daß die Strafe oft bewußt oder unbewußt gewünscht 
wird, so daß der Züchtigende auf die unverschämte Zumutung 
des Zöglings hereinfällt und unter Umständen gerade das 
Gegenteil des beabsichtigten pädagogischen Erfolges be- 
wirkt i). Auch Julius wäre durch eine Strafe wahrscheinlich 
in der Unbotmäßigkeit bestärkt worden. 

Es erheben sich nun einige wichtige psychologische Fra- 
gen. Eine von ihnen lautet: Woher stammt die Grausamkeit? 
Ist sie aus einem elementaren Triebe herzuleiten, der durch 

1) Vgl. mein Buch: „Die peychauaJytiscbe Methode", S. 73. 



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448 IX. DAS KINDERSPIEL ALS PROHSYMPTOM. 



Verriegeluag anderer, wertvoller Triebbahnen aufgebauscht 
worden wäre? Oder ist sie aus Trotz gegen die Vergewal- 
tigung der Persönlichkeit genügend erklärt? Letzteres ist 
entschieden nicht der Fall; die Schaubegierde bei der Züch- 
tigung z. B. ist nicht so einfach bewirkt. Wenn einmal' ge- 
sagt wird, die vom Bruder erlittene Züchtigung habe den 
Berichterstatter bewegt, als hätte er vernommen, jener habe 
sich verliebt, und danach, die geplante selbsterlittene Be- 
strafung sei für ihn so bedeutsam gewesen, als wollte er sich 
verlieben, so gibt dies nicht an, was einst das Kind fühlte. 
Wichtig ist ja sicherlich, daß der Jüngling diese Gleicli- 
setzung vollzieht, aber das kinderpsychologische Problem ist 
damit nicht gelöst. Es ist möglich, daß erst jetzt der 
Jüngling den damals wichtigsten Imperativ, die Auflehnung 
gegen die Tyrannis, die Durchsetzung des Eigenwillens gegen 
die äußere Schranke des autoritären Verbotes, mit dem gegen- 
wärtig bedeutsamsten inneren Gebot, dem erotischen, auf eine 
Linie setzt. Jedenfalls wäre es verwegen, aus unserem ziem- 
lich undurchsichtigen Material die Psychologie des Quäl- 
triebes aufhellen zu wollen. 

Die Unterdrückung der freiheitlichen Regung befestigte 
die Abkehr von der Außenwelt und die Einwickelung in sich 
selbst. Die glänzenden Schulerfolge halfen Julius über viel 
Not hinweg. Aber auch die Stellung zum Lehrer, so günstig 
sie äußerlich war, litt unter gewissen Untergrundshemmungen, 
wie der folgende Vorfall zeigt: 

„Unangenehm wurde mir auch der Abschied von jenem 
Lehrer durch ein rätselhaftes Versäumnis meinerseits. Man 
sammelte, wie üblich, für ein Geschenk. Dabei wurde ich 
einmal angefragt, ob ich auch etwas gebe und sagte natür- 
lich zu, unterließ es aber, zu Hause etwas davon verlauten zu 



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BEITRAG ZUE WISSENSCHAFTSPSYCHOLOGIE. 449 

lassea und vergaß die Geschichte, bis es zu spät war und 
das Geschenk schon gekauft war. Meine Eltern hätten natür- 
lich sofort gewünscht, daß ich etwas daran gebe. Ich hätte 
ja natürlich auf andere Weise das Geschenk bereichem kön- 
nen, besaß aber durchaus nicht die Fähigkeit, schnell zu 
überlegen, was in solchen Fällen zu tun war, und dem Ge- 
danken die Tat folgen zu lassen. Ich dachte nachher öfters, 
was sich wohl der durch das Geschenk tiefgerührte Lehrer 
gedacht haben möge, als er das Verzeichnis der Spender las, 
das dem Geschenk beigelegt war. Mit ganz merkwürdigen 
Gefühlen hatte ich ihm auch zum Abschied die Hand ge- 
geben. Die Geschichte war mir um so peinlicher, als jener 
Lehrer durch einige Beziehimgcn unserer Familie etwas näher 
stund und auch die drei besten Schüler, imter ihnen mich, 
weil wir schlecht sangen, zu sich eingeladen hatte, um ims 
ein Konzertchen zu geben und mit Nidelzeltli (Hahmbonbons) 
zu bewirten, und schließlich noch deswegen, weil jenes Ge- 
schenk die Mutter der Bcrta (s. u.) besorgt hatte, der es 
schäbig vorkommen mußte, daß kein Beitrag von mir, als einem 
der bestbemittelten Schüler der Klasse, eingelaufen war." 

Den trefflichen Lehi-er schmerzte das Erlebnis, an dem 
er unschuldig war, sicherlich. Allein wenn er ein guter 
Menschenkenner war, schloß er auf ein nicht geringes Leiden 
in seinem Zögling. Daß er für Julius eine Verkörperung der 
gehaßten freiheitsfeindlichen Autorität war, lag ja in der 
Natur der Sache, nicht in der Person des Lehrers begründet. 

Bis zum Beginn der Pubertätsentwicklung darf der Knabe, 
dem wir unser Interesse zuwandten, für gesund, vielleicht 
sogar für normal in der landläufigen Bedeutung des Wortes 
gelten, denn die vorübergehenden Angsterscheinungen spielten 
schließlich eine verschwindende Holle. Die Klippe, an der 

Dr. Pfister, FsychiuialT«« 29 



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450 IX. DAS KINDERSPIEL ALS FRÜHSYMPTOM. 



jedoch innerlich gehemmte Kinder am ehesten Schiffbruch 
leiden, ist die Sexiialitat oder das Liebesleben. Auch bei 
Julius war es der Fall. Mit zehn Jahren verliebte er sich 
in die vorhin erwähnte Berta^ die daa hübscheste Gesicht in 
der Klasse hatte und allem Anschein nach ein vortreffliches 
Persönchen war. Der unglückliche Liebhaber wußte es aber 
so einzurichten, daß ihm aus dieser Gefühl&beziehung vor- 
wiegend Leid erwuchs. „Jenes Mädchen, dessen Leidwesen 
mir einst so eigenartig angenehm zu Herzen gegangen war, 
und dessen Bestrafung mich mit Schadenfreude erfüllt hatte, 
war mir nun doch etwas lieb geworden, wenigstens so, daß 
es mir eine Zeitlang halbbewußt war. Als ich nun wieder 
einmal auf Schwätzer hatte aufpassen müssen und eine kleine 
Sünderlist© abgegeben hatte, machte mich ein Kamerad dar- 
auf aufmerksam, daß Berta auch darauf stehen müsse, da sie 
geschwätzt habe. Ich hatte nichts davon gesehen, zögerte 
aber nicht, ihren Namen sogleich hinzuschreiben, vielleicht 
mehr, um meine Neigung nicht zu verraten, als um nicht 
ungerecht zu erscheinen. Das verhängnisvolle Papier wurde 
abgegeben, die Sündhaften erhielten einen kleinen Tadel, und 
die arme Unschuldige verließ unter Tränen den Schulsaal, 
denn, wie es sich herausstellte, hatte sie eine erlaubte Be- 
merkung gemacht, da sie einen Botengang besorgt hatte und 
erfahren sollte, bei welcher Aufgabe man stand. Die Sache 
lastete schwer auf meinem Gewissen." Das Mädchen trug 
ihm aber nichts nach, ließ ihn vielmehr immer deutlicher 
ihre Neigung fühlen, die denn auch erwidert wurde, aber 
in seltsamer Verbrämung: „Den Höhepunkt erreichte mein 
Glück an einem Februartag. Die Schule war um 10 Uhr 
aus; ich kam in Begleitung meiner gleichaltrigen Nachbarin 
und ihrer Freundin Berta nach Hause. Die beiden wurden 



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BEITRAG ZUR WISSENSCHAPTSPSYCHOLOGIE. 45I 

rätig, mir eiae kleine Falle zu stellen. Ein Pfosten zum Auf- 
hängen der Wäsche eignete sich zu Zielübungen. Traf ich 
nicht, so sollte ich mit ihnen Springseilen. Ich ging in den 
Vortrag ein, traf richtig nicht, entzog mich aber meiner 
Pflicht, vielleicht weil sie mir zu süß war. So stieg ich 
denn in die Wohnung. Meine Mutter, zu Spaßen gern auf- 
gelegt, sah die beiden unten und fand, sie könnte Hilfe brau- 
chen, die Mädchen könnten ihr Äpfel im Keller holen. Ich 
hörte das Grelächter der beiden Schelminnen im Gang, zog 
mich aber in meine Kammer, die ich verschloß, zurück. Ich 
gab der Mutter an, soeben an einer Stelle meines Buches aus 
der Schulbibliothek zu sein, von der ich nicht weg käme. 
Während die Stimmen der beiden Mädchen mir in den Ohren 
tönten, las ich lediglich Buchstaben. Mein Rückzug vor dem 
Liebchen in die Kammer mochte sich das erstemal ganz gut 
ausnehmen und drollig erscheinen, für später lag etwas Un- 
seliges darin." Wirklich war Julius auch in den folgenden 
Jahren zu schüchtern, als daß er seiner Neigung Ausdruck 
gegeben hätte. Eine seiner höchsten Leistungen war, daß 
er Berta^ als sie einmal Zahnweh hatte, in sein Grebet 
einschloß, ein 2ieichen dafür, daß sein Quältrieb wirklich 
nur bei anarchistischen Handlungen einsetzte, gleichsam 
als Bestätigung der Korrektheit des selbstgeleisteten Ge- 
horsams. 

Er vermied die Unterredungen mit Berta^ die in ihren 
Liebesgeständnissen durchaus nicht zimperlich war, ließ sie 
ihm doch sogar ein verliebtes Zettelchen durch eine Kame- 
radin zustellen, als er etwa 14 Jahre zählte. Doch fühlte er 
sich glücklich. Besonders die Greschichte begeisterte ihn, 
zumal die großen Willensnaturen, in denen er da^ feierte, 
was ihm selbst fehlte. Dabei machte er aber nicht die ge- 

29* 



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452 IX. DAS KINDERSPIEL ALS FHÜHSYMPTOM. 

ringst« Anstrengung, mit seinen Idealen in der Wirklichkeit 
etwas anzufangen. 

Mit Beginn der Pubertätsentwicklting nim wird die 
Sexualität in jene verkehrte Richtung abgedrängt, die allmäh- 
lich den ganzen Menschen in die Tiefe zog, nicht weil er 
sich treiben ließ \md zu wenig sittliche Kraft aufbot, sondern 
im Gegenteil, weil er den Kampf ungewöhnlich ernst nahm, 
allein den im Unbewußten verschanzten Feind nicht vor die 
Klinge ziehen konnte. Wer es mit seinem pädagogischen Ge- 
wissen vereinbaren kann, seine Zöglinge in ihren sexuellen 
Nöten untergehen zu lassen, wird wohl daran tun, die folgen- 
den Geständnisse unseres jungen Klienten zu überspringen. 
Wer aber unglückliche, junge Leute da, wo es die pädagogische 
Pflicht erheischt, zu retten bereit ist, darf sich ihren sexuellen 
Defekten so wenig verschließen, wie der Leibesarzt den ekel- 
haften Geschwüren und Sekreten. Ist es nicht eigentlich be- 
trübend, daß man dies erst sagen muß? Und müssen wir 
Erzieher es nicht aufs tiefste beklagen, daß so viele junge 
Menschen schweren Schaden leiden, weil die berufenen Helfer 
den Schein erwecken, über solche Dinge dürfe man unter 
keinen Umständen sich aussprechen, und weil die Pädagogen 
auch vielfach die nötigen Kenntnisse nicht besitzen, welche 
die Beseitigung jener recht bedenklichen Störungen voraus- 
setzt ? 

„Nun kam aber die fürchterliche Strafe. Ich hatte ge- 
lernt, in Gedanken zu suchen, was ich in Wirklichkeit nicht 
erreichte. In Gedanken kann man aber beliebig weit gehen. 
Erst gefiel mir mein Liebchen, wie es war und ging, und ich 
es gesehen hatte, nur mußte es etwa wegen eines Küßchens 
erröten, dann erwischte ich es mit offenem Haar und ohne 
Schürzchen, ich half ihm Schuhe und Strümpfe ausziehen, es 



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BEITRAG ZUR WISSENSCHAPT8P8YCHOLOGIE. 453 

erschien hemdärmelig, huschte im Unterröckchen vorbei, im 
Hemdchen und streifte errötend auch dieses ab. Ich erwischte 
es im Bade, es zappelte in allen Ängsten. Das waren offen- 
bar verbotene Gedankengänge, und in meinem Gewissen stand 
das Liebchen frierend da und klagte mich an. In den sel- 
tenen Fällen, wo ich später wieder einmal vor dem Liebchen 
stand, das ich weder umarmt noch geküßt, noch im ünter- 
röckchen gesehen hatte, so war wohl das zitternde Ding in 
meinem Grewissen schuld, daß ich nichts fühlte, wenn ich 
ihm in die Augen schaute, und seinen warmen Händedruck 
erst fühlte, wenn es wieder fort war." 

Beim Auskleiden wurde Julius jetzt wohlig zu Mute. Er 
berichtet: „Ich verweilte nun manchmal länger beim An- 
und Auskleiden und ging so weit, daß ich mich etwann ohne 
jeden Grund auszog, weil es mir stille Freude gewährte. So 
lag ich einmal nach dem Bade unbekleidet auf dem Divan 
und zögerte noch, mich anzuziehen. Es wurde mir wohler 
und wohler zu Mute, und auf einmal bange, und ein Ereignis 
geschaJi, worüber ich erschrecken mußte. Ich wußte nicht, 
ob ich nun krank würde, und war an jenem Tage sehr ge* 
drückt." Einer Schuld war er sich jedoch nicht bewußt. 
Einige Zeit badete er ohne Badekleid in einem See, aber schon 
nach einigen Schwimmzügen wiederholte sich die Pollution 
automatisch. Nun erhob sich das stärkste Schuldgefühl. 

Von da an stellten sich alle drei Wochen, später unge^ 
fähr alle zehn Tage nächtliche Pollutionen ein, die der etwa 
15jährige Knabe für eine schwere Krankheit hielt. „Meine 
Angst vor der vermeintlichen Geschlechtskrankheit war 
fürchterlich, und ich begann einen Riesenkampf zur Verhinde- 
rung jener Pollutionen, die ich als größten Kraft Verlust fürch- 
tete. Die Folgen blieben nicht aus: Mit schweren Gliedern, 



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454 IX. DAS KINDERSPIEL ALS FRÜHSYMPTOM. 

stumpfem (Jefühl im Kopfe, Überempfindlichkeit gegen Liebe, 
auch etwas Schmerz im Magen, Stechen in der Kreuzgegend, 
veränderter Blutzirkulation stand ich auf und wußte alle diese 
Symptome nur zu gut im Sinne einer ausbrechenden Ge- 
schlechtskrankheit zu deuten." 

Und nun beginnt die Periode der inneren Verwicklungen, 
die in etwa zehnjährigem, heroisch geführtem Kampfe schließ- 
lich zu oinerträglichen Leiden und darum zur offenen Aus- 
sprache führten. Als es dem Jüngling endlich gelungen wai-, 
die sexuellen Versuchungen, die nie anders als in Gestalt 
von Schaulust auftraten, vollständig zu verdrängen, war auch 
das Gefühlsleben vollständig erstickt und das Leben ganz 
und gar verödet. Bemerkenswert ist, daß die Schaubegierde 
eich vom weiblichen Geschlecht ablöste und auf Kameraden 
mit feinen, mädchenhaften Gesichtszügen übertrug, doch kam 
es nie zu einem Versuch, derartige Wünsche zu verwirklichen, 
außer dem, beim Baden die Blicke in sexueller Absicht schwei- 
fen zu lassen. Julius blieb in ethischer Hinsicht im übrigen 
vollkommen Sieger, aber er verlor auf dem Schlachtfeld das 
Herzblut lebendiger Gefühle. Er versank in derartigen For- 
malismus, daß er sich wie ein lebendig Begrabener vorkam. 
Hören wir ihn selbst: 

„Während und nach dem Konfirmandenunterricht hatte ich 
noch recht religiös begeisterte Stimmungen — der Haupt- 
ßtrom meiner religiösen Neigung war damals ein unerbitt- 
liches Streben nach Vollendung und Erneuerung, eine furcht- 
bare Kampfesstimmung, die ans Wahnhafte grenzte — dann 
nahmen sie rasch ab. Einzig zur Philosophie und später 
mehr und mehr zur Psychologie hatte ich recht starke Xei- 
gung. Dazu hatte ich lange Zeit ein naturwissenschaftliches 
Stadium und begeisterte mich an der Erhabenheit astronomi- 



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BEITRAG ZUR WISSENSCHAFTSPSYCHOLOGIE. 455 

scher Wunder. Ein gewisses Verhängnis trieb mich in einen 
Intellektualismus hinein. Im Grunde lag in der immer wie- 
der versuchten Fhicht ins Geistige etwas Richtiges, aber ich 
beging den Grundfehler, daß ich in einem Sprung ins Geistige 
hineinkommen wollte, während nur ein Weg möglich war: 
vorerst wieder Rückkehr zur erlaubten Sinnlichkeit. Es 
drückte mich allmählich eine ungeheure Last von angefan- 
genen Dingen aller Art, halbgeleöenen Büchern, unvollendeten 
Arbeiten usf. Das Pathologische meines Zustandes kam mir 
nach und nach zum Bewußtsein: Ich sah mich überall aufs 
Formale und Intellektuelle hingedrängt. Was erfaßte ich denn 
bei meiner Lektüre? Grauenhafte Entdeckung! Sprachbilder, 
Wendungen des Ausdrucks, Worte, Klänge, aber den eigent- 
lichen Inhalt an Stimmungen und Strebimgen, an Bildern 
imd Vorstellungen, den tiefen, wertvollen Inhalt erreichte ich 
nur mühsam. Es mußten grauenhafte Zerrbilder sein, die ich 
bei der Lektüre erhielt, denn es fiel alles nach allen Seiten 
auseinander. Es war zum Teil alte Leidenschaft für Sprach- 
formen, zum Teil aber auch eine Art Zwangsmechanismus. 
Also nicht nur sonst verfolgten mich auf Schritt und Tritt 
Zwangsmechanismen, sondern auch, wenn ich mich tief in 
ein Studium versenkt zu haben glaubte, verfolgten mich diese 
Furien. Ich war in der Tat eine geistige Leiche. Wo waren 
Nächstenliebe, gerechter Zorn, Mitleid? Ich hatte sie in den 
Kot geworfen samt der Liebe, die ich mir nicht mehr erlaubte. 
Ich war ja noch freundlich, ich tat niemand ein Leid an, 
aber ich liebte nicht und haßte nicht." 

Wir finden mühelos in den Leitlinien dieser Entwicklung 
die direkte Fortsetzung derjenigen, die sich in den ersten 
Lebensjahren gebildet und festgesetzt hatten. Die Absperrung 
von der Wirklichkeit rückt vor. Die Phantasiewelt soll die 



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456 IX. DAS KINDERSPIEL ALS FBÜH8YMPT0M. 

Wirklichkeit ersetzen. Julius liebt, aber sobald die Liebe ver- 
wirklicht werdea soll, verkriecht sie sich. Dadurch an der 
Weiterentwicklung verhindert, muß die Sexualität nach dem 
bekannten Gesetz der Eegression^) in die Vergangenheit zu- 
rückfallen und infantile Betätigungen wieder aufleben lassen. 
Wir erinnern uns an die Darstellung der entblößten Obst- 
händlerin und an die Entblößungen durch das Dienstmädchen. 
Offenbar stimmt mit jenen Szenen die ganze spätere willkür- 
liche Sexualbetätigung überein. Die übertriebene Scham- 
haftigkeit im Schulbad ist eine deutliche Reaktionswirkung, 
wie ja Prüderie bekanntlich immer einen unreinen Hinter- 
grund hat. Die verhängnisvollen Erlebnisse nach und in dem 
Bade können als vergröberte Neuauflage jener narzißtischen 
Betrachtung in der dramatischen Darstellung der Orientalin 
aufgefaßt werden, die unerlaubten Phantasien, die sich der 
Freundin bemächtigten, repräsentieren die lustbetonte Ver- 
senkung in das nämliche Bild. Kleine Ursachen, große Wir- 
kungen! Jedenfalls tritt die ganze psychische Sexualleistung 
unter die Herrschaft jener Kinderszenen. 

Dazu trug bei, daß die Sexualregungen, die sich bei ge- 
sunder und pädagogisch vorbildlicher Entfaltung mit ästhe- 
tischen und ethischen Erfahrungen zu einem Ganzen ver- 
binden und dabei eine wertvolle Läuterung erfahren, so daß 
das Sexuelle hinter den hohen Gemütserlebnissen mehr oder 
weniger zurücktritt, durch die Flucht vor dem weiblichen 
Geschlecht isoliert wurden. Daher mußten sie, soweit sie 
einmal verwirklicht worden waren, aufgebauscht werden. Nie 
hätte sich der gewissenhafte Knabe imd Jüngling eine Phan- 
tasie herausgenommen, die den Wünschen einer normalen Sinn- 
lichkeit entsprochen hätte, so wenig er sich jemals masturba- 

1) Vgl. mein Buch „Die psychanaly tische Methode", S. 193 — 206. 



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BEITRAG ZUR WISSENSCHAFTSPSYCHOLOGIE. 457 

torisoh an seinem Körper vergriff. Desto krasser wuchsen 
sich, wie wir konstatieren mußten, die infantilen Phanta- 
sien aus. 

Auch das zweite Hauptsymptom (die Menge der körper- 
lichen Stigmata lasse ich als unwichtig beiseite), die Ver- 
ödung des Gemütslebens und Auslieferung des Intellektes an 
öden Formalismus entlarven wir unschwer als Abkömmling 
kindlicher Leistungen. Das Eubrizieren und Systematisieren 
war einst eine Ablenkung von der Realität, sofern sie an das 
Gefühl Ansprüche erheben könnte. Es war ein Surrogat für 
das Wirklichkeitsgefühl, eine Überleitung des Gefühles von der 
Realität auf das eigene Tun, vom Objekt auf das Subjekt, 
nach Bleulers trefflichem Ausdruck ein Autismias^). Die 
Intellektualisierung gelang nur zu gut. Alles Gefühl strömte 
in diese Kanäle, und für das Gemüt blieb nichts übrig. War 
es daher nicht eine wertvolle Reaktion auf dieses gewagte 
Vogel-Strauß-Spielen, daß der sterile Formalismus selbst zur 
Qual werden mußte? Indem der innerlich bedrängte Denker 
der Realität das Gefühl entzog, entzog sie sich ihm in ihren 
wichtigsten Verhältnissen; indem der bedauernswerte Jüng- 
ling seiner eigenen Gefühlsrealität oder Natur Gewalt antat, 
verscherzte er die ganze Natur, auch ihre wertvollsten Güter. 
Eine Einzelheit möge hier noch erwähnt werden: Julius wai* 
mit etwa 16 — 18 Jahren Vegetarianer, sehr gegen den Wunsch 
seiner Eltern. Man findet dieses Symptom ziemlich häufig 
bei Individuen, die ihre Sexualität verdrängen, d. h. als pein- 
lich aus ihrem Gedankenkreis werfen, statt sie zu beherr- 
schen, also bewußt der sittlichen Forderung Untertan zu 
machen 2). Der gute Bursche meinte damit natürlich die 

1) Die psychanaly tische Methode, S. 259 ff. 
*) Dio psychanalvtische Methode, S. 351. 



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458 IX. DAS KINDERSPIEL ALS FRÜHSYMPTOM. 

„Fleischesnatur" und wollte den „Sünden des Fleisches" aus- 
weichen. Was für Werte er sich durch die falsche Direktion 
seiner Lebensenergie raubte, ahnte er freilich nicht. 

Wir hielten uns bisher nur an die Aufzeichnungen, die 
uns vor der heilpädagogischen Behandlung eingehändigt 
wurden. 

Die nachfolgende direkte Analyse bestätigte nur die Deu- 
tungen, zu denen wir uns durch die Untersuchungen des uns 
eingereichten Tagebuches veranlaßt sahen. 

In heilpädagogischer Hinsicht gehört unser Fall zu den 
schwierigeren. Schon nach wenig Traumanalysen war aller- 
dings der Druck auf dem Kopfe, den er nach einem eigenen. 
Ausdruck gleichzeitig erzeugen und abwehren mußte, um über- 
haupt denken zu können, imd der ihm neun Zehntel seiner 
Kraft raubte, verschwunden. Der Schlaf, der bisher entweder 
aktiv herbeigeführt war, dann aber statt behaglicher Ent- 
spannung lästigen Kopfdruck brachte, oder passiv, wobei 
sofort Zuckungen in den Beinen und anderen Automatismen 
aufwachten, aber doch Lustgefühle vorherrschten, wurde 
besser. Die Aufmerksamkeit konnte schärfer konzentriert 
werden, das Gefühlsleben reagierte normal, die Kluft zwischen 
lieben wollen und lieben können wich, die altruistischen und 
religiösen Gefühle feierten ihren Einzug und erzeugten jenen 
Lebensfrühling, dessen Beobachtung zu den schönsten Erleb- 
nissen des Pädanalytikers gehört. Allein selbst nach Mo- 
naten waren noch Hemmimgen vorhanden. Erst nach etwa 
acht Monaten fühlte sich der Jüngling lebensfroh und arbeits- 
fähig. Der Fall ist noch nicht ganz erledigt i). 



^) Die Analyse wurde zu Ende geführt und endete wenige Wochen 
später mit vollkommener Heilung. Seither ist Julius ein glücklicher, 
sehr leistungsfähiger Mann. 



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BEITRAG ZÜB WIÖSENSCHAFTSP8YCH0L0G1E. 459 

War es nicht bedauerlich, daß Julius sich so viele Jahre 
mit seinen Leiden herumschlug, anstatt sich einem kundigen 
Erzieher oder Arzt zu erschließen? In seinen Arbeiten wurde 
er schwer gehemmt, in seinen sozial'ethischen Leistungen be- 
einträchtigt, in seinem Recht auf Lebensglanz verkürzt. Man 
darf freilich nicht übersehen, daß auch der so heroisch ge- 
führte Kampf um die sittliche Reinheit seinen Segen ein- 
trug, denn eicher wäje der Knabe hoher ethischer Werte be- 
raubt worden, wenn er sich von seinen unsauberen Phantasien 
hätte treiben, lassen. Freilich hätte mit demselben Kraft- 
aufwand ein viel erfreulicheres ethisches Ergebnis eintreten 
müssen, wenn die unbewußten Bindungen gefehlt hätten. So 
aber vermehrten die mit 15 — 18 Jahren getriebenen asketi- 
schen Übungen im Sinne des Franklinschen Tagebuches und 
F. W. Försters nur die Not und beschleunigten sozusagen 
die Verkrüppelung. Statt solcher egozentrischen Bemühungen 
hätten Übungen im Sinne der Nächstenliebe eher in Frage 
kommen können; sie hätten wenigstens die Konzentration auf 
das Ich nicht noch verstärkt, wie es jene Askese tat. Allein 
wo einmal die Verdrängung zu weit vorgerückt ist, versagen 
auch solche Mittel. Da muß die analytische Seelenorthopädie 
eintreten, die viel sicherer, gründlicher und leichter als das 
oft so peinliche suggestive Drängen vom Abweg auf die zweck- 
mäßige Bahn zurückführt. 

Möchten doch alle Erzieher endlich einmal einsehen, wie 
unweise und unverantwortlich sie handeln, wenn sie ihren 
Zöglingen «zurufen: „Ein junger Mensch sollte mit seinen 
Konflikten allein fertig werden!" Er „sollte" auch ohne den 
Leibesarzt auskommen! Beinahe ein Jahrzehnt rang Julius 
mit seinen inneren Nöten, bis er die unnötige Pein nicht mehr 
aushielt und sich vom Untergang bedroht sah. So wenig 



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460 IX. DAS KINDERSPIEL ALS FKÜHSYMPTOM. 

man vor Zuziehung des Mediziners im allgemeinen warnen 
soll, obwohl Weichlinge ihn unnötig und darum verwerflicher- 
weise rufen, so wenig soll man die Beanspruchung des seel- 
sorgerlichen Erziehers als fatal hinstellen. Es handelt sich 
ja um Individuen, die sonst schon sich überaus ungern auf- 
schließen. Deshalb sollte man eher Mut zusprechen, als ihre 
Qual vermehren, und nicht außer acht lassen, daß gerade 
solche Erlösimgsbedürftige häufig zu den wertvollsten Men- 
schen gehören. 

Es gelüstet mich, aus unseren Beobachtungen, die wir 
Julius verdanken, einige wissenschaftspsychologi- 
sche Folgerungen abzuleiten. Es ist für den Psychoanalytiker 
keine Frage, daß diese neue Disziplin einmal kommen muß 
und hochwichtige Ergebnisse zeitigen wird, wenn erst ein- 
mal die Seclenkunde über die in Ewigkeit unergründlichen 
Elemente hinausgelajigt sein \md aufgehört haben wird, die- 
jenigen mit Steinen zu bewerfen, die sich an die konkreten 
höheren psychischen Funktionen hinan wagen. Ich möchte 
zeigen, wie nicht nur bei Julius, sondern überall in der Welt- 
geschichte Triebverdrängung die Wissenschaft beeinflußt bis 
hinauf in die Metaphysik. Ich würde gern ausführen, wie 
der des elementaren Trieblebens beraubte Mikrokosmus, das 
der Gefühlsverdrängung ausgesetzte Ich, den Makrokosmus, 
die Welt, ihres Reichtums beraubt. Ich hätte darzustellen, 
wie die Ausschaltung der Elementartriebe und Gemütswerte 
zu einem Intellektualismus führt, welcher der Naturerkenntnis 
im.d Naturbeherrschung wenig nützt, da er sich in Formalismus 
und wirklichkeitsfeindlicher Abstraktion erschöpft. Ich 
könnte zeigen, wie die weltnegierende Philosophie des 
Brahmanismus eine notwendige Folge jener Triebverdrängung 
ist, die auch zur Askese treibt, wie die mittelalterliche Scho- 



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BEITRAG ZUR WISSENSCHAFTSPSYCHOLOGIE. 461 

lastik mit ihrer wertlosen Begriffsakrobatik die notwendige 
Folge des mittelalterlichen Lebensideals ist, das am deut- 
lichsten in den Mönchsgelübden des Zölibats, des Gehorsams 
und der Armut ausgedrückt ist. Ich müßte die Parallele 
zwischen Julius und einem Plato, Jakob Böhme, Spinoza, 
Kant, richte imd anderen im Zeichen der Verdrängung 
stehenden Denkern ziehen. Doch da müßte ich viel Material 
aus anderen psychanalytischen Beobachtungen herbeiziehen 
und würde den hier aufgestellten Rahmen überschreiten. 

Zum Schlüsse weise ich noch auf die Bedeutung hin, 
die bei Julius das Spiel besaß: Es bahnte schon sehr früh 
die verhängnisvolle Entwicklungsrichtung an, die später ins 
Elend trieb. Carr wies darauf hin, daß das Spiel die künf- 
tige Lebensaufgabe vorwegnehme und im Kind vorhandene 
unverbrauchte Kraft betätige. Vortrefflich! Mir scheint 
jedoch, daß der Erzieher nicht nur auf die prophetisch wert- 
vollen, sondern auch auf die bedenklichen Züge des Kinder- 
spieles achten lernen sollte i). Bei der Betonung des Teleo- 
logischen (Zweckmäßigen), das auch den schlimmsten Ver- 
krüppelungen irgendwo zukommt, läuft man (Jefahr, den 
E^ampf gegen die Gefahr zu wenig energisch zu führen, wie 
man bei jener psychoanalytischen Behandlung, die in allen 
neurotischen Grebilden und sonstigen Manifestationen stets 
den wertvollen, geheimen Sinn aufsucht, der fatalen Ver- 
suchung ausgesetzt ist, das Schädliche zu wenig entschieden 
abzustoßen, indem man es für im Grunde zweckmäßig ansieht. 
Ein. guter Pädagoge wird daher die Frage nach dem Ursprung 
der gewählten und erfundenen Spiele sehr ernst nehmen imd, 
sofern sie nicht offenkundigen Sachschaden anstiften, in sie 



1) Vgl. auch: „Die psychanalytische Methode", S. 138, 172, 248. 



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462 K. DAS KINDEBSPIEL ALS FRÜHSYMPTOM. 

erst eingreifen, wenn ihm ihre Motivierung deutlich geworden 
ist. Man hüte sich, einseitig nur nach den Begabungen zu 
fragen, die im Spiele zum Ausdruck kommen, man deute viel- 
mehr die wertvolle Symbolsprache, die einen Zugang in die 
unbewußten Distrikte der Kinderpsyche führt, so versteht man 
auch das bewußte Kinderleben fortan besser. 



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v.:-UUgH^ UNIVERSlirOF MICHIGAN 



Nachtrag und Korrigeodam. 

Seite 6, Zeile 8 yod unten, ist beizufügen: Dupr^ in Paris. 
Seite 86 sollte der Titel lauten: B. Einige allgemeine Begriffe 
und Voraussetzungen. 



C^ f\r\ n 1 i> Orf g in a I f no m 

v.:-UUgH^ UNIVERSlirOF MICHIGAN 



Vom selben Verfasser sind in Einzelausgabe erschienen: 

Analytische Untersuchungen zur Psychologie 
des Hasses und der Versöhnung. 

(Leipzig und Wien, 1910) 

Die Frömmigkeit des Grafen Ludwig v. ZinzendorF. 

Ein psychoanalytischer Beitrag zur Kenntnis der religiösen 

Sublimierungsprozesse und zur Erklärung des Pjetismus 

(Leipzig und Wien, 1910) 

Die psychologische Enträtselung der religiösen 

Glossolalie 
und der automatischen Kryptographie 

(Leipzig und Wien, I912) 

Die psychanalytische Methode 

(Band I des Pädagogiums ) 
(Leipzig, 1913) 

Ins Englische übertragen von Dr med Ch R Payne New Vork 1916, 
ins Französische von Privatdozenten Dr F Morel (unter der Presse) 

Was bietet die Psychanalyse dem Erzieher? 

(Leipzig, 1917) 
Ins Französische übertragen unter Aufsicht von Prof Dr P Bovet (Bern 1920). 

Ein neuer Zugang zum alten Evangeh'um. 

Mitteilungen über analytische Seelsorge an Nervösen, Gemüts- 
leidenden und anderen seelisch Gebundenen. 
(Gütersloh, 1918.) 
Ins Französische übersetzt von H. Malan (Bern 1920) 

Wahrheit und Schönheit in der Psychanalyse. 

(Zürich, 1918.) 

Der psychologische und biologische Untergrund 
expressionistischer Bilder. 

(Bern, 1920.) 



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